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Schopenhauer: Die Korrespondenz mit seinen Verlegern

SCHOPENHAUER

Die Korrespondenz mit seinen Verlegern

Der Briefwechsel von Arthur Schopenhauer mit seinem Verleger Brockhaus ist berühmt-berüchtigt. Alfred Estermann, vormals Leiter des Frankfurter Schopenhauer-Archivs, hat diese Korrespondenz akribisch aufgearbeitet:

Estermann, Alfred: Schopenhauers Kampf um sein Werk. Der Philosoph und seine Verleger. 260 S., Ln., € 24.80, 2005, Insel, Frankfurt

Kaum bekannt ist dabei, dass Schopenhauer mit insgesamt drei Generationen der Verlegerdynastie Briefe wechselte.
Für Friedrich Arnold Brockhaus (1772-1823), den Gründer des Verlages, war er ein jüngerer Autor, der mit den Usancen des Verlegergeschäftes noch wenig vertraut war. Schopenhauer, vom Wert des Niedergeschriebenen zutiefst überzeugt, wünschte sich umgehend gedruckt zu sehen und reagierte nicht nur erregt, als nicht alles nach seinen Wünschen verlief, sondern wurde gar verletzend, sodass sich Friedrich Arnold 1818 jede weitere Zuschrift verbot.
Es war, wie Estermann den Schopenhauer-Biographen Arthur Hübscher korrigiert, nicht Schopenhauer, der den Kontakt abbrach, sondern Brockhaus.

Schopenhauer hatte den Ablauf der Produktion in allen Einzelheiten sorgfältig und ohne nähere Kenntnis der Realität vorausberechnet. Dabei ging er davon aus, dass dem Verlag an einer schnellen Veröffentlichung seines Opus ebenso dringend gelegen sein müsse wie ihm. Als jedoch die Korrekturbogen ausblieben, auch kein erklärender Brief kam, forderte er „unverzügliche Antwort und Rechenschaft von dieser mir …. so höchst widerwärtigen Verzögerung des Drucks“. Später entschuldigte er sich für seinen Ton: „Es thut mir leid, dass ich so früh in einem rechtenden und zurechtweisenden Tone zu ihnen reden muß: aber wie ich jede überkommene Verpflichtung auf das pünktlichste erfülle; so verlange ich das Gleiche von Anderen: sonst ist kein Bestand im Leben.“ Brockhaus seinerseits stellte dem Schopenhauers extremes Genauigkeitsbedürfnis entgegen: „die dreimaligen Correcturen und das hiehersenden der letzten zur Revision halten die schnelle Förderung auf.“ Schopenhauer hingegen ließ mit seinen Beschuldigungen nicht nach: „Sie haben nicht nur den Kontrakt nicht gehalten, sondern auch seitdem mich mit fortdauernden Versprechungen und Versicherungen zum Besten gehabt, was mich doppelt aufbringt. … Sie wissen, wie wichtig mir die Erscheinung meines Werkes ist, und können daraus schließen, wie ich gegen Sie gesinnt bin.“ Brockhaus wehrte sich, er „habe als ein ordentlicher, pünktlicher und verständiger Geschäftsmann gehandelt“. In Anspielung auf den Titel von Schopenhauers Werk fügte er hinzu: „so trifft mich, wenn man die Welt nimmt wie sie ist und sie sich nicht nach Vorstellungen abstrahiert, kein Vorwurf“. Später kam es, diesmal wegen des Honorars, erneut zum Zwist. Schopenhauer klagte, dass sein Honorar noch nicht eingetroffen sei und wurde dabei beleidigend: er habe gehört, „dass Sie mit Bezahlen des Honorars meist warten ließen, auch wohl überhaupt Abstand nähmen“. Er verlangte nun von Brockhaus das „feste Ehrenwort, am Tage des Empfangs des MS das Honorar für wenigstens 40 Bogen zu senden“. Allerdings war der übergenaue Schopenhauer Estermann zufolge mit seiner Forderung im Unrecht: Brockhaus hatte erst zu zahlen, wenn er die vollständige Satzvorlage erhalten hatte, und das war zum Zeitpunkt von Schopenhauers Brief noch nicht der Fall. Brockhaus war in seiner persönlichen Ehre wie seiner Kaufmannsreputation zutiefst getroffen und antwortete: „Dem wahren Manne von Ehre genügt das Wort, das einfache. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es vorzüglich nur Windbeutel sind, die etwa ‚bey ihrer Ehre’ oder ‚auf Ehre’ beteuern.“ Und: da ich Sie nunmehr „für keinen Ehrenmann halte, so kann deshalb auch künftig kein Briefwechsel weiter zwischen uns stattfinden“. Brockhaus konnte sich zum Schluss eine Bemerkung nicht verkneifen: „Ich hoffe nur, dass meine Befürchtung, an Ihrem Werke blos Maculatur zu drucken, nicht in Erfüllung gehen werde.“ Genau dies sollte jedoch zu großen Teilen eintreten: der Verlag setzte fast nichts ab.

Der miserable Verkauf hatte mehrere Gründe: die Unbekanntheit des Verfassers aber auch, nach den letzten wütenden Briefen, das Desinteresse des Verlegers an diesem Werk. Hinzu kommt der wenig aussagekräftige Titels wie auch das Fehlen eines Untertitels, der den Inhalt hätte andeuten können. Nach zehn Jahren erkundigte sich Schopenhauer nach dem Absatz des Werkes. Es antwortete Heinrich Brockhaus (1804-1974), der seit 1830 Inhaber des Verlages war. Er könne nicht sagen, wie viele verkauft worden seien, da vor mehreren Jahren „eine bedeutende Anzahl Exemplare zu Maculatur gemacht“ worden seien. „Ich weiß nur soviel, dass der Absatz wie jetzt so auch früher sehr unbedeutend gewesen ist.“ Von dem sonst so wortgewaltigen Schopenhauer wurde dies schweigend zur Kenntnis genommen.

Um 1820 versuchte Schopenhauer als Übersetzer aufzutreten. Einem nicht namentlich bekannten Verlagsbuchhändler in Berlin bot er eine deutsche Übersetzung von Humes Natural history of Religion und Dialogues concerning natural Religion an und erklärte sich, wohl um den traurigen Zustand seiner Finanzen aufzubessern, „überhaupt“ zur Bearbeitung „Englischer Prosaiker, nicht bloß im Fache der Philosophie, sondern auch der gesammten Naturwissenschaften, Geschichte, Politik und Romane“ bereit. Allerdings stieß er damit auf kein Interesse, ebenso wenig mit der Idee einer Übertragung der Hauptwerke von Kant ins Englische und einer Übersetzung der Werke von Goethe ins Französische, an der er zumindest als Korrektor mitzuarbeiten gedachte. Auch ein Versuch, mit Brockhaus erneut handelseinig zu werden, misslang. Er bot diesem eine Übersetzung der ersten 50 Lebensregeln des Jesuiten Balthasar Gracian an, nicht ohne hinzuzufügen, dass dies „ein sehr guter Buchhandels-Artikel“ werden könne. Brockhaus lehnte ab, dennoch erschien die Gesamtausgabe von Schopenhauers Gracian-Übersetzung bei Brockhaus, allerdings erst posthum, zwei Jahre nach dessen Tod.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Erscheinen von Die Welt als Wille und Vorstellung bot Schopenhauer Brockhaus einen zweiten Band an, verbunden mit der Vorstellung des Neudrucks des ersten fast unverkäuflich gewesenen und größtenteils makulierten Bandes. Schopenhauer schrieb dazu: „Die im ersten Band im Allgemeinen dargelegten Gedanken habe ich 25 Jahre lang durchgearbeitet, an allem Vorkommenden, allem Gelesenen geprüft: in Folge davon verhält sich dieser 2te Band sich zum ersten wie ein ausgemahltes Bild zu einer bloßen Skizze; es ist die Frucht eines unter stetem Denken und Studien zugebrachten Lebens und ganz entschieden das Beste, was ich geschrieben habe.“ Schopenhauer erklärte sich bereit, auf ein Honorar zu verzichten: „Wahrlich keine Kleinigkeit, vielmehr geradezu die Arbeit meines ganzen Lebens, die ich Ihnen umsonst antrage.“ Allerdings fiel es Schopenhauer schwer, auf Honorar zu verzichten. Mehrere Entwürfe in den Konzepten belegen dies. In der Reinschrift überließ er dann dem Verlag die definitive Entscheidung über eine Honorarzahlung. Doch Heinrich Brockhaus lehnte ab, selbst bei einem Honorarverzicht; es sei denn, man nehme das Werk in Kommission, und Schopenhauer trage die vollen Druckkosten, oder aber man teile die Druckkosten, wobei der Autor an Absatz und Reingewinn beteiligt werde.

Schopenhauer reagierte umgehend und wies die Brockhaus-Überlegungen in einem heftigen Ausbruch zurück. Als Zwischenlösung schlug er eine separate Veröffentlichung des zweiten Bandes vor. Gleichsam, um den Verleger zu ködern, schrieb er, das Buch enthalte eine „Metaphysik der Geschlechtsliebe“, welche „diese Leidenschaft zum ersten Mal auf ihre letzten, so tief liegenden Gründe zurückführt, wobei das genaueste Détail zur Sprache kommt.“ Überraschenderweise billigte nun Brockhaus plötzlich die Übernahme der Publikation, allerdings unter der Voraussetzung des Verzichts auf ein Honorar und anstatt einer separaten Ausgabe des zweiten Bandes „eine neue vermehrte Ausgabe des Ganzen.“ So kam es am 20. Juni 1843 zu einem entsprechenden Vertrag zwischen den beiden. Erhalten geblieben sind auch Schopenhauers Anweisungen an den Setzer: „Betrachten Sie genau meine Rechtschreibung und Interpunktion: und denken Sie nie, Sie verständen es besser; ich bin die Seele, Sie der Leib.“

Im Jahr 1850 beendete Schopenhauer das Manuskript von Parerga und Paralipomena und schlug Brockhaus vor, es zu veröffentlichen. Es handle sich dabei nicht um ein dezidiert philosophisches Werk, schrieb Schopenhauer, sondern um eine Essayfolge mit vorhersehbarer größerer Verkäuflichkeit. Doch ausgerechnet diese einzige Veröffentlichung, mit der Schopenhauer zu Lebzeiten eine größere Resonanz erreichte, wurde von Brockhaus abgelehnt. Schopenhauer fand in Hayn einen Verleger, der auf das Risiko einging. „Meine Parerga“, schrieb Schopenhauer triumphierend an Brockhaus, „hat Hayn in Berlin: er hat sie umsonst und ist nur zu 750 Exemplaren berechtigt worden; obgleich er 1200 wünschte.“

1858, als bereits 40 Jahre seit der Erstausgabe von „Welt als Wille und Vorstellung“ vergangen waren, stellte sich für Schopenhauer ein kleiner Triumph ein: Brockhaus fragte wegen einer Neuauflage an. Für Schopenhauer war dies der Beweis seiner Grundthese von der letztendlichen Unaufhaltsamkeit seines Ruhmes. Auf diese Nachricht, so schrieb Schopenhauer nunmehr an Eduard Brockhaus (1829-1914), habe er schon so lange gewartet, „dass der Eindruck das Gegentheil von Überraschung gewesen ist“. Allerdings musste auch Eduard den Zorn seines Autors erleben. Im Text der Vorrede stand, die Neuausgabe habe 177 zusätzliche Seiten, dabei waren es jedoch nur 134. „Ich verlange, dass Sie den Bogen umdrucken“, schrieb ein empörter Schopenhauer, was denn auch geschah.

Kurz darauf gelangte diesmal Schopenhauer an Brockhaus mit dem Anliegen einer Gesamtausgabe. Allerdings kam es zu Lebzeiten Schopenhauers nicht mehr dazu, er starb wenige Jahre vorher. Sie erschien 1873/74 in sechs Bänden, herausgegeben von Julius Frauenstädt, der von Schopenhauer für das Sachregister vorgesehen gewesen war.

Bestürzt über das Buch zeigte sich Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung. Wenn der Klappentext verkünde, es handle sich hier um ein „höchst vergnügliches Buch“. sei dies eine Falschmeldung. Nicht nur beschädige Estermann mit seinen Zwischenüberschriften seinen Gegenstand, von dem er lebe, das Buch erfülle in dieser Form „keinen erkennbaren Zweck“.





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