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02 2020

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Covid 19 und die PhilosophInnen. Eine Übersicht über die mediale Präsenz der Philosophie

aus: Heft 2/2020, S. 16-25

In Krisenzeiten hat Philosophie Hochkonjunktur. Zu keinem Thema haben so viele Philosophen und Philosophinnen sich in so kurzer Zeit in den Medien geäußert wie zur Corona-Krise, und zu keiner Zeit waren sie so gesucht. Kaum eine der bekannten Stimmen fehlt hier, einzelne AutorInnen sind in verschiedenen Kanälen zu finden. Und mit Covid 19: Was in der Krise zählt ist bereits das erste, mitunter philosophische Buch zum Thema erscheinen (verfasst von Adriano Mannino / Nikil Mukerji, Reclam Stuttgart). Da sage jemand, die Eule der Minerva beginne erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. „Viele Philosophen und andere Intellektuelle versuchen jetzt, aus dieser Krise in irgendeiner Form intellektuelles Kapital zu schlagen“, glaubt Thomas Vaŝek, Chefredakteur des Philosophie-Magazins Hohe Luft. Doch es fragt sich, ob die Medien (und damit eine breite Bevölkerung) nicht noch mehr an Stimmen aus der Philosophie interessiert waren. Denn das Bedürfnis nach Reflexion und nach Orientierung ist in dieser Zeit enorm. Einer der Philosophen sieht sogar eine „Zeitenwende“ angesagt, eine „moralischen Fortschritt“ (Abkehr vom Paradigma der Wirtschaft zu dem der Politik). Ähnlich sieht es einer der eifrigsten Wortmelder, Markus Gabriel. Er sieht die Krise als Chance für einen Neuanfang, „der moralischen Fortschritt der Menschheit an die oberste Spitze seiner Zielstruktur setzen muss“ und ruft zu einer neuen Aufklärung auf. Im folgenden einige der Wortmeldungen vor allem aus der ersten Zeit der Krise, lose gruppiert nach Themen.

Verpflichtet uns das Ziel der Lebensrettung, unbegrenzt Freiheitsbeschränkungen und wirtschaftliche Nachteile hinzunehmen?

Es komme ganz auf deren Maß und Ziel an, antwortet Gertrude Lübbe-Wolf in der Frankfurter Allgemeinen vom 24. März. Denn es gehöre zum Rechtsstaat, dass er in Krisensituationen mehr darf als sonst. Allerdings hält Lübbe-Wolf die Vorstellung, man könne die Gesellschaft als Ganze weitgehend schließen, während der Staat so lange wie nötig für das Nötigste sorge, für wirklichkeitsfremd. Aber das Ziel, das Infektionsgeschehen zu verlangsamen, könne tiefgreifende Einschränkungen legitimieren.

Auch Julian Nida-Rümelin hält die Aussetzung des öffentlichen Lebens aus Solidarität gegenüber den Schwachen und Vorerkrankten für verkraftbar. Sollte sich das jedoch über Monate hinziehen, „dann fürchte ich, dass wir einen dauerhaften Schaden erleiden werden, ökonomisch, aber auch kulturell und sozial. Menschen ziehen sich dann zurück. Die ängstlichen, die ohnehin dazu neigen, sich zurückzuziehen, werden dann möglicherweise erst recht in eine Art Depression verfallen“. Für Nida-Rümelin geht es um ein Abwägen: „Welche Kosten sind wir bereit, in Kauf zu nehmen?“ Käme als Folge die Weltwirtschaft zum Kippen, wäre der „Preis zu hoch, wenn die Sterblichkeit nur unwesentlich höher liegt als bei der gewöhnlichen Grippe … Es kann nicht sein, dass man versucht, bestimmte Risiken, die vielleicht viel niedriger sind als andere, unter extremen Kosten zu vermeiden, und andere Risiken als selbstverständlich hinzunehmen.“ Für Nida-Rümelin ist die Frage berechtigt, ob wir im Falle von Covid 19 diese Abwägung richtig vornehmen und vor allem dosiert genug einsetzen. Er plädiert für das „Cocooning“, das Prinzip der Durchseuchung: Der junge Teil der Bevölkerung kann sich infizieren, ist dann immun und kann sich um die Alten kümmern. „Unter der Bedingung, dass die Alten und gesundheitlich Gefährdeten wirklich geschützt sind“, könne man das „minimale Risiko für den Rest der Gesellschaft eingehen“ und die Ökonomie schnell wieder hochfahren, befand Nida-Rümelin in einem Interview mit dem ZDF – ein Vorschlag, der ihm viel Kritik eingetragen hat. (Bayerischer Rundfunk, 13. März, AZ München, 25. März). Julian Nida-Rümelin zeigte sich zudem besorgt über „eine auffällige Abwehr gegenüber kritischen Debatten.“ Zu einer Demokratie gehöre in Krisenzeiten die Diskussion und Kontroverse. „Sicher ist das neue Coronavirus eine ernstzunehmende Gefahr. Gleichzeitig haben die Bilder aus Bergamo und New York dazu geführt, dass die Menschen unter einem Konformitätsdruck stehen und es abweichende und kritische Meinungen schwer haben“.

„Wie und was kann man denn überhaupt abwägen?“ entgegnet der zur Kritischen Theorie gehörende Gunzelin Schmid Noerr. „Was ist der gemeinsame Maßstab bei der Abwägung von gesundheitlicher und wirtschaftlicher Sicherheit und Existenz für die Bevölkerung?“ Eine Ethik der Nutzenabwägung und -maximierung reiche nicht aus, wenn man es mit der Fürsorge für die Kranken, Schwachen und Hilflosen zu tun hat: „Dann wird der Rückgriff auf eine Ethik der unverrechenbaren Menschenwürde unabdingbar.“ (Frankfurter Rundschau2. April). Auch Dietmar von der Pfordten wehrt sich dagegen, dass Menschenleben gegeneinander aufgerechnet werden sollen: „Jeder Mensch verdient denselben Schutz des Staates, egal, ob stark oder schwach, jung oder alt. Das ist Ausdruck einer ebenso gerechten wie aufgeklärten Haltung.“ (Neue Zürcher Zeitung, 1. April). Und Oliver Hallich (Duisburg-Essen) argumentiert analog: „Menschliches Leben ist wichtiger als wirtschaftliche Interessen“ (RP Online, 3. April).

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