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Buber-Werkausgabe

Martin Buber-Werkausgabe

 

Raphael Buber, der bis zu seinem Tod der Nachlassverwalter seines Vaters in Jerusalem war, hatte gemeinsam mit Lothar Stiehm die Idee einer Martin Buber-Werkausgabe entwickelt. Stiehm hatte 1970 den Lambert Schneider Verlag in Heidelberg übernommen, der seit 1925 die Schriften Bubers in Deutschland verlegte. Nach dem Tod Raphael Bubers verfolgte dessen Tochter, die Professorin Judith Buber Agassi, das Projekt weiter. Als der Lambert Schneider Verlag seine Tätigkeit aus wirtschaftlichen Gründen einstellen musste. übernahm 1991 der Bleicher Verlag in Gerlingen die Rechte am Werk Bubers, Lothar Stiehm konnte aber als wissenschaftlicher Berater für die Buber-Texte weiter an der Gesamtausgabe arbeiten. Gemeinsam mit Willy Schottroff (1931-1997), Professor für Bibelwissenschaft an der Universität Frankfurt, entwarf er einen ausführlichen Plan für eine solche Ausgabe. 1995 wurde Schottroff gemeinsam mit Paul Mendes-Flohr, Professor für Moderne Jüdische Geistesgeschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, zum Herausgeber der Werkausgabe ernannt.

Nach dem Tode Schottroffs im Februar 1997 trat Peter Schäfer, Professor für Judaistik an der Freien Universität Berlin, an dessen Stelle. Dieser richtete 1998 eine Arbeitsstelle Martin Buber-Werkausgabe an seinem Institut ein, die von seiner Mitarbeiterin Martina Urban betreut wird. Dabei wurde das von Stiehm/Schottroff entworfene Konzept modifiziert. 1999 erwarb das Gütersloher Verlagshaus die Rechte am Gesamtwerk Martin Bubers in deutscher Sprache.

 

Geplant ist nun eine auf 21 Bände angelegte Ausgabe, die die mehr als sechs Jahrzehnte andauernde, weit verzweigte intellektuelle Tätigkeit Bubers dokumentieren und seinen Beitrag zu den kulturellen und politischen Debatten des 20. Jahrhunderts verdeutlichen soll. Vorgesehen ist zudem ein Ergänzungsband, der neben Nachträgen und Korrekturen ein Gesamtregister sowie Bildmaterial enthalten soll. Die einzelnen Bände sind chronologisch nach thematischen Gesichtspunkten strukturiert. Jeder Band enthält eine vom Bearbeiter verfasste Einführung, die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der in dem Band enthaltenen Schriften dokumentiert.

Die Ausgabe enthält keinen eigentlichen Briefwechsel (von Buber sind mehrere tausend Briefe vorhanden), einzelne Briefe werden aber aufgenommen, wenn sie die Erschließung bestimmter Sachverhalte erleichtern. Auch die von Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig begonnene und nach dessen Tod allein weitergeführte Verdeutschung der Bibel ist nicht aufgenommen.

 Der erste Band

 

Frühe kulturkritische und philosophische Schriften 1891 – 1924, bearbeitet, eingeleitet und kommentiert von Martin Treml. 396 S., Ln., € 84.—, 2001, Gütersloher Verlagshaus

 

beginnt mit „Juvenilia“, Reden, die der Jüngling auf religiösen Feiern gehalten hat. Hier nimmt neben der Bibel Schiller einen prominenten Platz ein. Schiller hatte eine schwer zu ermessende Bedeutung für die Beziehung der Juden zu Deutschland, hatte er doch als Sprecher des reinen Menschentums für Generationen von Juden das repräsentiert, was sie als deutsch fanden oder finden wollten.

 1896 kam Buber als 19jähriger zum Studium nach Wien. In den Literatencafés saßen am Nebentisch die Autoren, deren Stücke er gesehen oder zumindest gelesen hatte. Über sie schrieb er Zur Wiener Literatur, die erste Arbeit, die Buber veröffentlichte. Der Band veröffentlicht erstmals Bubers Kollegienbücher und Abgangszeugnisse, sodass man rekonstruieren kann, welche universitären Veranstaltungen Buber besuchte. Großen Einfluss auf Buber hatte Schopenhauer, und so ist es nicht erstaunlich, dass er über diesen eine akademische Arbeit Zu Schopenhauers Lehre vom Erhabenen geschrieben hat. Noch größer war der Einfluss Nietzsches, dieser habe, so schreibt Buber, „in der Weise des Überfalls und der Freiheitsberaubung gewirkt, und es hat lang gedauert, bis ich mich loszumachen vermocht habe“. Es existieren zwei Arbeiten Bubers zu Nietzsche, Zarathustra und Ein Wort über Nietzsche und die Lebenswerte.

 1898 wurde Buber Zionist. Er gründete im selben Jahr nicht nur in Leipzig eine zionistische Ortsgruppe und einen jüdischen Studentenverein, sondern machte auch in der jungen zionistischen Bewegung schnell Karriere und gehörte bald zum engeren Kreis der Führung. 1901 hielt er auf dem 5. Zionistischen Kongress in Basel ein berühmt gewordenes Referat über jüdische Kunst. Er forderte darin   eine geistige Wiedergeburt des Judentums und geriet damit in Widerspruch zu den „Vätern“ um Theodor Herzl. In Bubers frühen zionistischen Schriften finden sich überall Spuren Nietzsches. In ihnen fließt das Pathos der Erneuerung mit einer aristokratischen Verachtung des größtmöglichen Glücks der größtmöglichen Zahl.

Durch sein zionistisches und literarisches Engagement hatte Buber das Studium vernachlässigt – was bei seiner Familie, die ihn finanziell unterstützte, nicht auf Gegenliebe stieß. Gegenliebe stieß. Als Buber nun selbst Frau und Kind zu ernähren hatte, quälten ihn Geldsorgen. Er schrieb nun, gefördert von Herzl, dem Feuilletonredaktor der Neuen Freien Presse verschiedene journalistische Arbeiten, vor allem Buchbesprechungen, von denen die Texte Zwei Bücher nordischer Frauen, Freude des Lebens und die Abenteuer des kleinen Walther in dem Band abgedruckt sind.

 Nach dem Universitätsabschluss war Buber orientierungslos. Weder wusste er, wo er sich mit seiner Familie niederlassen noch, welche Tätigkeit er ausüben sollte. Da sprang die Großmutter ein und finanzierte einen einjährigen Aufenthalt in Florenz, gleichsam zur Besinnung. Für Buber stellte das einen Wendepunkt dar: Er entdeckte den Chassidismus neu und damit wurde, wie er sagt, die Tradition „zum tragenden Grund des eigenen Denkens“.

Daniel, so schreibt der Herausgeber, „mag man heute nur noch unter Anstrengung und mit einem sich einstellenden Gefühl von Peinlichkeit lesen“. Die realisierende Tat wird hier zum Zeichen des Göttlichen, und damit wird, so legt das Motto nahe, das Buber allerdings bei dem späteren Wiederabdruck gestrichen hat, der Mensch gottgleich. Allerdings war der Text bei seinem Erscheinen bei der jüdischen Jugendbewegung auf Begeisterung gestoßen; er habe, so schrieb Gershom Scholem, den Kult der „ästhetischen Ekstase“ inauguriert. Andere halten diese Gespräche Nietzsches Zarathustra für ebenbürtig. Sie sind von einer Faszination am Erlebnis schlechthin geprägt, in der sich Nietzsche-Lektüre, Lebensphilosophie und Jugendbewegung mischen und die Ausdruck von Bubers damaliger Existenz waren.

Den Ersten Weltkrieg sah Buber als Möglichkeit, den Erlebnishunger mit enthemmtem Patriotismus auszuleben. Man nennt die Zeit der ersten Kriegsjahre die des „Kriegsbubers“. „Die Zeit ist freilich wunderschön, mit der Gewalt ihrer Wirklichkeit und mit dieser ihrer Forderung an jeden von uns“ schrieb er. 1916 geriet jedoch Buber, der selber nicht aktiv am Krieg teilnahm, durch    einen Brief seines Freundes Landauer in eine tiefe Krise. Darin sprach Landauer Buber jedes Recht ab, „über die politischen Ereignisse der Gegenwart zu sprechen“: „Es kommt dabei völlig Unzulängliches und Empörendes heraus“. Buber hatte in einem Text den gegenwärtigen Krieg zu den Gipfelpunkten    abendländischer Geschichte gezählt, was für Landauer reinste Kriegspropaganda war.   Eine Abkehr von diesem Schrifttum stellt der im Band abgedruckte Text Was ist zu tun? dar, der erstmals in der Frankfurter Allgemeinen erschienen war. Buber nimmt hier in aller Öffentlichkeit Abschied von Erlebnismystik und Kriegsbegei­sterung




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