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STICHWORT

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Weyma Lübbe:
Abwägen. Warnung vor einer Metapher der normativen Urteilsbildung

aus: Heft 2/2018, S.26-37
 
Eine tote Metapher?
 
Vom Abwägen einer Mehrheit von Bewertungsaspekten ist bei praktischem Überlegen in normativer Absicht häufig die Rede – im Alltag, besonders auch im politischen Alltag, ebenso wie in den Wissenschaften, die solches Überlegen beschreiben, analysieren und kritisch reflektieren. Was da abgewogen wird, kann Verschiedenes sein – Interessen zum Beispiel, Werte, Rechte, Kriterien, Prinzipien, Gründe, Argumente oder auch ganz allgemein Gesichtspunkte. Im Alltag bezeichnet die Rede vom Abwägen manchmal einfach einen Prozess des Bedenkens oder Überlegens, des Erwägens also. Beim bloßen Erwägen steht nicht einmal fest, dass sämtliche am Anfang einbezogenen Gesichtspunkte auch am Ende des Überlegungsprozesses noch für relevant gehalten werden. Typisch für diese unspezifische Verwendung sind etwa Äußerungen der Art, dass bei gesundheitspolitischen Entscheidungen ökonomische und rechtliche Aspekte abgewogen werden sollten. Eine solche Redeweise ist grundsätzlich kompatibel mit der Tatsache, dass es gesundheitspolitische Entscheidungskontexte gibt, in denen der rechtliche Aspekt bestimmt, dass auf den ökonomischen Aspekt keine Rücksicht genommen werden darf. So lassen es zum Beispiel die rechtlichen Vorgaben für die Vergabe von Organtransplantaten nicht zu, die Position der Patienten auf einer Warteliste auch von den mit ihrer Erkrankung verbundenen Produktivitätsverlusten abhängig zu machen – also etwa erwerbstätige Personen Rentnern oder Arbeitslosen unter sonst gleichen Umständen vorzuziehen. Der juristische und der ökonomische Aspekt widersprechen einander dann. Man kann nur dem einen oder dem anderen Rechnung tragen.
 
Wird die Rede vom Abwägen in diesem breiten Sinne des bloßen gedanklichen Sortierens eines ungeordneten Haufens von Aspekten verwendet, handelt es sich um eine tote Metapher: Das Bild der Waage, das im Hintergrund steht, präjudiziert nicht mehr, ob und, falls ja, wie die Elemente des Haufens die Bewertung der Entscheidungsoptionen beeinflussen. Derart unspezifisch ist der Verweis auf miteinander abzuwägende Bewertungsgesichtspunkte aber meistens nicht gemeint. Dass die Metapher noch lebt, erkennt man gelegentlich daran, dass im Austausch oder im Zusammenhang mit der Rede vom Abwägen auch von der Gewichtung der Aspekte gesprochen wird. Dieser Ausdruck bezeichnet auch bei loser Redeweise nicht beliebige Formen des gedanklichen Sortierens von Gesichtspunkten. Er bezeichnet eine spezielle Art ihrer Verknüpfung. Die Annahme, eine Mehrheit von Bewertungsgesichtspunkten sei in dieser Weise zu verknüpfen, ist anspruchsvoll. Unter anderem setzt sie voraus, dass die Gesichtspunkte einander nicht widersprechen. In den meisten politischen Entscheidungskontexten, aber auch in vielen akademischen Diskussionsbeiträgen zu umstrittenen Entscheidungsproblemen wird die Frage, ob die Voraussetzungen des Abwägens im konkreten Fall erfüllt sind, nicht thematisiert. Was es für das in normativer Absicht erfolgende praktische Überlegen bedeutet, wenn man diese Frage ignoriert, wird später an Beispielen illustriert. Zuvor wenden wir uns den buchstäblichen Vorgängen zu, die bei der metaphorischen Rede vom Wägen und Gewichten im Hintergrund stehen.
 
Wägen und Gewichten
 
Wie manche andere mehr oder weniger lebendige Metaphern für Aspekte praktischen Überlegens – der tragende Grund, der gravierende Einwand, die erdrückende Beweislast – entstammt die Waagemetapher der Physik, genauer, der Mechanik. Was von einer Waage erfasst beziehungsweise, im Falle einer Balkenwaage, verglichen wird, ist die Gewichtskraft der auf den Schalen liegenden Körper – das Produkt ihrer Masse, die in der Einheit Kilogramm angegeben wird, mit der am Ort des Wägens herrschenden Schwerebeschleunigung. (In der Schwerelosigkeit ist die Gewichtskraft null, nicht die Masse.) Was also zusammenwirkt, wenn mehrere Körper auf die Schale einer Waage gelegt werden, sind mechanische Kräfte. Wie der Vorgang des Ausbalancierens von Objekten auf den Schalen einer Balkenwaage anschaulich macht, können Kräfte einander entgegenwirken und auch, wie man sagt, einander aufheben, d. h. zusammen so auf einen ruhenden Körper einwirken, dass keine Bewegung resultiert. Widersprechen können Gewichtskräfte einander natürlich nicht. Das können im strengen Sinn nur Aussagen – darunter auch Aussagen über Gewichtskräfte.
 
Der Vorgang des Gewichtens ist dagegen, sofern damit nicht einfach das Vergleichen von Gewichtskräften selbst gemeint ist, ein mathematischer Vorgang, der sich im Bild der Balkenwaage nicht unmittelbar darstellen lässt. Das Gewichten hat gewöhnlich die Funktion, Faktoren, die in bestimmten, oft auch unterschiedlichen Dimensionen erfasst sind, im Hinblick auf ihren Beitrag zu einer Gesamtbeurteilung verrechenbar zu machen. Wenn, wie beim Wägen, die Gesamtbeurteilung auf das Gewicht zielt (zum Beispiel von Äpfeln, aber ebenso auch von Äpfeln gemischt mit Birnen), dann gibt es nichts zu gewichten. Jedes Objekt trägt sein eigenes Gewicht zum Gesamtgewicht bei (ungewichtet additive Verknüpfung). Zielt die Gesamtbeurteilung dagegen zum Beispiel auf den Marktwert einer Menge von Äpfeln und Birnen, müssen die Gewichtsanteile der beiden Obstsorten mit ihren Kilopreisen gewichtet, d. h. multipliziert werden, bevor man addiert (gewichtet additive Verknüpfung).
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