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02 2018

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Birgit Recki:
Mensch und Technik. Eine Bestandsaufnahme in der Philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts

aus: Heft 2/2018, S. 14-25

Philosophische Anthropologie
 
In der Philosophie des 20. Jahrhunderts, und zwar gerade in der deutschen Philosophie gibt es eine auffällige (auch signifikante) Konstellation von lauter großen Entwürfen zur Bestimmung des Menschen. Von großen Entwürfen darf man hier in dem Sinne sprechen, dass bei diesen Philosophen der Anspruch erhoben ist, mit der Bestimmung des Menschen, mit der philosophischen Anthropologie nicht nur eine weitere philosophische Disziplin neben anderen zu eröffnen oder zu verstärken – sondern prima philosophia zu betreiben: diejenige philosophische Fragestellung zu verfolgen, welcher der Geltungsanspruch auf die Grundlegung alles übrigen zugesprochen werden dürfe. Einigen Interpreten und Ideenhistorikern in der Philosophie erscheint dieses programmatische Selbstverständnis nicht allein so gut nachvollziehbar, sondern auch der darin artikulierte Anspruch in den Theorien so überzeugend durchgeführt, dass sie vorgeschlagen haben, für diese Formation in der Philosophie des 20. Jahrhunderts die Disziplinbezeichnung groß zu schreiben: Philosophische Anthropologie.
 
Die Anthropologie des 20. Jahrhunderts scheint damit zu beginnen, dass Max Scheler in seiner dichten Programmskizze Die Stellung des Menschen im Kosmos 1928 von der „Sonderstellung des Menschen“ spricht. Dieser von ihm geprägte Ausdruck wird bei so gut wie allen Autoren, die sich in derselben und der folgenden Zeit mit Philosophischen Anthropologien zu Wort melden, mindestens im affirmativen Zitat, öfter aber in der umstandslosen Übernahme wieder begegnen, und dabei kann dieser Fall von terminologischem Konsens geradezu als Paradebeispiel für die Einsicht dienen, dass der Gebrauch desselben Ausdrucks bei mehreren Autoren noch nichts dafür besagt, dass sie auch den-selben Begriff und Gedanken damit verbinden.
 
Max Scheler
 
Max Scheler vertritt einen Ansatz, den sein früher Kritiker Joachim Ritter 1933 eine „objektiv metaphysische Anthropologie“ genannt hat. Das soll heißen: Er bestimmt den Menschen objektiv aus seiner evolutionsbiologisch gefassten Stellung im Kosmos, und er legt dabei zugleich Wert auf die Feststellung, dass sich das Wesen des Menschen nicht biologisch bestimmen lässt, sondern nur metaphysisch. Die These, die im Begriff der Sonderstellung im Kosmos impliziert ist, lautet: Der Mensch ist „Mikrokosmos“. Scheler verbindet die Vorstellung, dass der Mensch die Bestimmungen aller anderen Wesen in der Natur zwar in sich enthalte, mit der These, dass diese Bestimmungen sich im Menschen aber zu einer einheitlichen Gestalt fügen, mit der etwas völlig Inkommensurables in die Welt komme. Er entwirft einen umfassenden Prospekt, indem er ein Schichtenmodell des Kosmos (manche Interpreten nennen dies auch ein Sphärenmodell) aufbaut, demzufolge sich das Leben in Stufen entwickelt und sich immer die nächsthöhere Stufe der Entwicklung des Lebens durch eine neue organisierende Leistung gegenüber der vorherigen auszeichnet.
 
Er differenziert die verschiedenen Stufen der Entwicklung nach dem Antriebs- und Organisationsprinzip, dem der gesamte Organismus gehorcht. So unterscheidet er von dem bewusstlosen, empfindungs- und vorstellungslosen „Gefühlsdrang“, mit dem bereits die Pflanzen ausgestattet seien (1), zunächst den „Instinkt“ als angeborene Disposition zur Lösung von Gattungsproblemen bei den Tieren (2), weiter das „assoziative Gedächtnis“ bei höheren, langfristig lernfähigen Tierarten, die aufgrund dieser kognitiven Ausstattung auch Gewohnheiten ausbilden können (3), schließlich die „praktische Intelligenz“ (4), jenes auf das Erreichen eines Triebzieles bezogene „sinngemäße[s] Verhalten neuen, weder art- noch individualtypischen Situationen gegenüber […]“. Diese Stufen der psychischen Entwicklung: Gefühlsdrang – Instinkt – assoziatives Gedächtnis – praktische Intelligenz sind Stufen der Steigerung von Differenzierung und Komplexität in Leistungen.
 
Es besteht kein Wesensunterschied zwischen Tier und Mensch, sofern man nur diese vier Entwicklungsstufen berücksichtigt. Das Wesen des Menschen aber ist laut Scheler nur von einem anderen Standpunkt aus zu bestimmen, dem metaphysischen Standpunkt, durch den ein Bruch mit der biologischen Perspektive erforderlich ist. Der Mensch ist wesentlich Geist. Indem er mit Geist begabt ist, macht er dadurch, dass bei ihm quasi schlagartig ein neues Prinzip hinzutritt, ein „allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip“ – einen „Sprung“. Der Geist ist der Inbegriff der Fähigkeit zu denken, zugleich aber auch „einer bestimmten Klasse volitiver und emotionaler Akte wie Güte, Liebe, Reue, Ehrfurcht, geistige Verwunderung, Seligkeit und Verzweiflung“ und umfasst dabei zugleich die freie Entscheidung. Die genannten geistigen Leistungen entbinden den Menschen von seiner gleichwohl bestehenden organischen Verfassung wie auch von seiner Umwelt, sie lassen ihn darüber erhaben sein; sie machen ihn zu einem weltoffenen Wesen. „Ein solches Wesen hat Welt“, sagt Scheler – während die anderen Lebewesen in ihre Umwelt eingebunden sind – und auch diese Entgegensetzung von Umwelt und Welt soll sich als eines der terminologisch einheitlichen Motive der Philosophischen Anthropologie durchhalten.
 
Was den Menschen derart auszeichnet, fasst Scheler im Begriff der Person zusammen. „Der Mensch allein – sofern er Person ist – vermag sich über sich – als Lebewesen – emporzuschwingen […] Das Zentrum aber, von dem aus der Mensch die Akte vollzieht, durch welche er seinen Leib und seine Psyche vergegenständlicht […] kann nur im obersten Seinsgrunde selbst gelegen sein.“ Wir sehen hier: Die behauptete Sonderstellung des Menschen im Kosmos wird in letzter Instanz nur verständlich durch seine Partizipation am Göttlichen. Die Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Menschen liegt zuletzt im Begriff des obersten Seinsgrundes unter Behauptung einer Transzendenz, die nur noch theologisch zu fassen ist. Als Person ist der Mensch ein Ebenbild Gottes. Anthropologie konvergiert mit Theologie.
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