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01 2020

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Friedemann Buddensiek, Jens Halfwassen, Manuel Knoll und Jörn Müller:
Wo steht das Fach 'Antike Philosophie' heute?

aus: Heft 1/2020, S. 24-33

 

Sehen Sie eine Veränderung des Stellenwertes der antiken Philosophie innerhalb der Gegenwartsphilosophie in den letzten Jahren/Jahrzehnten?

Jens Halfwassen: Es sind drei Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten, die das Interesse der antiken Philosophie für die Gegenwartsphilosophie erheblich gesteigert haben. Zu nennen ist zuerst und vor allem die Wiederkehr der Metaphysik. Die antike Philosophie ist nicht nur der geschichtliche Ursprung der Metaphysik, sie ist auch von Anfang an metaphysisch verfasst, jedenfalls, wenn man Metaphysik mit Aristoteles als Prinzipientheorie versteht. Die Philosophie beginnt mit der Frage der frühen Vorsokratiker nach dem Ursprung von allem. Im Verlauf ihrer langen Geschichte vom 6. vorchristlichen bis zum 6. nachchristlichen Jahrhundert (von Thales bis Damaskios) hat die antike Philosophie auch so gut wie alle Möglichkeiten metaphysischen Denkens bereits paradigmatisch durchgespielt. Die Bandbreite reicht dabei vom Platonismus bis zum Materialismus. Dabei lassen sich in der Antike vier Grundformen oder Grundtypen von Metaphysik unterscheiden, die das metaphysische Denken auch in den nachantiken Epochen bestimmt haben.

Das sind erstens der Typus der Ursprungsmetaphysik, also die Frage nach dem Ursprung der Wirklichkeit im ganzen bei den Vorsokratikern. Der zweite Metaphysiktypus ist die Ontologie, für die die Frage nach dem Sein und den Formen des Seienden grundlegend ist. Sie wurde von den Eleaten in Gestalt einer strikt monistischen Ontologie ausgebildet und alternativ dazu von Aristoteles in der Gestalt einer pluralistischen Ontologie, die verschiedene Stufen und Arten oder Kategorien des Seienden unterscheidet, mit der Substanz als Grundform des Seins und dem (göttlichen) Geist als höchster Substanz. Der dritte Grundtypus ist die Metaphysik des Einen oder Henologie, die auf Platon zurückgeht; für sie ist das Eine der überseiende Grund des Seins, der nicht nur die Einheit des Seins begründet, sondern vor allem auch die Einheit von Denken und Sein und damit die seinsaufschließende Kraft des Denkens garantiert. Der vierte Grundtypus ist die Geistmetaphysik, die nach Ansätzen bei Platon und Aristoteles vor allem von Plotin und Proklos voll ausgebildet wurde und dabei wesentliche Einsichten der klassischen deutschen Philosophie von Kant bis Hegel vorwegnimmt. Hier gilt der Geist (Nous) als die grundlegende und eigentliche Wirklichkeit. Anders als für Hegel ist der Geist für die Neuplatoniker aber nicht selbst das Absolute, sondern er gründet in einem Transzendenzbezug zum absoluten Einen „jenseits des Seins", wie Platon sagte.

Die zweite Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die das Interesse an der antiken Philosophie deutlich verstärkt hat, betrifft die Ethik. Das antike Modell einer Strebensethik erweist sich nämlich immer mehr als eine attraktive Alternative zu Kants auf dem Kategorischen Imperativ aufbauender Pflichtethik – hier wären unter anderen etwa Martha Nussbaum, Robert Spaemann, Otfried Höffe oder Hans Krämer zu nennen. Ferner gewinnt das spätantike Konzept der Philosophie als Lebenskunst und Selbstsorge, das uns besonders Pierre Hadot nahegebracht hat, in einer Gesellschaft an Attraktivität, in der Religion und Theologie ihre lebensorientierende Kraft immer mehr einbüßen.

Die dritte Entwicklung kommt aus der modernen Physik, speziell der Quantenphysik. Die Unbestimmtheit der Quantenphänomene und die konstitutive Rolle des Beobachters, also des Subjekts, entziehen dem materialistischen Naturalismus das Fundament und erfordern einen Begriff von Materie, die nicht mehr einfach mit Körperlichkeit oder Stofflichkeit identifiziert werden darf, sondern als ein aller konkreten Körperlichkeit vorausliegendes ontologisches Prinzip von Unbestimmtheit und Bestimmbarkeit gedacht werden muss. Platons Konzept der Chora und Aristoteles' Begriff der völlig unbestimmten prote hyle sind hier von höchster Aktualität.

Manuel Knoll: Das ist nicht so einfach zu bestimmen. März 2019 veröffentlichte Aero Data Lab eine Auswertung aller Stellenanzeigen im Bereich Philosophie, die auf philjobs.org gepostet wurden. Während die Anzahl der Stellen, die in den letzten fünf Jahren im Bereich der antiken Philosophie angeboten wurden, leicht rückläufig war, nahmen die Angebote in den Fächern politische Philosophie, Wissenschaftsphilosophie und insbesondere Ethik stark zu. Diese Trends zeigen, dass sich die antike Philosophie zwar weitgehend behaupten kann, aber nicht zu den „Modefächern" zählt.

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