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20. Jahrhundert: Franz Rosenzweigs Philosophie

20. JAHRHUNDERT

Franz Rosenzweigs Philosophie

Der Personenkreis, der sich mit Franz Rosenzweig beschäftigt, ist überschaubar. Daran ist nicht zuletzt Rosenzweig schuld, denn er hat seine Gedanken in eine Sprache gefasst, die schon zu seiner Zeit schwer verständlich war. Von seinem philosophischem Hauptwerk, dem Stern der Erlösung, hatten manche den Eindruck, es handle sich um ein theologisches Werk.

In den bislang erschienenen Arbeiten zu seiner Philosophie konzentrieren sich die Kommentatoren auf seine Dialogphilosophie und auf die Möglichkeit einer Auswertung seines Denkens für die christlich-jüdische Verständigung.
Katrin J. Kirchner hat nun in ihrer Arbeit

Kirchner, K.J.: Franz Rosenzweigs Theorie der Erfahrung. 190 S., kt. € 29.80, 2005, Königshausen und Neumann, Würzburg

die Entwicklung seines Denkens dargestellt.

Einseitige Rezeption durch christliche Denker

Rosenzweig stand lange im Schatten von Martin Buber, dessen Dialogphilosophie eine stärkere Rezeption als die von Rosenzweig erfahren hatte. Es ist vor allem Lévinas zu verdanken, dass das Interesse an Rosenzweig in den letzten Jahren zugenommen hat. Lévinas hat seine auf der absoluten Transzendenz des Anderen basierende Ethik auf Rosenzweigs pluralistischem Denken aufgebaut. Und Lévinas ist einer der wenigen, die sich Rosenzweigs Gedanken nicht nur zu eigen gemacht, sondern auch weiterentwickelt haben. Zu letzteren ist auch der Religionsphilosoph Richard Schaeffler zu zählen, der nicht nur versucht hat, die Ansätze Rosenzweigs und seines Lehrers H. Cohen verstehend zur Hermeneutik der religiösen Sprache des Christentums anzuwenden. Insgesamt wurde Rosenzweig im deutschen Sprachraum meist von christlichen Theologen und Philosophen rezipiert. Einige davon – z. B. B. Casper, H.J. Görtz, B. Grümme – haben versucht, den Ansatz Rosenzweigs auf die Theologie zu übertragen. Ihnen ist es auch ein Anliegen, sein Denken als christlich-jüdisches Vermittlungsangebot zu verstehen; hier steht das Interesse an der dialogischen Philosophie im Vordergrund.

Der Einfluss von Hans Ehrenberg

Auf die Entwicklung des jungen Rosenzweig übte Hans Ehrenberg (1893-1958) großen Einfluss auf. Ehrenberg seinerseits hatte sein Doktorat bei Windelband abgeschlossen und war als dessen Schüler anfangs davon überzeugt, dass die Erneuerung des Hegelianismus ein lohnenswertes Programm sei. Bald jedoch wechselte er die Seite und Ehrenbergs Kritik an den zeitgenössischen Hegelianern und Kantianern fand bei Rosenzweig eine nahezu euphorische Zustimmung. Deren Hauptfehler bestand seiner Ansicht nach darin, nicht mehr zwischen der erfahrbaren Umgebung und der Vorstellungswelt zu unterscheiden. Er warf Hegel vor, Logik und Wirklichkeit derart verwoben zu haben, dass sie schon bei der Evolution des Geistes in der Geschichte kaum mehr auseinanderzuhalten seien. Ehrenberg meinte, dass sich die Wirklichkeit aus der „Umklammerung“ der Logik mit Hegels dialektischer Methode selbst „befreien“ lasse und genau dies wollte Rosenzweig in seinem Stern der Erlösung in Form eines Systems leisten. Dabei versuchte er alle Fachgebiete der Philosophie abzudecken: von der Logik über Ethik und Ästhetik bis zur Religionsphilosophie.

Rosenzweigs System

Schon die Anfangsbedingungen seines Systems setzte Rosenzweig anders als seine Vorgänger. Er orientierte sich dabei am Systembegriff Viktor von Weizsäckers (1886-1957). Dieser hatte auf einen allumfassenden, universalen Ausgangspunkt verzichtet. Das System sollte lediglich Zusammenhänge zeigen, die sich im Lebensvollzug des Einzelnen bilden. Entsprechend verstand Rosenzweig System als Sinnhorizont, dessen Mittelpunkt der Mensch selbst ist.

Ausgangspunkt ist also die geschichtliche Person, die sich in ihrer Welt immer schon vorfindet, ehe sie eine Aussage trifft. Systemtragend kann daher nicht mehr eine sich selbst begründende und Wissen gebärende Denkstruktur sein. Zusammenhang entsteht vielmehr nur im täglichen Streben der Menschen nach Beziehung zum Anderen und im Aufbau einer Gemeinschaft. Für Kirchner suchte Rosenzweig hier eine Lösung anzubieten, die nahezu der Quadratur des Kreises entspricht – nämlich in einem System mit umfassender, objektiver Aussagekraft der Subjektivität Raum zu geben. Für Rosenzweig liegt der Fehler bei Hegel nicht darin, ein System entworfen zu haben, sondern darin, dass er sein System gegenüber der vielgestaltigen Welt als primär behauptete. Dabei war sich Rosenzweig der Schwierigkeit seines Vorgehens durchaus bewusst. Worin liegt die Brücke zwischen Subjektivität und Objektivität? Rosenzweigs Antwort: „Jene Brücke vom Subjektivsten zum Objektivsten schlägt der Offenbarungsbegriff der Theologie.“

Wenn ein Wissenssystem niemals die gesamte Wirklichkeit erfasst, dann ist das Wissen um den Menschen, um die Welt und um Gott nicht deckungsgleich mit dem Menschen, der Welt und Gott selber. Rosenzweig beschreibt diesen Unterschied, indem er für alle drei jeweils einen Meta-Bereich anzeichnet, innerhalb dessen das „Wissen über…“ jeweils nur als Teilmenge erscheint. So hatte die Ethik den Menschen bisher nur als sittliche Persönlichkeit bzw. als Vertreter der allgemeinen Menschheit im Blick. Um hervorzuheben, dass Mensch-Sein aber mehr bedeutet, als zum Gehorsam auf ein unpersönliches Sittengesetz verpflichtet zu sein, charakterisiert Rosenzweig ihn als metaethisch. Entsprechend die Welt. Sie kann wissenschaftlich nur über Naturgesetze erfasst werden, die entsprechend dem Kausalgesetz und weiteren logischen Prinzipien formuliert sind. Da die Welt aber mehr bedeutet als ein Naturgesetz, soll sie nun als metalogisch verstanden werden. In seinem System wird also der begrenzte Realitätsbezug der Wirklichkeitselemente als Elemente bewusst gehalten. Dabei war Rosenzweig stark von Cohens Religionsphilosophie beeinflusst.

Unzulässige Zurückführungen

Rosenzweig führt die Grundelemente axiomatisch ein. Dass es drei (Gott, Welt und Mensch) sein müssen, übernimmt er von seinen Vorgängern. Als Axiome können sie nicht aus anderen Aussagen abgeleitet werden und sind nicht aufeinander zurückführbar. Die großen Irrtümer in den Methoden seiner Vorgänger entstanden nach Rosenzweig durch unzulässige Vertauschungen und Aufhebungen der Wirklichkeitselemente untereinander. In seiner Arbeit Das neue Denken nennt er verschiedene Optionen solcher unzulässiger Zurückführungen: Dem Pantheismus liegt die Rückführung der Welt und des Menschen auf Gott zugrunde; für den Solipsismus und den Idealismus ist die Zurückführung der Welt auf den Menschen kennzeichnend, und in empiristisch-materia-listischen Modellen wird die Stelle Gottes gar nicht mehr besetzt und der Mensch auf die Welt zurückgeführt. Der Mensch reiht sich dann selber in den Entwicklungsprozess der Natur ein und unterscheidet sich qualitativ nicht mehr von anderen Tieren. Mit dieser Methode lässt sich für Rosenzweig die reduktionistische Tendenz jeder Einheitstheorie, eines jeden „ismus“ gut benennen.

Die drei Wirklichkeitselemente

Da die drei Wirklichkeitselemente als untereinander transzendent vorzustellen sind, sollen ihre Begriffe einerseits inhaltlich vollkommen erfassen, was das ihnen zugehörige Wesen ausmacht und in diesem Sinne „unendlich“ sein. Andererseits müssen sie auch die jeweilige Begrenztheit der Wesenheiten aussagen, und das, was sie voneinander unterscheidet. So tragen die Grenzbegriffe des Wissens eine urtümliche Spannung in sich. Was über sie ausgesagt werden kann, erschließt sich für Rosenzweig mit Hilfe einer Symbolsprache, auf die ihn Schellings Weltalter-Fragmente brachten.

Der Tod als Grundbegriff

Ein Hauptmotiv seines Denkens lag nun darin, die Stellung des Menschen im System zu überdenken. Dabei spielt die Grenzsituation der Todesfurcht eine wichtige Rolle. Für Rosenzweig ist der Tod ein Grundbegriff, und die Todesfurcht die Erfahrung der Selbstheit. Er glaubt in der Todesfurcht Grundsätzliches über das Wesen des Menschen zu lesen. In der Angst vor dem eigenen Ende ist jeder Einzelne einmal mit sich selbst allein. Sie ist nicht auf andere übertragbar, weil niemand einen anderen im Sterben vertreten kann. Hier sieht Rosenzweig den Menschen mit der elementaren Einsamkeit konfrontiert, die auf die unauflösliche Verkettung seines Ichs mit seiner Existenz zurückgeht.

Rosenzweig geht es als systematischem Denker immer um die Wirklichkeit als Ganzes. Er kann sie aber nicht als zeitlos fassen, da er die eigene, unausweichliche Bedürftigkeit nicht ausklammern darf; sie ist schließlich selbst Bestandteil des Ganzen. Rosenzweig war sich darüber im klaren, dass dies auch für sein eigenes Schaffen gilt, auch sein „neues Denken“ bleibt so vorläufig wie die Arbeiten seiner Vorgänger. Hinzu kommt das Unberechenbare, das es zu benennen gilt, ohne es zu fixieren, was eine Herausforderung für die Philosophie bedeutet. Um dies zu meistern, führt er den Begriff des Glaubens ein. An das unberechenbare Zukommen glauben zu müssen, verweist aber bereits auf eine andere existentielle Erfahrung, an der er das Verhältnis des Individuums zum anderen zu bestimmen suchte und die er Offenbarung nannte.

Die Todeserfahrung und die Erfahrung der Begegnung als Offenbarung werden zusammen zu Faktoren, die den Betroffenen nicht nur an seine Bedürftigkeit erinnern, sondern auch weitere Gestaltungspotentiale für sein Leben erschließen; es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen ihnen. Indem Rosenzweig das menschliche Leben primär zwischen seinen Eckdaten Geburt und Tod betrachtet, band er in seiner Definition des Menschen Seele und Leib fest zusammen. Jede Philosophie, die jeweils eine Seite der anderen unterordnet, beschreibt den Menschen einseitig.

Die Begegnung mit dem Fremden

Das Selbst muss sich konfrontieren lassen mit einem Anderen, den er nicht von sich aus entdeckt. Das Ich tritt bei Rosenzweig erst einem Du gegenüber in Erscheinung. Im Selbst manifestiert sich die Individualität einer Person, die sie von jedem anderen abgrenzt und umgekehrt den Anderen von ihr. So wie Rosenzweig seine Aussagen über die Todesfurcht an die konkrete Existenz band, sucht er auch die Begegnung mit dem Fremden als eine solche Erfahrung zu beschreiben und nicht als allgemeines Prinzip zu postulieren. Daher führt er die Liebe ein als eine Form individuell aufgebauter Beziehung, die immer nur in der Gegenwart der jeweiligen Person wirkt. Im Gebot „Liebe Deinen Nächsten, er ist wie Du“ sieht Rosenzweig den Ausdruck dafür, wie dem zufälligen, unausgesuchten Nachbarn zu begegnen ist, einem Nachbarn, der – unabhängig von Nähe und Ferne im persönlichen Verhältnis zu ihm – immer zum Teil fremd bleiben wird. Auch die Erfahrung des Menschen zu Gott sieht Rosenzweig über die zwischenmenschliche Beziehung aufgebaut. Dabei verknüpft er die Beziehung zwischen Mensch und Mensch mit der Beziehung zwischen Mensch und Gott in einer Weise, dass beide Beziehungen voneinander abhängen; zugleich gehen sie aber nicht ineinander auf. Die festgestellte Transzendenz zwischen Gott, Mensch und Welt soll sich auch hier durchhalten, wenn die drei Elemente miteinander in Beziehung treten.

Interpersonale Beziehung entsteht bei Rosenzweig, wenn eine Person ihrem Gegenüber antwortet, indem sie sich zu ihm als ihrem Nächsten hinwendet. Die Begegnung zweier Personen muss sich aber erweitern und befestigen in einem größeren Gefüge aus Beziehungen. Dabei ist der Begriff des Nächsten zugleich ein Schlüssel für die Erklärung, wie ein Sinnganzes entsteht. Eine erste Verbindung zwischen dem einzelnen Nächsten und der Gesamtheit aller besteht in der Unausgesuchtheit des Nächsten selbst. Der Nächste ist das erste Bindeglied, insofern er jeder bzw. alles sein kann. Als Einzelner Stellvertreter für alles zu sein, ist nach Rosenzweig Bedingung dafür, dass sich Sinnzusammenhänge vom Einzelnen zum Einzelnen aufbauen können. Stabile Beziehungen, die einer Gruppe von Menschen einen festen Halt bieten, gibt es in der Welt, wie wir sie erleben, immer nur in Ansätzen. Rosenzweig sieht solche Gemeinschaften sich in die Zukunft hinein zu einer wachsenden Einheit vervollkommnen. Die Offenbarung ist dabei für eine solche Gemeinschaft das historische Gründungszeugnis, die in ihrer mündlichen und schriftlichen Überlieferung aufbewahrt ist. Umgekehrt bleiben solche Gemeinschaften stets unvollkommen, der Grund liegt in der Zukunftsoffenheit des Lebens und dem Werden der Welt. Das heißt, es kann immer nur zu partikularen Zusammenschlüssen von Personen auf der Basis gemeinsamer Erfahrung und Erinnerung, die sich über die Innenperspektive der jeweiligen Gemeinschaft erschließen, kommen. Wenn die Angehörigen einer Gemeinschaft versuchen, die Welt im Ganzen zu verstehen, bleiben sie immer in ihrer eigenen Lebenswelt.






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