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02 2018

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Begriff und Begriffsanalyse. Fragen an Andreas Kemmerling

aus: Heft 2/2018, S. 76-85

Um was geht es in Ihrem Buch, um den Glauben als Phänomen oder um den Begriff des Glaubens?
 
Andreas Kemmerling: Zunächst einmal, besser paßt das Glauben als der Glaube. Letzteres erweckt zu leicht den Gedanken speziell an religiöses Glauben, und dieses hat vielfältige Besonderheiten, die einer eigenen Untersuchung bedürfen und wohl auch einer ganz anderen Herangehensweise als meiner in diesem Buch. Mir geht es um Glauben im allerallgemeinsten Sinn von: etwas für wahr halten. Und dabei um beides: sowohl um das Phänomen als auch um den Begriff, den wir davon haben, und in gewisser Weise um beides in einem. Eine Leitfrage meiner Betrachtungen ist: Was von dem, das Philosophen über die Natur, oder das Wesen, des Glaubens behaupten, läßt sich mit Hinweis darauf untermauern, es ergebe sich aus dem Begriff des Glaubens?
 
Bei einer begrifflichen Untersuchung, wenn wir nachdenken, ob etwas unter einen Begriff fällt, was machen wir da?
 
Dann denken wir darüber nach, welche Grün-de es rechtfertigen, das betreffende Etwas unter den betreffenden Begriff zu subsumieren. Derartige Gründe sind von sehr unterschiedlicher Art und auch von unterschiedlichem Gewicht. Von besonderem philosophischen Interesse sind begrifflich hinreichende Grün­de. Sie sind die besten, die wir haben können, denn sie garantieren, daß die betreffende Sache unter den betreffenden Begriff fällt. Wer einräumte, daß solche Gründe vorliegen, aber dennoch bestritte, daß jene Sache unter diesen Begriff fällt, würde damit nicht einfach nur einen Fehler in der Sache begehen. Es wäre der Hinweis auf einen grundsätzlicheren Defekt – etwa, daß er den Begriff nicht erfaßt hat, oder auch, daß er nicht willens ist, das be-treffende Wort in seinem gewöhnlichen Sinn zu verwenden.
 
Wenn Sie sagen, Sie seien ein Realist in Bezug auf die Begriffe, was meinen Sie damit?
 
Das Etikett Begriffsrealismus hätte ich am besten gar nicht verwendet. Alles, was (im philosophischen Sprachschatz zumindest) auf „-ismus“ endet, erweckt ja leicht den Eindruck, als stecke dahinter so etwas wie eine leidlich elaborierte Theorie. Die habe ich allerdings nicht.
 
Um zu erklären, was ich mit diesem Terminus meine, muß ich zunächst einmal sagen, wie ich das Wort „Begriff“ verwende. Und zwar nicht, um damit etwas Psychisches zu bezeichnen, wie z. B. eine mentale Repräsentation. Ich meine damit etwas, das keine Repräsentation ist, wohl aber der Inhalt von Repräsentationen sein kann. Begriffe in diesem zweiten Sinn sind Bestandteile wahrheitswertfähiger Inhalte, sogenannter Propositionen. Und gewöhnlich sind sie etwas Intersubjektives: etwas, das von mehreren Subjekten erfaßt wird oder zumindest erfaßt werden kann.
 
Beide Weisen der Wortverwendung, nennen wir sie die psychologische bzw. die logische, sind in der heutigen Philosophie gebräuchlich. Dahinter steckt kein inhaltlicher Dissens; man kann ohne weiteres anerkennen, daß es Begriffe in beiderlei Sinn gibt. Wichtig ist nur, daß in dieser Hinsicht Klarheit besteht. Mir geht es um Begriffe nur im ‚logischen‘ Sinn dieses Wortes: um Komponenten des Inhalts dessen, was wir denken, nicht um das psychische Material, mit dem wir denken. Frege macht eine entsprechende Unterscheidung zwischen dem, was er als Vorstellung bzw. als Sinn (eines Begriffsworts) bezeichnet, wobei er übrigens mit letzterem nicht die sprachliche Bedeutung des Worts meint.
Manche Begriffe, so auch der des Glaubens, sind Grundbegriffe: nicht durch explizite Definitionen auf grundlegendere Begriffe zurückführbar. Wodurch sind sie bestimmt? Die beste Antwort, die ich kenne, besagt: durch die Verbindungen, in denen sie zu anderen Begriffen, insbesondere zu anderen Grundbegriffen, stehen. Diese Verbindungen lassen sich mit Hilfe von Aussagen charakterisieren, die sog. begriffliche Wahrheiten sind. Heute sagt man gewöhnlich, Grundbegriffe seien durch derartige Wahrheiten ‚implizit definiert‘.
 
Manche von diesen sind völlig trivial. Andere sind es nicht, und gelegentlich bedarf es einiger Ingeniosität, solche Wahrheiten zu entdecken. Bei manchen Aussagen ist es auch nach Jahrhunderten immer noch kontrovers, ob sie begriffliche Wahrheiten sind oder nicht. Und das geht insbesondere die Philosophie an. Es ist geradezu ein Charakteristikum genuin philosophischer ‚Meinungsverschiedenheiten‘, daß ihnen ein Dissens darüber zugrunde liegt, ob diese oder jene Aussage begrifflich wahr ist oder nicht.
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