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Allgemeines: Hösle untersucht den philosophischen Dialog

PHILOSOPHISCHER DIALOG

Vittorio Hösle untersucht den philosophischen Dialog

In der Gegenwartsphilosophie ist das Genre des philosophischen Diskurses bedeutungslos geworden. „Was für ein Verlust an literarischer Diversität, welche Schrumpfung der Ausdrucksmöglichkeiten, die die zweieinhalbtausendjährige Tradition der Philosophie entdeckt und geschaffen hatte!“, schreibt Vittorio Hösle im Vorwort seines Buches

Hösle, Vittorio: Der philosophische Dialog. Eine Poetik und Hermeneutik. 496 S., Ln. € 34.90, 2006, C.H. Beck, München.

Merkwürdig findet Hösle vor allem, dass der Dialog insbesondere in einer Zeit abwesend ist, die nach manchen vom Paradigma der Intersubjektivität und des Diskurses bestimmt sein soll, abwesend ist.

Hösle bietet in seinem Buch – geschrieben als wissenschaftliche Darstellung, nicht als Dialog – eine Taxonomie und Kategorienlehre des Dialogs, ein gelehrtes Werk, das von einer enormen Belesenheit des Autors zeugt. Er nehme, schreibt Johan Schloemann in seiner Besprechung in der Süddeutschen Zeitung, die Perspektive ein, „er stehe mit den Großen der Philosophie in einem überzeitlichen Gespräch“. Insbesondere ist es aber Platon, auf den sich Hösle immer wieder bezieht. Daneben spielen auch Cicero, Augustinus, Hume und Diderot Hauptrollen.

Was aber ist ein Dialog? Ein Dialog berichtet über ein Gespräch oder stellt es dar, ohne selbst ein Gespräch zu sein, schon weil er selbst fast immer das Werk eines einzelnen ist. Der philosophische Dialog wiederum ist ein literarisches Genre, das eine Unterredung über philosophische Fragen darstellt. Weil die Natur dieser Verbindung nicht eindeutig ist, ist der Rezipient zu besonderen Anstrengungen aufgefordert. Die Erfahrung der Unabdingbarkeit der eigenen Interpretationsbemühungen ist auf der subjektiven Seite ein Faktor, ohne den es nur die Aufnahme von Meinungen anderer, aber keine eigenen Erkenntnisse gäbe.

Ein gelungener philosophischer Dialog ist im Idealfall sowohl eine bedeutende Schrift als auch ein schönes Kunstwerk. Form und Inhalt, Genre und Thema müssen in einem Zusammenhang stehen. Zu einem philosophischen Dialog gehören wesensnotwendig eine philosophische Frage, argumentative Bemühungen, diese zu beantworten, deren sprachliche Artikulation und eine Vielzahl von Gesprächsteilnehmern. Der philosophische Dialog hat die Aufgabe, den Zusammenhang zwischen bestimmten Menschentypen, bestimmten philosophischen Ansichten und bestimmten Debattierformen, zwischen gewissen Argumenten und den emotionalen Reaktionen darauf, zwischen Denk- und Lebensformen, im Idealfall auch zwischen Gedanke und Sprache deutlich zu machen.

Ein besonders interessantes Gebiet für den philosophischen Dialog ist die Religionsphilosophie, denn Religion ist nicht nur eine Sache des Intellekts, sondern der Zuwendung der ganzen Persönlichkeit. In Spätantike und Mittelalter spielen denn auch religionsphilosophische, oft interreligiöse Dialoge eine wesentliche Rolle. Ohne Zweifel sind die besten philosophischen Dialoge, die je geschrieben wurden, zahlreiche Platonische Dialoge. Diese sind durchdrungen von einer Spannung zwischen Idee und Existenz, zwischen Seinswahrheit und Lebenswirklichkeit. Auch lässt sich an diesen Dialogen der Zusammenhang zwischen Form und Inhalt besonders gut deutlich machen. Enorm wirksam ist insbesondere der Phaidon, und zwar deshalb, weil die Beweise zur Unsterblichkeit der Seele (die zwar nicht zum Haltbarsten in Platons Philosophie gehören) von Sokrates am Tage seiner Hinrichtung vorgebracht werden. Analoges gilt für das Symposion, schon in seiner formalen Struktur der Zwillingsdialog zum Phaidon. Die Teilnehmer des Gastmahls reden nicht nur über die Liebe; viele der Beziehungen zwischen ihnen sind erotischer Natur, und zwar unterscheiden sich die einzelnen erotischen Beziehungen voneinander ebenso subtil wie die Liebeskonzeptionen, die in den sieben Reden vorgetragen werden.

Überraschend ist die Verteilung von Dialogen über die verschiedenen Epochen hinweg. Besonders dialogreich sind die griechische und die römische (einschließlich der christlichen) Antike. Im Mittelalter gibt es zwar einige bedeutende, aber der Zahl nach weniger Dialoge als im Altertum. In Renaissance und Humanismus mit dem erneuerten Interesse an der Antike blüht das Genre des philosophischen Dialogs dagegen wieder. Auch in der Aufklärung genießt es Popularität, im Laufe des 19. Jahrhunderts versickert es dagegen. Es sind denn insbesondere Traditionsbrüche und Zusammenstöße verschiedener Kulturen, die zu Dialogen einladen. Aber käme es nur auf diese Parameter an, so müsste die Gegenwart für philosophische Dialoge besonders günstig sein. Es gibt noch andere für den philosophischen Dialog besonders vorteilhafte Strukturen. Dazu gehört die Kultur gepflegter Konversation, die die antiken Griechen, die Italiener der Renaissance die Salons der französischen Aufklärung besonders pflegten. Damit in Zusammenhang steht die individuelle Redefreiheit; totalitäre Staaten haben keine Dialoge hervorgebracht. Insbesondere das aristokratische Wertsystem begünstigt die allgemeine Form der indirekten Mitteilung, die nur von denjenigen entschlüsselt werden können, die „dazugehören“. Oftmals liegt der Dialogform auch – wie bei Platon – ein bestimmtes Erziehungsideal zugrunde.

Der schwierigste Dialogschriftsteller ist ohne Zweifel Platon – gerade, weil er fast nur Dialoge verfasst hat. Wie kommt man zu einem adäquaten Verständnis dieser Dialoge? Hösles Rat: Erstens muss man die Qualität der in seinen Dialogen ausgetauschten Argumente überprüfen. Zweitens sind sämtliche Platonischen Texte zu studieren – nur als Einheit sind sie deutbar, nie isoliert. Auch wollte Platon seine Sokratischen Dialoge im allgemeinen als Einheit gedeutet haben, darauf weisen die Entsprechungen und Querbezüge zwischen den Dialogen hin. Drittens ist soviel Hintergrundwissen wie nur möglich über Platon zu sammeln, über seine Sprache, insbesondere aber über die Philosophie, Literatur und Wissenschaft seiner Zeit, auf die Platon reagiert, und die Forschungen in seiner Schule, der Akademie. Hösle unterscheidet innerhalb des Platonischen Oeuvres zwischen dramatischen (direkten), erzählten (indirekten) und Mischdialogen (innerhalb eines dramatischen Rahmens erzählten).

Untersucht werden kann der modale und ontologische Status des Universums, innerhalb dessen der Dialog spielt. Gehört das dargestellte Universum zu der Welt des Produzenten (und Rezipienten), d. h. ist es von gleichen Naturgesetzen durchwaltet wie die wirkliche Welt? In diesem Fall sprechen wir von „realistischen Dialogen“, zu denen die meisten philosophischen Dialoge gehören.

Ziel eines philosophischen Gesprächs ist das Erzielen eines Konsenses und sei es auch nur über Implikationen: wer p annimmt, ist verpflichtet, q anzunehmen.
Wie erreicht man einen solchen Konsens? Während im didaktischen Dialog der Schüler meist den Ableitungen des Lehrers folgt, führen die literarisch und philosophisch interessanteren Dialoge Gesprächsteilnehmer vor, die unterschiedlicher Ansicht sind. Dem Zusammenprall ihrer abweichenden Ansichten und ihrer langsamen Annäherung verdankt sich die dramatische Qualität des Gesprächsgeschehens. Der Prozess des wechselseitigen Überzeugens ist in seiner geltungstheoretischen Dimension rationaler Natur; aber da alle Vernunftwesen, die wir kennen, emotionale Wesen sind, kann eine umfassendere Analyse des Phänomens nicht von den Widerständen absehen, die die Psyche des Menschen der Einsicht seines Geistes entgegenstellt.

Man ist in der Regel nur dann dazu motiviert, die eigenen Ansichten zu ändern, wenn einem ihre Falschheit oder zumindest Fragwürdigkeit klargemacht wird. Nur im seltensten Fall wird jemand eine Ansicht hegen, die an sich eine Kontradiktion darstellt; im allgemeinen kann die Kontradiktion nur aus einer Menge von Meinungen erschlossen werden. Dabei wird die Herleitung des Widerspruchs meist nur möglich sein, wenn Ansichten gefolgert werden können, deren sich der Proponent anfangs gar nicht bewusst ist, die sich aber aus seinen expliziten Überzeugungen sowie der zugrunde gelegten Logik ergeben. Will man dem anderen eine Inkonsistenz nachweisen, genügt es im allgemeinen nicht, jeden einzelnen Satz zu verstehen; man muss einen Überblick über die Totalität der Äußerungen haben – man muss gleichsam „kontoführen“.
Beim Vergleich zweier Positionen, etwa zweier Religionen, ist es unfair – wenn auch weit verbreitet – dass man eine ideale Gestalt der eigenen Religion voraussetzt und die geschichtliche Wirklichkeit der anderen damit kontrastiert. Damit kommt man für Hösle aus einem positionellen dogmatischen Gespräch nicht heraus. In einer solchen Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder gibt man das Projekt auf, den anderen mit sachlichen Argumenten zu überzeugen, oder man appelliert nicht an Prämissen, die der eigenen Religion eigentümlich sind, sondern an solche, die mit der Vernunftnatur des Menschen in Verbindung stehen und von denen man hofft, dass sie eine religionstranszendente rationale Bewertung der eigenen Religion ermöglichen. Diese Strategie befolgten insbesondere Abaelard, Llull und Cusanus. Dabei handelt es sich um etwas transzendental Gegebenes – etwas, was die Bedingung der Möglichkeit eines jeden Gesprächs mit Wahrheitsanspruch ist. Das Zugeständnis, dass ein transzendental Gegebenes existiert, bedeutet aber noch nicht, dass die Frage, welche Religion die wahre ist, entschieden werden kann, ja auch nur eine sinnvolle Frage ist; es mag vielmehr sein, dass man auf der Grundlage derartiger Gegebenheiten an einer Religion dies, an einer anderen jenes auszuzeichnen vermag. Aber die Annahme einer Vernunft, die den faktischen Glauben transzendiert, ist eine notwendige Voraussetzung für ein Religionsgespräch, das mehr als der Austausch der gegenseitigen Versicherung sein will, man sei selber rechtgläubig und der andere irre.

„Das Buch“, so schreibt Reinhard Brandt in seiner Rezension, sei „gut geschrieben, wird niemals pedantisch, beweist philologischen Enthusiasmus und intime Kenntnis der Zusammenhänge aus dem gesamten Gebiet“, das das Buch behandle.

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