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02 2018

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Wilhelm Schmid:
Was Philosophie auch kann. Ein Plädoyer für eine Öffnung der Philosophie

aus: Heft 2/2018, S. 8-13
 
Was Menschen brauchen und die Philosophie ihnen geben kann, ist Besinnung. Das ist die „geistige Nahrung“, die der Philosophie zugeschrieben wird: Gedankliche Anregungen für die tiefgründigere Beschäftigung mit Lebensfragen bieten zu können, damit ein überlegteres Leben und Arbeiten möglich wird, nicht nur im privaten Leben, sondern in allen Lebensbereichen. Die philosophische Lebenshilfe dient nicht einer ohnehin vergeblichen Perfektionierung, sondern einem besseren Verständnis des Lebens um einer bewussten Lebensführung, einer Lebenskunst willen.
 
Die Philosophie kann bestehende Bedingungen analysieren und Menschen auf Ideen bringen, indem sie Möglichkeiten des Lebens aufzeigt. Über das Einzelne hinaus kann sie das Allgemeine erschließen, das den Sinn des Einzelnen besser erkennen lässt. Sie kann trösten, indem sie den Blick weitet und damit einem starken Bedürfnis entgegenkommt, das nicht wenige Menschen in einer verengten Lebenssituation entwickeln. Ein kraftvolles Motiv für das Leben und Arbeiten, das Zusammenleben und Zusammenarbeiten ist der erweiterte Blick, der in der besonderen Situation des Lebens, der Institution, des Unternehmens, der Gesellschaft leicht verlorengehen kann. Die Philosophie ist dabei behilflich, die eigene Rolle im größeren Rahmen wieder zu sehen und die Gemeinsamkeit mit Anderen zu suchen, die aus vereinzelten Tätigkeiten und Fertigkeiten ein organisches, menschlich reiches, immerzu wechselwirkendes Werk macht.
 
Das eigene Leben wird als Bestandteil einer Welt wahrnehmbar, die umfassender ist als die unmittelbare Realität, vermutlich auch umfassender als alle Realität, die Menschen zu erkennen vermögen. Mit universeller Besinnung gelingt es, möglichst viele Zusammenhänge in den Blick zu bekommen, ganz im Sinne von Platons „Blick über alle Zeit und alles Sein“ (Politeia, 486a). Die Philosophie ist die Verknüpfungswissenschaft, die alle Bereiche des menschlichen Lebens und des Wissens darüber in ihrem Zusammenwirken sieht. Das aktuell verfügbare Wissen der verschiedensten Wissensdisziplinen lässt sich dafür heranziehen, ohne den momentanen Wissensstand mit der Gesamtheit des möglichen Wissens zu verwechseln. Seit jeher haben Philosophen sich als Generalisten des Wissens verstanden, wer sonst könnte die Kleinteiligkeit des Einzelwissens wieder in größere Zusammenhänge eingliedern und das verfügbare Wissen für ein besseres Verständnis des Lebens und Arbeitens nutzbar machen?
 
Ob die Philosophie dort hilfreich sein kann, wo das Leben schwierig wird, ging mir im Vorfeld der Arbeit als philosophischer Seelsorger durch den Kopf. Die Erfahrung erbrachte die Antwort, dass die Philosophie weit mehr kann, als sie selbst es sich zutraut. Sie kann eine Hilfe fürs Leben aufgrund ihres Spiels mit Gedanken und ihrer Arbeit an Begriffen sein. Die Philosophen wissen oftmals von den praktischen Möglichkeiten des Denkens zu wenig, weil sie die Hochhäuser der Theoriebildung zu selten verlassen, um sich in die Niederungen der Praxis vorzuwagen. In der Praxis sind Erfahrungen zu machen, aus denen viel zu lernen ist, wenn Nachdenklichkeit auf sie folgt. Die Schlüsse, die im Denken gezogen werden, können die Praxis verändern. Umgekehrt kann die Praxis das Denken verändern, wenn klar wird, dass das, was in der Theorie richtig ist, in der Praxis nichts taugt. Auf diese Weise können eine gut durchdachte Praxis und eine erfahrungsgesättigte Philosophie zustande kommen.
 
Jeder Philosoph sollte selbst in einem Spezialgebiet des Wissens verankert sein, um die Wissensarbeit aus eigener Erfahrung zu kennen, aber er sollte auch darüber hinausblicken können, um so weit wie möglich anderes Wissen kennenzulernen und zugleich die Fragwürdigkeit allen Wissens und die unbestimmbare Größe des Nichtwissens im Blick zu behalten. Auf diese Weise kann er seinem Begriff gerecht werden, ein Freund (philos) der Weisheit (sophia) zu sein – ohne dies mit dem Besitz von Weisheit zu verwechseln, denn Freundschaft kann kein Besitz von etwas oder jemandem sein. Wenn Andere ihm Weisheit zusprechen, sollte er es besser wissen: Wirklich weise ist nur, wer sich um Weisheit bemüht. Wer glaubt, sie gefunden zu haben, fällt von selbst in den Zustand der Unweisheit zurück.
 
Auf diese Weise nehmen Philosophen an der Wissensarbeit teil, die Dinge und Verhältnisse klarer zu machen versucht und Zusammenhänge klärt, soweit dies möglich ist, traditionell Aufklärung genannt. Es erscheint sinnvoll, sich zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht nur an die bereits Aufgeklärten zu wenden, die sich in ihrer Aufgeklärtheit wechselseitig bestätigen, sondern auch an diejenigen, die der Aufklärung bedürfen und nach ihr fragen, um sie zur Grundlage einer bewussten Lebensführung machen zu können. Das wirkt sich auf die Sprache der Philosophie aus, die nicht verunklaren, sondern klar verständlich sein sollte. Es kann sich nicht um Aufklärung handeln, wenn zum Verständnis komplizierter Ausführungen vorweg der Besuch von Universitätsseminaren erforderlich ist. Gerade dann, wenn Zusammenhänge komplex sind, erfordern sie ein Begreifen, das sie greifbar und damit handhabbar macht, dazu dienen vertretbare Vereinfachungen. Eine rhetorische Schulung könnte nützlich sein, um zumindest bei außeruniversitären Auftritten eine größere Verständlichkeit zu erreichen.
 
War die Philosophie in moderner Zeit eine weitgehend theoretische Angelegenheit, sollte eine veränderte Philosophie in einer anderen Moderne Menschen mehr als bisher helfen können, sich in jedem Sinne auf sich und Andere, auf das Leben und die Welt zu besinnen, um sich zu orientieren und das Leben besser zu verstehen, um es bewusster führen zu können. Die Verbindung von theoretischer und praktischer Arbeit könnte in Institutionen und Unternehmen, in Städten und Gemeinden auf ähnliche Weise, wie die Aufklärungsarbeit von Philosophen einst die Heraufkunft der Moderne befördert hat, zum Entstehen einer sozial und ökologisch veränderten Moderne in der Gesellschaft und Weltgesellschaft beitragen. Der Rückzug der Philosophie auf sich selbst, wie er vor allem im westlichen Kulturraum über Jahrzehnte hinweg gepflegt worden ist, könnte auf diese Weise wieder korrigiert werden.
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