INTERNATIONALE
ZEITSCHRIFT FÜR
PHILOSOPHIE
1/2006
Schwerpunktthema ist „Macht“. Analog zur „Zivilgesellschaft“ steht der Begriff „Zivilmacht“. Der in Zürich lehrende politische Philosoph Francis Cheneval erörtert diesen Begriff hinsichtlich einer Anwendung auf die Europäische Union. Zivilmacht wird dabei als Gegensatz zu Militärmacht verstanden: ein politischer Akteur X (meist ein Staat oder eine große Organisation) gilt als Zivilmacht, wenn er seine Ziele mit ökonomischen Mitteln erreicht und über keine militärischen Machtmitteln verfügt oder in dieser Hinsicht anderen Akteuren unterlegen ist. Die entsprechenden Machtmittel haben den Charakter sozioökonomischer Anreize, positiver politischer Konditionalität und administrativen Zwangs. Das Subjekt der Zivilmacht wird von Cheneval in erster Linie als strukturgeleiteter Prozess verstanden, der von bestimmten Akteuren nach normativen Zwecken gestiftet wird, seine Wirkung aber durch eine relationale Eigendynamik entfaltet. Cheneval vertritt nun die These, dass die EU durch Ziele der Friedenstiftung, Verrechtlichung und Demokratisierung Europa nachhaltig in Richtung von Recht und Demokratie konsolidiert hat. Würde nun Europa zu einer Militärmacht, würde der offene liberale Multilateralismus gefährdet, der die Zivilmacht auszeichnet.
Für Julian NidaRümelin verlässt sich erfolgreiche Machtausübung nicht auf das Kalkül bloßen Eigeninteresses. Macht etabliert sich nur, wenn die Interessen derjenigen, die diese Macht durch Anerkennung stabilisieren, Berücksichtigung finden (oder es zumindest so scheint). Macht findet ihre Grenzen dort, wo die Präferenzen des Mächtigen mangels Akzeptanz irrelevant werden.
2/2006
„Kulturalismus – Mode oder Methode“ lautet das Thema des Heftes und die Beiträge gehen im Wesentlichen auf eine Tagung in Luzern zurück. Die Herausgeber sehen in Deutschland einen „Sonderweg in den Geisteswissenschaften“, der die hegelianischen Ansprüche fortschreibt und der sich in einem Primat des Geistigen vor dem Natürlichen sowie einer Totalisierung der Binnenperspektive äußert. Letzteres bedeutet eine groteske Überspezialisierung und einen Widerstand gegen Interdisziplinarität. Die Folge ist eine verlorene Akzeptanz der Geisteswissenschaften, die sich aber nach Meinung der Herausgeber zurückgewinnen lässt, wenn sich diese „auf kulturwissenschaftliche Optionen inter und transdisziplinärer Arbeit einlassen“.
Ralf Konersmann führt aus, der philosophischen Konvention entspreche es, das Problem der Kultur zu „subordinieren, zu marginalisieren, zu trivialisieren“. Der Versuch einer Rehabilitation der Kultur komme deshalb einer Revision des philosophischen Selbstverständnisses gleich. Eine philosophische Bearbeitung der Kultur verlangt die Bereitschaft, das an Erkenntnisgewissheit gebundene Schema preiszugeben und sich dem Reichtum der Kulturwelt und einer Kultur von Umwegen zu stellen.
Enno Rudolph definiert die Kultur als Politik, der es gelingt, „den Krieg (aller gegen alle) dauerhaft mit anderen als mit kriegerischen Mitteln fortzusetzen“ und diesen Prozess vielfältig zu symbolisieren. Helmut Holzhey stellt den Kulturbegriff des Neukantianismus vor, und Christian Strub untersucht die Entstehung der organologischen Betrachtungsweise der Kultur, die er mit Herder am Ende des 18. Jahrhunderts festmacht.
12007
Das Heft enthält Beiträge eines Luzerner Symposiums über Hannah Arendt vom Oktober 2006. Der Basler Philosoph Hans Saner untersucht, was Arendt mit dem „reinen Denken“ meint: Es ist ein Denken der Vernunft, das an den Grenzen des Verstandes nicht halt macht. Barbara Hahn (Vanderbilt) zeigt, dass Arendt bereits zwei Jahre nach ihrer Ankunft in den USA auf Englisch zu publizieren begann. Die deutschen Übersetzungen überarbeitete sie auf das deutsche Publikum hin, immer gab es besondere Botschaften für deutsche Leser. Deshalb gibt es von den übersetzten Texten jeweils zwei Versionen. Hauke Brunkhorst zeigt, dass Arendts Machttheorie bislang immer nur handlungstheoretisch als Unterscheidung von Macht und Gewalt verstanden wurde. Dadurch werde unterschlagen, dass sie einen mindestens ebenso wichtigen Beitrag zur Unterscheidung von struktureller Repressionsmacht und konstitutiven Machtstrukturen geleistet hat. Christian Volk, der in Aachen über Arendt promoviert, liest ihre Ausführungen zu Terror und Vernichtung mit Agamben im Hinterkopf. Franco Volpi geht der Frage nach, woher Arendt ihre scharfe Sicht für das Phänomen der Praxis her habe. Seine provokative Antwort: von Heidegger.
2/2007
Anlässlich der Neuausgabe von Karl Löwiths Autobiographie „Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933“ (sie enthält erstmals den vollen Wortlaut des Originaltextes) bringt FrankRutger Hausmann zusätzliche Informationen zu den einzelnen Etappen von Löwiths Leben. Löwith hat zahlreiche Eigen¬namen mit der Beschränkung auf den Erstbuchstaben des Nachnamens teilanonymisiert. Die Forschung konnte nun (zum Teil dank ausführlicher Recherchen) viele dieser Namen identifizieren, wodurch das Buch zu einem wichtigen Dokument der Vertreibung deutschjüdischer Gelehrter wird.
Löwith hatte bei Heidegger studiert, sich als Student um dessen Freundschaft bemüht und ihn auch in sein Münchner Elternhaus und in die Ferienvilla am Starnberger See eingeladen. Umgekehrt war Löwith Gast im Hause Heidegger und passte auf die beiden Söhne Jörg und Hermann auf. Allerdings bezeichnete Löwith später diese Beziehung als „unfruchtbar“, da sich Heidegger „in der Abwehr persönlicher Verbindlichkeiten verschloss“. Heidegger berichtet denn auch seiner Frau eher herablassend von einem Besuch in Löwiths Elternhaus. Es ist allgemeine Auffassung, dass Löwith bei Heidegger nicht promovieren konnte, weil dieser noch Privatdozent und deshalb nach München zurückgekehrt war. Heidegger stellt Jaspers gegenüber die Sache so dar: „Löwith hat sich die Sache offenbar leichter gemacht.. Da ich von der verlangten Umarbeitung nichts zu Gesicht bekam, habe ich jede Verantwortung abgelehnt“. Der (zur Publikation in Vorbereitung befindliche) Briefwechsel zwischen den beiden belegt, dass es „grundsätzliche Divergenzen über die Art und Weise, wie man Philosophie betreiben sollte, gab.“
Die Entfremdung zwischen den beiden begann 1928, als Löwith die Korrekturen von Sein und Zeit las. Hausmann deutete sie als eine „verständliche intellektuelle Abnabelung“. Löwith nahm daran Anstoß, dass Heidegger, „in dem er einen radikalen Kritiker im Stile Schopenhauers, Kierkegaards und Nietzsches gesehen hatte, selber eine ‚Philosophie, „und noch dazu mit transzendentalem Vorzeichen, vortrug“. Heidegger behandelte jedoch Löwith in der Habilitation loyal, schrieb ein faires Gutachten, obwohl ihn das Thema nicht besonders interessierte und ließ die Habilitation in seinem Hause feiern. Während Löwiths letztem Besuch in Freiburg, 1933, war Heidegger hingegen höflich distanziert. Die brennenden und trennenden Fragen wurden nicht angesprochen.
Nach dem Krieg, als in Tübingen ein philosophischer Lehrstuhl zu besetzen war, entsann sich Heidegger Löwiths und empfahl diesen, er sei „außerordentlich regsam, sorgfältig im Urteil und auch als Lehrer gut“.
Schwerpunkt des Heftes ist „Hegel heute“, wozu S. Sedgwick, T. Rockmore, A. Nuzzo, R. Pozzo und M. Ferrari Beiträge geliefert haben.