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Phänomenologie: Hermann Schmitz kritisiert Geltungsanspruch der Naturwissenschaften


PHÄNOMENOLOGIE

Hermann Schmitz kritisiert (wieder einmal) die Geltungsansprüche der Naturwissenschaften

Der emeritierte Kieler Philosoph Hermann Schmitz ist bekannt für seine eigenständige Phänomenologie, die „Neue Phänomenologie“.

In seinem Beitrag

Schmitz, Hermann: Naturwissenschaft und Phänomenologie, in: Erwägen,
Wissen, Ethik, 2/2004

grenzt er diese Phänomenologie von der modernen Naturwissenschaft ab.

Der Zugriff der modernen Naturwissenschaft auf die Welt hat drei für sie spezifische Voraussetzungen:

- die reduktionistische Abstraktionsbasis
- die mathematische Modellierung
- die experimentelle Methode.

Abstraktionsbasis bedeutet den Filter, der darüber entscheidet, was aus der unwillkürlichen Lebenserfahrung so durchgelassen wird, dass es in die Begriffsbildung und Bewertung Einlass findet. Eine Abstraktionsbasis ist abstrakt, weil es nicht angeht, die Fülle der unwillkürlichen Lebenserfahrung unverkürzt in Begriffe einzufangen. Jedoch ist für Schmitz nicht jede Abstraktionsbasis reduktionistisch. Sie ist es nicht, wenn sie die genuinen Bausteine der Lebenserfahrung, die vielsagenden Eindrücke nicht zersetzt, sondern durch Typisierung fixiert, so dass alles Begegnende auf ausgewählte, oft in Systemen geordnete Standard-Typen subsumierend bezogen wird. Es gibt viele Kulturen, die für sich nicht nicht-reduktionistische Abstraktionsbasen entwickelt haben. Das klassische Beispiel ist die chinesische Kultur, die das Geschehen nach Yin und Yang nach den fünf Elementen, nach den acht Zeichen des I Ging sortiert und daraus eine medizinische Wissenschaft errichtet.

Ein vielsagender Eindruck ist eine impressive Situation: die Bedeutsamkeit kommt augenblicklich zum Vorschein. Die frühe griechische Philosophie bis Empedokles gewinnt die standardisierten vielsagenden Eindrücke aus Kräften, die dem leiblich Gespürten nahe stehen. Der entscheidende Paradigmenwechsel, der an die Stelle des archaischen Eindrucksdenkens in leibnahen Kräften eine reduktionistische Abstraktionsbasis setzt und die seither dominante europäische Intellektualkultur gründet, ist im Denken Demokrits vollzogen. Er hat als erster den Menschen in Körper und Seele zerlegt und zwischen den Seelen eine reduzierte Außenwelt zurückgelassen. Demokrits reduktionistische Konzeption wird von Platon übernommen.

Demokrit leistete aber noch eine andere wichtige Vorarbeit für die moderne Naturwissenschaft: Er erfand das Buchstabengleichnis. Aus Umstellungen derselben Atome, so Demokrit, entstehen unterschiedliche Dinge, ebenso wie Tragödie und Komödie aus denselben Buchstaben zusammengesetzt sind. Schmitz sieht in diesem auch bei Platon hervortretenden Buchstabengleichnis das Wahrzeichen des Konstellationismus: Die Welt wird als Vernetzung einzelner Faktoren gedeutet, so wie ein Text eine Konstellation von Buchstaben ist. Die großen Philosophen des 17. Jahrhunderts legen keine neue Abstraktionsbasis, sie stellen aber die vorgefundene in den Dienst eines universalen Beherrschungsanspruchs, indem sie der Praxis vor der Theorie den Vorrang geben. Damit haben sie den modernen Naturwissenschaften die Weichen gestellt.

Das demokritische, von Platon im Timaios unwesentlich abgewandelte Modell der reduzierten Außenwelt bildet bis heute die Abstraktionsbasis der Physik: Die primären Sinnesqualitäten (Größe, Gestalt, Zahl, Ruhe, Bewegung, Lage im Raum) sind alles, was die Wissenschaft aus der unmittelbaren Lebenserfahrung aufnimmt. Nach Schmitz gewinnt sie dabei optimale Chancen für intersubjektive Verständigung durch Statistik und Experiment, gerät aber in prinzipielle Verlegenheit dadurch, dass ihr primärer Gegenstand, die Kraft, auf dieser Abstraktionsbasis nicht unterkommt. Kraft erfahren wir unwillkürlich im leiblichen Spüren der von Schmitz „Halbdinge“ genannten Phänomene. Dazu gehört etwa der elektrische Schlag oder die reißende Schwere, wenn man ausgleitet und sich gerade noch fängt. Bei Halbdingen fallen Ursache und Wirkung zusammen, sie haben eine unterbrechbare Dauer und eine zweigliedrige Kausalität. Die Physik verdrängt die Halbdinge, indem sie auf der Flucht vor der erlebten Kraft die zweigliedrige Kausalität zur dreigliedrigen der Dinge ergänzt.

Die Physik ist Mutter und Führerin aller Naturwissenschaften im modernen Sinn, weil diese ihre Ergebnisse mit Hilfe von nach physikalischen Theorien konstruierten Apparaten gewinnen. Alle Naturwissenschaften unterliegen wegen dieser Abhängigkeit einem Sog zur Physikalisierung. Sie erreichen ihre Triumphe dadurch, dass sie in überraschend vielen Weisen richtig vorherzusagen wissen, was Menschen nach Eingriffen mit nach physikalischen Theorien konstruierten Apparaten erleben werden, wenn sie sich mit wachen Sinnen zu gewissen Zeiten an gewissen Orten befinden. Damit nicht zufrieden, streben die Vorkämpfer der Naturwissenschaft in der öffentlichen Meinung eine umfassende Erklärungsleistung an: Die durch mathematische Modellierung einer Mischung von Messdaten mit Konstrukten gewonnenen und prognostisch bewährten Ergebnisse sollen zu einem naturwissenschaftlichen Weltbild integriert werden, das dazu bestimmt ist, für alles, was Menschen als sie betreffend und von ihnen erfahren oder sonst sie berührend erleben, die Ursachen anzugeben.

Für Schmitz ist dieser mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild verbundene generelle Anspruch auf Kausalität unhaltbar. Von einem Effekt kann auf eine Ursache nur geschlossen werden, wenn unabhängig vom Effekt einschlägige kausale Zusammenhänge bekannt sind. Angenommen, W sei der Bereich aller von Menschen wahrnehmend erhobenen Befunde, d.h. satzförmig registrierbaren Ergebnisse von Beobachtungen. Ohne Zweifel gehört W zum von Menschen Erlebten. Nun hat für Schmitz aber die Naturwissenschaft keine Kompetenz, Ursachen von W anzugeben, denn zwar fügt sie zu W mannigfache kausale Zusammenhänge mit erdachten Parametern hinzu, aber jedes so entstehende naturwissenschaftliche Gedankengebäude verdankt seine Glaubwürdigkeit lediglich der Bewährung bei Prognosen in W, vermittelt also keine Kenntnisse kausaler Zusammenhänge unabhängig von W. Der Anspruch des naturwissenschaftlichen Weltbildes, uns im Ganzen darüber aufzuklären, was bewirkt, dass Menschen sich so und so in einer sich ihnen so und so zeigenden Welt finden, ist unhaltbar. Vielmehr ist es jedem überlassen, was er vom naturwissenschaftlichen Weltbild als nicht nur prognostisch bewährt, sondern darüber hinaus auch kausal gelten lassen will.

Die vom cartesischen Geist inspirierte Naturwissenschaft ist blind für die Subjektivität. Das ist eine Herausforderung für die Phänomenologie. Hier hat die Subjektivität, das Wissen, dass zu neutralen Tatsachen dadurch etwas hinzukommt, dass es sich um mich selbst handelt, ihre Chance. Die Phänomenologie ist an der Frage orientiert: Was muss ich gelten lassen? Damit macht sie sich zum Anwalt der eigentlich philosophischen Fragestellung, durch die sich der Philosoph vom positiven Wissenschaftler unterscheidet, dem es um die Ermittlung objektiver Tatsachen um ihrer selbst willen geht. Sie merkt, dass in den zur Prüfung anstehenden Annahmen immer noch etwas Willkürliches enthalten ist, das nicht genau zu dem passt, was man, weil es sich unhintergehbar aufdrängt, gelten lassen muss.

Der Text ist in derselben Ausgabe der Zeitschrift diskutiert worden. Dabei sieht Anna Blume erstaunliche Parallelen der Neurowissenschaften zu der von Schmitz vertretenen Neuen Phänomenologie: Beide betonen die Bedeutung von Gefühlen für Entscheidungsprozesse. Das sollte die Neue Phänomenologie eigentlich ermuntern, sich differenzierter mit den Neurowissenschaften zu beschäftigen anstatt diese pauschal als verfehlt abzuwerten. Es komme, so die Kritik, einer Selbstdisqualifikation gleich, wenn die Neue Phänomenologie die produktiven Ergebnisse „reduktionistischer Wissenschaft“ außer acht lasse.

Auch Marcello Ghin bedauert, dass Schmitz die Ergebnisse der Neuro- und Kognitionswissenschaften nicht rezipiert. Seine Kritik am „modernen Denken“, welche das Erleben in private Innenwelten einschließt, laufe ins Leere. Letztere, so Ghin, finden in den gegenwärtigen Kognitionswissenschaften kaum noch Platz. Dafür kommt der Phänomenologie eine immer wichtigere Rolle in der Begriffsbildung und als Orientierungshilfe für die Kognitionswissenschaften zu. Für den Phänomenologen Karl Heinz Lembeck kann es nicht die Absicht der Phänomenologie sein, das „naturwissenschaftliche Weltbild“ zum Scheitern zu bringen – das wäre nicht nur eine Selbstüberforderung, sondern auch kulturtherapeutische Scharlatanerie. Schmitz ersetze einfach Positionen durch andere: einen schlichten Objektivismus durch einen nicht minder schlichten Subjektivismus.

Für Frank Hofmann, Assistent am Philosophischen Seminar in Tübingen, ist es rätselhaft, warum ein Phänomenologe etwas gegen die These haben kann, dass alle Ereignisse (inklusive Erlebnisse) Ursachen haben, die sich naturwissenschaftlich erfassen lassen. Wichtig sei für die Phänomenologie doch nur, dass wir keine Erlebnisse aussparen und die Erlebnisse erst einmal so gut wie möglich so zu beschreiben versuchen, wie sie sich uns unmittelbar darstellen. Das schließe jedoch eine universelle naturwissenschaftliche Kausalforschung nicht aus. Peter Janich, ansonsten Schmitz wohlgewogen, kritisiert, es sei schlechterdings unzutreffend, dass die Apparate, mit denen die Naturwissenschaften ihre Ergebnisse erzeugen, „nach physikalischen Theorien konstruiert“ seien und dass es den Naturwissenschaften darum ginge vorauszusagen, „was Menschen nach Eingriffen mit nach physikalischen Theorien konstruierten Apparaten… erleben werden, wenn sie sich mit wachen Sinnen zu gewissen Zeiten an gewissen Orten befinden“. Vielmehr könnten die Apparate, ohne welche die Physik keine Datenbasis hätte, in ihrer Funktion niemals erschöpfend durch die empirischen Gesetze der Physik beschrieben werden. Denn ohne die Kompetenz der Konstrukteure und Benutzer, eine ungestörte von einer gestörten Funktion dieser Apparate zu unterscheiden, gäbe es keine Datenbasis. Störungen aber falsifizierten empirisch keinen Satz der Physik. Störungen sind nur durch Verfehlen menschlicher Zwecke definiert. Indem Schmitz das übersieht, entgeht ihm die Perspektive der Aktivität, die die neuzeitliche Physik gegenüber der antiken Naturphilosophie auszeichnet.

Olaf Breidbach stimmt Hermann Schmitz zu, dass eine umfassende Bestimmung dessen, was Natur – und Natur des Menschen - ist, sich nicht auf traditionell vorgegebene Raster beschränken darf. Vielmehr gilt es immer wieder, einen umfassenden, aus den Korsetts der Traditionen ausbrechenden Beschreibungsansatz zu finden. Und eine solche Möglichkeit kann durchaus darin liegen, das Erleben des Subjektes ernst zu nehmen. Konkret bedeute dies, eine Subjekt-Umwelt-Relation als eine Kulturbestimmung zu lesen, in der dann zwar das Subjekt nicht als Objekt verschwunden, die es aber doch erlauben muss, dieses Subjekt in seiner Kulturbestimmung zu denken.

Der frühere DDR-Kaderphilosoph Herbert Hörz kritisiert Schmitz’ zweigliedrige Kausalbeziehungen von Halbdingen. Dies sei eine unnötige Abstraktion, die sich noch mehr von der Lebenswelt entferne als die Abstraktion der dreigliedrigen Beziehungen zwischen Einwirkung auf ein System (Ursache) und Systemreaktionen (Wirkung), mit dem System als Zwischenglied. Schmitz verwirre die Problematik durch die Trennung von Ursache und Einwirkung. Bernulf Kanitscheider hält die epistemische Vorrangstellung des Ausgangs der Phänomenologie von der Alltagserfahrung für naiv und dogmatisch gegenüber einer sorgfältig auf Täuschungen, Beobachtungsfehlern und unwillkürlichen Ergänzungen achtenden systematischen Erfahrung. Bei der wissenschaftlichen Erfahrung handle es sich nicht um eine Verkürzung der gehaltvolleren und realitätsnäheren Erfassung durch den Alltagsverstand, wie Schmitz meine, sondern um eine Verfeinerung, Bereicherung und Ausdehnung der alltäglichen Erkenntnis. Beide stehen miteinander in Einklang, Schmitz baue einen unsinnigen Gegensatz zwischen Alltagsrealität und der hypothetischen, aber genauso an Verlässlichkeit interessierten Wirklichkeitserkenntnis der exakten Wissenschaften auf. Wenn Schmitz, so Geert Keil in seiner Kritik, die Sünden der modernen Naturwissenschaften auf kapitale „Verfehlungen des abendländischen Geistes“ zurückführe, so führe dies zu bemerkenswerten unscharfen und wohlfeilen Diagnosen an der Grenze zur Beliebigkeit. Und wenn er die wissenschaftsoptimistische Philosophie sogar für den „welterobernden Imperialismus“ verantwortlich mache, sei dies ein Ausdruck der alten Philosophenkrankheit der grotesken Überschätzung der Rolle des Geistes in der Weltgeschichte.



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