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01 2018

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Jekaterina Markow:
Migration als Thema der Philosophie

aus: Heft 1/2018, S. 18-27
 
Spätestens der „lange Sommer der Migration“ im Jahr 2015, in dem die europäischen Außengrenzen in einem bisher unerhörten Maß von Migrant(inn)en überschritten wurden, hat den Themen Flucht und Migration im öffentlichen Diskurs zu einer neuen Konjunktur verholfen. Über deutsche bzw. europäische Politik und Gesellschaft zu reden heißt mehr als in den Jahren zuvor, auch über deutsche und europäische Migrations- und Grenzpolitik zu reden. Die politische Frage, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen, verlangt deutlicher als zuvor auch zu klären, wie sich diese Gesellschaft zur sozialen Tatsache der Migration verhalten soll.
 
Der gewachsenen öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema Migration korrespondiert seit einigen Jahren auch ein gestiegenes Interesse der akademischen Philosophie. Dies gilt sowohl für die internationale, als auch für die deutsche Philosophie, um deren Auseinandersetzung mit Migration es in diesem Artikel schwerpunktmäßig gehen soll. Migration ist dabei vom Rand ins Zentrum der Philosophie gerückt: Mit der Gesellschaftstheorie, Demokratietheorie, Gerechtigkeitstheorie und Moralphilosophie nehmen sich nun Teilbereiche des Themas an, die es vorher nur marginal behandelten.
 
Es lassen sich dabei zwei dominante Strömungen identifizieren. Auf der einen Seite finden sich Ansätze, die Migration als philosophisch-praktisches Problem definieren und versuchen, Regeln für den politisch-praktischen Umgang mit Migration zu bestimmen. Diese Ansätze verstehen Migration als ein regelungsbedürftiges Phänomen, das Individuen ebenso wie soziale Zusammenhänge vor politische und moralische Herausforderungen stellt. Sie werden darum auch normative, d. h. auf Normen bezogene Ansätze der Philosophie der Migration genannt. Eine alternative Bezeichnung ist Migrationsethik. Typische migrationsethische Fragestellungen sind: Sollten Grenzen offen sein? oder Was schulden wir Flüchtlingen? Die Begriffe Moral, Recht, Gerechtigkeit und Legitimität spielen in der Behandlung dieser Fragen eine wichtige Rolle.
 
Auf der anderen Seite finden sich Ansätze, die Migration vor allem als Erkenntnisproblem behandeln und danach fragen, was Migration eigentlich ist. Sie versuchen zu klären, welche nicht explizierten, möglicherweise kritikwürdigen Vorannahmen etwa über das Verhältnis von Nationalstaat und Migration, Migrant(in-n)en und Bürger(inne)n in die vermeintlich neutrale Diagnose von „Migrationsphänomenen“ eingehen. Das Forschungsinteresse gilt hier der Entwicklung neuer Perspektiven auf Migration, die etablierte Darstellungen aufbrechen. Ansätze dieser Art seien darum im Folgenden als kritisch bezeichnet. In ihrem Vokabular sind Begriffe wie Macht, Wechselwirkung, Identität und Politik prominent vertreten.
 
Diese Strömungen bestehen derzeit weitgehend unabhängig voneinander. Während die erste innerhalb der akademischen Philosophie dominiert, hat die zweite ihren Ort gar nicht eigentlich in der Philosophie, sondern wird in diese allenfalls gelegentlich aus den Sozialwissenschaften importiert. In diesem Artikel sollen beide vorgestellt und ihr Verhältnis genauer bestimmt werden.
 
Indem diese Übersicht auch Publikationen aus anderen Disziplinen berücksichtigt, will sie auf Beiträge aufmerksam machen, die zwar jenseits der Grenzen der akademischen Philosophie liegen, sich für diese aber als relevant erweisen könnten (ähnlich [7]). Als „philosophisch“ in diesem weiteren Sinne gelten im Folgenden Beiträge, die reflexiv nach unserem (gesollten) Verhältnis zur Migration fragen.
Zu betonen ist außerdem, dass dieser Artikel auf den deutschen philosophischen Migrationsdiskurs fokussiert und internationale Beiträge nur dann berücksichtigt, wenn diese einen Einfluss auf die deutsche Diskussion hatten. Damit wiederholt er Einseitigkeiten, die den deutschen Diskurs prägen, insbesondere dessen weitgehende Nicht-Beachtung von Beiträgen aus dem globalen Süden. Gerade bei einem Thema, dessen globale Relevanz so offensichtlich ist, wäre freilich auch eine stärker global geführte philosophische Auseinandersetzung wünschenswert. Aus pragmatischen Gründen beschränkt sich dieser Artikel aber darauf, auf dieses Desiderat hinzuweisen.
 
Philosophische Diskurse um Migration
 
Normativer Migrationsdiskurs: Migration und Recht(e)
 
Innerhalb der Fachphilosophie dominiert gegenwärtig der normative Ansatz. Dieser fragt danach, wie Migration normativ zu gestalten sei; nach welchen Regeln also Migrant(inn)en und andere von Migration betroffene Parteien gerechterweise oder vernünftigerweise zu behandeln seien. Dabei wird Migration mit Prozessen der Immigration bzw. Emigration, d. h. der Ein-/Auswanderung von Individuen in bzw. aus Nationalstaaten identifiziert. Andere Phänomene wie beispielsweise Transitmigration (Migration von einem Staat in einen anderen durch einen oder mehrere dritte) oder zirkuläre bzw. saisonale Arbeitsmigration werden dagegen kaum behandelt. Der Anlass der (Im)Migration wird in der Debatte dabei oft als ausschlaggebend für die Art der Behandlung angesehen: unterschiedlich motivierte Typen von Migration (z. B. Flucht, Arbeits- und Bildungsmigration) sind danach auch unterschiedlich zu behandeln. Das Hauptinteresse gilt Fällen der sogenannten unfreiwilligen, z. B. durch Verfolgung oder ökonomische Not erzwungenen Migration.
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