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Wittgenstein: Eine neue Lesart des "Tractatus"


WITTGENSTEIN

Eine neue Lesart des „Tractatus“


Cora Diamond und James Conant vertreten eine Lesart des „Tractatus“, die sich auf interessante Weise von dessen akademischer Standardinterpretation absetzt. Diese Deutung geht von Satz 4.112 aus, der lautet: „Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit.“ Auch im Vorwort schreibt Wittgenstein explizit, sein Buch sei kein Lehrbuch.

Als Tätigkeit begriffen ist der eigentliche Gegenstand der Philosophie nicht ein Fachgebiet wie etwa die Logik, sondern das philosophierende Subjekt selbst. Die Philosophie entwickelt demnach nicht ein neues (philosophisches oder logisches) Wissenskorpus, mit neuen Theorien und Thesen, sondern führt zu einer vertieften Einsicht in sich selbst.

Jörg Volbers stellt diese Interpretation, die in Deutschland von Logi Gunnarson in seinem Buch Wittgensteins Leiter vertreten worden ist, in seinem Aufsatz

Volbers, Jörg: Philosophie als Lehre oder als Tätigkeit? Über eine neue Lesart des „Tractatus“, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, Heft 2/2006

vor und nennt sie die „therapeutische“ Lesart Wittgensteins. Danach erkennt sich das Subjekt selbst als die Ursache seiner philosophischen Probleme. Diese Klarheit zu gewinnen ist der therapeutischen Lesart zufolge das viel diskutierte „Ethische“ am Tractatus. Sie bringt die Probleme zum Verschwinden – nicht, indem sie gelöst werden, sondern durch ihre Überwindung. Philosophie wird so primär als eine Methode aufgefasst, Wissen über sich selbst und die menschliche Natur zu gewinnen, mit dem Ziel einer Veränderung, einer Transformation des philosophischen Subjekts. Philosophie ist, wie Wittgenstein in einer Notiz festhält, hier vor allem „die Arbeit an Einem selbst, an der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt)“.

Die therapeutische Position bietet dem philosophierenden Subjekt keinen Halt mehr, kein festes Kriterium, mit dem es seine Probleme lösen kann; die scheinbare Exaktheit der Logik und die Klarheit der Vernunft erweisen sich als nutzlos. Ziel der Philosophie ist es, dass das Subjekt erkennt, dass es selbst für Sinn und Unsinn seiner Sätze einstehen muss und diese Entscheidung nicht an ein formales System delegieren kann.

Die Standarddeutungen hingegen beziehen sich vor allem auf die Sätze 1.-6.53 und versuchen an ihnen eine Lehre zu entwickeln, die etwas über die Natur der Sprache und ihrer Logik aussagt. Die therapeutische Interpretation fragt dagegen, wie eine aus dem Haupttext gewonnene „Theorie“ mit der Ankündigung am Ende des Tractatus zu vereinbaren ist, dass der, welcher Wittgenstein („mich“) verstehe, schließlich erkenne, dass die vorangegangenen Sätze des Werkes unsinnig seien. Hier findet sich das berühmte Bild der Leiter, auf die der Leser hinaufsteigt, um sie am Ende fortzuwerfen. Dieses Bild müsse, so der Vorschlag, zusammen mit dem Vorwort gelesen werden, in dem Wittgenstein das Ziel des Tractatus erläutert, dem Denken eine Grenze zu ziehen: „Um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssen wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müssen also denken können, was sich nicht denken lässt).“ Das Buch versteht sich demzufolge als eine Sprachkritik: Die philosophischen Probleme werden auf ein „Missverständnis der Logik unserer Sprache“ zurückgeführt. Dieses Missverständnis betrifft im Kern vor allem die Frage nach dem Sinn: Insofern Gedanken einen Sinn haben müssen, verständlich sein müssen, ist die Grenze des Denkens eine Grenze des Sinns.

Gemäß einer vielfach vertretenen mystischen Interpretation beinhaltet der Tractatus eine Klasse von Sätze, die eigentlich sinnlos sind – wie es das Leiterbild erfordert – aber trotzdem philosophischen Gehalt aufweisen, in dem sie diesen zeigen. Die therapeutische Interpretation kritisiert, damit werde die Spannung, die sich zwischen dem Vorwort und dem Bild der Leiter einstellt, nicht wirklich aufgelöst – denn obwohl sich die Sätze des Tractatus als unsinnig erweisen, wird an der Behauptung festgehalten, sie drückten etwas aus, wenn auch im Modus des Zeigens. Für Volbers ist dies nicht mit der sprachkritischen These vereinbar, nur sinnvolle Sätze könnten einen Gedanken ausdrücken, und der Rest sei, wie es im Vorwort heißt, „einfach Unsinn“. Die These der Sprachkritik behauptet, dass da etwas ist, was wir nicht behaupten können – sinnlose Gedanken denken – , und nimmt doch im Zuge dieser Behauptung gerade diese Fähigkeit in Anspruch. Sie bezieht sich auf etwas, das ihrer eigenen These nach nicht existieren kann. Die mystische Deutung will der gesuchten Grenze zwischen Sinn und Unsinn Substanz verleihen. Sie sucht nach einem festen Kriterium, an dem sich Sinn von Unsinn scheiden lässt. Dieser Unterschied, der uns etwas über das Wesen der Sprache lehren soll, wird in der Form der Sprache selbst gesucht. Für die mystische Lesart hat der Satz bereits eine logische Syntax, unabhängig davon, was der Leser über ihn denkt. Sie geht davon aus, dass Wittgenstein mit seinen unsinnigen Sätzen etwas sagen will, was ihm aber aufgrund der gegebenen Struktur der Sprache nicht gelingen kann.

Für die therapeutische Lesart dagegen sind die logischen Kategorien eines Satzes nicht unabhängig von der Bedeutung zu bestimmen, die das Subjekt ihm zuschreibt. Ein Satz weist nur dann überhaupt eine logische Struktur auf, wenn das Subjekt ihm einen Sinn verleiht. Unabhängig von diesem Beitrag des Subjekts hat es nach der therapeutischen Lesart schlicht keinen Sinn, davon zu reden, dass die gegebene Zeichenfolge eine bestimmte logische Syntax verletzt oder nicht.

Die therapeutische Lesart des Tractatus führt zu Konsequenzen, die dem traditionell an dem Ideal der Naturwissenschaften orientierten Selbstverständnis der angelsächsischen Philosophie stark widersprechen. Indem sie die Suche nach einer substantiellen Grenze ablehnt, verlagert sie die Quelle des Sinns in das Subjekt selbst. Auch wenn dem Subjekt die Sprache vorgegeben ist, entscheidet sich die Frage nach dem Sinn oder Unsinn nicht durch sie allein. Die therapeutische Lesart besteht darauf, dass das Subjekt nichts meinen kann, was sich prinzipiell dem sprachlichen Ausdruck entzieht. Sie fordert dazu auf, sich zu fragen, was man eigentlich sucht, wenn solch allgemeine Fragen gestellt werden, die eine Theorie „der“ Bedeutung oder eine Theorie „des“ Sinns erfordern. Sie vermutet hinter dieser Suche den Wunsch nach einer Entlastung vom eigenen Urteil: Eine realisierte Theorie des Sinns würde das Subjekt davon befreien, sich entscheiden zu müssen, ob und was sinnvoll ist. Nach der therapeutischen Deutung müssen wir aber zuletzt für den Sinn einstehen, den wir bestimmten Sätzen verleihen oder zu verleihen suchen.





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