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01 2018

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Holm Tetens:
Zur Erkenntnistheorie des religiösen Gottesglaubens

 aus: Heft 1/2018, S. 8-16

Ein Zitat: „… zugestanden, dass das reine moralische Gesetz jedermann […] unnachlaßlich verbinde, darf der Rechtschaffene wohl sagen: ich will, dass ein Gott […] sei, ich beharre darauf und lasse mir diesen Glauben nicht nehmen.“ Nur etwas anders gesagt: Eine Person, insofern sie sich zu Recht als vernünftige moralische Person versteht, darf sagen: „Ich will und beharre darauf, dass Gott existiert, und ich lasse mir diesen Glauben nicht nehmen“. Das Zitat stammt von Immanuel Kant.
 
Und jetzt gleich noch ein zweites Zitat: „Der Gedanke, dass die Beziehung zwischen Geist und Welt etwas Grundlegendes sei, macht viele Menschen unseres Zeitalters nervös. Nach meiner Überzeugung ist das die Äußerung einer Religionsangst […]. Dabei rede ich aus Erfahrung, denn ich selbst bin dieser Angst in hohem Maße ausgesetzt: Ich will, dass der Atheismus wahr ist, und es bereitet mir Unbehagen, dass einige der intelligentesten und am besten unterrichteten Menschen, die ich kenne, im religiösen Sinne gläubig sind. Es ist nicht nur so, dass ich nicht an Gott glaube und natürlich hoffe, mit meiner Ansicht recht zu behalten, sondern eigentlich geht es um meine Hoffnung, es möge keinen Gott geben! Ich will, dass es keinen Gott gibt; ich will nicht, dass das Universum so beschaffen ist.“ Es ist Thomas Nagel, der hier so wunderbar spiegelverkehrt zum Kant-Zitat redet.
 
„Ich bin Atheist. Ich will nicht, dass Gott existiert, und ich lasse mir meine hoffnungsfrohe Erwartung, dass Gott nicht existiert, auch nicht nehmen.“ „Ich bin Theist. Ich will, dass Gott existiert, und ich lasse mir meinen Glauben auch nicht nehmen, dass er existiert.“
Es hat ganz und gar den Anschein, dass Kant und Nagel gemeinsam soeben die Tore zum Supermarkt der Weltanschauungen aufgestoßen haben. Wie können sich Kant und Nagel, die beide die Fahne der Vernunft so hochhalten, zu Äußerungen hinreißen lassen, die erst einmal einigermaßen unvernünftig klingen. Diese Äußerungen sind allerdings keine spontanen mündlichen Reaktionen, wo mit einem schon mal die Gäule durchgehen, nein, die beiden Autoren äußern sich wohlüberlegt in Texten, der eine in der Kritik der praktischen Vernunft, ja nicht irgendein Buch der Philosophiegeschichte, der andere in einem Buch mit dem Titel Das letzte Wort.
 
Doch wie fragwürdig und unvernünftig sind diese Äußerungen wirklich? Bergen beide Zitate auf ihre Weise vielleicht eine tiefe Einsicht in den Status des Gottesgedankens und des Gottesglaubens? Religiösen Gottesglauben, wie immer er im Einzelnen charakterisiert werden mag, verstehe ich jedenfalls so, dass er auf bestimmte Inhalte vertraut und hofft, für die der religiös Glaubende auch einen Wahrheits-, einen Geltungsanspruch erhebt. Und damit hat der religiöse Gottesglauben auf jeden Fall auch eine epistemisch-kognitive Seite. Nur diese epistemisch-kognitive Seite wird uns im Folgenden beschäftigen. Dazu möchte ich eine Leitthese verteidigen: Vom erkenntnistheoretischen Standpunkt dürfen wir den Theismus mindestens genauso ernst nehmen wie den Naturalismus, den heute jedermann ernst nimmt, denn beide haben erst einmal den gleichen erkenntnistheoretischen Status. Ich entwickle diese Leitthese in vier Thesen.
 
Die erste These
 
These I: Der Gottesglaube hat wie der atheistische Naturalismus (und auch alle anderen denkbaren metaphysischen Optionen) den Status einer transzendentalen Rahmenannahme, die es uns ermöglichen soll, in ihrem Lichte die Welt und unsere Stellung in der Welt auf eine bestimmte Weise zu sehen und zu verstehen.
 
Im Alltag wie auch im Forschungsalltag der Wissenschaften gehen wir wie selbstverständlich und völlig selbstvergessen davon aus, dass wir die Welt so erkennen, wie sie an und für sich ist. Dabei glauben wir die Welt durch zwei miteinander verschränkte und an einander gekoppelte geistige Tätigkeiten zu erkennen, durch Wahrnehmungen einerseits und durch mehr oder weniger raffinierte theoretische Prinzipien angeleitete logisch-begriffliche Schlussfolgerungen aus den Wahrnehmungen andererseits. In dem Augenblick freilich, wo wir nicht mehr vergessen, sondern in unser waches Selbstbewusstsein heben, dass ja wir es sind, die die Welt objektiv zu erkennen glauben, ist jeder naive Objektivitätsanspruch für unsere Überzeugungen von der Welt unwiderruflich zunichtegemacht. Wie wir es auch drehen und wenden, wir können nicht mehr davon absehen, dass wir der Welt stets nur begegnen über die Inhalte unserer Wahrnehmungen und unserer theoretischen Schlussfolgerungen. Doch aus unseren subjektiven Wahrnehmungen und theoretischen Schlussfolgerungen können wir niemals aussteigen und einen Standpunkt einnehmen, von dem aus wir die Inhalte unserer Wahrnehmungen und unserer Gedanken vergleichen könnten mit der Welt, wie sie an und für sich ist.
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