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Vorträge

28.08.2017 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Glauser, Ramiro; Der Naturalismus und der Raum der Gründe

Der Naturalismus und der Raum der Grunde
Ramiro Glauer


Abstract
Nach gangiger Au assung sind mentale Zustande der Sto , aus dem
Gedanken sind. Gedanken spielen dabei sowohl die Rolle der inneren
Ursachen unseres Verhaltens als auch des Gegenstands vernunftiger Kritik.
Theorien der Intentionalitat neigen jedoch dazu, mentale Zustande
entweder unter dem Aspekt der Ursachen von Verhalten zu betrachten
und die epistemische Rolle als Handlungs- und Uberzeugungsgrunde zu
vernachlassigen oder dem Aspekt der vernunftigen Begrundung Vorrang
einzuraumen, dafur aber nichts daruber zu sagen, wie Grunde Ursachen
sein konnen { zumindest nicht auf naturalistisch respektable Weise. Ausgehend
von Sellars' Unterscheidung des manifesten und wissenschaftlichen
Bildes des Menschen-in-der-Welt wird der Versuch unternommen, eine
naturalistisch respektable Geschichte davon zu erzahlen, wie mentale Zust
ande sowohl die Ursache unseres Verhaltens als auch der Grund fur
unsere Handlungen sein konnen.


1 Einleitung
Die titelgebende Gegenuberstellung von Vernunft und Natur ist eine der klassischen
Dichotomien unseres Denkens. Im öff entlichen Diskurs wie an den
Akademien strukturiert sie Gegenstandsbereiche und Herangehensweisen, institutionelle
Grenzen und Mittelzuweisungen. Wir f inden diese Gegenuberstellung
spatestens seit der Oberstufe ganz natürlich, wo wir uns fur den Deutsch- und
Geschichtsleistungskurs oder fur Mathematik und Chemie entschieden haben.
Beginnt man, darüber nachzudenken, ist die Gegenuberstellung allerdings alles
andere als eindeutig. In einem auch nur grundsätzlich naturalistischen Weltbild
liegt es nicht auf der Hand, dass Vernunft nicht Teil der Natur ist. Und
ebenso könnte man meinen, dass in einem idealistischen Weltbild Natur immer
als vernünftig, d.h. irgendwie geordnet oder gerichtet und verstehbar, angesehen
werden muss. Die Gegenuberstellung von Natur und Vernunft ergibt wohl
am meisten Sinn, wenn man dazu geneigt ist zu glauben, dass keines der beiden
auf das jeweils andere zuruckführbar sei. "Natur" und "Vernunft" bezeichnen
zwei verschiedene Seinsweisen, die verschiedenen Prinzipien gehorchen und auf
verschiedene Weise untersucht und verstanden werden müssen.

Meiner eigenen Voreingenommenheit gemäß bin ich dazu geneigt, Vernunft
als etwas Naturliches aufzufassen. Ganz plakativ gesagt halte ich Vernunft für
adaptiv. Trotzdem scheint es einen Unterschied zu machen, ob ich z.B. einen
physiologischen Zustand als Ursache meines Verhaltens angebe, oder ob ich
einen vernünftigen Grund fur eine Handlung benennen kann. Ich werde daher
eingangs zuerst einmal versuchen, diese Gegenuberstellung in ein deutlicheres
Licht zu rucken. Dabei wird (wie die Erwahnung des Raums der Grunde
erahnen lasst) Wilfried Sellars mein Ausgangspunkt sein. Im Anschluss werde
ich einige Versuche erwähnen, wie mit dieser Gegenuberstellung umgegangen
werden kann. Man kann sie ja nicht einfach so stehen lassen. Ausgehend von
einer Schwierigkeit mit gängigen naturalistischen Versuchen, in der Natur einen
Platz fur vernünftiges Denken zu finden, werde ich dann in der zweiten Hälfte
des Vortrags einen eigenen Vorschlag skizzieren, wie Vernunft etwas natürliches
sein kann.


2 Das wissenschaftliche und das manifeste Bild
Sellars ist selbst bei vielen, die sich nicht weiter mit seinen Texten oder gar
mit Philosophie überhaupt beschaftigt haben, für seine emblematische Charakterisierung
des Ziels der Philosophie bekannt. Wenn Sie z.B. in die Teekuche
unseres Fachbereichs gehen, werden Sie folgendes Zitat finden (und eine Abwandlung
davon):


The aim of philosophy, abstractly formulated, is to understand how
things in the broadest possible sense of the term hang together
in the broadest possible sense of the term.

Sellars, PSIM

In ihrer Kürze und fast schon ratselhaften Allgemeinheit wird diese Charakterisierung
der Philosophie von vielen wohl vor allem darum geschätzt, weil sie
andeutet, dass sich gar nicht konkret sagen lasst, was Philosophie sei und wozu
sie gut ist. Philosophie ist halt die allgemeine (und wohl profunde) Refle-
xion auf alles Mögliche. In Sellars' Philosophie bekommt sie jedoch eine Eindeutigkeit
und Schärfe, die diese Charakterisierung der Philosophie zu weit mehr macht als
zu einem Aphorismus, der vor allem die Unergründlichkeit der Philosophie zum
Ausdruck bringt. Das Zitat stammt aus Sellars' Philosophy and the Scienti c
Image of Man, in dem Sellars u.a. seine Idee des stereoskopen Blickes auf
den Menschen-in-der-Welt (mit Bindestrichen) ausarbeitet. Zu Philosophieren
bedeutet demnach, eine einheitliche Perspektive auf den Menschen-in-der-Welt
zu entwickeln, nicht nur einen aus der Perspektive eines bestimmten Faches.
In einem gewissen Sinne geschieht das auch in allen anderen Disziplinen, wenn
sich ihre Vertreter Gedanken über allgemeine methodologische oder theoretische
Grundsatze machen { z.B. wenn in der Okonomie über die Annahmen diskutiert
wird, Marktteilnehmer seien ideal rational und verfugten über vollständige
Informationen. In solchen Fallen wird versucht, die Begri ffe einer Disziplin an
die Begri ffe wie sie in anderen Disziplinen verwendet werden anzubinden.
Eine besondere Schwierigkeit, mit der Philosophen konfrontiert sind, entsteht
laut Sellars jedoch daraus, dass wir zwei grundsatzlich verschiedene Perspektiven
auf uns und die Welt einnehmen können. Sellars nennt diese das wissenschaftliche
und das manifeste Bild. Wahrend der Mensch im manifesten
Bild als Person erscheint, deren Handlungen und Überzeugungen als vernünftig
oder unvernünftig, als gut oder schlecht begründet kritisiert werden konnen,
werden im wissenschaftlichen Bild alle Vorgange, inklusive des menschlichen
Verhaltens, als Ergebnis postulierter, unbeobachtbarer Prozesse erklärt. Menschen
als vernünftig oder unvernünftig zu kritisieren ergibt in diesem Bild zuerst
einmal genauso wenig Sinn wie die Sonne dafur zurechtzuweisen, dass sie zu früh
aufgegangen ist. Nach derzeitigem Forschungsstand wird menschliches Verhalten
durch zugrundeliegende, neurophysiologische Prozesse erklärbar. Dadurch
scheint aber das spezi sch Menschliche daran, uns als Personen aufzufassen,
verloren zu gehen.

Der Kontrast der beiden Bilder könnte m.E. grösser kaum sein. Das manifeste
Bild ist (zumindest sofern Personen involviert sind) ein normatives Bild.
Der Mensch ist demnach den Normen der Vernunft und in seinem Handeln
letztlich moralischen Normen Rechenschaft schuldig. Er ist ein Bewohner des
Raums der Gründe, der angeben können muss, warum er tut, was er tut, und
meint, was er meint. Die Befolgung der Normen ist zwar in einem starken Sinne
wünschenswert, da sie es uns ermöglicht, uns angemessen und erfolgreich in
unserer unbelebten, belebten und sozialen Umwelt zu bewegen. Die Regeln der
Vernunft können jedoch durchaus verletzt werden. Es gibt ganz alltägliche Falle,
in denen sie zusammenbrechen. Wie wir aus der Snickers-Werbung wissen, fuhrt
ein niedriger Blutzuckerspiegel dazu, dass man mit dem oder der Betro ffenen
nicht mehr vernunftig reden kann. Und überhaupt verhält sich niemand von uns
vollständig rational, obwohl man meinen könnte, dass wir uns immer vollständig
rational verhalten sollten. Im Gegensatz dazu sind die Kausalzusammenhänge
des wissenschaftlichen Bildes in einem Sinne starr, der es einzelnen Ereignissen
nicht erlaubt, auszuscheren. Bestimmte Laute nicht mehr zu steuern und
dafur andere zu steuern ist ein zu erwartender Eff ekt eines niedrigen Blutzuckerspiegels,
der sich durch dessen Wirkung auf verschiedene kognitive Prozesse
erklären lasst. Selbst bei statistischen Gesetzmäßigkeiten und im Falle von ce-
teris paribus Gesetzen kann nicht davon die Rede sein, dass sich ein Ereignis
nicht an die Gesetze gehalten habe, obwohl es es sollte.

Interessant dabei ist, dass beide Bilder Anspruch auf Korrektheit und Voll-                                     andigkeit erheben, was augenscheinlich zu einem Widerspruch führt. Ein
Ereignis erscheint im manifesten Bild als vernünftige oder unvernünftige Hand-
lung und im wissenschaftlichen Bild als zu erwartendes Verhalten, dass das Resultat
der Reaktion eines Nervensystems auf einen genaueren Reiz ist, gegeben
seine innere Struktur oder Lerngeschichte. Nach Sellars' Au assung besteht die
große Herausforderung der Philosophie seinerzeit darin, diese beiden Bilder in
Deckung zu bringen. Sellars spricht hier metaphorisch von einem stereoskopen
Blick auf den Menschen-in-der-Welt und ein Großteil seines philosophischen
Schaff ens kann als systematischer Vorschlag verstanden werden, wie die Bilder
miteinander in Deckung zu bringen seien.

 

3 Sellars' stereoskoper Blick
Im Gegensatz zu einem groen Teil der philosophischen Tradition und auch im
Gegensatz zu etlichen seiner Nachfolger, spricht Sellars dem wissenschaftlichen
Bild zumindest, was die Ontologie betri t, den höheren Stellenwert zu. Gleichzeitig
will er das manifeste Bild aber nicht zugunsten des wissenschaftlichen
Bildes aufgeben. Das manifeste Bild sei namlich methodologisch und epistemologisch
vorrangig, da wir nur aus dem manifesten Bild heraus überhaupt
ein wissenschaftliches Bild entwickeln können. Schließlich sind es zuerst einmal
die manifesten Phänomene, die wir kennen und die wir wissenschaftlich
erklären wollen. Es sind jedoch letztlich die Wissenschaften mit ihren strengeren
methodologischen Kriterien, die daruber entscheiden, was es wirklich gibt.
Sellars. Naturalismus besteht zu einem großen Teil in diesem wissenschaftlichen
Realismus. Um jedoch nicht in einen blanken Eliminativismus bzgl. Personen
zu verfallen, den Sellars  (m.E. ganz richtig) fur unattraktiv halt, muss das wissenschaftliche
Bild irgendwie die normative Dimension einfangen oder mit ihr
kompatibel gemacht werden, die mit dem Status eine Person zu sein verbunden
ist. Diese normative Dimension betrffi t vor allem die begriffliche Normativitat,
die die Standards vernunftigen Denkens bestimmt und es moglich macht, dass
Handlungen und Urteile zum Gegenstand rationaler Kritik werden.

Der wesentliche Schritt, den Sellars geht, besteht darin, mentale Vorgänge
als theoretische Postulate einer Theorie des Geistes aufzufassen. Anstatt davon
auszugehen, dass wir uns unserer inneren Vorgänge direkt gewahr sind, bringt
Sellars die Möglichkeit ins Spiel, dass es einer theoretischen Anstrengung bedarf,
überhaupt auf die Idee zu kommen, dass wir so etwas wie innere Emp ndungen
und Gedanken haben. Sellars erzahlt die Geschichte einer Gemeinschaft,
die nicht über mentales Vokabular verfugt. Diese sog. Ryleaner verfügen
über eine Sprache, die es ihnen erlaubt, über beobachtbare Vorkommnisse zu
reden. Außerdem verfugen Sie über die üblichen logischen Junktoren sowie
über die Fahigkeit, kontrafaktische Konditionale auszudrucken. Mithilfe kontrafaktischer
Konditionale können beliebig komplizierte Abhangigkeiten zwischen
beobachtbaren Ereignissen beschrieben werden. Zu diesen Ressourcen einer
"Beobachtungssprache" kommt die Möglichkeit hinzu, semantische Aussagen zu
treff en. Die Ryleaner können sagen, ein Wort oder Satz bedeute das-und-das,
z.B., dass das Wort 'red' auf Englisch rot bedeute. Und die Ryleaner sind
dazu in der Lage, Theorien zu entwickeln. Das besondere an Theorien ist dabei
fur Sellars, dass in ihnen nicht-beobachtbare Entitaten postuliert werden, die
sich auf von der Theorie spezi zierte Weise verhalten, und deren Verhalten zur
Erklarung bereits bekannter Phanomene verwendet werden kann.


Zu Beginn der Geschichte sind die Ryleaner dazu in der Lage, ihr gegenseitiges
Verhalten anhand von Zusammenhängen zwischen beobachtbaren Vorkommnissen
zu erklaren. Unter bestimmten Bedingungen neigen Leute dazu, sich auf
bestimmte Weise zu verhalten. Zu den beobachtbaren Vorkommnissen gehören
auch sprachliche Außerungen. Gelegentlich außern die Ryleaner auch Sätze,
die erkennen lassen, wie ein Verhalten das Ergebnis einer Kette sprachlicher
Schlussfolgerungen ist. Wir, die wir über mentales Vokabular verfugen, konnten
sagen, dass ab und an jemand "laut denkt", während er etwas macht, und
so hörbar z.B. Alternativen gegeneinander abwagt oder schlussfolgert, dass er
einen Nagel in die Wand hauen muss, wenn er das Bild dort aufhängen will.
Schlussfolgerungen sind im wesentlichen Argumente, also etwas sprachliches. In
der Geschichte kommt ein mythischer Jones dann irgendwann auf die Idee, dass
dem Verhalten seiner Mitmenschen auch dann solche Schlussfolgerungsketten
und Abwägungen vorangehen, wenn sie keine Satze außern. Ihr Verhalten ist
nicht bloß das Ergebnis einer sich manifestierenden Disposition, sondern lässt
sich noch besser und genauer erklären, indem man annimmt, es sei das Ergebnis
einer stillen Schlussfolgerung. Damit werden innere Zustande von Personen postuliert,
die eine der öffentlichen Sprache analoge Struktur haben. Denken wird
am Modell o entlicher Sprache verstanden. Gedanken sind die theoretischen
Postulate einer Theorie des Geistes. Mit diesem Bild weist Sellars die verbreit-
ete cartesianische Au assung zuruck, unsere mentalen Zustande und ihr Gehalt
seien uns in foro interno direkt zugänglich.

Wie im Falle von Sprache besteht die normative Dimension des Denkens
darin, dass die Verwendungsregeln der Worter bzw. Begriff e korrekt angewendet
werden müssen, um erfolgreich zu sprechen bzw. zu denken. Da Denken
am Modell oöffentlicher Sprache verstanden wird, besteht die Normativitat des
Denkens in der Befolgung von Analoga öff entlicher Sprachregeln. Die Verbindung
ist sogar so eng, dass der Gehalt eines Gedankens mithilfe des Sinnes eines Satzes
herausgegriff en werden kann. (Sinne sind dabei inferenzielle Rollen.) Gedanken
haben nämlich denjenigen Sinn, den die Sätze haben, die der natürliche (oder
gewöhnliche) Ausdruck eines Gedanken sind. Dass die Außerung eines Satzes
einen Gedanken ausdrückt, wird hierbei kausal verstanden, nicht semantisch.
Das Denken eines bestimmten Gedankens führt unter gewissen Normalbedingungen
einfach dazu, dass ein bestimmter Satz geäußert wird. Letztlich werden
die inferenziellen Regeln, die zwischen Satzen bestehen, dazu verwendet, die
Beziehungen zwischen Gedanken selbst zu modellieren. Insofern es sich bei
dieser Theorie mentaler Zustände um eine korrekte Theorie handelt, gibt es
diese mentalen Entitäten, die einen entsprechenden Gehalt haben und die in
entsprechenden inferenziellen Relationen zueinander stehen, wirklich. Die Normen
des Denkens sind dann die Normen off entlicher Sprache. Damit ist die Normativität des Denkens eine Form sozialer Normativität, da Sprachregeln soziale
Regeln sind. Vernünftig zu denken heißt, Teil einer Gruppe zu sein, deren Mitglieder
sich als Mitglieder der Gruppe der Vernunftigen begreifen. Man kann
dementsprechend sagen (das ist jetzt keine sellarsianische Formulierung), begrif-
iche Normativitat entstehe aus dem Verständnis heraus, dass 'wir das hier so
machen,' bzw. dass 'wir das hier so sagen' und dass es dafur gute Gründe gibt.
Die Norm kann als Ergebnis bestimmter linguistischer Praktiken verstanden
werden. (Das ist dann schon eher wieder Sellars.)

Dieses Bild ist zum einen dadurch naturalistisch, dass soziale Normen keinen
unabhangigen ontologischen Status besitzen müssen. Bei sozialen Regeln besteht
Grund zur Ho ffnung, dass sie sich naturalisieren lassen. Sie sind durch die Verhaltensweisen
der Gruppenmitglieder konstituiert und regulieren sich als Verhaltensregeln
zur Koordination des Verhaltens mit der Umwelt und mit Anderen
selbst - in dem Sinne, dass es mit Ausnahme des Erfolgs der Gruppe keines
außeren Regulativs bedarf. Zum anderen soll diese Theorie mentaler Zustände
deutlich machen, dass ein und derselbe Zustand sowohl als Grund fur eine Handlung
als auch als Ursache des korrespondierenden Verhaltens gelten kann. In
Science and Metaphysics (vgl. 174) schreibt Sellars dazu, eine (mentale) Handlung,
deren materiale Ursache eine Sequenz neuronaler Ereignisse sei, könne
durch eine Absicht hervorgebracht werden, die ihre Ziele (aims) nicht sub specie
Sequenz neuronaler Kon guration erzeugt, sondern sub specie einer Sequenz von
was auch immer es ist, woraus Gedanken gemacht seien.

Diese Darstellung ist zugegebenermaen sehr knapp. Sie scheint mir jedoch
im wesentlichen einzufangen, wie sich Sellars das Verhaltnis davon vorstellt, dass
ein Zustand als Grund gilt und dass er als Ursache gilt. Aus der einen Perspek-
tive betrachtet (sub specie (mentale) Handlung) ist er ein Grund, aus der an-
2Der privilegierte Zugang zu den eigenen Gedanken kommt erst dadurch zustande, dass
wir diese Theorie auch zur Selbstbeschreibung verwenden und dass wir in diesem Fall i.d.R.
verlasslichere Beschreibungen der Vorgänge liefern konnen, als wenn wir sie auf Andere anwenden.
Beschreibungen mentaler Vorgange bekommen so eine berichtende Funktion.
deren eine Ursache. Diese Betrachtungen fallen zusammen, weil die inferenzielle
Struktur der sprachlichen Beschreibungen mentaler Zustande gewisse relevante
Ahnlichkeiten mit der Struktur der physiologischen Zustande aufweist. Diese
strukturelle  Ahnlichkeit wird dadurch sichergestellt, dass mentale Zustande die
eben erwahnten typischen sprachlichen Ausdrucke haben (kausal verstanden),
die es erlauben, den Gehalt eines mentalen Zustandes mittels der Bedeutung
eines Satzes herauszugreifen.

Es ist leicht zu erkennen, dass ein wesentlicher Bestandteil dieser Theorie
des Geistes darin besteht, dass es sich bei denjenigen, die über mentale
Zustände verfugen, um Sprecher handelt. Fur mentale Zustande ist charakteristisch,
dass sie einen typischen sprachlichen Ausdruck besitzen. Außerdem
gilt als vernunftiges Wesen im vollen Sinne nur diejenige, die Gründe für ihre
Handlungen und Uberzeugungen angeben kann. Als Sprecher gilt aber nur,
wer sich nicht nur den Regeln der Sprache gemäß verhalt, sondern diese Regeln
tatsachlich befolgt. Ein Kind, das gerade seine erste Sprache lernt, wird in
Sellars' Vorstellung zuerst einmal darauf trainiert, in den richtigen Situationen
die passenden Laute zu produzieren. Erst wenn das System der Dispositionen
zur Lautbildung eine gewisse Komplexitat erreicht hat, die es so aussehen
lassen, als wurde das Kind tatsachlich sprechen, werden die Laute langsam zu
Auerungen. Das Kind wird zum Sprecher, indem es peut a peut die Regeln der
Sprache annimmt. Die normative Dimension, die mit der korrekten Anwendung
der Sprachregeln verbunden ist und den Unterschied zwischen dem bloß regelge-
mäßen Verhalten und dem Befolgen einer Regel ausmacht, wird dabei von
den Sprachlehrern vererbt. Ein Sprecher zu werden stellt einen echten Entwicklungssprung
dar und hangt davon ab, dass Andere den Anwarter als Sprecher
akzeptieren. Wie aber jemand tatsachlich über Gedanken verfügt, indem er
von Anderen (und sich selbst?) als Sprecher behandelt wird, bleibt o ffen. Und
darüber, wie die ersten Sprecher überhaupt dazu gekommen sind, die Regeln
einer Sprache zu befolgen, wir ebenfalls keine überzeugende Geschichte erzählt.
Als natürliches Phanomen scheint Vernunft nur in einem recht starken Sinne als
emergentes Phanomen aus den einfacheren Verhaltensweisen biologischer Organismen
hervorgehen zu können. Insofern der Begri der Emergenz mehr Fragen
aufwirft als er beantwortet, bleibt eine echte Integration der beiden Bilder
aus.


4 Sellars' Nachfolger
In der Nachfolge von Sellars lassen sich dann auch zwei jeweils lose zusammen-
hängende Gruppen erkennen, die sehr unterschiedlich mit der Frage nach
dem Verhältnis der beiden Bilder umgehen. Die eine Gruppe, deren Mitglieder
manchmal die Links-Sellarsianer genannt werden (die Bezeichnung stammt
soweit ich weiß von Rorty) ist vor allem von der sozialen Dimension begrifllicher
Normativitat beeindruckt und von Sellars' Argumenten dahingehend,
dass es kein empirisches Fundament der Erkenntnis gibt. Außerdem spielt Sellars'
Au ffassung von begrifficher Bedeutung hier eine zentrale Rolle. Sie besteht
darin, dass die Bedeutung eines Begriff s daher rührt, in welchen Schlussfolgerungsbeziehungen
Sätze stehen, in denen der Begriff verwendet wird. Diese
Idee wird von Links-Sellarsianern so prominent gemacht, dass sie fur gewöhnlich
zuallererst damit in Verbindung gebracht werden. Brandom und McDowell
gehören zu den bekannten Autoren, die den sog. Inferenzialismus ausarbeiten.
In ihm spielt das wissenschaftliche Bild nur noch die Rolle eines minimalen Korrektivs,
mit dem die philosophische Konzeption des Menschen als Bewohners
des Raums der Gründe konsistent sein muss. Brandom und McDowell sind
Naturalisten in dem Sinne, dass ihre philosophische Position nicht gesicherten
naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen darf. Man könnte es vereinfacht
vielleicht so ausdrucken: Menschen sind biologische Organismen, und
Sollen impliziert Können. Die begriffichen Normen, die den Raum der Grunde
bestimmen, mussen von uns erfullbar sein. Von der Struktur neurophysiologischer
Prozesse lasst sich jedoch ansonsten nichts weiter über begriffliche Normativitat ableiten.


Die andere Gruppe, manchmal Rechts-Sellarsianer genannt, folgt Sellars vor
allem in seinen Überlegungen zum wissenschaftlichen Realismus und seinem
Naturalismus. Zu dieser Gruppe gehoren u.a. Dretske, Millikan und Dennett.
Diese Autoren sind daran interessiert, Sellars' Naturalismus zu stärken und
eine Theorie des Geistes anzubieten, die ohne eine irreduzible Dimension begrif-
icher Normativitat auskommt. Das naturalistische Selbstverständnis besteht
vor allem darin, dass der Mensch ein biologischer Organismus ist und als solcher
das Resultat einer blinden, d.h. nicht zielgerichteten, Evolutionsgeschichte. Begriff-
liches Denken muss sich in dieses Bild einfügen und darin erklären lassen,
wenn man nicht will, dass Vernunft als unerklärliches Phänomen übernaturlich
erscheint. Die Ho ffnung besteht nun darin, begriffiche Normativitat aus evolutionär
entstandenen biologischen Funktionen abzuleiten. Wie bereits angemerkt,
haben Normen die Eigenheit, dass sie verletzt werden können. In ähnlicher
Weise haben Funktionen die Eigenheit, dass es möglich ist, dass sie nicht
erfullt werden. Gleichzeitig sind Funktionen kausal relevant. Funktionale Rollen
werden i.d.R. als kausale Rollen aufgefasst. Da liegt es nahe, begriffliche Normen
als eine Art biologische Funktion bestimmter Organismen oder einiger ihrer
Bestandteile aufzufassen. Begriff e bzw. Gedanken verfugen in diesem Bild über
eine charakteristische Repräsentationsfunktion. Mit Hilfe solcher naturlichen
mentalen Repräsentationen soll erklart werden, wie ein Zustand sowohl als
Grund als auch als Ursache aufgefasst werden kann. Seine besondere Funktion
zeichnet sowohl dafür verantwortlich, dass er einen reprasentationalen Gehalt
hat, der den Zustand in inferenzielle Beziehungen zu anderen repräsentationalen
Zustanden setzt, als auch, dass er eine bestimmte kausale Rolle besitzt.
Da mich eine naturalistische Theorie vernünftigen Denkens mehr interessiert
als die Auslotung eines als irreduzibel vorausgesetzten Raums der Gründe, werde
ich mich im Folgenden mit naturalistischen Konzeptionen begriffichen Denkens
beschäftigen und nicht mit dem Inferenzialismus und seinen Verwandten. Wie
erwahnt, spielt der Begriff der mentalen Reprasentation in der naturalistischen
Debatte die zentrale Rolle. Wir werden daher als nächstes einen kurzen Blick
auf eine gängige naturalistische Theorie mentaler Reprasentation werfen.

5 Naturalistische Theorien reprasentationalen
Gehalts

Dretske und Millikan bieten Theorien der mentalen Repräsentation an, die
repräsentationalen Gehalt als evolutionär entstandene Repräsentationsfunktion
auff assen. Solche Theorien werden Teleosemantiken genannt. Durch einen
entsprechenden Begri ff der Repräsentation lasst sich der Unterschied machen
zwischen dem Gegenstand des Denkens bzw. der Kognition, und wie er sich dem
Organismus prasentiert. Wenn mentale Repräsentationen einen bestimmten
repräsentationalen Gehalt haben, lasst sich der Unterschied zwischen einer gelungenen
Repräsentation und einer Fehlrepräsentation machen. So lasst sich eine
normative Dimension mentaler Repräsentation einführen, die auf ganz naturalistische
Weise entsteht und nicht auf Sprache oder soziale Normen der Kritik
angewiesen ist. Die Idee lässt sich an einem Standardbeispiel illustrieren.
Frösche reagieren auf Insekten, die sich in ausreichender Nähe durch ihr visuelles
Feld bewegen, indem sie mit ihrer Zunge nach ihnen schnappen. Da es
für den Frosch von Vorteil ist, nach Insekten zu schnappen, und sich daher ein
Mechanismus herausgebildet hat, der es Froschen ermöglicht, nach Insekten zu
schnappen, wenn sie sich in Reichweite be nden, haben bestimmte Reaktionen
des visuellen Systems des Froschs die Funktion Insekten zu repräsentieren.
Eines der Probleme teleologischer Theorien mentaler Repräsentation ist jedoch,
dass sie Schwierigkeiten damit haben, den Gehalt einer mentalen Repräsentation
eindeutig zu bestimmen. Frösche reagieren z.B. mit demselben
Schnapp-Verhalten auf vorbeifiegende, kleine, schwarze Kügelchen. Insekten
und Kügelchen scheinen vom Frosch gleich wahrgenommen zu werden. Repräsentiert
das visuelle System des Frosches nun Insekten oder kleine, dunkle
Flecken (die beides sein könnten)? Man könnte meinen, dass es Insekten
repräsentiert und nicht dunkle Flecken, weil Insekten den Frosch ernähren,
wahrend die Kügelchen fur den Frosch nur unnotigen Ballast darstellen. Allerdings
sind dunkle Flecken in der naturlichen Umgebung des Frosches meist Insekten.
Und tatsachlich kann man, ohne dass es komisch klingt, sagen, der
Frosch fange Insekten, indem er nach kleinen, sich bewegenden, dunklen Flecken
schnappt. Nach kleinen, dunklen, sich bewegenden Flecken zu schnappen ist
für den Frosch in seiner naturlichen Umgebung ebenso adaptiv. Die Teleosemantik
scheint nicht zwischen den beiden moglichen Gehalten unterscheiden zu
konnen. Dadurch bleibt jedoch off en, ob es sich um eine korrekte Anwendung
des Reprasentationsmechanismus handelt, wenn der Frosch nach einem sich bewegenden
dunklen Flecken schnappt, oder ob es sich um eine Fehlrepräsentation
handelt.


Die Teleosemantik ist naturlich reichhaltiger als hier dargestellt, und ausgefeilte
Versionen umgehen vielleicht dieses und ähnliche Probleme. Letztlich
bleibt aber der Eindruck, dass es die Teleosemantik nicht schaff t, repräsentationale
Gehalte so feinkornig zu individuieren, wie es erforderlich wäre, um
echte begriiche Repräsentationen zu erhalten, wie wir sie im manifesten Bild
unterscheiden. Einer der klassischen Kritikpunkte ist, dass biologische Funktionen
nicht zwischen Eigenschaften unterscheiden können, die in der Umwelt,
an die ein Organismus angepasst ist, stabil miteinander korreliert sind. Die
Repräsentation beider Eigenschaften ist gleichermaen adaptiv. Wir haben aber
keinerlei Schwierigkeiten damit, begriich zwischen solchen stabil miteinander
korrelierten Eigenschaften zu unterscheiden. Wir konnen sogar zwischen
Eigenschaften unterscheiden, die notwendigerweise ko-extensiv sind. Es bestehen
begründete Zweifel, dass die Teleosemantik begriiche Gehalte adäquat
individuieren kann.


Das Problem teleosemantischer Theorien liegt aber m.E. sogar noch tiefer als
die korrekte Individuation begrifflicher Gehalte. Selbst eine Theorie, die begriff-
iche Unterscheidungen korrekt abbildet, muss noch keine vollwertige Theorie
begriichen Denkens sein. Im manifesten Bild besteht die Normativitat begriff-
lichen Denkens nicht nur darin, dass jemand, der über einen Begriff verfügt,
dazu geneigt ist, den Begri ff unter bestimmten Umstanden anzuwenden, sondern
auch darin, dass er dazu geneigt ist, bestimmte Schlussfolgerungen zu
ziehen und sich im Urteilen und Handeln der Kritik zu stellen. Die wesentliche
Schwierigkeit scheint mir tatsächlich darin zu bestehen, dass der Begriff der Vernunft,
der im Zusammenhang naturalistischer Theorien wie der Teleosemantik
i.d.R. Verwendung e ndet, Vernunft im Sinne idealer Anpassung eines Individuums
an seine Umwelt versteht, gegeben bestimmte kognitive und motorische
Fahigkeiten. Der manifeste Begriff der Vernunft ist aber m.E reichhaltiger. In
unserem manifesten Bild werden an die Mitglieder unserer Gemeinschaft Anforderungen
gestellt, die Welt auf eine bestimmte Weise zu sehen und sich auf
eine bestimmte Weise zu verhalten. Wie die Welt zu sehen ist und was zu tun
ist, ist nicht dem Handlungserfolg des Einzelnen allein uberlassen. Vielmehr
gibt es soziale Regeln und Gepfogenheiten, die bestimmen, wie von einer Sache
zu denken sei und wie sie zu behandeln sei. Der individuelle Handlungserfolg ist
nicht das einzige Regulativ. Die soziale Gruppe entscheidet ebenfalls darüber,
ob ein Begriff korrekt angewendet wurde. Vor allem aber spielen Begriff e ihre
Rolle im Begrundungen von Schlussfolgerungen und von Verhalten. Vernünftige
Wesen konnen Grunde für ihre Entscheidungen angeben.

6 Die Rolle kognitiver Fähigkeiten
Ich habe eingangs angekündigt, dass ich das Verhaltnis von Natur und Vernunft
aus einer grundsatzlich naturalistischen Perspektive heraus beleuchten
mochte. Das bedeutet m.E. an dieser Stelle, dass sich die soziale Dimension
begriffichen Denkens irgendwie auf individueller Ebene niederschlagen muss.
Ansonsten hätte sie keinen Einfluss auf die Produktion von Verhalten, und Grunde
konnten nicht als Ursachen von Handlungen gelten. Insofern soziale Normen fur
begriiche Normativität notwendig sind, Begriff e aber etwas sind, worüber Individuen
verfügen, mussen die sozialen Normen irgendwie dafur verantwortlich
zeichnen, dass jemand einen Begri ff erlernt. Die Schwierigkeit, mit der wir nun
konfrontiert sind, besteht darin, die manifeste Sicht auf begriffiches Denken
mit der wissenschaftlichen Sicht auf das individuelle kognitive System zusammenzubringen,
und das auf eine Weise, die erkennen lasst, wie soziale Normen
Einfuss auf individuelle Fahigkeiten haben. Ich möchte daher im Folgenden
eine Geschichte erzahlen, wie diskursive begriiche Normativität auf Grundlage
kognitiver, insbesondere sozial-kognitiver, Fähigkeiten und bestimmter sozialer
Verhaltensweisen zustande kommen könnte. So soll ein stereoskoper Blick auf
den Menschen-in-der-Welt entstehen, bei dem die Bilder nicht mithilfe des Begriffs
der Emergenz aneinandergekittet sind. Einer der wichtigen Schritte wird
dabei sein, Begriff e von mentalen Zustanden zu entwickeln, was überhaupt erst
die Möglichkeit der rationalen Kritik eroff net. Und um zu verstehen, wie Begriffe
mentaler Zustande entwickelt werden, müssen wir uns uber die Struktur
sozial-kognitiver Fahigkeiten klar werden.

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7 Kognitive Kern-Fahigkeiten und Reprasenta-
tionen von Einzeldingen
Wenn wir uns, wie derzeit, fur menschliche Subjekte interessieren, hilft ein
Blick in die kognitive Psychologie und Neurowissenschaft, um einige grundlegende
kognitive Fahigkeiten zu identi zieren. Zu diesem Zwecke mochte ich einmal
annehmen, dass der Ansatz der \Core Cognition", den Spelke und andere
ausarbeiten, grundsatzlich korrekt ist (Spelke2000). Kognitive Kern-Systeme
ermoglichen jeweils die Interaktion mit einem bestimmten Gegenstandsbereich
und sind in sich weitestgehend abgeschlossen. D.h., dass kognitive Leistungen,
die ein Kernsystem fur einen Gegenstandsbereich erbringt, nicht ohne weiteres
auf andere Gegenstandsbereiche oder in andere Kern-Systeme ubertragen
werden konnen. So wird dafur argumentiert, dass es ein System fur einfache
physikalische Schlussfolgerungen gibt, eines fur Zahlen bzw. fur Mengen, eines
fur raumliche Relationen, ein anderes fur belebte Gegenstande (die nicht den gleichen
Beschrankungen ihrer Bewegungen unterworfen sind wie unbelebte Gegenst
ande), vermutlich eines fur Akteure und vielleicht noch einige mehr. Zum System
fur die Reprasentation und Verarbeitung physikalischer Ereignisse gehoren
Systeme, die Gegenstande identi zieren und von anderen Gegenstanden und
ggf. vom Hintergrund unterscheiden. Dieses System indiziert Gegenstande und
ermoglicht deren Verfolgung uber verschiedene Ereignisse hinweg. Ein weiteres
System legt von diesen Objekten ausgehend Reprasentationen von Objekten
an, in denen verschiedene relationale und nicht-relationale Eigenschaften der
Gegenstande vermerkt werden. Ahnlich konnte es sich mit Akteuren verhalten,
die getrennt von unbelebten Gegenstanden reprasentiert werden konnten, ohne
jedoch als Akteure reprasentiert zu werden, d.h. ohne den Begri eines Akteurs
zu erfordern. Das Ganze wird unterstutzt durch ein System fur die Verarbeitung
von raumlichen Informationen, das bei der individuation von Gegenstanden eine
bedeutende Rolle spielt. Dazu gehoren Informationen die relative Lage von
Gegenstanden betre end und deren Lage relativ zum Subjekt. Das physikalische
Kern-System verfugt auerdem uber Modelle verschiedener Ereignistypen und
was im Falle bestimmter Ereignisse zu erwarten ist. Fur Menschen scheinen z.B.
bestimmte Bewegungsereignisse, Kollisionsereignisse, Enthaltensereignisse (containment
events) und Verdeckungsereignisse eine gewisse grundlegende Rolle zu
spielen (XXXX).
Die physikalischen Prinzipien, uber die das physikalische Subsystem verfugt,
sind relativ einfach. Komplizierte, nicht relativ geradlinige Bewegungen werden
daher eher als aktive Bewegungen von etwas belebtem oder eines Akteurs behandelt,
denn als passive Bewegungen eines leblosen Gegenstands. Ein Gegenstand,
der sich nicht geradlinig oder in einer einfachen Kurve bewegt, wird
dann nicht im physikalischen System behandelt, sondern im Akteur-System.
Fur Mengen und deren Verhaltnisse gibt es ein Mengen-System usw. Fur unsere
gegenwartigen Belange ist von Interesse, dass diese Kern-Systeme als biologisch
geteilt angesehen werden. D.h., dass sie nicht das Ergebnis einer stark
von den jeweiligen Gegebenheiten gepragten Lerngeschichte sind, sondern sich
als gewisse Invarianten menschlicher kognitiver Haushalte herausstellen. Das
bedeutet nicht, dass jedes Individuum in gleichem Mae uber dieselben Kern-
Fahigkeiten verfugt. Die visuellen oder olfaktorischen Diskriminationsfahigkeiten
konnen sich z.B. recht stark unterscheiden. Nicht jeder erkennt die getigerte
10
Katze im Gebusch oder kann Majoran von Oregano unterscheiden. Trotzdem
lassen sich in neurotypischen Individuen grundsatzlich dieselben Kern-Systeme
identi zieren.
die Kern-Systeme sind relativ un
exibel in dem Sinne, dass sie nur bestimmte
Informationen verwenden konnen, nur einfache Modelle des Gegenstandsbereichs
bereitstellen und nicht auf Informationen zuruckgreifen konnen, die in einem
anderen Kern-System verwendet werden. Die kognitiven Fahigkeiten gehen aber
schnell uber das hinaus, was durch die Kern-Systeme ermoglicht wird. Die Alltagsphysik,
Alltagsmathematik, Alltagsbiologie, Alltagsgeographie und welche
Wissensbereiche man noch unterscheiden mag, enthalten reichhaltigere Modelle
der Gegenstandsbereiche, die immer mehr der Informationen verwenden konnen,
die zu Gegenstanden, Akteuren und Arten von Situationen gespeichert sind. Das
Akteur-System stellt dabei die Fahigkeit bereit, das Verhalten von Akteuren
in Abhangigkeit der Situation vorherzusagen, in der sich der Akteur be ndet.
Um die Situation zu identi zieren, in der sich der Akteur be ndet, werden
alle ubrigen kognitiven Systeme verwendet. Es wird z.B. festgestellt, was von
anderen, unbelebten Gegenstanden in der Situation zu erwarten ist, sodass erschlossen
werden kann, wie Akteure darauf reagieren werden. In der Diskussion
um Fahigkeiten sozialer Kognition wird von solchen situativen Bedingungen,
die dazu verwendet werden konnen, das Verhalten eines Akteurs vorherzusagen,
oft als sog. Platzhalter (Proxies) fur mentale Zustande gesprochen. Es handelt
sich lediglich um Platzhalter und noch nicht um mentale Zustande selbst, weil
sie rein extensional charakterisiert sind. Es wird nur reprasentiert, womit ein
Akteur konfrontiert ist, nicht wie er das, womit er konfrontiert ist, wahrnimmt.
Durch die Entwicklung ausgefeilter Modelle verschiedener Situationen unter
Verwendung
exibler und re-kombinierbarer Reprasentationen von Objekten,
Akteuren und Eigenschaften, sind wir begriichem Denken schon recht nahe
gekommen. Vielleicht haben wir bereits eine Ebene kognitiver Fahigkeiten erreicht,
die als begriich strukturiert aufgefasst werden kann. Die Idee, dass
mentale Reprasentationen in reichhaltigen Modellen verschiedener Gegenstandsbereiche
dazu verwendet werden konnen, Schlussfolgerungen zu ziehen, scheint
bereits eine wichtige Bedingung zu erfullen, die regelmaig an Begriichkeit
gestellt wird. Diese sog. Allgemeinheitsbedingung (Generality Constraint) besagt,
dass uber den Begri F zu verfugen erfordert, wenigstens dazu in der
Lage zu sein, sowohl F(a) als auch F(b) zu bilden { fur beliebige a und b {
und dass man in der Lage sein muss, nicht nur F(a), sondern auch G(a) zu
bilden { fur einen beliebigen weiteren Begri G. Reprasentationen der Eigenschaften
eines Gegenstandes haben die Form F(a).3 Allerdings hat sich gezeigt,
dass die Informationen, die zu Objekten gespeichert sind, oftmals zuerst nur
in einigen Modellen verwendet werden konnen und nicht automatisch auf andere
Ereignistypen ubertragen werden. Das bedeutet, dass die Objekt- und
Eigenschaftsreprasentationen, die in den kognitiven Systemen verwendet werden,
nicht beliebig rekombinierbar sind und so die Allgemeinheitsbedingung
nicht vollstandig erfullt ist.
Die Allgemeinheitsbedingung ist auerdem nur eine recht minimale Voraussetzung
fur Begriichkeit. Neben den erfolgsbezogenen, individuellen Anwendungs-
und Schlussfolgerungsbedingungen von Begri en, die durch den indi-
3Mutatis mutandis in Form quanti zierter Aussagen falls Individuen kognitiv mittels einer
Beschreibung und nicht mittels eines logischen Namens reprasentiert werden.
11
viduellen Erfolg oder Misserfolg eines Verhaltens sanktioniert werden, hatten
wir festgestellt, dass es eine soziale Dimension begriicher Normativitat gibt.
Diese soziale Dimension von Begriichkeit sollte die Feinkornigkeit begriicher
Gehalte, ihre volle inferenzielle Struktur und ihre Rolle in rationaler Kritik einfangen.
8 Soziale Normativitat
Eine wichtige Eigenschaft menschlicher Subjekte ist, dass sie stark auf soziale
Reize reagieren. Wir sind sehr fruh in unserer Entwicklung dazu in der Lage
zu erkennen, ob jemandem etwas gefallt oder missfallt. Kleinkinder lassen sich
in ihrem Lernverhalten nicht nur vom physischen Erfolg oder Misserfolg leiten,
sondern insbesondere auch von den Reaktionen vertrauenswurdiger Erwachsener
oder groerer Kinder. Das ero net die Moglichkeit, dass sich Gep
ogenheiten
und soziale Normen entwickeln. Ob eine Handlung als Erfolg oder als Misserfolg
empfunden wird, ist dann nicht nur davon abhangig, ob man z.B. den Gegenstand
bekommt, den man haben wollte, sondern auch davon, ob die Handlung
von den Anderen als angemessen angesehen wird. Diese Einschatzung liegt
sicherlich teilweise in weiteren Sanktionsmanahmen, die auf unangemessenes
Verhalten folgen. Es scheint aber durchaus so zu sein, dass (neurotypische) Menschen
soziale Reize selbst als sanktionierend oder als bestarkend emp nden, ohne
dass daruber hinaus eine angenehme oder unangenehme Erfahrung gemacht
wurde. So oder so spielt die Reaktion Anderer auf das eigene Verhalten eine
wichtige Rolle beim Erlernen angemessener Handlungsweisen. Das Ergebnis
ist ein unre
ektiertes \So machen wir das hier.", das uber den individuellen
(biologischen) Erfolg oder Misserfolg einer Handlung hinausgeht.
Diese So-machen-wir-das-hier-Normativitat fuhrt bereits eine soziale Dimension
in die kognitiven Modelle ein, die Individuen von ihrer Umwelt haben. Sie
reicht jedoch noch nicht dazu aus, das volle Ausma begriicher Normativitat
zu begrunden, das im manifesten Bild in der diskursiven Dimension begriicher
Vernunft besteht. Damit sich diskursive Normen etablieren konnen, bedarf es
eines diskursiven Mediums, d.i., einer Sprache. Neben den nicht-diskursiven
Gep
ogenheiten, auf bestimmte Weisen mit bestimmten Situationen umzugehen,
ist es vorstellbar, dass durch die So-machen-wir-das-hier-Normativitat auch
die Moglichkeit erwachst, Signale als konventionelle Zeichen zu verwenden. (Im
Folgenden werde ich auf Ideen von Susan Carey (Carey2009) zuruckgreifen.)
Konventionelle Zeichensysteme besitzen eine innere Struktur, die denjenigen,
die den Gebrauch der Zeichen erlernen, einige Eigenschaften des Gegenstandsbereichs
uberhaupt erst zuganglich machen konnen. Im Falle der kognitiven Verarbeitung
von Zahlen, z.B., spricht einiges dafur, dass das Erlernen einer geordneten
Reihe von Zahlwortern mageblich daran beteiligt ist, sich ein Verstandnis
fur Zahlen, die groer als drei oder vier sind, zu erarbeiten. Anscheinend
verfugen Kleinkinder uber ein prazises, aber implizites Verstandnis der ersten
drei oder vier Zahlen als Aquivalenzklassen von Mengen mit einer entsprechenden
Anzahl an Elementen. Die Mengen werden als Gruppen bestimmter Gegenst
ande reprasentiert. Alle Gruppen, bei denen eine eins-zu-eins Zuordnung
der Mitglieder moglich ist, sind gleich gro. Das Zahlenverstandnis ist auf drei
oder vier begrenzt, weil Kleinkinder nicht mehr Gegenstande explizit im Arbeitsged
achtnis reprasentieren konnen.
12
Kinder erlernen nun die Reihe der Zahlworter, die uber \vier" hinaus geht,
lange bevor sie mit groeren Zahlen umgehen konnen. Auf Grundlage des impliziten
Zahlenverstandnisses und der Feststellung, dass die Zahlworter \eins",
\zwei", \drei", ... fur bestimmte Aquivalenzklassen von Mengen von Gegenst
anden stehen, kann die Feststellung getro en werden, dass sich aufeinander
folgende Zahlen der Reihe 1, 2, 3, 4 dadurch unterscheiden, dass von Zahl zu
Zahl ein Mitglied dazu kommt. Dies soll als induktive Basis dafur dienen, dass
sich zwei aufeinander folgende Zahlen immer dadurch unterscheiden, dass die
folgende eins groer ist. Dadurch kann der Begri des Nachfolgers erworben werden,
wodurch die Reihe der ubrigen Naturlichen Zahlen erschlossen werden kann.
Wurde erst einmal ein Reprasentationssystem erlernt, das eine entsprechende
Struktur besitzt, konnen weitere Merkmale des Reprasentationssystems dazu
verwendet werden, uber den Gegenstandsbereich nachzudenken. (Carey nennt
das Quinean Bootstrapping.)
Bei anderen Gegenstandsbereichen scheint es sich ahnlich zu verhalten. Auf
Grundlage bestehender kognitiver Fahigkeiten im Umgang mit verschiedenen
Situationen erlernen Sprecher ein System sprachlicher Reprasentationen, dessen
innere Struktur dazu geeignet ist, dem Sprecher manche Aspekte des Gegenstandsbereichs
uberhaupt erst zuganglich zu machen. Die inferenzielle Struktur
sprachlicher Reprasentationssysteme geht uber die Situationen und deren
Zusammenhange hinaus, mit denen ein Individuum auf Grundlage seiner nichtsprachlichen
kognitiven Modelle umgehen kann. Insbesondere sind sprachliche
Begri e dazu geeignet, die Anwendbarkeit von Gegenstands- und Eigenschaftsrepr
asentationen zu verallgemeinern und Modelle abstrakter Situationstypen
anzulegen. Eigenschaften, die bisher nur in einigen Modellen eingeschrankter
Ereignistypen eine Rolle gespielt haben, konnen uber generalisierte Modelle abstrakterer
Gegenstandsbereiche auch auf weitere Modelle anderer Ereignistypen
angewandt werden. Auerdem scheinen sprachliche Reprasentationen den Erwerb
einiger Begri e, die in Modellen oder Theorien verschiedener Gegenstandsbereiche
eine zentrale Rolle spielen, uberhaupt erst zu ermoglichen. Das Beispiel,
das Carey erwahnt, ohne es so ausfuhrlich mit empirischen Belegen zu diskutieren
wie den Erwerb der Naturlichen Zahlen, sind die Begri e \Masse", \Kraft"
und \Beschleunigung", die im Rahmen des Erlernens der Mechanik erworben
werden. Solche abstrakteren Begri e sind nicht an Modelle konkreter
Ereignistypen gebunden. Ihre Bedeutung wird mittels ihres Verhaltnisses, d.h.
mittels ihrer Verwendung innerhalb der Mechanik erlernt. Man konnte sagen,
dass die Entitaten, die durch die Begri e bezeichnet werden, funktionale herausgegri
en werden. Kraft ist diejenige Groe, die sich aus der Multiplikation
der Masse eines Korpers mit der Beschleunigung ergibt, die auf ihn wirkt.
Die inferenzielle Struktur sprachlicher Reprasentationen ermoglicht Schlussfolgerungen,
die von den konkreten Ereignistypen, mit denen die kognitiven Kern-
Systeme umgehen konnen, weitestgehend unabhangig sind. Sie kann dazu dienen,
im Sinne eines Quinian Bootstrappings Begri e und mentale Modelle zu
erwerben, die weit uber die Ressourcen der konkreten Modelle, die auf Basis der
Kern-Systeme und vor-sprachlich vermittelter Gep
ogenheiten erworben wurden,
hinausgehen. Dies gilt fur physikalische Gegenstandsbereiche ebenso wie
fur biologische, kognitive oder soziale.4
4Auf uberindividueller Ebene konnte man sich vorstellen, dass sprachliche
Reprasentationssysteme bereits Schlussfolgerungen zulassen, ohne dass eine etablierte
13
Sofern die Theorie der kognitiven Kern-Systeme korrekt ist, besitzen wir
bereits fruhzeitig ein System, mit dessen Hilfe wir speziell mit Akteuren umgehen
konnen, ohne jedoch uber den Begri eines Akteurs zu verfugen. Manche
Ereignisse werden als von Akteuren herbeigefuhrt angesehen, die Dinge \aus
sich heraus" tun oder unterlassen konnen. Das heit jedoch nicht, dass jemand,
der das Kern-System fur Akteure anwenden kann, bereits uber den Begri
des Akteurs oder eines Handlungsgrunds verfugt, geschweige denn, dass
er Erklarungen von Verhalten von Akteuren diskursiv begrunden kann. Erst
durch den Erwerb eines reichhaltigeren Modells von Akteuren, mit dessen Hilfe
Schlussfolgerungen uber das Verhalten von Akteuren getro en werden konnen,
wird ein nicht-re
exiver Begri des Akteurs und von Handlungsgrunden erworben.
Als einfache Begri e konnen die Reprasentationen von Akteuren und
der situativen Ein
usse auf ihr Verhalten gelten, insofern sie bereits in vielen
Modellen anwendbar sind. Allerdings sollte man vorsichtig sein, diese Ein
usse
bereits \Grunde" zu nennen, da sie noch rein extensional sind. Es wird nicht
reprasentiert, wie der Akteur die Welt sieht, sondern lediglich, welche Aspekte
einer Situation Ein
uss auf das Verhalten eines Akteurs haben.
Bemerkenswert ist an dieser Stelle vielleicht, dass Individuen, die lediglich
uber rein extensionale Akteursmodelle verfugen, bereits dazu in der Lage sein
konnen, recht kompliziertes Verhalten anderer Akteure vorherzusagen und zu
erklaren. Derzeit gibt es eine lebhafte Debatte uber die minimalen Voraussetzungen
bestimmter sozial-kognitiver Leistungen. So zeigt sich, dass Individuen
selbst dann einige Verhaltensweisen anderer erklaren konnen, die auf falschen
Uberzeugungen beruhen, wenn sie nicht uber den Begri einer Uberzeugung
verfugen. Fur bestimmte Uberzeugungen lassen sich rein extensionale Platzhalter
nden. Butter ll und Apperly (Butter llApperly2010) argumentieren
z.B. dafur, dass sog. Registrierungen die Rolle von Uberzeugungen in der
Erklarung von Verhalten ubernehmen konnen. Registrierungen sind Relationen
zwischen Akteuren, Gegenstanden und Orten. Ein Gegenstand wird von einem
Akteur an einem Ort registriert, wenn sich der Ort, an dem sich der Gegenstand
be ndet, innerhalb des rezeptiven Feldes des Akteurs be ndet (d.h., wenn er den
Gegenstand dort \wahrnimmt"). Verandert der Gegenstand anschlieend seine
Lage, ohne dass dies vom Akteur registriert wird, bleibt die alte Registrierung
bestehen. Verhalt sich der Akteur, als ob sich der Gegenstand immer noch dort
befande, kann sein Verhalten mithilfe der Registrierung erklart werden. Der
Begri einer Uberzeugung ist dafur nicht notwendig.
9 Handlungsgrunde
Der Begri des Grundes fur eine Handlung oder eine Uberzeugung, uberhaupt
der Begri einer Uberzeugung, kann jetzt aus zwei Faktoren entstehen. Zum
einen kann die Fahigkeit, Diskrepanzen in Erklarungen von Verhalten festzustellen,
dazu fuhren, den einfachen Begri einer Sichtweise zu entwickeln. Und zum
anderen fuhrt die Moglichkeit, diskursiv auszuhandeln, was zu tun sei oder was
Theorie den empirischen Gehalt solcher Schlussfolgerungen bereits legitimieren wurde. Auf
dieWeise konnen Spekulationen daruber entstehe, wie dasWeltmodell weiterzuentwickeln sein
konnte, sodass nicht nur in einer Gemeinschaft bereits vorhandene Begri e von Individuen
mittels Bootstapping erworben werden konnen, sondern dass Gemeinschaften auf diese Weise
auch neue Begri e entwickeln konnen.
14
von einer Sache zu halten sei, dazu, dass Sichtweisen als Grunde fur Handlungen
und Uberzeugungen angegeben werden konnen. Wahrend ersteres bereits
vor-sprachlich vorhanden sein kann und durch Sprache lediglich stark befordert
wird, ist der diskursive Aspekt begriichen Denkens nicht ohne ein Kommunikationsmedium
denkbar, mit dessen Hilfe Sichtweisen verhandelt werden konnen,
d.i. eine Sprache. Die Entwicklung mentaler Begri e wird dabei nicht zum
Selbstganger, sobald diese Fahigkeiten vorhanden sind, sondern bleibt eine intellektuelle
Errungenschaft. Mithilfe eines Reprasentationssystems ziehen sich
die Ryleaner an den eigenen Stiefelschlaufen aus dem Sumpf. Um ein Analogon
zu Sellars' Mythos von Jones zu erhalten, mussen wir jetzt jedoch eine
Episode des kollektiven Bootstrappings er nden. Der Trick scheint mir in der
Tat auf ahnliche Weise zustande zu kommen wie im Falle von Jones, namlich
mithilfe einer Theorie des Geistes. Dazu wird aber nicht angenommen, dass
mentale Episoden typische sprachliche Ausdrucke hatten, mit deren Hilfe sie
identi ziert werden konnten. So muss auch nicht auf die Idee zuruckgegri en
werden, dass in Anderen und einem selbst auch dann etwas vor sich geht, das
Schlussfolgerungen ahnlich ist, wenn es gar keinen o entlichen Ausdruck des
Gedachten gibt. Die Idee, dass Andere und man selbst im Stillen Schlussfolgerungen
anstellen, konnte stattdessen aus der Moglichkeit entstehen, dass die
Situationen, in denen Akteure stecken, sprachlich beschrieben werden konnen
und dass man sich mithilfe solcher sprachlichen Reprasentationen einer Situation
Ein
ussfaktoren erschliet, die nicht beobachtbar oder nicht von sich aus
salient sind, und die man selbst nicht fur zutre end halten muss.
Wie bemerkt, verfugen wir uber Kern-Systeme fur verschiedene Gegenstandsbereiche,
u.a. fur Akteure, auf deren Grundlage wir reichhaltigere Modelle
verschiedener Situationen entwickeln. Verhalten von Akteuren wird dadurch
verstandlich, dass es sich anhand eines Modells aus beobachteten Faktoren einer
Situation ergibt. Um sich in einer sozialen Situation angemessen zu verhalten,
konnen menschliche Individuen eine Vielzahl an Informationen verwenden, zu
denen neben Informationen die auere Situation betre end auch soziale Informationen
wie Blickrichtungen und die Attraktivitat verschiedener Gegenstande
gehoren. So lassen sich bereits relativ reichhaltige Modelle von Akteuren und
den Situationen, in denen sie sich be nden, bilden. Sofern diese Modelle auf relativ
konkrete, leicht detektierbare Ein
usse auf das Verhalten beschrankt sind,
enthalten sie lediglich extensionale Platzhalter fur mentale Zustande. Die Modelle
von Situationen und Akteuren konnen aber auch dazu verwendet werden,
Faktoren zu erschlieen, die nicht beobachtet wurden. So kann ein anderenfalls
ratselhaftes Verhalten erklart werden, indem auf Aspekte einer Situation
geschlossen wird, die unter den Annahmen des verwendeten kognitiven Modells
zu dem Verhalten fuhren wurden. Grundsatzlich lasst sich anhand solcher
erschlossener Ein
usse auf das Verhalten eines Akteurs bereits feststellen, dass
das Verhalten eines Akteurs durch Aspekte einer Situation beein
usst wird, die
man selbst nicht fur zutre end halt. Werden die erschlossenen Ein
ussfaktoren
selbst nicht im Modell der Situation reprasentiert, das diejenige verwendet, die
das Verhalten zu erklaren versucht, kommt es zu einer Diskrepanz zwischen
dem Modell, das fur eine Situation verwendet wird und dem Modell, das fur
den Akteur in der Situation verwendet wird. Um diesen Kon
ikt aufzulosen,
kann ein vor-sprachlicher Begri der Sichtweise auf eine Situation entwickelt
werden, der vielleicht in nicht viel mehr besteht als die Abweichungen zwischen
einer Situation und der Erklarung eines Verhaltens zu reprasentieren.
15
Ein sprachliches Reprasentationssystem ist jetzt dazu geeignet, eine inferenzielle
Struktur bereitzustellen, mit deren Hilfe reichhaltigere Reprasentationen
von Situationen erzeugt werden konnen. Diese enthalten auch reichhaltigere
Abhangigkeiten zwischen Arten von Situationen. Mithilfe sprachlicher Reprasentationen
konnen im Sinne des Bootstrappings abstraktere Begri e erworben
werden, die dazu verwendet werden konnen, Schlussfolgerungen aus Situationen
zu ziehen, die ohne diese Begri e nicht gezogen werden konnten. Auerdem
erscheinen Diskrepanzen in Sichtweisen als Diskrepanzen zwischen Beschreibungen
einer Situation. In sozialen Situationen kann es jetzt dazu kommen,
dass sich das Verhalten eines Akteurs besser verstehen lasst, wenn man eine
Beschreibung einer Situation annimmt, die nicht derjenigen entspricht, zu der
man sich selbst durchgerungen hat. Diese dissonante Beschreibung kann die des
zu beschreibenden Akteurs, die eines Anderen oder eine fruhere eigene sein. Es
kann auch eine sein, die sich derjenige, der das Verhalten eines Akteurs erklaren
will, erschliet. Wichtig ist, dass sie das Verhalten innerhalb des Modells der
Situation verstandlich macht, uber das diejenige verfugt, die zu verstehen versucht,
was vor sich geht.
Sobald festgestellt wird, dass Verhalten durch Beschreibungen einer Situation
erklart werden kann, die man gar nicht fur zutre end halt, die also nicht
die aueren Ursachen des Verhaltens benennen konnen, ist die Unterscheidung
zwischen einer Situation und einer Sichtweise auf eine Situation geboren. Daraus
lasst sich wiederum die Unterscheidung zwischen einer aueren Ursache
und einem Grund fur eine Handlung entwickeln. Sichtweisen mussen nicht von
denjenigen, deren Sichtweise es ist, geauert werden. Sie ergeben sich aus den
Erklarungen des Verhaltens und haften Akteuren auch ohne geauert zu werden
an. Es liegt nahe, sie als etwas anzusehen, das im (oder am) Akteur vorhanden
ist und fur dessen Verhalten verantwortlich zeichnet. Diese sprachlich erschlossenen
Sichtweisen, ob sie nun in Ubereinstimmung mit der eigenen Sichtweise sind
oder nicht, konnen im Anschluss als Modell der inneren Vorgange dienen, die
einen Akteur dazu gebracht haben, sich auf bestimmte Weise zu verhalten. Akteure
konnen Sichtweisen auf eine Situation haben, die dafur verantwortlich
zeichnen, wie sie sich verhalten.
Eine Sichtweise wird zu einem Grund, wenn sie zum Gegenstand der Kritik
werden kann. Kritik kann hier zuerst einmal als das Aushandeln intersubjektiv
auftretender Diskrepanzen verstanden werden und erfordert als solche noch
nicht den Begri einer Uberzeugung oder einer Sichtweise. Sie dient der Koordination
des Verhaltens verschiedener Individuen, deren Sichtweisen de facto
nicht dieselben sein mussen, ohne dass diese als Sichtweisen thematisiert werden
mussten. Alles, was benotigt wird, sind Praktiken des Aushandelns dessen, was
in einer Situation zu tun oder zu behaupten ist. Nach der hier prasentierten
Sichtweise musste es moglich sein, sich daruber auseinanderzusetzen, wie eine
Situation zu beschreiben ist oder was in einer Situation zu tun ist, ohne sich
daruber Gedanken zu machen, was im jeweils Anderen vor sich geht. Man benennt
z.B., was zu sei und gibt an, aus welchen Aspekten einer Situation oder aus
welchen Gep
ogenheiten dies folgen soll. Dabei handelt es sich vorerst um rein
sprachliche Beziehungen zwischen Auerungen. Zu einem Grund in dem Sinne,
dass es ein Grund fur jemanden sein kann, d.h. ein mentaler Zustand, werden
diese inferenziellen Voraussetzungen, wenn sie gleichzeitig als Sichtweisen von
jemandem betrachtet werden. Was jemand als inferenzielle Voraussetzung fur
ein Urteil oder eine Handlung angibt, kann eine Beschreibung desselben Aspekts
16
einer Situation sein, der als Erklarung seines oder ihres Verhaltens erschlossen
wurde. Sichtweise und Begrundung kommen zusammen, weil fur die Bestimmung
beider dieselbe sprachliche inferenzielle Struktur verwendet wird.
Als Akteur im vollen Sinne konnen all diejenigen gelten, deren Verhalten
sich sinnvollerweise mittels Sichtweisen erklaren lasst, die innerhalb des Modells
des Akteurs verstandlich machen, warum er sich in einer Situation so verhalten
hat, wie er sich verhalten hat. Diese Sichtweisen mussen nicht mit
den Beschreibungen ubereinstimmen, die diejenige von der Situation verwendet,
die das Verhalten zu verstehen versucht. Insofern Sichtweisen, die nicht
zutre end sein mussen, das Verhalten eines Akteurs im Rahmen eines Modells
verstandlich machen, das auf die inferenzielle Struktur des sprachlichen
Reprasentationssystems zuruckgreift, konnen diese Sichtweisen als Grunde fur
eine Handlung gelten. Personen im vollen Sinne sind solche Akteure, die nicht
nur Grunde haben konnen, sondern diese auch auf angemessene Weise angeben
und verteidigen konnen. Das bedeutet, dass es grundsatzlich moglich ist, ein
Akteur zu sein, ohne unbedingt als eine vollwertige Person zu gelten. Eine
Person zu sein erfordert Sprache, ein Akteur zu sein nicht unbedingt.5
Wie im Falle von Sellars' mythischem Jones dient Sprache hier dazu, Zugang
zu den Grunden zu nden, die einen Akteur dazu bewegen, das eine oder andere
zu tun. Allerdings sind es weniger die sprachlichen Ausdrucke von Sprechern,
die ihre Grunde o entlich kundtun, die den mythischen Jones auf die Idee bringen,
in Anderen und in ihm selbst konnten Schlussfolgerungen und Abwagungen
statt nden. Vielmehr ruhrt der Begri eines (Handlungs)Grundes nach dieser
Au assung aus Diskrepanzen in Erklarungen von Verhaltensweisen von Akteuren
her. Sie werden auf der Grundlage von Verhalten erschlossen, das von
dem abweicht, das gema des verwendeten Modells einer Situation zu erwarten
gewesen ware. Die Kriterien der Identi kation eines Grundes sind dabei komplizierter
als im Mythos von Jones. Anstelle typischer sprachlicher Ausdrucke,
die den Gehalt des mentalen Zustandes wiedergeben, den sie ausdrucken, werden
diejenigen mentalen Zustande identi ziert, die innerhalb des Modells der Situation
und des Akteurs das Verhalten am besten erklaren. Dabei wird auf alle
Informationen zuruckgegri en, die zur Verfugung stehen. Akteure werden als
besondere Arten von Gegenstanden, die aktiv Verhalten hervorbringen konnen,
in einer Situation verortet. Soziale Informationen werden dazu verwendet, Aspekte
der Situation zu identi zieren, die fur das Verhalten des Akteurs relevant
sind. Unter Berucksichtigung dieser Informationen werden Beschreibungen der
Situation produziert, die dazu verwendet werden konnen, die inferenzielle Situation
des Akteurs zu identi zieren und so dessen Urteils- und Handlungsgrunde
zu erschlieen.
Die diskursive Dimension begriicher Normativitat kommt dadurch zustande,
dass es sich bei den Regeln, die die inferenzielle Struktur der Begri e
konstituieren, um soziale Regeln handelt. Begri sverwendung ist auerdem
eingebettet in Praktiken, die dazu geeignet sind, Grunde fur Handlungen und
Urteile auszutauschen. Sie dienen der Koordination von Verhalten innerhalb
einer Gruppe. Die Identi kation von Grunden ist durch die Einsicht vermittelt,
dass eine Situation unterschiedlich beschrieben werden kann. Unterschiedliche
Beschreibungen einer Situation





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