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Wittgenstein: Lütterfelds sieht Wittgenstein als metaphysischen Essentialisten

WITTGENSTEIN

Wittgenstein als metaphysischer Essentialist


Nach dem üblichen Verständnis hat Wittgenstein in seiner Spätphilosophie mit der These der Familienähnlichkeit, des Regel-Skeptizismus sowie der Vagheit der Begriffe die traditionelle Wesensmetaphysik verabschiedet. Die Dinge seien nicht durch ein Essentiell-Allgemeines miteinander verknüpft, sondern durch ein Bündel von Verwandtschaftsbeziehungen. Falsch, stellt der Passauer Philosoph Wilhelm Lütterfelds in seinem Aufsatz

Lütterfelds, Wilhelm: Familienähnlichkeit als sprachanalytische Kritik und Neukonzeption des metaphysischen Essentialismus?, in: Gloy, Karen (Hrsg.): Unser Zeitalter – ein postmetaphysisches?, 400 S., kt., 2004, € 49.80, Königshausen und Neumann, Würzburg

versieht die Behauptung jedoch mit einem Fragezeichen.

In seinem mittleren und späteren Werk spricht Wittgenstein in einer schwer überschaubaren Fülle vom Wesen aller Dinge: vom Wesen der Sprache, des Dargestellten, des negativen Satzes, der Absicht, der Theorie usw. Für Lütterfelds wäre es eine zu billige Lösung, die in diesen Beispielen beeindruckend belegte Philosophie des Wesens bei Wittgenstein einfach durch die der Familienähnlichkeit zu ersetzen. Denn selbst wenn dies in den einzelnen Beispielen mehr oder weniger glückt, bleibt immer noch die Frage, was Wittgenstein unter dem „Wesen“ selbst in all diesen Fällen versteht. Dagegen spricht auch Wittgensteins eindeutige Feststellung „Das Wesen ist in der Grammatik ausgesprochen“. Philosophie des Wesens ist eine Philosophie der Grammatik – und das war sie in den klassischen Konzeptionen der Wesensmetaphysik samt deren Aktualisierungen nicht. Dieser traditionellen Metaphysik hält Wittgenstein nun eine folgenschwere Verwechslung vor: sie verwechsle „sachliche“ Untersuchungen mit „begrifflichen“, so wie generell Philosophen infolge der Sprachverführung dazu neigen, Aussagen aufgrund ihrer Oberflächengrammatik als wahrheitsfähige Aussagen über metaphysische Sachverhalte (wie z.B. das Wesen) misszuverstehen.

Demgegenüber macht Wittgenstein geltend, dass philosophische Untersuchungen „begriffliche“ sind. Begriffe sind die Form, die Art und Weise, wie wir sprachlich die Wirklichkeit inhaltlich darstellen. Begriffe sind primär Möglichkeitsbedingungen unserer sprachlichen Darstellung der Welt, also jener Regeln unserer Grammatik, worin die korrekte Gebrauchsweise der Ausdrücke unserer Sprache festgelegt ist, in denen wir uns objektiv und wahrheitsfähig auf die Wirklichkeit beziehen. Dieses Verständnis von „Begriffen“ heißt traditionellerweise „transzendental“. Das transzendentale Konzept des Begriffs wie auch der Grammatik beinhaltet deren wirklichkeitskonstitutive Funktion, was beim mittleren Wittgenstein die „Autonomie der Grammatik“ zur Folge hat.

In Übereinstimmung mit der platonischen Tradition bezeichnet Wittgenstein das Wesen gelegentlich auch als Unvergleichliches, als Anderes. Dinge sind dann eine „Mischung“ von Wesentlichem und Unwesentlichem. „Wesentlich“ ist aber „nie die Eigenschaft des Gegenstandes, sondern das Merkmal des Begriffes“. Das heißt nun nicht, dass Wittgenstein das Wesen der Gegenstände durch das Wesen der Begriffe ersetzen und Philosophie auf eine für die Gegenstände irrelevante Begriffsanalyse reduzieren möchte. Denn wenn es unsere Begriffe als grammatische Regeln unserer Ausdrucksgebrauchs sind, in denen festgelegt ist, auf welche „Art“ von Gegenstände wir uns sprachlich beziehen, dann sind es diese Begriffe, in denen das Wesen der Gegenstände selber vorliegt. Wenn man aber das Wesen der Dinge gleichsam hinter ihren Erscheinungen sucht, verwechselt man in der philosophischen Fragestellung sachliche mit begrifflichen Interessen und versteht unter dem „Fundament“ oder „Wesen“ des Empirischen so etwas wie einen besonderen metaphysischen Gegenstand im Sinne Platons. Philosophische Interessen richten sich aber nicht auf die „Erscheinungen“, sondern auf die „Möglichkeiten der Erscheinung“. Diese werden in der „Art der Aussagen“, die wir über die Erscheinung machen“, greifbar. Und diese Art durchschauen heißt, ihren Begriff und mit ihm das Wesen einer Sache erfassen. Deshalb ist begriffliche Analyse der Philosophie eine „grammatische“.

Ist der Unterschied von Erscheinung und Wesen ein Unterschied zwischen einer Sache und ihrer sprachlichen bzw. grammatischen Möglichkeitsbedingung, dann bedeutet, das Wesen einer Sache ermitteln, nicht, dass man deren begriffliche Wesensdefinition erstellt, sondern dass man eine „übersichtliche Darstellung“ über den Gebrauch eines bestimmten Ausdrucks zu gewinnen versucht. Denn allein in der „übersichtlichen Darstellung“ eines Ausdrucksgebrauchs und der darin liegenden Ordnung wird jene „Darstellungsform“ greifbar, die die „Art ist, wie wir die Dinge sehen“ und eben damit ihr Wesen.

In einer solchen Darstellung wird aber eben nicht im Unterschied zu den nichtphilosophischen Alltagsbegriffen der Dinge das Wesen einer Sache erfasst, so dass es auch einen nichtalltäglichen, philosophischen Ausdrucksgebrauch der Sprache geben könnte, der metaphysisch wäre und das Wesen einer Sache eigens begriffe. Andernfalls entsteht in der Tat das philosophische Scheinproblem des Wesens dadurch, dass die Sprache „feiert“, also nicht im alltäglichen Sinne verwendet wird und man in die Sackgasse einer philosophischen Sprache gerät, „wo die gewöhnliche Sprache uns zu roh erscheint“.

Lässt sich das Wesen einer Sache nur in der alltäglichen Verwendung der Ausdrücke fassen, in der Ordnung ihrer sprachlichen Darstellungsweise, dann ist das Wesen nicht dasjenige, was sich im vielfältigen Gebrauch eines Ausdrucks als das beschreibbare, sachliche Gemeinsame durchhält. Sondern greifbar ist ein derartiges „Essentielles“ nur in der Struktur ihrer Verwendung eines Ausdrucks, die durch Familienähnlichkeit geprägt ist und die z. B. in einer bestimmten Vielfältigkeit des Ausdrucksgebrauchs kreist. Entsprechend bedeutet, das Wesen einer Sprache verstehen wollen, keineswegs, dass man sich auf etwas bezieht, was irgendwie verloren wäre und nicht gesehen werden könnte. Vielmehr liegt es in unserem alltäglichen Sprachgebrauch „offen vor unseren Augen“, und es ist die Grammatik unserer Ausdrücke, die wir nicht verstehen, wenn wir nach dem Wesen der Dinge fragen. Insofern kann Wittgenstein den klassischen Essentialismus durch seine These der Familienähnlichkeit ersetzten. Damit ist er aber weit entfernt von einer positivistischen Destruktion der Philosophie des Wesens. Im Gegenteil: Seine „begrifflichen“ Untersuchungen stellen den Versuch dar, eine grammatisch angemessene Konzeption des Essentialismus zu liefern, so dass man zu Recht von einer „grammatischen Rehabilitierung“ der Wissensmetaphysik bei Wittgenstein sprechen kann.





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