Sich auf die Metapher einlassen

Von der Unerfüllbarkeit der Vermittlung von Bildnissen nach Wittgenstein

Das Thema des am Allerheiligen-Wochenende in Heidelberg stattgefundenen Kongresses "Wittgenstein und die Metapher" birgt eine Provokation. An den stilistischen Möglichkeiten der Sprache haben sich die Philosophen schon immer gerne bedient. Aber erst im 20. Jahrhundert rückte die Sprache selbst und die sich aus ihr ergebenen "Verhexungen" in den Mittelpunkt philosophischer Überlegungen.

Gegen die unsinnige Verwendung der Sprache hat sich Wittgenstein von Anfang an mit radikaler Konsequenz gewandt. Worüber man nicht reden kann, darüber solle man schweigen. Doch Wittgenstein selbst verwendet immer wieder bildliche Rede und Metaphern. So mancher, der gerne viel über Wittgenstein redet, schweigt hierüber lieber. Denn ist der Gebrauch von Metaphern nicht eine der Versuchungen, die uns die Sprache anbietet, und deren Annahme uns in Teufels Küche uneigentlicher Redeweisen bringt? Die Metapher ins Zentrum eines Kongresses über Wittgenstein zu stellen, muß daher herausfordern.

Hans-Peter Schütt (Karlsruhe) stellte sich der Thematik und sezierte mit analytischer Schärfe ausgerechnet die heiligste aller Wittgensteinscher Metaphern, die Metapher vom Sprachspiel. Welches Spiel meinte Wittgenstein denn, Schach, Dame, oder ein Ballspiel? "Natürlich irgendeins", wäre die Antwort vieler "Wittgensteinianer". Doch dann sei angesichts der unübersehbaren Vielfalt möglicher Spiele die Metapher zwar nicht falsch, aber sie erkläre, so Schütt, nichts. Ob aber eine Präzisierung wie "eine Sprache zu sprechen ist, wie wenn Erwachsene ein Kinderspiel imitieren", auf jede Sprachverwendung zutrifft, scheint zweifelhaft. So gesehen hätte Schütt nur gezeigt, daß eine Rede von "der Wittgensteinscher Metapher des Sprachspiels" keinen Sinn macht, jede einzelne Spielmetapher müßte auf ihren Gehalt untersucht werden. Seinen Vortrag kann man aber auch als Plädoyer verstehen, Wittgenstein nicht-wittgensteinianisch zu interpretieren. Die Grenzen einer philosophischen Metapher lassen sich eben nur von außen feststellen.

Einen besseren Einstieg hätte der Kongress wohl nicht finden können. Denn Schütt hatte schon im vorhinein alle entlarvt, die ihre unreflektierte Rede nur mit dem ungeschützen Namen "wittgensteinianisch" rechtfertigen wollten. Sich nur auf Wittgenstein zu berufen, war von nun an kein gemütliches Unterfangen mehr. Der Heidelberger Philosoph Martin Gessmann versuchte eben dies mit seiner Gegenposition von der "negativen Theologie" Wittgensteins, indem er die metaphorologischen Überlegungen Blumenbergs aufgriff. Es blieb beim Versuch. Gessmanns Konklusion, daß hinter jeder Metapher eine neue Metapher, hinter jedem Bild ein neues Bild lauere, ist so trivial, daß sie Schütts Thesen nicht ins Wanken bringen konnte. Erfolgreicher war da schon Ilse Somavilla (Innsbruck), die mit Hilfe der Lichtmetaphorik die religiöse Sphäre der wittgensteinschen Philosophie durchleuchtete. Insbesondere machte sie deutlich, wie Wittgenstein Metaphern zur Vermittlung genuiner Erkenntnisse seiner Philosophie einsetzte. Regine Munz (Basel) unterstützte diese Interpretation, indem sie Wittgensteins "Denkbewegungen" (die veröffentlichten Tagebuchnotizen aus den Jahren 1930-32 sowie 1936-37) zu Rate zog. Hier räsoniert Wittgenstein über die sprachlichen Manifestationen religiösen Glaubens. Für Wittgenstein stehen Metaphern ausschließlich im Zusammenhang ihrer jeweiligen Verwendung. D.h., dass sich mit dem Gebrauch bereits der Eindruck ergibt, den die Metapher aufgrund ihres Nymbus hinterläßt. Im Gegensatz zu Schütt ist laut Munz somit die sprachliche Bedeutung der Metapher nicht ausschlaggebend, sondern vielmehr die sprachliche Konvention, in die die Metapher eingelassen ist. Die Wiener Wittgenstein-Forscherin Anja Weiberg ging der Frage nach, inwieweit die Metapherntheorie von George Lakoff und Mark Johnson einem besseren Verständnis der Aussagen Wittgensteins dienen kann und hierdurch die Bedeutung von Metaphern für unser Leben gezeigt würde. Wo Lakoff und Johnson mit einer Theorie ansetzen, so machte Weiberg überzeugend deutlich, verweist Wittgenstein auf das Ende von Rechtfertigungen und Begründungen. Weibergs Vortrag machte vor allem deutlich, daß eine umfassende Untersuchung der verschiedenen Metaphertypen im Werk Wittgensteins als Forschungsaufgabe noch aussteht. Der Amerikanische Ehrengast Samuel C. Wheeler III. (Connecticut) betonte in seinem Vortrag, dass eine Metapher bedeutungstheoretisch nie eineindeutig zugeordnet werden kann. Wittgenstein hatte dies frühzeitig erkannt, während Davidson noch heute mit der Verlegenheit kämpft, Metaphern nur vage Bedeutungen zuordnen zu können. Dies ist das ewige Los der Metapher.

Hieran knüpfte auch Hans-Julius Schneider (Potsdam) an. Er machte deutlich, dass es keinen Zweck macht, über die Grenzen der Sprache und des sprachlich Ausdrückbaren zu fabulieren. Man solle sich lieber der Unerfüllbarkeit der Vermittlung von Bildnissen stellen. Wittgenstein hilft, sich vom engen Gerüst der Theorienbildung zu befreien.

 

Christoph Durt