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01 2019

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Martin Hähnel:
Aktueller Neoaristotelismus

aus: Heft 1/2019, S. 22-34


Wo kann man heute noch etwas mit Aristoteles anfangen?

 

Immer wieder erleben wir in der Philosophie Renaissancen. Wenn bestehende Diskurse leer zu laufen drohen, theoretische Begründungsfiguren nicht mehr tragfähig genug erscheinen oder sich unter Philosophinnen und Philosophen langsam der Wunsch breitet macht, nach Konzepten Ausschau zu halten, die sich im Laufe der Philosophiegeschichte mehr oder weniger bewährt haben, dann liegt es nicht fern, den Blick in die Vergangenheit zu werfen und dort nach alten Erkenntnisschätzen zu graben, denn – wie bekanntlich der Volksmund sagt – leben Totgesagte länger.

Ein Philosoph, der immer wieder für tot erklärt worden ist, dessen Erkenntnisschatz aber stets von Neuem gehoben wurde, ist Aristoteles, von dem ein so moderner und vielseitiger Denker und Leser wie Ludwig Wittgenstein einmal gesagt hat, dieser sei der einzige Philosoph gewesen, von dem er kein einziges Wort gelesen habe (26, 496). Ob diese Aussage von Wittgenstein ironisch zu verstehen ist, oder vielmehr plausibel zu machen versucht, dass ein vorschneller Rückgriff auf philosophische Klassiker die Authentizität unseres zeitgenössischen Fragens und Problematisierens beeinträchtigt, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Allerdings ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Aristoteles im aktuellen philosophischen Diskurs wieder eine gewichtige Rolle spielt, so er denn in diesem akademischen Gespräch überhaupt jemals abwesend war (1).

Was könnten jedoch Hindernisse sein, die dagegen sprechen, sich mit Aristoteles erneut und auf eine möglichst unvoreingenommene Weise zu beschäftigen? (2):

Zunächst sei hier die natürliche Weltsicht des Stagiriten und, in Verbindung damit stehend, sein ontologischer Realismus zu nennen. Aristoteles will stets „zu den Sachen selbst" bzw. verweilt bei diesen, indem er nicht-lebendige von lebendigen Gegenständen unterscheidet, Seiendes zuallererst auf seine spezifischen Ursachen hin untersucht und dabei alles natürlich Vorkommende als wissenschaftliches Erkenntnisobjekt betrachtet. In diesem Zusammenhang erscheint seine Vorstellung von einer teleologischen Verfasstheit der Welt bzw. der lebendigen Dinge in ihr bisweilen naiv, wenngleich seine kategorialen Beschreibungen von Lebewesen bzw. der Art, wie sie existieren, immer noch eine große Anschaulichkeit bieten und erstaunliche Erklärungskraft besitzen.

Mit dieser natürlichen Sicht auf die Dinge ist für Aristoteles aber auch ein bestimmtes Verständnis von Praxis verbunden, das maßgeblich seinen ethischen Naturalismus beeinflusst: So findet der Mensch nach Aristoteles alles, was er benötigt, um glücklich zu sein, in „seiner" eigenen Natur vor (und nicht jenseits dieser; wenn er sich etwa als rein autonomes Vernunftsubjekt begreift), welche ihm und seinem Handeln den passenden Rahmen verleiht. ‚Von Natur aus' (phýsei) ist der Mensch, welcher als mit Verstand und Sprache ausgestattetes Lebewesen (zōon logon echon) seine praktische Vernunft zu verstehen gebraucht, auf moralisches Handeln und ein tugendgemäßes Leben ausgerichtet. Von dieser ethischen Praxis unterscheidet sich die aristotelische Auffassung von der Kunst als ein hervorbringendes Tun, das der Nachahmung der natürlichen Welt und ihres Erlebens dient und sich damit von genuin modernen ästhetischen Grundsätzen (wie sie die Malerei oder das Theater im frühen 20. Jahrhundert entwickelt hat), denen zufolge das klassische Mimesis Postulat hinterfragt und dekonstruiert werden muss, abgrenzen lässt.

Zwar ist Aristoteles in den eben genannten Kontexten und Diskursen noch immer außerordentlich prominent vertreten, allerdings finden wir heutzutage die wohl breiteste und elaborierteste Diskussion seiner Gedanken in der Philosophie, namentlich in den Disziplinen von Metaphysik (3), Wissenschaftstheorie (4), politischer Philosophie (z.B. 30) und Ethik (5). Diese Ansätze, welche sich ausdrücklich auf Aristoteles als Ideengeber und eines der hier genannten philosophischen Teilgebiete beziehen, firmieren dabei selbstbewusst unter dem Label ‚neoaristotelisch' oder ‚Neoaristotelismus'. Dabei repräsentieren sogenannte ‚Neoaristotelikerinnen' und ‚Neoaristoteliker' – vor allem in der angloamerikanischen Diskussion – einen relativ eigenständigen Typ der philosophischen Erklärung und Begründung, welcher nicht auf die Funktion einer reinen Wiederbelebung einer philosophischen Position der Vergangenheit reduziert werden kann.

In der deutschsprachigen philosophischen Diskussion ist die Situation eine andere. Von ‚Neoaristotelismus' war und ist hierzulande bislang meist im Spannungsfeld der politischen Philosophie die Rede, wo Autoren wie Jürgen Habermas und Herbert Schnädelbach (6) den Ausdruck zur Beschreibung einer bürgerlichen Philosophie eingeführt haben, welche vorrangig von einer neokonservativen weltanschaulich-politischen Gesinnung getragen wird. Vor allem werden hier Namen ins Spiel gebracht, die mit der sogenannten „Ritter-Schule" in Verbindung stehen: Hermann Lübbe, Manfred Riedel, Robert Spaemann, Ernst-Wilhelm Böckenförde oder Odo Marquard. Unter diesen Philosophen ist besonders der kürzlich verstorbene Robert Spaemann hervorzuheben, der das aktuelle neoaristotelische Ethikmodell in manchen Hinsichten rezipiert und adaptiert hat (29), um es für eine spezifische Theorie der Person fruchtbar zu machen (20).

Der aktuelle Neoaristotelismus in der Ethik

 

Neustart der Ethik oder „alter Wein in neuen Schläuchen"?

 

Trotz vielfältiger Rezeptionsweisen in der gegenwärtigen Philosophie spielt Aristoteles und seine Wiederentdeckung vor allem in der aktuellen Ethik eine große Rolle. Der ethische Neoaristotelismus hat in den letzten Jahrzehnten die moralphilosophische Diskussion zweifelsohne stark beeinflusst, indem er sowohl kritische Impulse setzen konnte als auch innovative Vorschläge zu einer Neukonzeption der Idee des Ethischen auf den Weg zu bringen in der Lage war. Deren Vertreterinnen und Vertreter haben dabei versucht, das Feuer, das in den Gedanken des Aristoteles zur Ethik steckt, neu zu entfachen und mit modernen sprachlichen Mitteln und Argumentationsmethoden weiterzugeben. Aus diesem Grund ist der Neoaristotelismus in der Ethik auch als ein genuin modernes Projekt zu verstehen.

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