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01 2018

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Martha C. Nussbaum - dargestellt von Manuel Knoll

aus: Heft 1/2018. S. 28-37
 
Spätestens seit den 2000er Jahren gilt die 1947 geborene Martha Craven Nussbaum als die prominenteste Philosophin der USA. Berühmtheit erlangte sie nicht bloß als Fachphilosophin, sondern auch als Public Intellectual, die die öffentlichen Debatten der Vereinigten Staaten mitprägte. Die große Anerkennung, die Nussbaum global zuteil wurde, wird durch über 50 honorary degrees von internationalen Colleges und Universitäten sowie eine Vielzahl an weltweiten Auszeichnungen und Akademiemitgliedschaften dokumentiert. Mit über 20 Büchern und über 20 Herausgeberschaften gehört Nussbaum zu den weltweit produktivsten Denkern und Denkerinnen. Zudem zeichnet sie sich durch eine enorme Vielfalt an Themen und Gebieten aus, die von der antiken Philosophie über die Ethik und politische Philosophie bis zum Feminismus und der Philosophie der Emotionen reichen. Zudem veröffentlichte sie Bücher über Themen wie eine umfassende geisteswissenschaftliche Bildung (liberal education), religiöse Gleichheit, die neue religiöse Intoleranz und das Verhältnis von Moralphilosophie und Literatur.
 
Biographie
 
Nussbaum wuchs an der Ostküste in Pennsylvania in Bryn Mawr auf, einem wohlhabenden Vorort von Philadelphia. Ihr Vater war erfolgreicher Partner in einer Rechtsanwaltskanzlei, die Mutter arbeitete als Innenarchitektin, bevor sie ihren Beruf für die Familienarbeit aufgab. Bereits als Schülerin faszinierten Nussbaum das Theater und insbesondere Tragödien. Nach zwei Jahren im Wellesley College schloss sie sich einer Theatergruppe an und schrieb sich an der drama school der New York University (NYU) ein. Allerdings wechselte sie bald zur Klassischen Philologie, in der sie 1969 ihren BA-Abschluss an der NYU machte. Nach dem BA wurde sie in Harvard angenommen und kozentrierte sich im Rahmen der Klassischen Philologie bald auf die Philosophie. 1972 erwarb sie ihren MA und 1975 ihr PhD. Sie war die erste Frau in Harvard, die ein Junior Fellowship erhielt, das Studenten die Finanzierung für 3 Jahre sichert. Jedoch brachte Nussbaum bereits als Studentin vor, in Harvard diskriminiert und sexuell belästigt worden zu sein.
 
Während ihres Studiums heiratete Martha Craven Alan Nussbaum, den späteren Professor für Linguistik und Philologie und Vater ihrer 1972 geborenen Tochter Rachel. Wegen der Heirat konvertierte sie vom Christentum zum Judentum, für das sie bis heute großes und kontinuierliches Interesse zeigt. Ihren jüdischen Glauben und ihr Engagement für ihn versteht sie als wichtigen Teil ihres Lebens und ihrer Suche nach Sinn. Seit 1975 konnte Nussbaum in Harvard zugleich Klassische Philologie und Philosophie unterrichten. 1982 wurde ihr vom Department für Klassische Philologie jedoch eine Festanstellung (tenure) verweigert. Nussbaum fand zwei Jahre später eine Stelle an der liberalen Brown Universität, an der sie unterrichtete, bis sie 1995 an der Universität Chicago die Professur für Rechtswissenschaft und Ethik erhielt, die sie noch heute innehat.
 
Bekannt wurde Nussbaum durch ihr 1986 erschienenes Buch The Fragility of Goodness. Im selben Jahr lud sie der indische Ökonom und spätere Nobelpreisträger Amartya Sen ein, mit ihm am World Institute for Development Economics Research (WIDER) als re-search advisor zu arbeiten. Das Institut, an dem Sen research director war, gehört zur Universität der UNO in Helsinki. Zu dieser Zeit war Nussbaum bereits in einer Beziehung mit Sen, und ein Jahr später, 1987, ließ sie sich von Alan Nussbaum scheiden. Neben ihrer Lehrtätigkeit in Brown arbeitete sie jedes Jahr einen Monat am WIDER. 1988 veran-staltete sie dort mit Sen eine Tagung, zu der sowohl Wirtschaftswissenschaftler als auch namhafte Philosophen wie Hilary Putnam, Charles Taylor und Michael Walzer beitrugen. Die Beiträge erschienen 1993 in einem gemeinsam herausgegebenen Band mit dem Titel The Quality of Life. Die Phase am WIDER, in der Nussbaum viel über Entwicklungsländer und ihre Probleme lernen konnte, dauerte bis 1993 an und war für ihre intellektuelle Entwicklung sehr bedeutsam. So konnte sie ihre ethischen Interessen durch ökonomische und politische Fragestellungen ergänzen. Zudem weitete sich ihre Perspektive – auch diejenige ihrer feministischen Anliegen – zu einer internationalen und globalen aus. Ihre philosophische Weiterentwicklung des von Sen seit 1980 konzipierten Fähigkeiten-Ansatzes, den sie mit Aristoteles abzustützen versuchte, trug stark zu ihrem späteren Ruhm bei.
 
Bis in die frühen 1990er Jahre grenzte sich Nussbaum von Rawls, dessen Lehrveranstaltungen sie in Harvard besucht hatte, und vom politischen Liberalismus explizit ab. Seit den späten 90er Jahren änderte sie ihre Meinung und versteht sich mittlerweile als politische Liberalistin, die darauf hofft, dass ihr Fähigkeiten-Ansatz (capabilities approach) die Grundlage für einen „übergreifenden Konsens“ werden kann.
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