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Philosophie des Geistes: Wolfgangs Singers Sicht auf die Willensfreiheit

PHILOSOPHIE DES GEISTES

Wolf Singers Sicht auf die Willensfreiheit


Neben Gerhard Roth ist in der Diskussion um die Willensfreiheit von den Hirnforschern immer wieder Wolf Singer als Vertreter derjenigen genannt worden, die die Willensfreiheit als Illusion bezeichnen. Doch was behauptet Wolf Singer wirklich? In seinem Aufsatz

Singer, W.: Conditio humana aus neurobiologischer Perspektive (in: Peschl, Markus, Hrsg., Die Rolle der Seele in Kognitions- und Neurowissenschaft, 270 S., kt., € 25.—, 2005, Königshausen und Neumann)

führt er dies konkret aus. In der Ersten-Person-Perspektive erfahren wir uns als freie und folglich als verantwortende, autonome Agenten. Gleichzeitig können wir bestimmte Attribute unseres Menschseins, etwa Glück, Schmerz, Leid, Stolz, nur aus der Ersten-Person-Perspektive erschließen. Sie existieren nur dann, wenn sie erfahren werden. Wir erleben diese Realitäten, Qualia genannt, als solche einer immateriellen Welt, an deren Existenz unsere Selbstwahrnehmung ebenso wenig Zweifel aufkommen lässt, wie unsere Sinneswahrnehmungen Zweifel aufkommen lassen, dass die dingliche Welt um uns existiert. Ein Konflikt tritt auf, als wir uns gleichzeitig und mit der gleichen Überzeugung auch der materiellen Welt zugehörig wissen. Wir wissen auch, dass das Verhalten von Organismen Gegenstand von evolutionären Ausleseprozessen ist. Folglich muss sich jede Komponente des von außen beobachtbaren, messbaren und objektivierbaren Verhaltens als Folge von Prozessen darstellen lassen, die wie die Evolution selbst, im Rahmen naturwissenschaftlicher Beschreibungssysteme fassbar sind. Da, wie sich herausgestellt hat, Verhalten ganz wesentlich von Prozessen im Nervensystem abhängt, ist es zum Anliegen der Hirnforschung geworden, den Kausalzusammenhang zwischen neuronalen Prozessen und Verhalten zu erforschen. Jedwedes Verhalten, das auf neuronale oder andere organische Bedingtheiten zurückgeführt werden kann, muss demnach den Naturgesetzen unterworfen sein, die für alles Dingliche gelten.

Die zunehmende Verfeinerung der Beobachtungsinstrumente und der Theoriebildung hat die Möglichkeit eröffnet, auch die höheren kognitiven Leistungen komplexer Gehirne als objektivierbare Verhaltensleistungen aus der Dritten-Person-Perspektive darzustellen und zu analysieren. Schon jetzt zählen zu diesen behandelbaren Leistungen solche, die wir auch aus der Ersten-Person-Perspektive kennen. Darunter fallen z.B. die Fähigkeiten wahrzunehmen und zu erinnern, Aufmerksamkeit selektiv auf ganz bestimmte Reize zu lenken und von anderen abzuziehen, zwischen Reaktionsoptionen auszuwählen und zu entscheiden, reflektorische Handlungen zu unterstützen usw. Alles das sind Verhaltensmanifestationen, die wir aus der Dritten-Person-Perspektive objektivierbar beschreiben, somit auch an Tieren beobachten und auf neuronale Prozesse zurückführen können. Diese beobachtbaren kognitiven Leistungen sind mit den zu Grunde liegenden neuronalen Prozessen nicht identisch, sondern ergeben sich aus ihnen: Diese Verhaltensleistungen sind emergente Eigenschaften neuronaler Vorgänge. Das heißt, dass die kognitiven Funktionen mit den physikochemischen Interaktionen in den Nervennetzen nicht gleichzusetzen sind, aber dennoch kausal erklärbar aus diesen hervorgehen.

Im Laufe unserer kulturellen Geschichte haben wir zwei parallele Beschreibungssysteme entwickelt, die Unvereinbares über unser Menschsein behaupten. Unsere Außen- und unsere Selbstwahrnehmung sind inkompatibel. Singer will nun diesen Widerspruch im Rahmen einer naturalistischen Interpretation auflösen. Dies impliziert, dass die für die Emergenz von Qualitäten, die wir aus der Ersten-Person-Perspektive kennen, Erklärungen gefunden werden müssen, die mit naturwissenschaftlichen Beschreibungssystemen kompatibel sind.

Die Intuition legt uns nahe, es müsse irgendwo im Gehirn ein Zentrum geben, in dem alle Verarbeitungsergebnisse zusammenkommen, um einer kohärenten Interpretation unterworfen zu werden. Dort wäre der Ort, wo entschieden und geplant wird, und dort müsste sich auch das „Ich“ konstituieren. Nun wissen wir aber nach Singer heute, dass sich unsere Intuition in diesem Punkte auf dramatische Weise irrt. Schaltdiagramme der Vernetzung der Hirnrindenareale lassen jeden Hinweis auf einen hierarchischen Aufbau mit einem Konvergenzzentrum vermissen. Es gibt keine Kommandozentrale, in der entschieden werden könnte, in der das „Ich“ sich konstituieren könnte. Wir haben ein hochvernetztes, distributiv organisiertes System vor uns. In diesem laufen eine riesige Zahl von Operationen gleichzeitig ab, die in ihrer Gesamtheit zu kohärenten Wahrnehmungen und koordiniertem Verhalten führen und ohne Konvergenzzentrum auskommen.

Hier, so betont Singer ausdrücklich, verlasse er den Bereich gesicherten Wissens und begebe sich in den Bereich der Vermutungen. Neuronale Erregungsmuster führen nur dann zu bewussten Empfindungen und Wahrnehmungen, wenn sie ein kritisches Maß an Kohärenz, an Ordnung, an Synchronisation aufweisen und diesen Zustand über hinreichend lange Zeit aufrecht erhalten können. Dies impliziert, dass nicht alle vorbereitenden Prozesse – und diese müssen bereits auf sehr komplexen Selbstorganisationsvorgängen beruhen – ins Bewusstsein gelangen. Manche der vom Gehirn ausgewerteten Signale haben sogar prinzipiell keinen Zugang zum Bewusstsein. So haben wir keinen bewussten Zugriff auf Informationen über unseren Blutdruck oder das Niveau des Blutzuckerspiegels, obgleich diese Variablen sehr sorgfältig gemessen, vom Gehirn ausgewertet und in Regulationsprozesse umgesetzt werden. Nur die Aspekte, denen wir Aufmerksamkeit schenken, werden uns bewusst und nur diese können wir im deklarativen Gedächtnis abspeichern, und nur über diese können wir später berichten. Doch auch die unbewussten Verarbeitungsprozesse hinterlassen Gedächtnisspuren und beeinflussen zukünftiges Handeln. Aber wir werden uns dieser Handlungsdeterminanten nicht bewusst.

Eine Voraussetzung für die Konstitution eines Selbst, das sich frei fühlt, ist die soziale Interaktion. Singer sieht unser Selbstmodell wesentlich dadurch geprägt, dass wir uns in den kognitiven Funktionen, in der Wahrnehmung des je anderen spiegeln können. Eine zweite Funktion, über die dialogfähige Gehirne verfügen müssen, ist sprachliche Kommunikation. Die Gehirne müssen in der Lage sein, abstrakte Relationen symbolisch zu koordinieren und syntaktisch zu verknüpfen. Singer zufolge werden neuronale Prozesse erst dann bewusst, wenn sie sich Lösungen nähern. Deshalb bleibt die Erfahrung, frei zu sein, widerspruchsfrei, weil wir uns der Aktivitäten nicht gewahr werden, welche die Entscheidungen vorbereiten. Die Strebungen und Motive, die uns letztlich dazu gebracht haben, etwas Bestimmtes zu tun, bleiben uns verborgen. Auch ein Abwägungsprozess beruht auf neuronalen Prozessen und folgt Szenarien deterministischer Naturgesetze. Die Variablen, auf denen der Abwägungsprozess beruht, sind jedoch abstrakter Natur und nach sehr komplexen Regeln miteinander verknüpft.

Wie Singer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 28. April 2006 ausführte, beruhen viele der Probleme, die man mit Determinismus verbindet, darauf, dass man damit Konzepte der positivistischen Physik des 19. Jahrhunderts verknüpft: „Sie denken dabei an lineare Prozesse, in denen alles abläuft wie in Uhrwerken…Aber so ist es nicht. Bei unseren Gehirnen handelt es sich um komplexe, sich selbst organisierende, nicht-lineare Systeme, die zudem noch interagieren.“ Für Singer findet das, was ein Philosoph als Abwägen von Argumenten im Bewusstsein beschreibt, in komplexen neuronalen Netzwerke statt, die über die Hirnrinde verteilt sind und in denen genetische und durch Erfahrungen eingeprägte Vorgaben und Regeln existieren. Für ihn werden diese Netzwerkzustände durch Wissen beeinflusst, das aus dem Gedächtnis abgerufen wird, von Argumenten, wie auch von Zwischenergebnissen des Abwägungsprozesses, die im Kurzzeitspeicher liegen. All dies basiert auf neuronalen Erregungsmustern, die untereinander einen möglichst kohärenten Zustand suchen. Wenn man nun subjektiv meint, man hätte in einem bestimmten Augenblick anders handeln können, so ist diese Meinung nach Singer wahrscheinlich falsch. Denn „alle diese Vorgaben legen fest, was von einem bestimmten Zustand aus als nächstes im Gehirn geschieht. Dass einige dieser Faktoren ins Bewusstsein dringen und wir unsere Entscheidungen als frei gewählt wahrnehmen, bedeutet nicht, dass die neuronalen Prozesse keinem deterministischen Mechanismus gehorchen“.





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