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Phänomenologie: Gahlings Phänomenologie der weiblichen Leiberfahrungen


PHÄNOMENOLOGIE

Ute Gahlings präsentiert eine „Phänomenologie der weiblichen Leiberfahrungen“

Im Unterschied zum Körper wurde der Leib als eigenständiges Themengebiet in der Philosophie erst im 20. Jahrhundert systematisch erforscht. Erst mit Autoren wie Merleau-Ponty, Schmitz oder Waldenfels kann von einer Leibphänomenologie im strengen Sinn gesprochen werden.

Konkrete menschliche Körper sind sicht-, tast-, hör- und riechbar voneinander unterschieden; sie sind von unter einem halben bis über zwei Meter groß, verschiedener Haar- und Hautfarbe usw. Sie sind – mit wenigen Ausnahmen – in zwei großen Gruppen, männlich und weiblich, präsent, mit je eigenen, aber von der anderen Gruppe verschiedenen körperlichen Merkmalen. Die Differenz ist unabweisbar, sie variiert sowohl hinsichtlich der Geschlechtergruppen als auch innerhalb ihrer in den verschiedene Lebensphasen und -situationen. In ihrer Habilitationsschrift

Gahlings, Ute: Phänomenologie der weiblichen Leiberfahrungen. 699 S., kt. € 55.—, 2006, Neue Phänomenologie, Karl Alber, Freiburg

geht Gahlings den damit verbundenen Leiberfahrungen mit Hauptaugenmerk auf dem Spüren nach.

Es ist eine Eigentümlichkeit der deutschen Sprache, dass für den menschlichen Körper zwei Wörter zur Verfügung stehen: Körper und Leib. Der Begriff „Leib“ ist heute nicht mehr geläufig. Die in den letzten Jahrzehnten entfaltete „Philosophie des Leibes“ hat jedoch den Leib zu einem wissenschaftlichen Topos erhoben. Hermann Schmitz hat darauf verwiesen, dass der Mensch (und damit selbst Philosophen) „nicht nur seinen eigenen Körper mit Hilfe der Augen, Hände u. dergl. sinnlich wahrnimmt, sondern in der Gegend des Körpers auch unmittelbar, ohne Sinneswerkzeuge zu gebrauchen, etwas von sich spürt“.

Geschlechter-Realitäten, also das, was Männer und Frauen als ihre Wirklichkeit, ihre leibliche Existenz als Geschlechtswesen erleben, werden durch Leiberfahrungen sowie durch kulturelle Einschreibungen habitualisiert. Natur und Kultur prägen das Geschlechtswesen, sowohl unverfügbar im Sinne der Faktizität als auch verfügbar im Sinne des Entwurfs. Gahlings Phänomenologie sucht diese geschlechtlichen Leiberfahrungen in einer phänomenologischen Verallgemeinerung verständlich zu machen. Während die klassische Sex-Gender-Dichotomie eine „cartesische Spaltung“ (Judith Butler) in das Subjekt einführt, erarbeitet sich Gahlings mit dem Begriff des „Geschlechtsleibes“ ein Instrument, mit dem biologistische oder sozialkonstruktivistische Determinismen entzerrt werden können. Methodisch ist hierfür die Perspektive einer genetischen Phänomenologie des Leibes. Diese eignet sich für die Analyse geschlechtlicher Leiberfahrungen in besonderer Weise, da sie von einem Gefüge ineinander greifender Konstitutionsbedingungen ausgeht.

In phänomenologischen Deskriptionen evaluiert Gahlings das Spektrum leiblicher Regungen an den Merkmalen und Erfahrungsweisen des weiblichen Geschlechtsleibes. Themen sind die Leibesinseln (Brust, genitale Zone, Unterleib) und die Erfahrungsmodi (Erfahrung des Flüssigen, des Festen, der Fülle, Schmerz, Angst, Scham und Lust). Sie geht Kernfragen nach, wie: Was drängt sich am Geschlechtsleib unverfügbar auf? Was wird unmittelbar im Sinne von Leibesinseln oder in Ganzleiblichkeit gespürt? In welcher Weise, zu welchem Zeitpunkt, in welcher Situation und in welchem Lebensalter ist eine Frau von ihrem Geschlechtsleib affektiv getroffen? Die weibliche Erfahrung des tropfenden, verströmenden Leibes kann sich sowohl am Genital hinsichtlich der Flüssigkeiten Menstruationsblut, Deflorationsblut und Lochien als auch am oberen Leib in Bezug auf die Muttermilch ereignen. Es zeigt sich eine Mannigfaltigkeit möglicher zusammenhängender Leiberfahrungen mit je einem eigenen Erlebnisspektrum, die sich nur schwer einem statischen Kategoriensystem fügen.

Der dabei verwendete Begriff der „Leibesinseln“ geht auf die Topographie des Leibes von Hermann Schmitz zurück. Danach wird der eigene Leib einerseits als Einheit gespürt – und präsentiert einen absoluten Ort – , andererseits in einer eigentümlichen Struktur, als „Gewoge verschwommener Inseln“, worin einzelne Regionen ihren relativen Ort haben. Gespürt werden in dichterer oder dünnerer Verteilung Leibesinseln, „die noch durch räumliche Orientierung – namentlich durch Lagebeziehungen, wie über-unter, vor-hinter – verbunden sind, aber nicht mehr stetig zusammenhängen“ (Schmitz). Die Leibesinselerfahrungen variieren je nach Lebensalter, Geschlecht und individueller leiblicher Situation und Disposition. Gahlings fragt danach, wie diese Leibesinseln sich im leiblichen Spüren der Frau aufdrängen, wie sie ihre Gegenwart geltend machen, wie ihre Bildung, Umbildung, Änderung und ihr Schwinden erlebt werden.

In einem abschließenden Teil werden weibliche Leiberfahrungen in Einzelanalysen und unter Berücksichtigung eines reichhaltigen Konglomerats von Zeugnissen subjektiver Betroffenheit aufgenommen. Mit der Thematisierung von Leiblichkeit wird die Sphäre berührt, die im weitesten Sinne Erfahrungen meint, Erlebnisse eines Ich, das diesen Körper „bewohnt“, ihn spürt, sich von ihm betreffen lässt, in gewisser Weise ihm ausgeliefert ist. Deshalb ist es Gahlings ein besonderes Anliegen, weibliche Leiberfahrungen in ihrem biographischen Kontext und in der Genese weiblicher Subjektivität sowohl im Einzelnen als auch in ihrem Spektrum systematisch aufzugreifen. Denn zur Erschließung der Betroffenheit und der Atmosphären im Rahmen geschlechtlicher Leiberfahrungen gehört unabdingbar die Dimension des individuell-biographischen und sozio-kulturellen Kontextes.

Eine phänomenologische Erforschung weiblicher Leiberfahrung ist bislang noch nie systematisch versucht worden – Ute Gahlings hat mit ihrer in alle Details gehenden Untersuchung (das Buch umfasst 700 Seiten) Neuland betreten.






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