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Von der Wissenschaftstheorie zur Wissenschaftsphilosophie


Ein Gespräch mit Martin Carrier, Holger Lyre, Wolfgang Spohn und Manfred Stöckler

„Bestandesaufnahme der deutschen Wissenschaftsphilosophie“ war das Thema einer Bonner Tagung. „Wissenschaftsphilosophie“ – ist das ein neuer Name für die alte Wissenschaftstheorie?

Martin Carrier: Es ist das Gleiche, nur anders ausgedrückt. Ich sehe darin eine Parallelbildung zu Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssoziologie: Wir bekommen damit einen besseren Zugang zur Wissenschaftsforschung insgesamt, die in ihrer Beschaffenheit tridisziplinär ist und in der die Wissenschaftssoziologie die institutionellen, die organisatorischen und politischen Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Gesellschaft analysiert, die Wissenschaftsgeschichte den Wandel in den Blick nimmt und die Wissenschaftsphilosophie sich spezifisch damit beschäftigt, wie Erkenntnisgewinnung funktioniert.

Zu Kuhns Zeiten waren in Deutschland zum einen der Strukturalismus, wie ihn Stegmüller vertreten hat, zum anderen der Erlanger Konstruktivismus von Lorenzen die beherrschenden wissenschaftstheoretischen Positionen. Wie sieht es heute aus?

Wolfgang Spohn: Die Szene ist sehr viel breiter geworden. Strukturalismus und Erlanger Schule waren gewissermaßen die Gründungsströmungen der Wissenschaftstheorie in Deutschland. Das Ausland war von vornherein nicht so eng festgelegt. Seither hat sich auch in Deutschland immer mehr gezeigt, dass es viele verschiedene Zugänge zur Wissenschaftstheorie gibt; auch stehen neue Disziplinen und die Wissenschaftsethik stärker im Fokus der Wissenschaftsphilosophie. Wissenschaftsphilosophie ist einfach das emphatischere Wort, Wissenschaftstheorie hingegen klingt trocken. Die deutsche Szene ist heute viel stärker international geprägt als dies noch vor vierzig Jahren der Fall war. Insofern haben besagte Schulen auch ihren prägenden Charakter verloren. Es ist schwierig, denke ich, die heutige wissenschaftsphilosophische Szene auf einen Nenner zu bringen. Ich könnte nicht einmal sagen, welches die herrschenden Strömungen sind. Das ist auch gut so.

Manfred Stöckler: Auch vor zwanzig, dreißig Jahren gab es schon Leute wie Erhard Scheibe, die außerhalb der herrschenden Strömungen etwa auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie der Physik gearbeitet haben – und diese Leute gibt es auch heute noch. Es ist dies auch ein Problem der Wahrnehmung: Man nimmt gerne Streitereien und Kontroversen wahr, während normale Arbeit und Differenzierungen innerhalb eines engeren Bereiches nach außen nicht so sichtbar sind. Geändert hat sich allerdings die Thematik: Wissenschaftstheorie bezog sich früher im Wesentlichen auf die Physik. Das ist heute anders. Die Hälfte der Aufsätze in der Zeitschrift Philosophy of Science betreffen die Biologie.

Zusätzlich zur Wissenschaftstheorie gibt es noch die Naturphilosophie.

Holger Lyre: Das ist heute sehr wesentlich die Ontologie der Naturwissenschaften. Zum einen gibt es die allgemeine Wissenschaftstheorie. Darin wird behandelt, was Erklärungen, was Bestätigungstheorien, was Modelle usw. sind. Dann gibt es die angewandte Wissenschaftstheorie. In letzterer interessiert man sich zusätzlich für die Ontologie der Naturwissenschaften, also für die Frage: „Was wäre, wenn unsere besten Theorien buchstäblich wahr sind? Wie sähe die Welt dann aus?“

Martin Carrier: „Wie wäre die Welt beschaffen, wenn die Theorien wahr wären“ – das ist Naturphilosophie.

Wolfgang Spohn: Diese Frage betrifft natürlich nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Sozialwissenschaften und wird dann bei den Kulturwissenschaften schwierig. Z. B. kann man oft keine besseren Gesetze formulieren als ceteribus-paribus-Gesetze, sie finden sich in der Tat in der Mehrheit aller Wissenschaften. Diese werfen nicht nur methodologisch, sondern auch ontologisch große Probleme auf.


Manfred Stöckler: Die Grenzen der Wissenschaftsphilosophie sind unscharf. Traditionell gesehen wird man Wissenschaftstheorie der Literaturwissenschaft nicht zur Wissenschaftsphilosophie zählen, denn da gibt es eine eigene Disziplin, die Hermeneutik, und entsprechende Fachleute, die ganz anders arbeiten.

Wie steht es dann mit der Ethik der Wissenschaften: zählt die auch mit zur Wissenschaftsphilosophie?

Martin Carrier: Selbstverständlich. Wenn man überhaupt eine terminologische Unterscheidung einführen will, dann wäre es die zwischen Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik. Wissenschaftsphilosophie beinhaltet dann auch die praktischen Fragen, soweit sie für die Wissenschaften relevant sind. Bioethik ist nach meiner persönlichen Auffassung auch ein Bestandteil der Wissenschaftsphilosophie.

Holger Lyre: Und was dann noch unter dieses Dach gehört, ist die Wissenschaftsgeschichte, die sich allerdings selber institutionell manchmal in der Geschichte, manchmal in der Philosophie und manchmal in den Fachwissenschaften selbst, die ihre eigenen Wissenschaftshistoriker haben, verortet.

Manfred Stöckler: Das ist die Frage wie man trennt. Ob man nach dem Objekt trennt oder nach den Kompetenzen der Leute, die das Geschäft betreiben. Nach dem Objekt gehören im Prinzip die Metatheorien aller Wissenschaften und auch die Untersuchungen der damit verbundenen praktischen Fragen dazu, aber hochschulinstitutionell beinhaltet Wissenschaftsphilosophie meist vor allem theoretische Philosophie und Logik. Wer sich mit Begründungstheorien und statistischen Methoden auskennt, ist nicht immer auch gleich jemand, der gut über Ethik reden kann und sich in der Wissenschaftsgeschichte auskennt. Wissenschaftsphilosophie ist ein Gebiet, wo verschiedene Kompetenzen in Bezug auf ein Projekt zusammenkommen.

Was sind die eigentlichen Gegenstände, die die Wissenschaftsphilosophie untersucht: Begriffe, Erklärungen, Theorien, Historien oder soziale Praktiken?

Holger Lyre: Wenn wir uns überlegen, was Erklärungen, Bestätigungen, Theorien, Modelle etc. sind, dann betreiben wir Methodologie, und alles, wonach hier gefragt wird, kann Gegenstand der Methodologie sein.

Was ist von der Auffassung zu halten, die Wissenschaftstheorie habe die Aufgabe, die Geltung wissenschaftlicher Theorien zu untersuchen und logische oder jedenfalls formale Kriterien zu ergründen, um zu einer Theorie wissenschaftlicher Theorien zu gelangen?

Wolfgang Spohn: Ich halte sehr viel von dieser Auffassung. Aber ich bin mir natürlich darüber im klaren, dass damit nicht die ganze Wissenschaftsphilosophie abgedeckt ist. Auch befällt mich manchmal das Gefühl, dass dieser Bereich sozusagen abgearbeitet ist und kaum Neues hinzukommt. Umgekehrt ist aber manch Interessantes, was in diesem Bereich geschieht, selbst unter Wissenschaftsphilosophen wenig bekannt. Letztlich bin ich aber doch davon überzeugt, dass in diesem Bereich noch viel Potential steckt.

Martin Carrier: Nach meiner Einschätzung sind die Perspektiven einer stark formalen Wissenschaftstheorie nicht besonders gut. Ich lasse mich zwar gerne durch die Erfolge, die auf diesem Felde stattfinden, belehren, aber gegenwärtig sehe ich eher eine Art von Scholastik, die sich vor allem um die eigenen logisch-mathematischen Probleme dreht, so dass die für die Wissenschaft relevanten Ergebnisse vergleichsweise mager ausfallen. Der Schritt von den Spielzeugmodellen zu den realen Theorien ist dann doch ein ziemlich großer.

Wolfgang Spohn: Auch die Wissenschaften selber fangen mit solchen Modellen an, und diese auf reale Probleme anzuwenden ist auch dort immer schwierig. Deswegen halte ich den Scholastik-Vorwurf insgesamt nicht für richtig. Ein Beispiel: Mit die wichtigsten Beiträge zu den Grundlagen der Statistik, d.h. zum ewigen Thema „Korrelation und Kausalität“, kamen in den letzten zwanzig Jahre aus dem formalen Bereich der Wissenschaftstheorie, in Form der Theorie der Bayesschen Netze; das in der Statistik wirklich zur Geltung zu bringen, ist freilich höchst mühevoll.

Martin Carrier: Das bestreite ich überhaupt nicht. Aber ich denke an Bestätigungstheorien, an die Begründung von Theorien und die Auszeichnung guter Theorien. Man muss den Bayesianismus dann schon übersetzen, damit er sinnvoll wird, und bei dieser Übersetzung ergeben sich dann letztlich informelle Kriterien wie Vereinheitlichungsleistung oder die Antizipation von neuartigen Effekten als der eigentliche Witz.

Wolfgang Spohn: Die Grundlagentheorie ist nicht zu Ende gekommen. Noch haben wir keine Klarheit darüber, wie diese ganze Übersetzungsarbeit zu leisten ist, wie wir von den Modellen zu den Anwendungen kommen usw. Es ist trotzdem eine wichtige Arbeit, sich über die Grundlagen Klarheit zu verschaffen.

Holger Lyre: Ich habe den Eindruck, bei den früheren Schulen in Deutschland, sowohl beim Strukturalismus als auch bei der Erlanger Schule, fehlte häufig der konkrete Kontakt zu den Wissenschaften. Und dies ist auch mit ein Grund für ihren Rückgang. Bei der jüngeren Generation hingegen sehe ich das gegenwärtig anders: sie sucht den konkreten Arbeitskontakt.

Manfred Stöckler: Eine große Herausforderung ist die Grenze zur Wissenschaftssoziologie. Dies betrifft insbesondere die Frage: Kann man methodologische Normen rechtfertigen? Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, den Nutzen formaler Methoden zu zeigen. Ich glaube, dass es diesen Nutzen gibt. Heute sind formale Methoden aber nicht mehr wie früher Selbstläufer in dem Sinne, dass eine logische Darstellung immer gut ankam und man nicht unbedingt auf ihren Nutzen achten musste.

Es scheint, dass die Wissenschaftstheorie heute alle normativen Ansprüche verloren hat. Gibt es eine Chance, methodologische Regeln zu entwickeln, die die Wissenschaftler bei ihrer Arbeit befolgen können oder gar müssen?

Wolfgang Spohn: Nach methodologischen Normen zu suchen, ist gewissermaßen ein eigenes Geschäft, wobei das deskriptive natürlich das viel breitere ist. Aber normative Diskussionen stellen nach wie vor einen wichtigen Teil der Wissenschaftstheorie dar. Formale Diskussionen sind oft eigentlich normativer Natur, d. h. dahinter steht der Versuch, allgemeine normative Regeln der Überzeugungsbildung oder der Erkenntnisgewinnung aufzustellen. Ich halte das sogar für den Kern der formalen Bemühungen. Deshalb ist der Anspruch, allgemeine Normen zu formulieren, überhaupt nicht aufgegeben worden.

Martin Carrier: Ich kann das nur bestätigen: das Normative ist ein wesentliches Element der Wissenschaftsphilosophie und stellt das Unterscheidungsmerkmal zu den beiden anderen reflexiven Wissenschaften der Wissenschaft, Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsgeschichte, dar. Es ist erfreulich, dass die Wissenschaftsphilosophie im Laufe des letzten halben Jahrhunderts sehr viel deskriptiver geworden ist. Man kümmert sich mehr um die Daten, als man dies früher gemacht hat. Dies ist einmal ein wichtiges Verdienst.
Aber dann kommt der eigentliche Kern: Wir reden nicht einfach von akzeptierten Überzeugungen. Wenn wir von Wissen sprechen, dann nehmen wir den Erkenntnisanspruch der Wissenschaft ernst. Ich bin aber nicht sicher, ob dies wesentlich mit formalen Methoden verknüpft ist. Es geht in der Wissenschaftsphilosophie darum, aus der wissenschaftlichen Praxis heraus den Erkenntnisanspruch haltbar werden zu lassen. Wenn eine Theorie einen Effekt voraussagt, dann halten wir diesen Erklärungsanspruch für eine epistemische Errungenschaft und für einen Erkenntnisgewinn. Insofern hat Wissenschaftsphilosophie immer auch damit zu tun, spezifische methodologische Fragen, also etwa die Beurteilung einzelner Theorien, mit diesem größeren Erkenntnisziel zu verbinden. Ich denke, daraus stammt die normative Kraft, nicht aus der Logik.

Holger Lyre: Ich halte es für eine gute Tugend, die sich da entwickelt hat und die darin besteht, keine so starken normativen Ansprüche mehr zu haben, wie man sie bislang in verschiedenen Schulen gehabt hat. Die Wissenschaftstheorie modelliert oder beschreibt Verfahrensweisen oder Vorgehensweisen der Wissenschaftler. Was für eine normative Kraft aus diesen Ergebnissen folgt, das steht auf einem anderen Blatt: die meisten Wissenschaftstheoretiker halten sich hier eher zurück, und das halte ich auch für richtig.

Manfred Stöckler: Dennoch können wir uns nicht damit zufrieden geben zu sagen, früher hat man so erklärt, heute haben wir dieses Ziel der Wissenschaft, und morgen machen wir irgend etwas anderes. Wenn das so ist, dann haben wir ein Problem zu verstehen, warum wir Wissenschaft treiben und warum soviel Geld dafür ausgegeben werden soll.
Wissenschaft ist nicht etwas Beliebiges, sondern auf Begründungen angewiesen. Dazu gehört ein Dialog mit der Praxis der Wissenschaften in Vergangenheit und Gegenwart, in dem die normativen Ansprüche der einzelnen Wissenschaften herausgearbeitet werden.

Wolfgang Spohn: Wissenschaft ist rationale, wahrheitsorientierte Überzeugungsbildung. Eine Frage ist dann, was die Form von Überzeugungen ist. Die Wahrscheinlichkeitstheorie bildet dafür ein normatives Modell, aber nicht das einzige.

Martin Carrier: Der wesentliche Punkt ist doch, dass Normen das wesentliche Unterscheidungsmerkmal gegenüber soziologischen Ansätzen sind. Zwar haben diese auch andere methodische Präferenzen als die Wissenschaftsphilosophie – diese bevorzugen das Interview, wir die Originalarbeiten –, aber das sind Details. Der entscheidende Punkt ist die normative Orientierung. Die Wissenschaftssoziologie wahrt Distanz zum Erkenntnisanspruch der Wissenschaften – als Distanz des Beobachters zum Beobachteten. Die Wissenschaftstheorie ist da anders: sie akzeptiert die normativen Verpflichtungen der Wissenschaftler und versucht diese auf den Begriff zu bringen. Angestrebt ist die Rekonstruktion eines geteilten bzw. unterstellten Rationalitätsideals. Aus dieser gemeinsamen Verpflichtung auf bestimmte Erkenntnisideale entsteht die normative Kraft.

Die Physik gilt heute nicht mehr als Leitwissenschaft, an ihre Stelle sind Bio- und Neurowissenschaften getreten. Wie schlägt sich diese Entwicklung in der Wissenschaftstheorie nieder?

Manfred Stöckler: Durch das Hinzukommen der Biologie ist das Untersuchungsfeld viel größer geworden, nicht aber die Zahl der Wissenschaftsphilosophen, und dadurch können sich weniger Leute als früher mit der Philosophie der Physik beschäftigen. Das heißt aber etwa nicht, dass innerhalb der Wissenschaftsphilosophie die Physik kein interessantes Thema mehr wäre. Die Philosophie der Physik untersucht spezielle Grundlagenprobleme z. B. in fundamentalen Theorien oder in der statistischen Mechanik, aber auch allgemeine methodische Fragen wie die Rolle von Modellbildung und Idealisierung in der Physik.

Eines der immer wieder auftauchenden Themen der Wissenschaftstheorie ist die Frage nach dem Reduktionismus und dem dahinter stehenden Gedanken einer Einheit der Wissenschaft. Ist die Frage nach der Einheit der Wissenschaft aufgegeben worden?

Manfred Stöckler: Sie ist raffinierter geworden. Man hat nicht mehr so schlichte Modelle der Beziehung zwischen den einzelnen Ebenen wie früher und widmet schichtenspezifischen Untersuchungsmethoden (etwa in der Biologie) mehr Aufmerksamkeit. Dies beinhaltet die detaillierte Untersuchung der Beziehungen zwischen den Ebenen und die Rechtfertigung besonderer Methoden. Wie diese zusammenpassen, das ist die entscheidende Frage des Reduktionismus und hier fängt die Diskussion erst an, das andere war Vorgeschichte.

Wolfgang Spohn: Bisher hat man sich vor allem mit der prinzipiellen Reduzierbarkeit beschäftigt und dazu Modelle entwickelt. Mit der tatsächlichen Reduktion hat dies aber nichts zu tun. Letztere ist de facto wohl undurchführbar. Was kann man in dieser Situation tun? Es hat keinen Sinn, lediglich die prinzipielle Reduzierbarkeit zu bejahen und die tatsächliche Reduktion zu verneinen. Wenn nichts oder höchstens eine Art Familienähnlichkeit, wie sie Hoyningen-Huene in seinem Vortrag vertreten hat, an die Stelle der tatsächlichen Reduktion tritt, dann ist das vorderhand unbefriedigend. Aber es ist durchaus möglich, dass man deskriptiv nicht weiterkommt, als eben solche Familienähnlichkeiten festzustellen. Dennoch: das Thema Einheit der Wissenschaft ist nach wie vor aktuell. Denn es gibt nur eine Welt, und in dieser hängt alles mit allem zusammen. Unsere Erkenntnis kann nicht einfach zersplittern.
Martin Carrier: Die Einheit der Wissenschaft ist über die Jahrzehnte von Philosophen ganz unterschiedlich verstanden worden. Angefangen hat es mit der Einheit der Wissenschaftssprache, was darauf hinauslief, dass man die Entitäten einheitlich beschrieb. Darauf wurden dann viel stärkere Reduktionsansprüche für die zugehörigen Theorien gesetzt. Diese stärkeren Ansprüche sind zunächst alle gescheitert. Als Reaktion trat eine starke nichtreduktive Strömung auf den Plan, ein nichtreduktiver Physikalismus. Seit zehn Jahren versucht man nun den Reduktionsbegriff geschickter zu gestalten, nämlich auf solche Weise, dass er auch schwächere Beziehungen zwischen verschiedenen Theorien oder Wirklichkeitsbereichen erfassen kann. Daher erleben wir gegenwärtig das Aufkommen eines reformulierten Reduktionismus. Die Einheit der Wissenschaft muss aber nicht unbedingt mit dem Reduktionismus verknüpft werden, sie könnte auch auf der methodologischen Ebene bestehen oder im Zugang, wie etwas erforscht wird. Die Objekte könnten sich in der Sache unterscheiden, aber wir könnten sie auf gleichartige Weise in den Griff zu bekommen versuchen. Ich denke, das würde die Einheit der Wissenschaft retten.

Holger Lyre: Es ist einfach zu sagen, ontologisch sind wir alle Monisten, aber epistemologisch lassen wir viele Blumen blühen. Ob das gut zusammenpasst und ob die Spannung zwischen diesen beiden Polen nicht zu groß ist – ich setze da ein Fragezeichen.

Martin Carrier: Das lässt sich nicht dekretieren. Wir müssen das nicht zusammenbringen. Es ist möglich, dass diese Spannung einfach so groß ist und wir das ertragen müssen.

Holger Lyre: Das Ideal, eine fundamentale Theorie zu finden, wird heute von den Naturwissenschaftlern, insbesondere den Physikern, nicht mehr in so breiter Front geteilt wie noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Dazu kommt, dass die Physik mit ihren Theoriemodellen nicht mehr so erfolgreich ist, sie tritt in Konkurrenz zu den Bio- und Neurowissenschaften, die ständig mehr Forschungsgelder bekommen. Im Bild von Wissenschaft, das in der Wissenschaftstheorie gegenwärtig entwickelt wird, steht der Einheitsgedanke nicht mehr im Vordergrund. Die Wissenschaftstheoretiker neigen vielmehr zum Pluralismus, wobei sie dem Verlauf der Wissenschaften folgen.

Manfred Stöckler: Das Ziel der Einheit hat sich gewandelt. Die Idee ist nun nicht mehr, alles aus einer Formel abzuleiten, sondern man geht davon aus, dass die verschiedenen Ebenen der Beschreibungen zusammenhängen. Dass etwa eine Beschreibung von Gehirnprozessen in den Neurowissenschaften zusammenhängt mit einer biochemischen Beschreibung. Die Kenntnis der Art dieser Verflechtung verschiedener Ebenen ist sowohl für die Wissenschaftstheorie wie auch für die Wissenschaften selbst wichtig. Es geht also nicht mehr darum, alles aus einer Weltformel abzuleiten; wichtig ist aber nach wie vor die Frage, wie alles zusammenhängt. Und hier fängt, wie gesagt, die Diskussion erst richtig an.

Lange Zeit hat der wissenschaftliche Realismus die Wissenschaftstheorie geprägt. In letzter Zeit gibt es immer mehr Wissenschaftsphilosophen, die Modellen im Gegensatz zu Theorien zentrale Bedeutung im Beschreiben und Analysieren naturwissenschaftlicher Phänomene zusprechen.

Martin Carrier: Es hat sich gezeigt, dass der Weg von theoretischen Prinzipien zu den konkreten Erfahrungen viel länger ist, als man noch vor einem halben Jahrhundert geglaubt hat. Damals hatte man noch angenommen, aus Naturgesetzen und Randbedingungen allein zu aussagekräftigen Ergebnissen über die Erfahrung gelangen zu können. Stattdessen muss man eine große Zahl von Gesetz- und Regelmäßigkeiten zusammenfügen und kann erst mit solch komplizierteren Modellen zu konkreten Folgerungen gelangen. Das widerspricht dem wissenschaftlichen Realismus aber nicht grundsätzlich. Denn die Erfolge, die man dann hat, sind ja dem gesamten theoretischen Apparat zuzurechnen.
„Modell“ wird in verschiedenem Sinne gebraucht, manchmal implizit instrumentalistisch. Es heißt dann: „Wir machen ja nur Modelle“. Hier wird der Realitätsanspruch gleichsam zurückgenommen. Aber dieses Verständnis dominiert nicht in der gegenwärtigen Wissenschaft oder Wissenschaftsphilosophie.

Holger Lyre: Gewisse Positionen des wissenschaftlichen Realismus fügen sich gut in modelltheoretische Auffassungen ein. Ein Beispiel dafür ist der Strukturenrealismus. Das ist diejenige Position, die sich nur auf den strukturellen Gehalt einer Theorie verpflichten will. Wichtig ist dabei der Begriff der Modelle. Theorien, die eine Klasse von Modellen gemeinsam haben, haben gemeinsame Strukturen und sind insofern isomorph oder partiell isomorph. Nur hierauf möchten sich Strukturenrealisten festlegen lassen. Der Strukturenrealismus ist eine etwas schlankere Variante des wissenschaftlichen Realismus. Hier wird weniger behauptet als im gewöhnlichen Entitätenrealismus, indem gesagt wird, wir haben möglicherweise keinen direkten Zugriff auf intrinsische Eigenschaften, sondern allenfalls indirekt über den strukturellen Gehalt einer Theorie, und dieser drückt sich in Modellen aus.

Manfred Stöckler: Ich habe Probleme damit, dass Wissenschaft allein von Strukturen handeln soll. Ich sehe die Gefahr, dass das Materielle dabei verloren geht.

Wolfgang Spohn: Ich teile diese Meinung. Strukturen sind Strukturen von Objekten, und zu den Strukturen gehören die Objekte immer dazu. Ich halte es für eigenartig, nur für die Strukturen eine Realität zu verteidigen und bezüglich der Objekte nicht.

Holger Lyre: Aber die Objekte können so gedacht werden, dass sie nicht durch intrinsische Eigenschaften, sondern nur durch relationale Eigenschaften, also rein strukturell, charakterisiert sind.

In letzter Zeit ist in der Wissenschaftsphilosophie ein Trend von der Grundlagenwissenschaft zur angewandten Wissenschaft und zur Zusammenarbeit mit sehr speziellen Fachwissenschaften zu beobachten. Was bedeutet das?

Martin Carrier: Die große Masse von Wissenschaft ist heute angewandte Forschung. Untersuchungen zur Teilchenphysik oder zur Kosmologie machen nur noch einen kleineren Teil der wissenschaftlichen Anstrengungen aus. Es gehört mit zum deskriptiven Anspruch der Wissenschaftsphilosophie, dieses Phänomen genauer zu analysieren. Es geht dabei um Fragen der Verlässlichkeit und der methodologischen Qualitäten von Wissenschaft im Anwendungskontext.

Manfred Stöckler: Das zeigt, wie vielfältig Wissenschaftsphilosophie ist. Zum einen kommen von den Objekten her immer mehr Bereiche hinzu, und zum anderen gibt es vielfältige Beziehungen zu anderen Bereichen der Philosophie, etwa zur Logik, zur Ontologie oder zur Bedeutungstheorie. Es treten also immer mehr Probleme ins Gesichtsfeld, und gleichzeitig werden die Hilfsmittel, auf die sich die Wissenschaftsphilosophie stützt, immer differenzierter. Das erklärt auch, warum nicht alle in gleicher Weise arbeiten. Die einen sind mehr an Ontologie interessiert, andere an der Relativitätstheorie.

Kann die Wissenschaftsphilosophie von Bedeutung für die Politik sein?

Martin Carrier: Die Politik greift heute vielfach auf die Wissenschaft zurück, und wenn sie bei einer wissenschaftsreflexiven Disziplin anfragt, dann bei der Wissenschaftssoziologie. Es ist sehr wichtig, gerade hier die Wissenschaftsphilosophie ins Spiel zu bringen. Denn wir sind diejenigen, die sich in erster Linie um die Klärung wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung bemühen. Es ist genau wie in den Naturwissenschaften: Wenn man irgendwo eingreifen will, dann sollte man verstehen, wie die relevanten Prozesse funktionieren. Wenn man zielgenau eine Wirkung hervorbringen will, dann muss man wissen, was abläuft. Die Politik greift ständig steuernd und regulierend in die Wissenschaft ein, ohne klare Vorstellungen davon zu haben, was diese Einwirkungen und die Rahmenbedingungen, die man setzt, für Folgen in der Wissenschaft haben. Hier könnte man vermehrt wissenschaftsphilosophische Kompetenz für die Politikberatung zum Tragen bringen. Es geht zum Beispiel darum, wie stelle ich in der Wissenschaft Bedingungen so her, dass Kreativität optimal gefördert wird. Ich denke, dass wir zu sol-chen Fragen eine ganze Menge sagen könnten.

Holger Lyre: Ein anderes Feld, das wenig bearbeitet wird, betrifft die Vermittlung von Wissenschaft in die Öffentlichkeit überhaupt. Zu verstehen, was Wissenschaft eigentlich ist, sollte in seiner ganzen Komplexität stärker in die Öffentlichkeit vermittelt werden. So wird zum Beispiel öffentlich kaum wahrgenommen, dass ein Umgang mit Wissenschaft letztlich immer nur ein Umgang mit Bestätigungsgraden ist.

Manfred Stöckler: Auch in Hinsicht auf ethische Fragen ist es wichtig zu wissen, wie Wissenschaft und wie Forschung funktioniert bzw. funktionieren sollte. Jede Frage in der Wissenschaftsethik macht gewisse wissenschaftsphilosophische Voraussetzungen. Man kann das nicht voneinander trennen.

DIE GESPRÄCHSTEILNEHMER:
Martin Carrier ist Professor für Philosophie der Wissenschaften an der Universität Bielefeld, Holger Lyre ist Privatdozent an der Universität Bonn und derzeit auf einer Lehrstuhlvertretung an der Universität Bielefeld, Wolfgang Spohn ist Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Konstanz und Manfred Stöckler Professor für Theoretische Philosophie und Philosophie der Naturwissenschaften an der Universität Bremen.

Das Gespräch fand anlässlich der Tagung „Was ist Wissenschaft“ am 18. März 2008 in Bonn statt (siehe www.wissphil.uni-bonn.de). Die Fragen stellte Peter Moser.








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