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PHILOSOPHISCHE PRAXIS

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Christof Arn:
Angewandte Ethik umsetzen


Der in Scharans im Domleschg (Graubünden) lebende Ethiker Christof Arn hat sich auf „Ethik-Projekte“ spezialisiert. Dabei geht es um die praktische Umsetzung von Ethik in gesellschaftliche Prozesse. Seine Projekte reichen von Forschung über Bildung und Beratung bis zur Praxis. Dazu hat er eine eigene Konzeption des Ethiktransfers entwickelt. Praktisch übt er sie vor allem in seiner Tätigkeit im Zürcher Institut „Dialog Ethik“ aus, das sich auf Medizinethik konzentriert und bei dessen Leitung er mitarbeitet.

Bei der Umsetzung von Einsichten aus der ethischen Reflexion in die Praxis ist es wichtig, dass man weiß, dass es nicht darum geht, diese Einsichten 1:1 in die Realität umzusetzen. Denn der Umsetzungsprozess beinhaltet einen Wandlungsprozess der Inhalte selber, und dieser Umwandlungsprozess wird erneut von einem Reflexionsprozess begleitet. Zum einen besteht ein Prozess von einer allgemeinen zu einer angewandten Ethik in dem Sinn, das man ausgehend von der allgemeinen Ethik die realen Probleme bedenkt. Arn zufolge befindet man sich hier aber immer noch auf einer allgemeinen Ebene. Sich praktisch um diese realen Probleme zu kümmern, ist dann ein weiterer Schritt, der erneut eine anspruchsvolle, aber andere Art von Reflexion verlangt. Arn hat die Erfahrung gemacht, dass viele Ethiker und Ethikerinnen gerade für diesen letzten Schritt nicht geeignet sind, weil ihnen die entsprechenden kommunikativen Kompetenzen fehlen, geht es hier doch im wesentlichen um Kommunikation, deren Verlauf offen ist. Es geht hier auch darum, Argumenten nachzugehen, die die eigene Konzeption in Frage stellen und auch um die Bereitschaft, sich diese Konzeption in Frage stellen zu lassen.

Als Beispiel dafür nennt Arn einen Spital, der schwierige Entscheidung am Lebensende zu treffen hat. Soll man eine Person mit high tech am Leben erhalten, oder soll man sie eines natürlichen Todes sterben lassen? Das ist – neben anderen – ein heute in der medizinischen Ethik besonders häufig auftretendes Problem.

Wenn sich die Spitalleitung dazu entschieden hat, die Möglichkeit zu schaffen, innerhalb des Spitals ein ethisches Gesprächsforum einzuberufen, innerhalb dessen Ärzte und Pflegepersonal mit ausgebildeten Moderatorinnen und Moderatoren eine solche anstehende Entscheidung besprechen können, stehen Fragen an, bei denen Arns Konzept des Ethiktransfers ins Spiel kommt: Wer löst ein solches Gespräch aus? Wer beteiligt sich an einem solchen Gespräch? Wer trägt die Verantwortung für die Entscheidung? Es sind dies nicht nur pragmatische Fragestellungen, denn sie haben ethische Implikationen und hängen mit ethischen Vorentscheidungen zusammen. Es sind dies aber auch alles Fragen, die in der Medizinethik bislang übergangen worden sind, die aber von Wichtigkeit sind und auf die sich Christof Arn gewissermaßen spezialisiert hat. Denn es sind Fragen, die man immer nur bedingt allgemein beantworten kann. Denn wie genau der Ablauf eines solches Gesprächs aussehen kann, ist je nach Spital verschieden. Es geht dabei insbesondere darum, die Antworten gemeinsam mit den Verantwortlichen der betreffenden Klinik zu erarbeiten und deren praktisches Wissen einzubeziehen. Auf der anderen Seite fließen von Seiten des Ethikers Überlegungen mit ein (Arn nennt als Beispiel die Idee des herrschaftsfreien Diskurses). Innerhalb dieses Prozesses, wo Ethiker und Praktiker sozusagen an einem Tisch sitzen, und den Arn als „intermediäre Organisation“ bezeichnet, entsteht etwas kreativ Neues, etwas, das weder der Ethiker noch der Praktiker allein hätte konzipieren können und das dann in der konkreten Umsetzung im betreffenden Spital resultiert. Dieser Art der Umsetzung gilt für alle Bereiche der angewandten Ethik, etwa auch im Bereich des Bankwesens. Beispielsweise ist auf diese Weise ein „ethisch-ökologischer Fond“ entstanden. Arn ist der Meinung, dass sich dies analog im Verwaltungswesen und im Bereich der Unternehmensethik und der Politikberatung realisieren ließe. Die Unterschiede in diesen Bereichen sind, so Arn, „viel weniger groß als man dies auf den ersten Blick meinen könnte“.

Arn macht die Erfahrung, dass bei den betreffenden Praktikern durchaus die Bereitschaft vorhanden ist, sich auf ethische Theorie einzulassen. Allerdings muss diese Theorie so aufbereitet werden, dass ihre Relevanz für die Praktiker deutlich wird. Dies ist die Sache der Philosophen bzw. der Ethiker (und hier bestehen auf deren Seite oftmals didaktische Kompetenzmängel). Ethiker kommen oftmals mit der Auffassung zu solchen Gesprächen, sie seien hinsichtlich inhaltlicher Kompetenz überlegen, und wenn dies Mediziner spüren, dass es im Gespräch nicht mehr um die Sache, sondern um Macht geht, dann „darf man sich nicht wundern, wenn der Rest des Prozesses auf Machtebene abläuft“. Die Schwierigkeit kommt daher, dass der universitäre Diskurs ein Diskurs des Rechthabens ist: Man profiliert sich damit, dass man besser argumentiert als die anderen. Diese Art des Zugangs zu Themen wirkt sich im Anwendungsbereich fatal aus: Ethiker, die eine derartige Sozialisation verinnerlicht haben, sieht Arn falsch am Platz. Gesucht sind hier vielmehr Leute, die in der Lage sind, zusammen mit anderen das beste Argument zu finden. Was es im Kontakt mit der Praxis braucht, ist ein Interesse am gemeinsamen Suchen nach optimalen Lösungen für die praktischen Probleme und damit implizit auch die Bescheidenheit des Ethikers, nicht bereits eine Lösung parat zu haben. Gegenwärtig sieht Arn nur wenige Ethiker, die diese Voraussetzungen mitbringen, und entsprechend ist die Konkurrenz bei solchen Ethik-Projekten auch nicht sehr groß.

Auf der anderen Seite, der Nachfrageseite, sucht man dann nach einem Ethiker, wenn ein moralischer Problemdruck entstanden und so groß wird, dass er den Beteiligten über den Kopf wächst. Dies ist etwa in der Medizin der Fall: die Entwicklung der Technik und die Pluralität von Normen bringen moralische Probleme mit sich, die nach ethische Lösungen verlangen. Arn sieht einen solchen Problemdruck auch in anderen Bereichen: beispielsweise bei einer Firma, die ihre Rohstoffe aus einem Entwicklungsland bezieht und dabei mehr und mehr ein schlechtes Gefühl bekommt. Das Management entscheidet sich, die Situation zu untersuchen. Die Frage ist dann für die Firma nicht, ob die Arbeitsbedingungen im Entwicklungsland verwerflich sind oder nicht, sondern ob und wie die Situation verbessert werden kann. Der hinzugezogene Ethiker, der nach dem Konzept Arns einen Ethiktransfer vornimmt, erstellt erst eine Analyse, um welche Art von Wertekonflikt es sich hier handelt. Davon ausgehend wird dann im Gespräch nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Was Arn – im Unterschied etwa zu Forschungskommissionen (die für ihn eigentliche Normendurchsetzungskommissionen sind) – nicht macht, sind konkrete ethische Beurteilungen von Situationen und Prozessen. Er formuliert auch keine empirischen Lagebeurteilungen unter moralischen Gesichtspunkten; seine Arbeit konzentriert sich auf das Gespräch mit den Beteiligten. Dahinter steht die Auffassung von Ethik als ein Prozess hin zu einer gemeinsamen Lösung eines relevanten Problems und nicht als eine Bewertung unter einem bereits vorgegebenen Normenkatalog. In einem solchen sieht Arn nämlich die Gefahr, dass die Ethik die Funktion einer Art Polizei hat. Wenn sich die Ethik als moralische Kontrollinstanz gebärdet, läuft sie auch Gefahr, die Nachfrage nach Ethik zu unterbinden.

Arn sieht seine Arbeit weniger in der Vermittlung von fertigem Wissen im Gespräch, als in der Suche nach einer praktischen Problemlösung durch das Gespräch. Er sieht es als seine Aufgabe, das methodische Werkzeug der Ethik als Disziplin in das Gespräch einzubringen.

Arn, Jahrgang 1967, arbeitete nach dem Abitur zunächst als Hilfspfleger und studierte anschließend Theologie. Für seinen Werdegang ist das Bedürfnis charakteristisch, Theorie und Praxis zusammenzubringen. Religiös ist er in der methodistischen Kirche groß geworden, und er wurde im Geiste des religiösen Sozialismus erzogen. Innerhalb der Kirche wurde es ihm jedoch bald zu eng, er brauchte seinen Freiraum. Er schloss bei Hans Ruh in Zürich mit einer Dissertation über das Thema „Hausarbeitsethik“ ab. Schon darin enthielt etwa ein Drittel des Textumfangs Betrachtungen über eine mögliche Umsetzung in die Praxis. Dieses Umsetzungsproblem, also die Frage, was es heißt, eine abstrakte Theorie in die konkrete Praxis umzusetzen, war es denn auch, das Arn weiterhin beschäftigte. Er konnte dies in einem weiteren Forschungsprojekt, in dem es um didaktische Umsetzung im Schulunterricht ging, weiterverfolgen. Er begann nun auch Tagungen zum Thema Umsetzung zu organisieren. Daraus entstand ein weiteres Nationalfondsprojekt „Ethiktransfer“. Hier ging es um die Frage, wie Einsichten aus der ethischen Reflexion wirksamen Einfluss auf die Gestaltung von Strukturen gewinnen können. Die daraus entstandene Arbeit Ethiktransfer wurde von der Universität Nijmegen als philosophische Dissertation angenommen. Arn kam daraufhin in Kontakt mit dem „Institut Dialog Ethik“, dessen Tätigkeit sich auf Ethik im Spitalbereich konzentriert und das am Übergang von Theorie und Praxis arbeitet – genau das, was Arn interessiert. Er arbeitet zurzeit zu 80% dort mit und ist Leiter des Bildungsbereichs, der sich vor allem an Ärzte, Pflegefachleute und Seelsorger wendet und verschiedene Kurse anbietet. Hier kann er die von ihm entwickelt Konzeption des Ethik-Transfers anwenden, sie passt genau in die Struktur des Instituts. Zudem ist er in mehreren sog. Ethik-Foren in Spitälern engagiert. Hier geht es vor allem um den Aufbau einer Kultur betreffend ethische Entscheidungsfindungen und um Strukturen, die bei schwierigen Problemen eine Hilfe sein können. Arn sieht die Nachfrage nach solchen Kursen seit längerem im Wachstum begriffen. Er sieht auch ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass Ethik bei den genannten Problemen eine Hilfe sein kann.

Weitere Informationen und Bücher von Christof Arn:

Ch. Arn
Haus Cresta
CH-7412 Scharans
www.ethikprojekte.ch

Ethiktransfer. Mitgestaltung von organisationalen und gesellschaftlichen Strukturen durch wissenschaftliche ethische Reflexion. 415 S., kt., sFr. 67.—, Rüegger.



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