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07.12.2018 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Forschungsprojekt: Ethik in der psychiatrischen Versorgung

Ethik in der psychiatrischen Versorgung: SALUS sucht nach neuen Antworten in der Zwangs-Debatte

 
 

Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
LWL-Universitätsklinikum Bochum der Ruhr-Universität Bochum, Rosa Sommer M.A., 22.11.2018 13:12

Das LWL-Universitätsklinikum Bochum startet zusammen mit der Ruhr-Universität Bochum ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Zwang in der Psychiatrie. SALUS wird sich mit den bislang wenig erforschten ethischen Konflikten zwischen Selbstbestimmung, gesundheitlichem Wohl und Sicherheit befassen.


Die Anwendung von Zwang in der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen wird nicht nur in der Psychiatrie-Fachwelt, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Eine aktuell gestartete und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Forschungsgruppe namens SALUS soll mit Handlungsempfehlungen für Klarheit sorgen: Gemeinsam werden sich die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums Bochum des Landschaftverbandes Westfalen-Lippe (LWL) (Direktor: Prof. Dr. Georg Juckel) sowie das Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum (Direktor: Prof. Dr. Dr. Jochen Vollmann) in den nächsten sechs Jahren mit den bislang wenig erforschten ethischen Konflikten zwischen Selbstbestimmung, gesundheitlichem Wohl und Sicherheit in der klinischen Praxis auseinandersetzen.

Erst im Sommer dieses Jahres hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Fixierung eines Psychiatrie-Patienten fortan nur noch mit richterlicher Anordnung möglich sei. Sie verstoße gegen das Grundrecht auf Freiheit der Person nach Art. 104 des Grundgesetzes. Freiheitsentzug sei demnach nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine ethische Frage. Das Bochumer SALUS-Projekt untersucht nun, ob und wann Zwang in der Psychiatrie moralisch gerechtfertigt ist und wie die Werte „gesundheitliches Wohl“ und „Sicherheit“ im gesundheitlichen Vorausplanungsprozess berücksichtigt werden können.

SALUS ist lateinisch und steht für Wohlergehen und Sicherheit. „Den Projektnamen haben wir sehr bewusst gewählt“, erklärt Dr. Jakov Gather, wissenschaftlicher Mitarbeiter am LWL-Universitätsklinikum Bochum und am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum, der die Forschungsgruppe leitet. „Es geht uns darum, das gesundheitliche Wohl der Betroffenen und die Sicherheit Dritter stärker in die Argumente für und gegen Zwang einzubeziehen und im gesundheitlichen Vorausplanungsprozess zu bedenken.“

Das Forschungsprojekt arbeitet interdisziplinär. In die Untersuchungen fließt Wissen aus Medizinethik, Philosophie, Psychiatrie, Rechtswissenschaften und Psychologie ein, um unter anderem zu analysieren, inwiefern gesetzliche Veränderungen für das Selbstbestimmungsrecht sich auf das gesundheitliche Wohl von Betroffenen und auf die Sicherheit Dritter auswirken. Auch werden die Einstellungen von Professionellen, Patienten und Bevölkerung zu Zwang in der Psychiatrie untersucht sowie weiterhin die Bedingungen bestimmt, unter denen Zwangseinweisungen, -maßnahmen und -behandlungen moralisch gerechtfertigt sind.

„Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, Handreichungen zu bieten, die helfen, freiheitsentziehende Maßnahmen zu reduzieren“, so Jakov Gather. „Beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe haben wir dies erreichen können, indem wir für unseren PsychiatrieVerbund einen Standard entwickelt haben.“ 2017 wurde der „LWL-Standard zur Vermeidung, Anwendung und Dokumentation von freiheitsentziehenden Maßnahmen und Zwangsbehandlungen in der Psychiatrie“ als Handbuch veröffentlicht. Die Beschäftigten aller Kliniken im LWL-PsychiatrieVerbund sind demnach verpflichtet, an Deeskalationstrainings teilzunehmen. Auch eine intensivierte Betreuung des Patienten durch das Personal sorgt dafür, dass Zwangsmaßnahmen reduziert werden können. Der Einsatz von ausgebildeten Genesungsbegleitern, die über eigene Psychiatrieerfahrung verfügen und häufig eine vermittelnde Funktion zwischen den Professionellen und den Betroffenen einnehmen, hat sich ebenfalls als Präventivmaßnahme bewährt und ist in den vergangenen Jahren am LWL-Universitätsklinikum wissenschaftlich untersucht worden.

Das SALUS-Projekt wird bis 2024 einen innovativen methodischen Untersuchungsansatz verfolgen und konzeptionelle und normative Analysen mit qualitativen und quantitativen empirischen Untersuchungen verknüpfen.

Das Handbuch:
Jakov Gather, Meinolf Noeker, Georg Juckel (Hrsg.): LWL-Standard zur Vermeidung, Anwendung und Dokumentation von freiheitsentziehenden Maßnahmen und Zwangsbehandlungen in der Psychiatrie. Lengerich 2017. Pabst Science Publishers. ISBN 978-3-95853-352-3







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