Die Aufgaben der Philosophie

Ein Gespräch mit Gernot Böhme

Herr Böhme, wie sollte die Ausbildung von Philosophinnen und Philosophen an der Universität idealerweise aussehen?

Ich unterscheide drei Weisen des Philosophierens: Philosophie als Weltweisheit, Philosophie als Lebensform und Philosophie als Wissenschaft. Leider ist Philosophie als Wissenschaft die einzige Weise, die an der Universität betrieben wird. Traditionell gehören die beiden anderen Zweige auch hinzu. Bei der Philosophie als Lebensform geht es darum, sich selber als Mensch auszubilden und eine philosophische Lebensform zu führen. Der akademische Betrieb bietet natürlich nicht den Rahmen, eine Ausbildung des Menschen als Menschen zu gewährleisten. Das liegt an der Verwissenschaftlichung dieser Institution. Aber man kann darüber nachdenken, was zu tun ist, damit dieses Moment in die Ausbildung mit hineinkommt.

Mit Philosophie als Weltweisheit knüpfe ich an Kant an. Kant hat Philosophie als Weltweisheit unterschieden von Philosophie im Schulsinne und erstere definiert als diejenige Philosophie, die sich mit dem beschäftigt, was jedermann interessiert und das sind heute die allgemeinen, die öffentlichen, die gesellschaftlichen Fragen. Diese Weise des Philosophierens ist leichter in die Universität hineinzubringen als die der Philosophie als Lebensform. Die Probleme, die man behandelt, dürfen jedoch nicht aus dem philosophischen, sondern müssen aus dem öffentlichen Diskurs kommen. Bei der akademischen Philosophie ist das, infolge ihrer Verwissenschaftlichung, in der Regel nicht der Fall. Das, was Philosophen in der Regel behandeln, sind die Meinungen anderer Philosophen.

Damit würden Sie dem Studium der Klassiker nicht mehr die Bedeutung beilegen, die dieses in der gegenwärtigen Ausbildung hat?

Nicht mehr diese Bedeutung. Aber deren Studium ist natürlich unerläßlich. Die Klassiker haben paradigmatische Bedeutung; an ihnen kann man lernen, was Philosophie überhaupt ist. Außerdem spielen die Klassiker deshalb eine große Rolle, weil sie unsere Denkformen geprägt haben. Beispielsweise Platon: Die Begriffe und Denkformen, mit denen man die Gegenwartsprobleme behandelt, sind mitbestimmt durch Denkformen, die unter anderem durch Platon geprägt sind. Aber man sollte sich im klaren sein, daß man Platon studiert, um dessen Gedankenwelt mit unseren Problemen zu konfrontieren.

Auch was die wissenschaftliche Philosophie betrifft, ist die Ausbildung zu kritisieren. Obgleich die akademische Philosophie sich als wissenschaftlich gebärdet, wird sie als Schulphilosophie betrieben. Die analytischen Philosophen lehren nur analytische Philosophie und glauben und schwören darauf, und die anderen machen eben z.B. Phänomenologie. Wenn man das ernst nimmt, daß Philosophie als akademische Philosophie wissenschaftlich ist, ist für den Unterricht zu verlangen, daß pluralistisch philosophische Methoden erlernt werden, also sprachanalytische, hermeneutische, phänomenologische Methoden und daß der Student diese als gleichwertig nebeneinander kennen- und beherrschen lernt.

Aber kann man dazu noch zusätzlich diese von Ihnen eingangs genannten drei Formen des Philosophierens in der Universität zusammenbringen?

Das ist sicher sehr schwierig. Man kommt nicht darum herum, das weiterhin dominant zu lassen, was gegenwärtig dominant ist, nämlich die wissenschaftliche Philosophie, aber gleichzeitig die Durchsetzung des Pluralismus und die Erlernung einer Mannigfaltigkeit von Methoden zu fordern, um dann von daher selbst Probleme angehen zu können. Dies wäre eine Brücke zur Philosophie als Weltweisheit. Die Probleme allerdings, die man dann damit angeht, sollten nicht von der Philosophie selbst, sondern von außerhalb stammen.

Würde dies nicht zu einer Überforderung des Studiums führen?

Die Methoden lernt man an charakteristischen Fällen, man braucht also nicht für jede Methode ein halbes Studium. Was man leider gegenwärtig im akademischen Betrieb findet, ist das, was ich "Positionalismus" nenne, daß man eine Position bezieht und dann versucht, diese stark zu machen...

Aber Sie vertreten doch auch eine bestimmte Position und versuchen diese stark zu machen. Und von dieser Position aus werden die anderen betrachtet und bewertet...

Da möchte ich mich doch von einigen Kollegen unterscheiden. Es gibt Leute, die etwa einen metaphysischen Realismus oder einen Konstruktivismus vertreten. Ich vertrete nicht, sondern arbeite an Problemen.

Wie aber können etwa "Lebensformen" in den Philosophieunterricht integriert werden?

Das halte ich für besonders schwierig. Die Universität ist von der Institution her nicht der Ort, viel weniger als beispielsweise die Schule. Letzere hat durch die feste Zuordnung von relevanten Bezugspersonen eine viel größere Chance einer Menschenbildung als dies an der Universität der Fall sein kann. Aber man könnte dies partiell versuchen. Ich habe hier in Darmstadt die Lehrform der "Übung" eingeführt, was in der Philosophie relativ unbekannt ist. Man kennt dies allenfalls im Sektor Logik. Ich biete etwa Übungen zur Leibphilosophie an. Dazu gehört, daß wir zusammen in den Wald gehen und bestimmte Leiberfahrungen gewinnen. Das geht über das reine Zur-Kenntnis-Nehmen von Thesen und Argumentieren hinaus.

Aber kann man da eine klare Abgrenzung zur Selbsterfahrung und auch zur Esoterik vornehmen?

Zur Esoterik ganz sicher. Was hier vermittelt wird, ist Selbsterfahrung und dies halte ich auch für philosophisch sehr wichtig: Es gibt viele Erfahrungen, die nur in der Selbsterfahrung gewonnen werden können, nämlich das, was der Kieler Philosoph Hermann Schmitz die subjektiven Tatsachen nennt und wo die leibliche Betroffenheit ganz zentral ist.

Esoterik wiederum ist die Absicht, sogenanntes "höheres Wissen" zu verkaufen und darum geht es überhaupt nicht. Es geht hier eher um "niederes Wissen", um ganz elementare Dinge. Eine andere Übung, die ich gemacht habe, heißt "Anschauen und Wahrnehmen". Unsere technische Zivilisation vermittelt uns eine ganz eingeschränkte Leiberfahrung, und als Philosophen müßten wir uns eigentlich darum kümmern, ganz andere Leiberfahrungen zurückzugewinnen.

Unser technisch geprägte Welt trainiert uns in bestimmten Wahrnehmungsweisen, und dem kann man durch ganz bestimmte Übungen gegensteuern und "Sehen lernen" durchaus im philosophischen Unterricht vermitteln.

Aber ist das Ziel dieser Übungen nicht dasselbe wie bei der Esoterik, daß man nämlich mit sich und der Natur ein harmonisches Leben führt?

Das kann durchaus sein, daß es hier Überschneidungen gibt. Deshalb empfinde ich auch eine Art Konkurrenz zur Esoterik. Nur meine ich, daß die Philosophie hier auf ihrer traditionellen Linie, wie sie durch das große Vorbild Sokrates bestimmt ist, bleiben muß. Aber das Ziel als "harmonisches Leben" zu beschreiben, das sehe ich anders. Ein guter Mensch zu sein ist nicht dasselbe wie glücklich sein. Harmonie anzustreben ist aus meiner Sicht eine esoterische Ideologie. Damit würde man Widersprüche in unserem Leben zudecken, die zuzudecken nicht Sache des Philosophen ist.

Der Leib als die Natur ist uns keinesfalls selbstverständlich. Auch hier kann die Naturerfahrung nur gegen Widerstände und Verdeckungen zurückgewonnen werden. Deshalb sehe ich es als einen Bestandteil philosophischer Lebensführung an, Künste zu erlernen, um natürlich zu sein.

Hat diese Einführung der Lebenserfahrung in die Universität nicht etwas Paradoxes an sich? Man nimmt doch gemeinhin Lebenserfahrung als etwas Privates an, und nun wird diese Einübung in Lebensformen institutionalisiert?

Das Persönliche an Lebensformen ist die persönliche Betroffenheit. Aber die Sache kann doch allgemein sein. Was man erfährt, also der Inhalt, kann allgemein sein, während nicht allgemein ist, daß ich es jeweils bin, der es erfährt und um den es dabei geht. Entscheidend an meiner Subjektivität ist nicht, daß ich ganz anders empfinde als andere, sondern entscheidend ist, daß ich es jeweils bin, der davon betroffen ist. Trauer können wir der Sache nach miteinander teilen, aber Sie oder ich bin es, der davon betroffen ist.

Das heißt, daß bei diesen Übungen mehr die Reflexion über die Selbsterfahrung im Vordergrund steht als die Selbsterfahrung selber?

Das möchte ich so nicht sagen. Im universitären Betrieb ist dies von vornherein etwas Marginales und von daher dominiert die Reflexion, zumal man nachher im Seminar zusammenkommt und darüber redet. Aber Sie haben insofern recht, als die Verbalisierung der Erfahrung dominant ist. Dennoch kann man in bestimmten Situationen Erfahrungen, die vorsprachlicher Art sind, machen und vermitteln. Daß unser normales Wahrnehmen eben auch ein Verdecken ist, darauf muß man erst kommen.

Sie versuchen dies ja auch an die Wissenschaft heranzutragen: daß deren Art, gewisse Dinge zu sehen, nicht nur ein Entdecken, sondern auch ein Verdecken ist.

Die Wissenschaft ist ein kollektives Unternehmen und ist insofern ist dies nicht ganz vergleichbar. Die Mechanismen, die zur Verdeckung führen, spielen bei den Wissenschaften eher eine gesellschaftliche Rolle. Die Wissenschaft hat auch bestimmte Interessen und hinter ihr stehen ökonomische Interessen, die dazu führen, daß bestimmte mögliche Sichtweisen auf die Realität nicht zum Zuge kommen.

Dann sollte das Verhältnis der Philosophie zur Wissenschaft das der Kritik sein?

Das Verhältnis der Philosophie zur Wissenschaft begreift man in klassischer Weise als das der Begründung. Seit Platon besteht die Auffassung, daß die Wissenschaften mit Grundaxiomen und Hypothesen anfangen, aber in ihrem Vorgehen selber nicht begründet sind. Die Philosophie hat danach die Aufgabe, diese Begründungsarbeit zu leisten. Aber heute muß man das weiter sehen, zur Aufgabe der Philosophie gehört auch die Reflexion über die gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft, dazu gehört auch die Reflexion darüber, daß Wissenschaften immer eine spezifische Sichtweise über ihren Gegenstand darstellen. Dazu gehört aber auch die Begriffsarbeit, in der die Reflexion auf Grundbegriffe geleistet wird und damit auch ein kritisches Potential gegenüber der wissenschaftlichen Begriffsleistung aufgebaut wird.

Und wie kann sich die Philosophie gegenüber der Übermacht der Naturwissenschaften behaupten, die traditionelle Gebiete der Philosophie für sich beanspruchen?

Faktisch sieht das anders aus: Die Naturwissenschaften gehen zurück und die Philosophie wächst. Hier in Darmstadt sind wir das am meisten ausgelastete Fach, überall wird gespart, nur wir bekommen noch eine Professur dazu. Institutionell haben wir kein Problem, uns zu behaupten, wir brauchen uns nicht einmal inhaltlich zu legitimieren, die Legitimierung durch den Studentenandrang genügt schon.

Und woran liegt das?

Die gesellschaftliche Bedeutung des naturwissenschaftlichen Bereiches schwindet. Eine Rolle spielt dabei der Abbau des Rüstungssektors, aber auch die Computerisierung von Arbeitsabläufen bei den Ingenieuren, beides Faktoren, die zur Einsparung von Arbeitsplätzen führen. Umgekehrt hat die Philosophie im Moment einen gesellschaftlichen Auftrieb, sie wird insbesondere als Ethik gesellschaftlich nachgefragt, aber auch als Orientierung. Der Erfolg etwa von Sofies Welt hat mit dazu geführt, daß die Philosophie einer breiteren Bevölkerungsschicht bekannt ist und manche sich sagen, nun will ich das Fach auch studieren.

Muß sich die Philosophie diesem öffentlichen Bedürfnis anpassen?

Nein, man muß die Philosophie dem nicht anpassen. Aber es könnte auch eine gesellschaftliche Chance für die Philosophie sein. Denn sie entspricht diesem Bedürfnis noch unzureichend, weshalb es sich lohnen könnte, wenn sich die Philosophie in gewisser Weise wandeln würde. Innerhalb des Universitätssystems hat die Philosophie ihr Überleben vor allem dadurch gesichert, daß sie sich den wissenschaftlichen Methoden angepaßt hat. Das hat zu dieser science-community-Orientierung geführt: sehr viele Philosophen entnehmen ihre Probleme den Aufsätzen ihrer Kollegen und fragen nicht danach, wo die Philosophie eigentlich gefragt wäre.

Sollte man vielleicht die Philosophie aus der Universität ausgliedern und sie direkt dort ansiedeln, wo diese Bedürfnisse vorhanden sind?

Als zusätzliche Wirkungsmöglichkeit für die Philosophie wäre das sehr gut. Aber sie von der Universität abzukoppeln hieße, die Philosophie weitgehend von ihrer eigenen Geschichte zu trennen, und das hätte schlimme Folgen.

Sie meinen also, Philosophie ist per se ein Expertenwissen und nicht ein lebensweltliches Wissen?

Nein, das wollte ich nicht sagen. Insofern die Philosophie ihr prinzipielles Ziel der Suche nach Weisheit weiter verfolgt, ist sie sicher auch eine Steigerung von lebensweltlichem Wissen. Daß die Philosophie selber einen Zug zum Elitismus hat, liegt daran, daß sie sich mit den herrschenden Üblichkeiten in der Regel nicht abfindet.

Und nicht etwa an der Schwierigkeit der Inhalte oder der besonderen Art der abstrakten Beschäftigung?

Das kommt sicher hinzu, aber das ist nicht essentiell.

Was kann denn die Philosophie im öffentlichen Diskurs leisten?

Die Philosophie kann einen bestimmten Typ von Theorie entwickeln, der die Wirklichkeit unter der Perspektive vernünftiger Zustände beschreibt. Der kritische Blick ist etwas, das eine spezifisch theoretische Sichtweise der Realität enthält.

Die Aufgabe der Philosophie ist heute, oppositionell und kritisch zu sein. Daß heißt, daß sie auf Seiten der schwächeren Bataillone steht.

Aber damit, den Unterdrückten das Wort zu reden, kann es doch nicht getan sein, die Philosophie muß doch ein Ziel haben...

Kritische Theorie hat allerdings die Aufgabe, immer wieder gegen Unterdrückung zu arbeiten. Dazu gehört auch, die gesellschaftliche Dominanz der Wissenschaft in Frage zu stellen. Ich bin skeptisch genug, um zu sehen, daß man das Gewicht in der Gesellschaft nicht einfach umdrehen kann. Aber das ist kein Anlaß zur Resignation.

Wie kann hier die Philosophie eingreifen - etwa im Bereich der Gentechnik?

Die verfassungsrechtliche Festlegung der Wissenschaft entstand aus der Notwendigkeit der Sicherung der Freiheit von Lehre und Forschung. Das ist ein essentieller Punkt der liberalen Gesellschaft, an den man nicht rühren darf. Andererseits ist es aber so, daß von diesem Hintergrund her Wissenschaft als Sache des einzelnen Wissenschaftlers gesehen wird. Die Freiheit, die da garantiert wird, ist eigentlich die Freiheit des individuellen Wissenschaftlers zu forschen, was er will. Und das geht an der realen Tatsache der organisierten Wissenschaft und der öffentlichen Finanzierung von Wissenschaft völlig vorbei. Unsere grundgesetzliche Regelung der Stellung der Wissenschaft stammt aus dem 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert. Deshalb bin ich der Meinung, daß es hier neue Regelungen geben müßte, die zwar die individuelle Freiheit des einzelnen bewahren, aber andererseits Wissenschaft als kollektives Wissensunternehmen doch gesellschaftlichen Regelungen unterwirft.

Das würde dann von Seiten der Gesellschaft her erfolgen?

Ja. Es gibt ja da bereits Anfänge. Ich denke an die Forschung an menschlichen Keimen, die in Deutschland im Embryonenschutzgesetz und in der Schweiz sogar in der Verfassung bereits eingeschränkt ist. Eine Einsicht ist inzwischen da, daß die individuelle Forschungsfreiheit nicht der einzige Gesichtspunkt sein kann, sondern daß das gesellschaftliche Interesse.

Und Sie sehen hier die Gesetzgebung als ein gutes Mittel, der Forschung Schranken zu setzen?

Es ist ein Mittel, leider nicht hinreichend, es löst das Problem nicht wirklich. Man muß zudem versuchen, die nationalen Gesetze international zu erweitern, über die EU, die UNO, die UNESCO usw. - das ist ja auch im Gange. Man versucht etwa durch Bioethikkonventionen zu allgemeinen Regelungen zu kommen.

Aber umgekehrt - ist das nicht doch wieder eine Art Zensur?

Der Unterschied ist ganz sicher der, daß diese Regelungen demokratisch durchgesetzt werden müssen und auf einem breiten Konsens beruhen. Zensur im traditionellen Sinn war eher die Maßnahme eines autoritären Staatsgebildes. Wie man das einmal im historischen Rückblick sehen wird, ist eine andere Frage. Aber gerade im Bereich der technischen Manipulationsmöglichkeiten hinsichtlich des menschlichen Körpers steht unser Selbstbild als Menschen fundamental in Frage. Es kann natürlich sein, daß in hundert Jahren ein Art "Neo-Mensch" verächtlich auf uns herabschauen wird.

Und was entgegnen Sie dem Wissenschaftler, der sagt, er erforsche nichts anderes als die "Wahrheit"?

Dieser Wissenschaftler redet ganz ideologisch, weil er nicht sieht, welchen gesellschaftlichen und welchen ökonomischen Interessen er letzten Endes folgt. Und was dabei herauskommt, ist eine konstruierte Wahrheit. Aber ich finde es wichtig, auch für den Wissensgegenstand andere Gesichtspunkte, die traditionell eher im Bereich der Ethik oder der Ästhetik angesiedelt wurden, geltend zu machen. Man muß fragen: was ist überhaupt wissenswürdig? Oder, indem man nach ethisch relevantem Naturwissen fragt: Wie kann man die Natur so sehen, daß das, was sie uns moralisch bedeutet, im Wissen bereits aufgenommen ist?

Bis wohin darf man gehen, ohne relativistisch zu werden?

Ich glaube schon, daß die Wissenschaft ein ausgezeichneter Typ von Erkenntnis ist, und das liegt natürlich an der Intersubjektivität. Wissenschaft bedarf immer der Zustimmung anderer und ist für Kritik offen. Ganz wichtig ist auch das methodische Vorgehen: im Prinzip muß die gewonnene Erkenntnis von anderen nachvollziehbar sein. In diesem Sinn möchte ich die Wahrheit der Wissenschaft nicht klein schreiben. Nur muß man sehen, daß diese Wahrheit ihre historische Einbettung hat, daß eine begriffliche Voraussetzung existiert und daß ein technischer Hintergrund - die Geräte - für die Wissenschaft eine Rolle spielt. Wahrheit bedeutet hier die nachvollziehbare Weise, wie man in einer bestimmten Situation Gegenstände bzw. die Natur zum Phänomen machen kann.

Wenn man Wahrheit als Nachvollziehbarkeit, als Verständigung über Experten sieht, dann bleibt die Wahrheit unter den Wissenschaftlern. Müssen wir nicht den Begriff der Wahrheit erweitern, weil es dabei doch nicht nur um die Übereinstimmung zwischen Experten gehen kann?

Es ist richtig, daß Wissenschaft durch das entsprechende Training vom "Laienverstand" abgetrennt ist. Aber im Prinzip ist das, was die Wissenschaftler machen, immer nachvollziehbar. Recht haben Sie insofern, als das, was die gesellschaftliche Einbettung und rechtliche Regelung der Forschung angeht, auch die Laien ein Mitspracherecht haben müssen, auch wenn diese vieles, vor allem in punkto Methode, nicht nachvollziehen können. Es ist dies ein Problem, das nicht leicht zu lösen ist. Ein gutes Modell hierbei ist das des Geschworenengerichtes: Die Wissenschaftler müssen die Laien, die dann entscheiden, auch überzeugen können.

Glauben Sie, daß Wissenschaftler diese Rolle akzeptieren könnten?

Da gibt es sicher Widerstände. Die Wissenschaftler profitieren von ihrer dominanten Stellung in der Gesellschaft. Andererseits hatte Schelsky noch die Befürchtung, daß die Politik abgeschafft und an ihre Stelle eine Technokratie treten würde, in der die Ingenieure die entscheidende Macht haben -das ist nicht eingetreten.

 

Mit Gernot Böhme sprachen Antonia Bertschinger, Eveline Ruf, Takashi Sugimoto, Dominik Vogt und Markus Wild (alle Universität Basel).

Dieses Gespräch ist das Ergebnis der Tätigkeit der Arbeitsgruppe "Philosophisches Interview" (Leitung: Urs Thurnherr) an der Universität Basel. Diese Arbeitsgemeinschaft hat den Status eines Kolloquiums und ist im Sinne eines hochschuldidaktischen Versuchs gegründet worden. Die Teilnehmenden, die entweder vor ihrer Lizentiats- bzw. Magisterarbeit stehen oder an einer Doktorarbeit sitzen, treffen sich in einer ersten Sitzung, um eine zeitgenössische Philosophin oder einen Philosophen zu be-stimmen, die resp. der für die Fragestellungen und Problemhorizonte ihrer aktuellen Arbeit am interessantesten ist. Danach setzt sich die Gruppe ein Semester lang mit den Arbeiten der gewählten Person auseinander, um am Ende des Semesters die herausgearbeiteten Fragenkomplexe zu strukturieren und anschließend das Interview durchzuführen. Die Arbeitsgemeinschaft gibt damit den Teilnehmenden nicht nur die Möglichkeit, unmittelbar für ihre Forschungsarbeiten tätig zu sein, sondern will darüber hinaus einen konkreten Beitrag zu einer Verbindung von Universität und späterer Berufspraxis leisten. Für die Publikation ist das Interview von der Redaktion gekürzt und überarbeitet worden.