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Phänomenologie: Die Phänomenologie des religiösen Erlebnisses


Die Phänomenologie des religiösen Erlebnisses

Als Edmund Husserl seine Logischen Untersuchungen vorlegte, ahnten nur wenige ihrer Leser, dass sie je mit einem Erdrutsch innerhalb der Philosophie verglichen werden würden. Es war insbesondere eine Münchner Gruppe um den Philosophen Theodor Lipps (1851-1914), die in der Phänomenologie eine enorme Neubelebung des Philosophierens entdeckte. Jean Hering schwärmte etwa in seiner Skizze der phänomenologischen Bewegung von einem „Philosophischen Frühling“. Husserl selbst sprach von einer „geheimen Sehnsucht der ganzen neuzeitlichen Philosophie“, die in der Phänomenologie als „letzter Sinnbestimmung des ‚Seins’ ihrer Gegenstände“, „als prinzipielle Klärung ihrer Methodik“ in Erfüllung ginge.

Einer der Gegenstände der phänomenologischen Untersuchungen war die „Gottesfrage“ bzw. die Frage nach dem „Wesen der Religion“, wie es sich im „Gottes-Erlebnis“ bzw. im religiösen Erleben zeigt.

Wie Beate Beckmann, eine Schülerin von Hannah-Barbara Gerl-Falkovitz, in ihrer hervorragenden Promotionsarbeit

Beckmann, Beate: Phänomenologie des religösen Erlebnisses. Religionsphilosophische Überlegungen im Anschluss an Adolf Reinach und Edith Stein. 332 S., kt., € 49.50, Orbis Phaenomenologicus, Studien 1, Königshausen und Neumann, Würzburg

zeigt, drang Adolf Reinach (1883-1917) als erster in den Bereich vor, es folgte ihm insbesondere Edith Stein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus der Phänomenologie heraus auf religionsphilosophische Probleme stießen und darüber hinaus eine religiöse Bekehrung folgen ließen. „Bekehrung“ meint hierbei eine Erschütterung der Persönlichkeit durch dramatische Erfahrungen oder Grenzerlebnisse in Schlüsselsituationen. Religiöse Vorstellungen, die vorher peripher waren, nehmen nun eine zentrale Stellung ein.

Die „Phänomenologische Bewegung“ war explizit keine Husserl-Schule, besaß trotz ihrer Vielgestaltigkeit dennoch die gemeinsame Basis, zu den „Sachen selbst“ zurückzugehen, um Gegenstände als Phänomene in einem bestimmten Procedere auf ihr Wesen hin zu untersuchen. Die Phänomenologie erwies sich von Anfang an als system-ab-lehnend und vielgestaltig, als eine Arbeitsmethode, deren Rüstzeug weniger für Leser als für Mitarbeiter gemacht war. Scheler nannte das Verfahren auch ein „geistiges Erweckungs- und Zeigeverfahren“ (in das mittelbares Denken in Urteilen und Schlüssen nur als Mittel eingeht, den Geist bis an die Schwelle des zu Erschauernden hinzuleiten“. Phänomenologen wählen die verschiedensten Gegenstände oder Sachverhalte als Ausgangspunkte für die geduldig geübte intuitive Anschauung. Im Laufe des unmittelbaren Anschauungsprozesses werden Ergebnisse herausgeschält, die in akribisch geübten Beschreibungen auf ein Wesen der Gegenstände oder Sachverhalte, wie sie sich in den Erlebnissen des Beobachters zeigen, zurückführen sollen. Verschiedene Schichten werden durch die phänomenologische Methode abgetragen, zunächst allgemeine Vorurteile oder Meinungen zu einem Gegenstand oder Sachverhalt, dann Theorien aus den unterschiedlichen Wissenschaften. Das Phänomen wird in der eidetischen Reduktion seiner zeitlichen und räumlichen Einbindung entkleidet und als Wesen, als Idee betrachtet, ohne dass die Existenz des Gegenstandes eine Rolle spielt. Was die auf diese Weise gemeinsam arbeitenden Phänomenologen einte, war keine inhaltliche Weltanschauung, sondern ein gemeinsamer Geist, wie Hedwig Conrad-Martius, eine andere Phänomenologin aus Husserls Göttinger Zeit hervorhebt. Das Ziel war es, sich über das Wesen der Einzelgegenstände letztlich über das Wesen von Denken und Erkennen neu klarzuwerden. In gründlicher Analyse von „Gegebenem“ werden die „Gegebenheitsweisen“ offengelegt und gleichzeitig die Mittel der Analyse immer transparent gehalten bzw. weiterentwickelt. Zu den Untersuchungsgegenständen gehören z. B. das theoretische Erkennen, das praktische Wollen und Sollen, das ästhetische Genießen und der religiöse Glaube.

Die Phänomenologie gab interessanterweise vielen einen Anstoß zu einer persönlichen religiösen Bekehrung. „Im phänomenologischen Umkreis wurde also der Boden fruchtbar gemacht für die Erkenntnis von Transzendenzen und Offenbarungen, von Göttlichem und Gott selber, für letzte religiöse Entscheidungen, für Bekehrungen und Konversionen“, schrieb Conrad-Martius. So entwickelte Edith Stein hier den entscheidenden Anstoß zu ihrer Entscheidung für die Taufe, wobei Hedwig Conrad-Martius ihre Taufpatin wurde. Gerda Walther (1897-1977), eine Pfänder- und Husserl-Schülerin, hatte sich aus psychologisch-phänomenologischem Interesse mit religiösen Erlebnissen der Mystik und okkulten Erlebnissen der Parapsychologie beschäftigt. Als Gerda Walther im Sommer 1923 bei Conrads eingeladen war, wurde sie von Hedwig Conrad-Martius gefragt, „worauf allein es ankomme“. Zu ihrem Erstaunen wurde ihr empfohlen: „Christus“. Auch Walther ließ sich in der Zeit zwischen den Kriegen taufen.

Es lässt sich sogar eine Kernzeit der Bekehrungsphänomene innerhalb der Phänomenologischen Bewegung angeben. In diese Zeit fällt Schelers „katholisierende“ Phase (1906-1921), weiterhin die Zeit der geistlichen Veränderungen bei Adolf Reinach und Dietrich Hildebrand (dem Scheler-Freund), die durch den Krieg ausgelöst wurden. Der Personenkreis, der zumeist dem assimilierten Judentum und dem Kulturprotestantismus entstammte, hatte sich zu einem phänomenologischen Zirkel zusammengeschlossen, zunächst in München, dann ab 1907 in Göttingen, in Freiburg seit 1916 nur noch als kleiner Kreis, später vereinzelt auf der Conradschen Obstplantage in Bergzabern. Zum Personenkreis gehören Adolf Reinach, Edith Stein, Hedwig Conrad-Martius, Kurt Stavenhagen, Gerda Walther (1897-1977), Max Scheler (1874-1928), Dietrich von Hildebrand (1898-1977), auch Peter Wust (1884-1940), der durch Schelers Schriften zum Glauben zurück fand, selbst aber nicht der Phänomenologie, sondern eher der Existenzphilosophie zugerechnet werden kann.

Als Adolf und Anne Reinach sich 1916 taufen ließen, reagierte Husserl mit Erstaunen auf die religösen Bewegungen unter seinen Schülern. In einem Brief an Rudolf Otto, dessen Buch Das Heilige (1917) er zuvor mit Interesse studiert hatte, formuliert er seine Haltung zu den Vorgängen: „Meine philosophische Wirksamkeit hat doch etwas merkwürdig Revolutionierendes; Evangelische werden katholisch, Katholische evangelisch. Ich aber denke nicht ans Katholisieren oder Evangelisieren, nichts weiter will ich als die Jugend zu radikaler Redlichkeit des Denkens zu erziehen…“ An Roman Ingarden, einen seiner Schüler, schrieb Husserl, dass ein wahrer Philosoph frei von religiösen Bindungen sein müsse. Die wesentliche Natur der Philosophie sei die radikale Autonomie. Husserl allerdings hatten religionsphilosophische Fragen stets interessiert, d.h. er hielt die Gottesfrage für die wichtigste, wie er Roman Ingarden gegenüber äußerte. Er könne allerdings erst dazu übergehen, wenn er die Grundlage seiner Phänomenologie erarbeitet habe – was sein Leben lang währte. Edith Stein bezeugt, dass Husserl „auch die Möglichkeit eines visionären Schauens als Quelle religiöser Erfahrung immer offen gelassen hat“. Avé-Lallemann bestätigt Husserls Intention, durch eine gereinigte Philosophie den Weg zu einer wissenschaftlichen Metaphysik zu bahnen, der „in einem Durchbruch hin zum lebendigen Gott kulminieren“ sollte.

Adolf Reinachs religionsphilosophische Untersuchung, die Aufzeichnung, die er in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges entwarf, wird begleitet von dem Vorsatz, den „religiösen Erlebnissen ihren Sinn zu lassen“. Unter „religiöses Erlebnis“ versteht Reinach ein „Gotteserlebnis“, das sich als „Erlebnis des Geborenseins in Gott“ zeigt. Religiöse Erlebnisse lassen sich durch die innere Wahrnehmung des Subjekts feststellen und in phänomenologischer Weise beschreiben. Wenn diesen Erlebnissen ein in phänomenologischer Weise zu untersuchender Sinn zukommt, können daraus Erkenntnisse gewonnen werden, die dann einer wissenschaftlichen Aufarbeitung innerhalb der Religionsphilosophie zur Verfügung stehen. An die phänomenologische Bedeutungs- und Wesensanalyse schließt sich die transzendental-phänomenologische Frage an, wie sich religiöse mit anderen Erlebnissen des Erlebnisstroms verbinden lassen. Ob das Erlebnis, auch das religiöse, als eines neben vielen anderen unverbunden stehen bleiben kann, soll oder muss? Nicht der Gegenstand der Religion, sondern das Erlebnis und der religiöse Akt, d. h. die Orientierung am realen psychischen Geschehen, bilden das zu untersuchende Material. Reinach bezieht sich aber immer in Verbindung mit dem religiösen Erlebnis auf Jesus Christus, der „Glaube an“ beinhaltet intentional den Gegenstand der „religiösen Welt“.

Bis zum Ersten Weltkrieg war „Glaube“ für Reinach etwas Geheimnisvolles, für das er „freundliches Desinteresse“ übrig hatte. Erst im Krieg öffnete er sich der religiösen Dimension, wohl durch die Todesnähe bedingt. Für Husserl kommentierte Reinach sein religiöses Erlebnis so: „Wie eine schwere, finstere Nacht liegt die Zeit der großen Offensive hinter mir… Und doch erfüllt mich Glück und unendliche Dankbarkeit, dass ich diese Zeit erleben und überleben durfte. Nun lebe ich in einer ganz anderen Welt.“ 1917 fiel Reinach in Flandern bei einem gefährlichen Einsatz, für den er sich freiwillig gemeldet hatte.

Reinach vertritt eine von Husserl abweichende, eher platonische Richtung der Phänomenologie, die auch als „Realphänomenologie“ bezeichnet werden kann. Zentral ist für ihn das Problem der Objektivität, die sich an Gegenständen erkennen lässt. Er ist der Auffassung, dass der Wert eines Gegenstandes am Gegenstand selber erscheint. Das Ziel seiner Phänomenologie ist das Schauen


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