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ESSAY

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Thomas Zoglauer:
Der Mythols des moralisch Gegebenen. Eine Kritik

Aus: Heft 3/2019, S. 8-16

 

Das Wahrnehmungsmodell moralischen Wissens

In der Metaethik erfährt das „Wahrnehmungsmodell moralischen Wissens" zur Zeit große Aufmerksamkeit. Dieses Begründungsmodell moralischer Urteile wird u. a. von David McNaughton (19), Robert Audi (1), Robert Cowan (6) und Andrew Cullison (7) vertreten. Es postuliert ein besonderes Erkenntnisvermögen, das man als Intuition oder moralische Wahrnehmung bezeichnen kann. Es wird behauptet, dass man unmittelbar sehen oder fühlen könne, dass eine bestimmte Handlung moralisch falsch ist. Gilbert Harman erläutert das Prinzip moralischer Wahrnehmung an einem Beispiel (14, 5): Angenommen, Sie sehen, wie eine Gruppe Jugendlicher eine Katze fängt, Benzin über sie gießt und anzündet. Jeder Beobachter würde hier sagen, dass dies grausam und moralisch verwerflich ist. Auf die Frage, warum dies moralisch falsch ist, würde man wohl die folgende Antwort erhalten: „Das sieht man doch, dass dies moralisch falsch ist." Das moralische Urteil bildet sich als unmittelbare intuitive Reaktion auf das beobachtete Geschehen. Es hat nicht-inferentiellen Charakter, da es nicht auf andere Urteile zurückgeführt werden kann, selbst aber wiederum den Ausgangspunkt für moralische Schlüsse bildet.

Benedict Smith bezeichnet die Annahme nicht-inferentiellen moralischen Wissens in Analogie zu Sellars' Kritik an der Sinnesdatentheorie als „Mythos des moralisch Gegebenen" (25). Denn diese Annahme wirft eine Reihe kritischer Fragen auf: Gibt es überhaupt so etwas wie moralische Intuition bzw. Wahrnehmung und stellt sie eine zuverlässige Quelle moralischen Wissens dar? Wie können unterschiedliche Beurteilungen desselben Sachverhalts ausgeschlossen werden? Fließt in die moralische Urteilsbildung ein Hintergrundwissen ein oder wird das Urteil allein aufgrund von Beobachtung ohne Beteiligung moralischer Regeln und Prinzipien gefällt? Ich werde im Folgenden McNaughtons und Audis Theorie moralischer Wahrnehmung vorstellen und die zentralen Kritikpunkte erläutern.

Das Wahrnehmungsmodell moralischen Wissens stellt eine Spielart intuitionistischer Ethik dar. Der Intuitionismus, wie er von G.E. Moore und W. D. Ross vertreten wird, führt moralische Urteile auf ein unmittelbar evidentes Wissen von Gut und Böse zurück. Man kann eine rationalistische und eine empiristische Variante des Intuitionismus unterscheiden. Der rationalistische Intuitionismus versteht Intuition als ein intellektuelles Vermögen, das wie eine Ideenschau auf moralische Prinzipien gerichtet ist, die nicht-inferentiell erkannt werden. Für den empiristischen Intuitionismus ist dagegen die Wahrnehmung die Basis und Quelle moralischen Wissens.

Audis Theorie moralischer Wahrnehmung

Audis Intuitionismus kombiniert rationalistische und empiristische Merkmale: Ethische Intuition ist für ihn eine Art intellektuelle Wahrnehmung, die auf Objekte, Begriffe und Eigenschaften gerichtet ist. Das moralische Wissen entsteht als unmittelbare Reaktion auf die Wahrnehmung. Timothy Chappell (5) wiederum erklärt moralische Wahrnehmung in Analogie zur Mustererkennung und Gestaltwahrnehmung. Die moralischen Eigenschaften einer Handlung bilden ein Muster, das wir genauso wie Sternbilder anhand der Konfiguration und Lage einzelner Sterne erkennen können.

Manchmal werden moralische Eigenschaften auch als sekundäre Qualitäten gedeutet. Der Vergleich moralischer Eigenschaften mit sekundären Qualitäten geht auf John McDowell zurück (17). So wie für einen idealen Beobachter ein roter Gegenstand unter normalen Bedingungen rot erscheint, so ist eine gute Tat für jeden Beobachter moralisch gut. Moralische Eigenschaften existieren demnach nicht unabhängig von unserer Wahrnehmung in der Welt, sondern existieren in der Wahrnehmung eines Objekts durch einen Beobachter. Sie sind Dispositionen, die in jedem Beobachter eine bestimmte Reaktion auslösen.

David McNaughton (19, 104) und Robert Audi (2, 24) verbinden die Theorie moralischer Wahrnehmung mit einem moralischen Realismus: Durch die Wahrnehmung habe man einen direkten epistemischen Zugang zu einer moralischen Realität, die unabhängig von subjektiven Ansichten existiert. Demnach könne man Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Gut und Böse direkt wahrnehmen und bedarf keiner Schlüsse oder Überlegungen. Dennoch ist nach Audis Meinung seine Theorie mit einem Naturalismus verträglich: Zwar sind moralische Eigenschaften keine natürlichen Eigenschaften: sie existieren nicht in der Welt und entfalten keine kausalen Kräfte. Aber sie beruhen auf wahrnehmbaren Eigenschaften, die Teil der natürlichen Welt sind und im Beobachter Reaktionen auslösen können.

Ein Beobachter nimmt ein Geschehen wahr und bildet daraus ein Urteil. Das Urteil ist der Wahrnehmung nachgeordnet (3, 707). Robert Audi erläutert dies an folgendem Beispiel (1, 61): Wenn wir sehen, wie ein Mann seine Frau schlägt, dann erkennen wir sofort, dass er ihr Unrecht tut. Nach Audi ist dies ein nicht-inferentielles Wissen auf der Basis unserer Wahrnehmung. Betrachten wir Harmans Katzen-Beispiel: Was macht die grausame Verbrennung einer Katze moralisch verwerflich? Für Audi beruht die moralische Qualität einer Handlung auf wahrnehmbaren nicht-moralischen Eigenschaften, die er Basiseigenschaften (base properties) nennt. Diese Basiseigenschaften sind moralisch relevant. Ob eine Eigenschaft moralisch relevant ist, hängt von den Umständen, der Situation und vom Handlungskontext ab. Unterschiedliche Situationen, auch wenn sie sich in nur einem Detail unterscheiden, können völlig unterschiedliche moralische Beurteilungen ergeben. Moralische Urteile sind daher in einem hohen Maße kontextsensitiv. Sie kommen ohne Regeln und Prinzipien aus. Denn Regeln verallgemeinern und behandeln unterschiedliche Fälle gleich. Moralische Wahrnehmung betrachtet dagegen nur die konkrete Situation. Man muss die besonderen Eigenschaften der Situation erkennen und wissen, welche Eigenschaften moralisch relevant sind. Auf den engen Zusammenhang zwischen moralischer Wahrnehmung und partikularistischer Ethik weisen David McNaughton und Lawrence Blum hin.

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