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02 2019

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Otfried Höffe:
Setzt Europa seine Grundwerte aufs Spiel?

aus: Heft 2/2019, S. 8-21


Philosophen scheuen Pathos, Bei diesem Thema ist Pathos nicht bloß erlaubt, sondern sogar geboten, ist doch weltpolitisch gesehen Europa, mit der Union als Kern, ein purer Erfolg: Ein Kontinent, der sich seit dem Römerwall, dem Limes, durch Grenzen definiert, hat seine Grenzen weitgehend aufgehoben. Ein Kontinent, der über Jahrhunderte von Kriegen, Bürgerkriegen, selbst Erbfeindschaften gebeutelt wurde, lebt seit drei Generationen im Frieden. Und ein Kontinent, aus dem man noch bis ins 20. Jahrhundert aus Armut oder wegen Verfolgung auswandern mußte, verbindet jetzt politische Freiheit, rechtsstaatliche Demokratie und materiellen Wohlstand mit einer kulturellen, einschließlich wissenschaftlichen Blüte. Was hält diesen Kontinent zusammen; worin liegen seine gelebten, freilich auch immer wieder gefährdeten Grundwerte? Europa ist kein mathematischer Gegenstand, der in einer Definition entsteht. Europa ist ein geschichtliches Phänomen.

Herkunft

Auf die Frage, was Europa bislang ist, überzeugt die geographische Antwort nicht. Die großen Zentren, in denen Europa bis heute wurzelt, heißen Athen, Jerusalem und Rom, auch Alexandria. Sie alle gruppieren sich um eine Mitte, die schon in der Bezeichnung Mittelmeer die Verbindung betont. Selbst die griechische Philosophie und Wissenschaft entstehen nicht auf dem europäischen Festland, sondern in Städten Kleinasiens. Diese wiederum sind durch Handel und Kulturaustausch weit nach Asien, auch nach Ägypten und anderen Teilen Afrikas vernetzt.

Der vielfältigen Vernetzung wegen greift der griechische Schriftsteller Polybios der Globalisierung vor. Schon im 2. Jahrhundert vor Christus erklärt er, von nun an werde „die Geschichte ein Ganzes, gleichsam ein einziger Körper; es verflechten sich die Ereignisse in Italien und Afrika mit denen in Asien und Griechenland" (Historiae I 3,5).

Die Tragweite der fehlenden geographischen Abgrenzung darf man aber nicht überschätzen. Denn schon drei Jahrhunderte vor Polybios, seit Herodot (Historiae VII 135f.), also immerhin seit zweieinhalb Jahrtausenden, bestimmt sich Europa über die Kultur, dabei zunächst über die politische Kultur. In scharfem Gegensatz zu den orientalischen Reichen setzt unser Kontinent auf eine freiheitliche Demokratie. Dieser Grundwert ist ihm im wörtlichen Sinn existentiell unverzichtbar. Deshalb verteidigt er ihn, wo erforderlich, seit den Schlachten von Marathon, Salamis und Platää gegen die Perser, später gegen die Hunnen, wieder später gegen die Türken, notfalls militärisch. 

Seit etwa derselben Zeit, erneut seit mehr als zweieinhalb Jahrtausenden, kommt der Reichtum an wissenschaftlicher Kultur hinzu: von der Mathematik und der Naturforschung über die Medizin bis zur vielfältig gegliederten Philosophie und den mit der Geschichtsschreibung beginnenden Geistes- und Kulturwissenschaften. Mit den Sophisten, bald danach mit Platon und seiner für Jahrhunderte vorbildlichen Akademie, dann mit Aristoteles beginnt ein Unterrichtswesen, das wieder später zu Grammatik- und Rhetorikschulen ausgebaut wird. Durch Rom erhält das Recht ein größeres Gewicht, und es entsteht der den Griechen noch unbekannte Juristenstand. Seit der Spätantike wird schließlich der christliche, also personale Monotheismus wesentlich; denn einen apersonalen Monotheismus kennen schon die Griechen. Der Kosmos der in und von Europa praktizierten Grundwerte wird jedenfalls immer reichhaltiger.

Bald darauf, im frühen Mittelalter, wandert der geographische Schwerpunkt Europas vom Mittelmeer weg in das überwiegend nordalpine Reich der Franken. Zugleich wird Europa zu einer religiösen, dabei kulturell vielfältig unterfütterten Einheit. Das Hochmittelalter steuert eine Institution bei, die bis heute weltweit als vorbildlich gilt, die Universität als Einheit von Forschung und Lehre. Ferner beginnen im Hochmittelalter, im Vatikan die administrative Kultur, die rationale Verwaltung, nicht zuletzt, jetzt aber nicht im Vatikan, sondern in Genua, Venedig und vor allem Florenz, eine Kultur mit dem Geld, das Bankenwesen. Weiterhin blühen erneut seit den Griechen die Literatur, die Kunst und die Musik sowie die religiöse und die profane Architektur. Und das Theater mit der Tragödie und der Komödie ergänzt sich später um geistliche und weltliche Opern, ferner um geistliche und weltliche Konzerte, nicht zuletzt um die Museen.

Mitlaufend mit diesem schon bunten Strauß von Faktoren, einem weltweit bewunderten Reichtum an Wissenschaft und Kultur, an Wirtschaft und Politik, wird Europa denn doch zu einem geographischen Begriff. Verantwortlich sind aber nicht klare Außengrenzen, es ist vielmehr die Binnenstruktur. Aus dem Zusammenwirken von sozialen und kulturellen mit religiösen und politischen Elementen entsteht der Raum einer immer engeren, immer dichteren Binnenkommunikation. Diese speist sich sowohl aus einer materiellen Kultur, einem dichten Wege- und Herbergenetz, als auch aus einer sozialen und intellektuellen Kultur, die im Fall der Pilgerwege, etwa nach Rom, Jerusalem und Santiago, miteinander verschmelzen.

Die Folgezeit, wir sind inzwischen in der frühen Neuzeit, glänzt durch eine Fülle von Entdeckungen, Erfindungen und eine humanitäre Technik, einschließlich einer wissenschaftsgestützten Medizin. Seit der europäischen Aufklärung, aber mit älteren Wurzeln kommen Toleranz, Menschenrechte und als deren Kern die Menschenwürde hinzu. Und dieses längst üppige Bukett von gemeinsamen Grundwerten wird später um Bildung und Ausbildung für jedermann bereichert, ferner um Sozialversicherungen und die Gleichberechtigung zunächst der Arbeiter, schließlich auch der Frauen, nicht zuletzt um eine Wohltätigkeit für die Armen, sogar nicht nur die von Europas, sondern die in vielen Teilen der Welt.

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