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02 2019

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Ansgar Beckermann :
Was ist das Ziel einer Naturalisierung des Geistes?

aus: Heft 2/2019, S. 32-40

Viele Philosophinnen und Philosophen denken, dass „den Geist zu naturalisieren" bedeutet zu zeigen, dass der Geist mit etwas Physischem identisch ist oder dass das Geistige über dem Physischen superveniert. Ich ziehe es vor, „Naturalisierung" auf eine Weise zu verstehen, die von der herkömmlichen Auffassung ein wenig abweicht und die tief in der wissenschaftlichen Praxis verankert ist, die wir in der Chemie, der Biologie und der Medizin finden. Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.

Antikes Griechenland

Im antiken Griechenland markierte der Geist, oder besser: die Seele (psyche), den Unterschied zwischen belebten und unbelebten Dingen. Aristoteles schreibt in De Anima: „[D]enn sie (die Seele) ist gleichsam Prinzip (arche) der Lebewesen" (1). Und in Platons Dialog Phaidon findet sich der folgende kurze Austausch zwischen Sokrates und Kebes:

[Sokrates:] „Dann sage mir [...]: ‚Was tritt in einem Körper auf, so daß dieser lebendig sein wird?'" – „Die Seele", antwortete [Kebes]. – [Sokrates:] „Ist das nun immer der Fall?" – „Aber natürlich", antwortete er. – „Was die Seele also auch immer besetzt, zu dem kommt sie immer, indem sie Leben bringt?" – „So kommt sie in der Tat", erwiderte er. (2)

Selbst die antiken Atomisten stimmen zu. Ein Lebewesen lebt, solange es eine Seele hat; es stirbt, wenn die Seele den Körper verlässt. Insofern sind sich alle im Grundsatz einig – die Seele ist das Prinzip des Lebens. Große Unterschiede gibt es allerdings, wenn es darum geht, was genau diese Seele ist. Die antiken Atomisten denken, dass auch die Seele etwas Materielles ist, etwas, das aus sehr kleinen, sich schnell bewegenden Atomen besteht. Platon dagegen hält die Seele für etwas, das sich grundsätzlich vom Körper unterscheidet – eine immaterielle Substanz, die ihrer Natur nach eher den Ideen ähnelt und die daher wahrscheinlich wie die Ideen unvergänglich ist. Und Aristoteles schreibt unter Bezug auf seine Unterscheidung von Form und Materie: „Notwendig also muß die Seele ein Wesen als Form(ursache) eines natürlichen Körpers sein (ousian einai hos eidos somatos), der in Möglichkeit Leben hat." (3)

Wichtiger ist, was die antiken Griechen unter dem „Prinzip des Lebens" verstanden. Lebewesen unterscheiden sich von unbelebten Dingen dadurch, dass sie bestimmte Fähigkeiten und Vermögen besitzen.

Das Pflanzenleben besteht nur darin, zu wachsen, Nahrung aufzunehmen und Samen neuer Pflanzen zu erzeugen [...]. Für Tiere ist das Leben auch eine Sache der Sinneswahrnehmung, des Begehrens und der Bewegung; und der Mensch besitzt außerdem noch das Vermögen zu denken. (4)

Eine erste Antwort auf die Frage, was "Die Seele ist das Prinzip des Lebens" bedeutet, könnte deshalb lauten, dass die Seele nichts anderes ist als die Summe all dieser Fähigkeiten und Vermögen. Ein Wesen ist belebt, wenn es über diese Fähigkeiten und Vermögen verfügt, und es stirbt, wenn es diese Fähigkeiten verliert. Doch diese Antwort wäre eher nichtssagend. Wenn sie zuträfe, wäre die Aussage „Die Seele ist das Prinzip des Lebens" völlig trivial. Ich denke deshalb, dass mit dieser Aussage etwas anderes gemeint ist. Denn im antiken Griechenland gab es nicht nur eine große Einmütigkeit im Hinblick darauf, dass die Seele das Prinzip des Lebens ist, fast alle waren auch der Meinung, dass Materie völlig unfähig ist, von sich aus die für Leben entscheidenden Fähigkeiten hervorzubringen (wahrscheinlich bilden die antiken Atomisten hier eine Ausnahme). Wenn ein Lebewesen entsteht, muss deshalb etwas zur Materie hinzukommen, etwas, das anders als die Materie selbst in der Lage ist, für die Entstehung der für Leben entscheidenden Fähigkeiten zu sorgen. Die Seele ist daher nicht einfach die Summe all dieser Fähigkeiten; sie ist der Grund dieser Fähigkeiten, das, was diese Fähigkeiten hervorbringt und erklärt. Jedenfalls haben auch die antiken und mittelalterlichen Physiologen den Grundsatz „Die Seele ist das Prinzip des Lebens" so verstanden.

Jean Fernel

Bei dem Versuch, den Hintergrund zu erläutern, vor dem René Descartes seine eigene Physiologie entwickelte, erwähnt Karl Eduard Rothschuh in der Einleitung zu seiner Übersetzung von Descartes' Traité de l'homme und Description du corps humain (6) das seinerzeit sehr einflussreiche Buch Universa medicina von Jean Fernel (7). In diesem Lehrbuch schreibt Fernel ausdrücklich: „Die Leistungen des Körpers gehen nicht von sich selbst noch vom Körper aus." Und: „Die Ursache für die Verrichtungen des Körpers ist die Seele". (8) Fernels Physiologie, die in ihren Grundzügen auf die antike Theorie Galens zurückgeht, beruht auf der Annahme dreier relativ unabhängiger anatomisch-physiologischer Teilsysteme. Er unterscheidet das Venensystem, das sein Zentrum in der Leber hat und das in erster Linie für Ernährung und Wachstum zuständig ist, das arterielle System mit dem Herzen als Zentrum, das den vitalen Funktionen dient, und das Nervensystem, dessen Zentrum das Gehirn ist und das unter anderem für die Sinneswahrnehmung und die willkürlichen Bewegungen verantwortlich ist. Die Funktionsweise dieser drei Teilsysteme lässt sich kurz folgendermaßen zusammenfassen: Die in den Magen gelangte Nahrung wird dort in einem dem normalen Kochen ähnlichen Prozess in einen Speisesaft, den Chylus, verwandelt. Dieser Chylus gelangt aus dem Magen und den Därmen über die Pfortader in die Leber. Dort entsteht aus ihm das venöse Blut, das von der Leber aus in alle Teile des Körpers fließt und dort versickert. Es muss also in der Leber ständig neu hergestellt werden. Vom venösen Blut gelangt ein kleiner Teil in die rechte Herzkammer. Das Herz hat – ebenso wie die Arterien – eine spezifische Fähigkeit zu schlagen, die vis pulsifica, die Fernel als Fähigkeit versteht, sich auszudehnen. Wenn das Herz sich in der Diastole ausdehnt, zieht die rechte Herzkammer venöses Blut aus der vena cava an, während zugleich die linke Herzkammer Luft aus der Lunge anzieht. Diese Luft dient hauptsächlich der Kühlung des Herzens. Wenn sich die Arterien ausdehnen, saugen sie Blut aus dem Herzen, so dass dieses sich zusammenzieht. Dabei dringt auch etwas venöses Blut durch kleine Poren in der Herzscheidewand aus der rechten in die linke Herzkammer, wo es mit der Luft aus der Lunge vermischt wird, so dass sich arterielles Blut bildet. Dieses wird durch die Arterien im ganzen Körper verteilt, wobei ein Teil auch ins Gehirn gelangt. Dort wird es mit den spiritus animales vermischt. Blut und spiritus animales sammeln sich in den Hirnhöhlen und verteilen sich von dort durch die Nerven, die als kleine Röhren vorgestellt werden, zu den Sinnesorganen und den einzelnen Muskeln.

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