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Heidegger: Heideggers Sprache tiefensprachlich untersucht

Aus: Heft 4/2017, S. 58-68

 

Heidegger geht manchmal Umwege, Holzwege oder Feldwege. Immer aber ist sein Denken ein Unterwegssein mit und zur Sprache. Philosophischer Inhalt, sprachliche Darstellungsform und Erkenntnismethode bilden eine Einheit. Wie aber hängen diese zusammen? Bettina Kremberg ist diesem Verhältnis in ihrer Promotionsarbeit

Logik der Tropen. Tiefensprachliche Redemodi im Denkweg Martin Heideggers. 692 S., Ln., € 60.—, 2016, Alber Thesen Band 63, Karl Alber, Freiburg

dadurch nachgegangen, indem sie die Tropen der rhetorischen Rede Heideggers in ihrer tiefensprachlichen Logizität freimachte und als logische Vorstrukturierungen von Denkinhalten exponierte. Eine Ausblendung der tropischen Kontinuität und Dynamik, so ihre These, unterschätzt die Dimensionalität des Denkweges Heideggers in seiner Gesamtheit.

Rhetorik

Seit Platons Abgrenzung der Philosophie und Wissenschaft von bloß rhetorischer Sophistik wird in der Philosophie die Beschäftigung mit figurativer Rede gemieden. Zu Beginn der Neuzeit wurde die Sophistik gar aus dem Kreis der Wissenschaften ausgeschieden. Für Bettina Kremberg beruht dies auf einem Missverständnis dessen, was Rhetorik eigentlich ist, und das beinhaltet, dass die Lehre von den rhetorischen Schlüssen marginalisiert und als bloße Theorie des Redeschmucks missverstanden wurde. Übrig blieb die Kunst der Darstellung, bei der es Überschneidungen mit der Poetik gibt. Kremberg hingegen will Rhetorik in einem umfassenden Verständnis als logos verstanden wissen, als Verbindung von Denken, Sprache und kooperativer Praxisform. Indem diese Dimensionen sprachphilosophisch ausgeleuchtet werden, können Heideggers Anläufe, den Besinnungsraum der immer auch sprachlich-rhetorisch verfassten Metaphysik zu überschreiten, besser verständlich werden. Erst eine tropologische Analyse der Tiefen-strukturen der Dynamik in Heideggers Sprachgebrauch vermag die denkerische Bewegung von Sprache und Vernunft in ihrer praktischen Gegründetheit zu thematisieren. Dabei geht Kremberg davon aus, dass die Struktur der Sprache wesentlich geprägt ist durch und von den praktischen Lebensbewältigungsprozessen, in die Menschen verwickelt sind.

Heidegger macht immer wieder deutlich, dass die Wahl der philosophischen Erkenntnismethode eng mit der Wahl der Darstellungsform zusammenhängt. Er arbeitet etwa in Sein und Zeit appellativ, narrativ, etymologisch ausgreifend und evokativ. Innerhalb seines Denkweges wechselt er sein sprachliches Instrumentarium mehrfach. Sein Programm ist es, das menschliche Dasein in seinen Selbst- und Weltbezügen radikal und phänomenadäquat aus seinen kooperativen Praxisvollzügen und damit aus einer nicht vergegenständlicht gedachten Zeitlichkeit heraus zu verstehen. Dieser Denkungsart trägt Heideggers Darstellungsform im gesamten Denkweg kontinuierlich Rechnung. Im Unterschied zu seinen Schriften bis in den 30er Jahren, in denen Heidegger phänomenologische Analysen und damit situationsinvariante, den Praxisvollzügen enthobene Darstellungsformen bevorzugte, werden die späteren Texte, die der Rück-kehr zur „seinsgeschichtlichen Dimension" seines Denkens gewidmet sind, zunehmend verdichteter und poetischer. Sie enthalten weniger daseinsanalytische als welterschließende Kraft.

Die Funktion der Tropen

Ein zentrales Untersuchungsobjekt Krem-bergs sind die Tropen. Ein Tropus ist eine semantische Figur und bezeichnet die Ersetzung eines Ausdrucks durch einen anderen, der allerdings nicht synonym ist, also einem anderen Bedeutungsfeld zugehörig ist. Tropen sind also Wörter oder Wendungen, die nicht im eigentlichen, sondern in einem übertragenen, bildlichen Sinne gebraucht werden, etwa „Blüte" für „Jugend" und „Abend" für „Alter". Dazu gehört aber auch der „Allmächtige" als Definition für „Gott". Tropen sind semantische Figuren, weil sie auf neue Bedeutungsfelder verweisen. Tropen sind damit deviante, also abweichende Redemodi, und Kremberg sieht darin den Grund, warum sich die Philosophie von ihnen abgewandt hat. Die höchste poetische Reputation unter den poetischen Figuren genießt die Metapher. Auch sie gehört zu den Tropen (den Sprungtropen). Für viele Tropentheorien stellt sie das Paradebeispiel dar und wird oft als der Oberbegriff über alle rhetorischen und tropischen Figuren verwendet. Wie die Metapher gilt auch die Ironie als Sprungtropus. Tropen können etwa die Rezeption eines Buches lenken und leiten. Titel wie Herbst des Mittelalters oder Die fröhliche Wissenschaft erzeugen aufgrund der durch die Metaphorik evozierten rezeptionellen Grundstimmung vorab einen bestimmten konzeptionellen Rahmen. Mit ihrer starken Vororganisationsfunktion präfigurieren Tropen sprachliche Inhalte. Sie können Praxis- und Kooperationsformen in ein neues Licht setzen und aufgrund ihrer Wandlungsfähigkeit alternative Haltungen stiften. Mit der Beherrschung tropischer Rede wird eine praktische Kompetenz erworben, die es ermöglicht, auf bestimmte Weise mit bestimmten Phänomenen umzugehen, was heißt, einen Perspektiv- oder Orientierungswechsel im spielerischen Vollzug einzuüben.

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