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03 2018

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Themen, die jeden Menschen interessieren. Fragen an Gerhard Ernst

aus: Heft 3/2018, S. 22-24

Herr Ernst, Sie sind seit dem 1. Januar 2018 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Der Präsident dieser Gesellschaft richtet jeweils alle drei Jahre den großen Philosophiekongress aus und gibt diesem das Tagungsthema vor. Welche Möglichkeiten hat ein Präsident darüber hinaus, Einfluss zu nehmen?

Die DGPhil engagiert sich in den verschiedensten Bereichen und beschäftigt sich mit vielen Themen: Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Gleichstellungsfragen, Philosophie in der Schule, Vertretung der Philosophie gegenüber den Universitäten und anderen Geldgebern, (internationale) Vernetzung, Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Philosophinnen und Philosophen, Förderung des innerfachlichen Austauschs und Verbesserung der Fachkultur, Förderung des Austauschs zwischen Universitätsphilosophie und Öffentlichkeit – und als Präsident habe ich die schöne Möglichkeit, mich in all diesen Feldern mit einzubringen, ohne dabei auf mich allein gestellt zu sein, denn eines möchte ich vor allem betonen: Die DGPhil lebt von den vielfältigen Aktivitäten ihrer Mitglieder, nicht nur von der Arbeit des engeren und erweiterten Vorstands!

Die DGPhil ist die Gesellschaft der an den Universitäten lehrenden Philosophen. Mit welchen Problemen sehen Sie das Fach Philosophie gegenwärtig an den Universitäten konfrontiert?

Ein wesentliches Problem sehe ich darin, dass die Philosophie (aber auch andere Geisteswissenschaften) auch innerhalb der Universität immer mehr nach dem Modell der Technik- und Naturwissenschaften beurteilt werden, und das ist in vielerlei Hinsicht unangemessen. Ich möchte exemplarisch nur drei Punkte ansprechen:

● Philosophische Forschung findet nach wie vor (und meiner Ansicht nach ihrer Natur nach) vor allem in den Köpfen einzelner DenkerInnen statt, nicht in Teams – auch wenn der Austausch mit anderen natürlich in der Philosophie genauso wichtig ist wie in anderen Fächern. Bei Evaluationen an Universitäten wird aber immer mehr sogenannte „Verbundforschung" als das Maß der Dinge angesehen, und das ist der Philosophie (und auch anderen Geisteswissenschaften) völlig unangemessen.

● PhilosophInnen werden immer mehr dazu angehalten, Drittmittel einzuwerben, obwohl das grundlegende Konzept dahinter überhaupt nicht auf die Philosophie passt: Es ist in der Philosophie in der Regel nicht so, dass ein Forschungsgegenstand identifiziert werden kann, der dann von (irgend-)jemandem (vielleicht auch arbeitsteilig) bearbeitet („abgearbeitet") werden kann. Vielmehr zeigt sich erst in der Entwicklung eines Themas, ob es inter-essant ist; es kommt immer darauf an, was man aus einem Thema macht. Dementsprechend ist die typische Projekt-Förderung das völlig falsche Instrument zur Förderung der Philosophie. Man muss vor allem Personen aufgrund ihrer bisherigen Leistungen fördern – in dem Vertrauen darauf, dass ein/e PhilosophIn, die (der) bereits hervorragende Arbeiten vorgelegt hat, dies auch erneut tun wird. Das beste Mittel dazu ist eine solide Ausstattung der philosophischen Institute mit Haushaltsstellen.

● Die zentrale Bedeutung von Büchern im Vergleich zu „peer-reviewed-journal-papers" wird auch an der Universität immer mehr verkannt.

Die verschiedenen Punkte hängen miteinander zusammen, denn in all diesen Fällen wird die Philosophie in ein bestimmtes Korsett gezwängt, das eigentlich nur auf Fächer mit einer ganz anderen Struktur passt.

Ihr Vorgänger, Dominik Perler, hatte die wissenschaftliche Qualität der Philosophie an den Universitäten (und der Ausbildung der Philosoph(inn)en zu einem Grundanliegen seiner Präsidentschaft gemacht. Wie beurteilen Sie die Qualität der Philosophie in Deutschland im internationalen Vergleich?

Ich halte die Arbeit deutscher Philosophinnen und Philosophen im internationalen Vergleich für erstklassig. Das sieht man am leichtesten daran, dass es sehr viele PhilosophInnen gibt, die sich direkt und einflussreich an internationalen Debatten beteiligen. Viele ForscherInnen veröffentlichen bei uns selbstverständlich auch auf Englisch in internationalen Verlagen und Zeitschriften. Das gilt übrigens für die verschiedensten Bereiche der Philosophie, nicht nur für die sogenannte „analytische Philosophie": die Aristoteles- und Kant-Forschung in Deutschland ist beispielsweise nicht weniger international ausgerichtet als die Wissenschaftstheorie! – Damit möchte ich allerdings nicht sagen, dass nur die englischsprachige deutsche Philosophie das höchste Niveau erreicht. Tatsächlich glaube ich sogar eher, dass es in der Regel leichter ist, in der eigenen Muttersprache optimale philosophische Ergebnisse zu erzielen.

 

Ihr Vorgänger, Dominik Perler, hatte die wissenschaftliche Qualität der Philosophie an den Universitäten (und der Ausbildung der Philosoph(inn)en) zu einem Grundanliegen seiner Präsidentschaft gemacht. Wie beurteilen Sie die Qualität der Philosophie in Deutschland im internationalen Vergleich)

 

 

 

Die DGPhil steht allen philosophisch Interessierten offen, und tatsächlich beschäftigen wir uns ja auch nicht nur mit Themen, die allein die Universitätsphilosophie betreffen. Ich möchte nur noch einmal an die Themen „Philosophie in der Schule" und „Philosophie in der Öffentlichkeit" erinnern, die uns große Anliegen sind.

Seit letztem Jahr ist der Vorstand erweitert worden. Welche Aufgaben und Möglichkeiten haben diese neuen Vorstandmitglieder?

Mit der Erweiterung des Vorstands um die „Stände" des Mittelbaus und der Studierenden wurde in erster Linie erreicht, dass wir tatsächlich alle nötigen Perspektiven auf den akademischen Betrieb auch tatsächlich im Vorstand repräsentiert haben. Damit können bestimmte Interessen und auch Informationen schon wesentlich früher bei der Planung von Projekten etc. berücksichtigt werden. Bei der Verteilung von Aufgaben im Vorstand gibt es allerdings keine Zuordnung nach „alten" und „neuen" Mitgliedern, sondern jedes Vorstandsmitglied engagiert sich in den Bereichen, die der jeweiligen Person besonders am Herzen liegen.

In Ihrer Dankesrede zur Wahl haben Sie das Thema „Öffentlichkeit" als eines Ihrer Anliegen genannt. Was meinen Sie damit?

Ich möchte mich gerne dafür einsetzen, dass einerseits die universitäre Philosophie in der Gesellschaft angemessen(er) wahrgenommen wird und dass andererseits das Engagement für öffentliche Sichtbarkeit innerhalb der universitären Philosophie angemessen(er) gewürdigt wird. Die Philosophie kann der Gesellschaft (die sie ja schließlich finanziert) sehr viel geben: philosophische Grundlagenforschung, die unsere natürliche Neugier befriedigt, angewandte Philosophie, die unsere gesellschaftlichen und politischen Diskussionen bereichert, aber auch einfach philosophischen Input für alle, die sich selbst und die Welt auf grundlegender Ebene besser verstehen möchten und die mit einfachen und schnellen Antworten, insbesondere auf die Frage, wie man leben soll, nicht zufrieden sind. Der Austausch zwischen universitärer Philosophie und Öffentlichkeit könnte von beiden Seiten intensiviert werden – und dazu würde ich gerne beitragen.

Die Philosophie hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm spezialisiert und arbeitet teilweise über Themen, für die sich nur einige Spezialisten interessieren. Wozu das und welchen Nutzen hat diese Entwicklung für die Öffentlichkeit?

Ich glaube, dass in der Philosophie – anders als in vielen anderen Wissenschaften – auch die scheinbaren „Spezialistenthemen" häufig nur wenige Schritte von Themen entfernt sind, die eigentlich jeden Menschen interessieren (sollten). Nehmen Sie beispielsweise elaborierte Analysen des Wissensbegriffs: Da gibt es viel Spezialistentum, aber letztlich geht es doch immer auch um die grundlegende Frage, was wir überhaupt wissen können. Oder komplexe Überlegungen zum Konsequentialismus in der Ethik: Da geht es letztlich doch darum, was wir tun sollen. Kurz: In der Philosophie steht viel esoterische Forschung direkt im Dienst der Beantwortung von Fragen, die von allgemeinem Interesse sind. Und andere esoterische Forschung wird in der Philosophie – wie in anderen Wissenschaften auch – natürlich auch schlicht aus reinem Wissensdrang heraus betrieben. Stellt sich Ihre Frage nicht für die Mathematik und Physik in viel schärferer Form als für die Philosophie?

Sie haben in derselben Rede gesagt, die Erhaltung der Vielfalt der deutschen Philosophie sei Ihnen ein besonderes Anliegen. Was wollen Sie in dieser Hinsicht tun?

Mir ist es vor allem wichtig, dass die DGPhil auch in Zukunft keine Richtung der Philosophie unangemessen bevorzugt – weder in ihren verschiedenen Förderaktivitäten, noch (und dafür habe ich ja besondere Verantwortung) bei der Gestaltung des großen Kongresses der DGPhil 2020. Derzeit überlegen wir auch im engeren Vorstand, wie wir die interkulturelle Philosophie stärken können, um die bestehende Vielfalt weiter zu bereichern.

Diese Vielfalt, die Sie erhalten möchten, betrifft sie auch philosophische Richtungen, die eher existentiell, künstlerisch oder gar spirituell ausgerichtet sind und die – weil sie nicht wissenschaftlich (genug) sind – durch die Peer-Review-Verfahren durchfallen?

Es ist klar, dass man irgendwo eine Grenze ziehen muss, und wie sonst sollte man das tun als dadurch, dass die Mitglieder der philosophischen Gemeinschaft ein Urteil darüber fällen, was noch als Philosophie im relevanten Sinn zu gelten hat und was nicht? Wichtig ist mir aber, dass die Grenze nicht zu eng gezogen wird, sondern dass hier Offenheit und Toleranz herrscht. Und natürlich stellt die Philosophie existentielle Fragen, und natürlich weist die Philosophie auch Verbindungen zu den (schönen) Künsten und zur Spiritualität auf.

Langsam rückt bereits der nächste große Kongress näher. Am letzten Kongress in Berlin sind einige Änderungen vorgenommen worden. Haben Sie sich schon Gedanken über den Erlanger Kongress gemacht?

Ja, das habe ich und nicht nur ich. Aber zum jetzigen Zeitpunkt sind viele Dinge noch im Fluss. Lassen Sie sich überraschen!




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