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04 2019

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Martin Carrier, Maria Kronfeldner, Maria-Sibylla Lotter und Elif Özmen:
Ausgrenzung oder Diskurs? Fragen des Umgangs mit extremen Positionen

aus: Heft 4/2019, S. 36-47
 
 
An der Universität Siegen gab es eine Auseinandersetzung mit dem Umgang von AfD-nahen Denkern. Die politische Entwicklung bringt mit sich, dass sich auch Philosophen am rechten Rand positionieren. Wie sollen wir mit ihnen umgehen?
 
Maria Kronfeldner: Die sogenannte „Auseinandersetzung“ wurde ja bewusst provoziert, wie der einladende Professor aus Siegen öffentlich bei einer Tagung in Bielefeld zugegeben hat. Die Provokation war das Mittel, um ein ganz bestimmtes Ziel zu erreichen: die Bestätigung einer selbsterfüllenden Prophezeiung über eine angeblich in Deutschland existierende sog. „linksliberale Meinungsdiktatur“, ein beliebtes Phantasma der Rechten.
 
Ich stimme somit nicht zu, dass es hier überhaupt einen Fall von Ausgrenzung gegeben hat (das suggeriert Ihre Überschrift nämlich). Den Siegener Fall als einen Fall von Ausgrenzung zu diskutieren, bedeutet der aufmerksamkeitsheischenden und selbsterfüllenden Prophezeiung medial aufzusitzen. Was es gegeben hat, war Provokation und die Antwort war: Kritik und eine Nichtgewährung bestimmter Mittel durch die Universität. Beide Antworten wurden gerechtfertigt, sowohl hochschulpolitisch als auch fachlich.
 
Worüber sich unsere Fachgemeinschaft derzeit Gedanken machen sollte, ist nicht einfach, ob man mit (rechts)extremen Intellektuellen diskutieren sollte, sondern präziser und konkreter: ob Provokation (wie sie in dem Siegener Fall erfolgt ist) ein legitimes Ziel akademischer Lehre ist (es ging ja, wenn ich richtig informiert bin, um ein Seminar); welche Diskursformate und Regeln für Einladungen kontroverser (oder extremer) Intellektueller für die akademische Landschaft angemessen sind; etc. Bezogen auf diese Fragen gibt es auch bereits Regeln der akademischen Qualitätssicherung (politische Neutralität bzw. mindestens Balance, fachliche Einschlägigkeit, Gemeinwohlorientierung, etc). Diese Regeln gelten für alle – den „rechten Rand“, den „linken Rand“ und den Bodensatz der Wichtigtuerei – und können damit auch in Bezug auf extreme Positionen Anwendung finden.
 
Eine Universität ist letztendlich ein geschützter, d.  h. regulierter Wissensraum. In diesem Wissensraum werden erstens ohne die erwähnte Qualitätssicherung spezielle Rechte verletzt, z.B. das Recht der Studierenden, dass die Autorität des Professors bzw. der Professorin und die Zeit des Studiums nicht für politische Zwecke missbraucht wird. Zweitens ist eine Kritik mit Bezug auf akademische Qualitätssicherung keine Verletzung der akademischen Freiheit. Zum Vergleich: Wenn ein Doktortitel verwehrt wird, weil die entsprechende akademische Qualifikation fehlt, wird auch keine akademische Freiheit verletzt.
 
Zudem gilt: Nicht jede Art von Kritik ist eine Einschränkung einer Freiheit. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Wir befinden uns aber leider in einer Zeit, in der polarisierende Teilnehmer aber genau diese Selbstverständlichkeit bestreiten: Teile der sog. safe-space Bewegung bewerten jegliche Art von Kritik als abwertende Diskriminierung und Unterminierung einer Identitäts- oder Gleichberechtigungsfreiheit; die neuen Rechten bewerten ebenso jegliche Art von Kritik als Einschränkung von Freiheit, nur eben von Meinungs- oder akademischer Freiheit. Zwei Seiten derselben Medaille, die beide bedenklich sind, denn argumentativer Gegenwind wird dabei automatisch als Einschränkung einer Freiheit deklariert.
 
Um auf Ihre Anfangsfrage zurückzukommen: Wie mit extremen Positionen umgehen? Meine Antwort ist: Mit ausgeprägtem Sachverstand laut und deutlich kritisieren!
 
Maria-Sibylla Lotter: Die Frage erinnert mich ein bisschen an die Volksabstimmung über ein Minarett-Verbot in der Schweiz (wo es immerhin 4 Minarette gab). Das zeigt nicht nur an, wie wenig selbstverständlich es auch in der Wissenschaft ist, dass man mit allen Personen spricht, die etwas Interessantes zu den eigenen Fragen zu sagen haben. Ob rechter oder linker Rand, oder Positionen, die auf nicht politische Weise radikal oder exzentrisch, sollte eigentlich irrelevant sein.
 
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