Zum 100.Geburtstag von Theodor W. Adorno gab es viele Jubiläumsveranstaltungen - natürlich in , aber auch in und . Für die „er Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“, der Besitzerin des Adorno-Nachlasses eine Villa am Rande des Stadtteils Bockenheim zur Unterbringung des Nachlasses.
Als Höhepunkt der vielfältigen Aktivitäten zum Adorno-Jubiläumsjahr fand in Frankfurt vom 25.-30. August 2003 die Internationale Theodor W. Adorno Konferenz 2003 statt, organisiert vom Institut für Sozialforschung und damit gewissermaßen die „offizielle“ Adorno-Tagung. Im Vorfeld war die Befürchtung geäußert worden, die Aktualität Adornos könnte dabei zu kurz kommen. Das Interesse an der Konferenz war groß, der Eröffnungsvortrag von Habermas musste zusätzlich in einen zweiten Hörsaal übertragen werden. Aber viele wurden enttäuscht, die anfängliche Befürchtung erwies sich als richtig, und die Konferenz zeigte sich als hochkarätig besetzte Expertentagung, die aber die Interessen einer breiteren, an der Kritischen Theorie interessierten Hörerschaft ignorierte.
Man fokussierte das Interesse auf spezielle
Bereiche der Arbeit Adornos und blendete aus, dass er auch Marxist und Gesellschaftskritiker
war und gerade deshalb breit rezipiert wurde. Zwar wurde die Frage, ob Adorno
uns heute in dieser Beziehung noch etwas zu sagen habe, in einem abschließenden
Workshop „Gesellschaftstheorie als Kapitalismusanalyse“ gestellt, aber man
suchte „vergebens Anknüpfungspunkte an aktuelle politische oder zumindest
politikwissenschaftliche Debatten“ (Junge
Welt). Allerdings war Marx nicht
zur Gänze aus der Konferenz ausgeschlossen: immerhin wurde die Buchausstellung von
der Karl-Marx-Buchhandlung organisiert.
Zur Einseitigkeit der Tagung trug bei, dass auf dieser von Axel Honneth organisierten Konferenz hauptsächlich der Habermas- und Wellmer-Schule nahe stehende Referenten eingeladen waren, die sich inhaltlich so ähnlich waren, dass eine spannende Debatte gar nicht aufkommen konnte. Die Geladenen, so spottete die Frankfurter Rundschau „gehörten offenbar zur Standardbesetzung jeder Tagung, welche das Frankfurter Institut für Sozialforschung ausrichtet“. Außenstehende konnten das leicht an dem „Du“ erkennen, mit dem sich viele ansprachen. Die etwas früher in Zürich stattgefundene Adorno-Tagung hatte einen breiteren Kreis von Vortragenden und verlief entsprechend lebendiger.
Allerdings erinnerte die Eröffnung
durchaus an die Achtundsechziger Jahre: Demonstrierende Studenten störten die
Eröffnungsrede von Udo Corts, dem
Wissenschaftsminister des Landes Hessen, mit Trillerpfeifen, Klatschen und
einem Transparent „Adornos Theorie statt Seinbergs Praxis“. Die Studierenden
demonstrierten damit gegen die Sparmaßnahmen an der Frankfurter Universität.
Jürgen
Habermas stellte sich in seinem Eröffnungsvortrag
hinter Adornos These von der Naturverflochtenheit der Vernunft. Als Handelnde,
so Habermas, erleben wir uns als Freie. Wir können dies oder jenes tun. Als
Beobachter dagegen erscheint uns die Welt als determinierte: Wissenschaft
erklärt, indem sie klar macht, dass etwas so sein muss, wie es ist. Er wehrte
sich gegen eine „Ontologisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu einem
naturalistischen, auf ‚harte’ Fakten geschrumpften Weltbild“: Dies sei nicht
Wissenschaft, sondern schlechte Metaphysik.
„Adorno und die Literatur“ lautete der
Titel des Abendvortrags des Hamburger Germanisten Jan Philipp Reemtsma. An die 10 Prozent des Werkes von Adorno sind
der Literatur gewidmet (ab 1956 insbesondere der Lyrik). Dabei orientierte sich
Adorno an dem Kanon, der dem des gebildeten Publikums seiner Zeit entspricht, wobei
er etwa Goethe übernahm, während ihn Schiller eher abgestoßen hat. Gegen Lukàcs
verteidigte Adorno die Avantgarde seiner Zeit, aber nach Reemtsma ist Adorno
inhaltlich von Lukács gar nicht so weit entfernt: für beide hat der Roman
realistisch zu sein. Für Adorno verbirgt sich noch im etabliertesten Kunstwerk
ein „Es-könnte-auch-anders-sein“. Letztlich ist aber nicht zu sehen, dass ein
literarischer Text Adorno philosophisch beeinflusst hätte.
Einer der wenigen, der sich in einem der
anspruchsvollsten Referate kritisch zu Adorno äusserte, war der amerikanische
Kant- und Hegel-Spezialist Robert Pippin.
Ihm zufolge besteht in der bürgerlichen Gesellschaft durchaus eine Antinomie,
Adorno hat sie aber nicht richtig identifiziert.
Pippin ortet das Problem im Identitätsdenken Adornos. Adorno sieht einen Widerspruch
zwischen der Freiheit des Einzelnen und dem Determinismus der Wissenschaft, deutet
dies als Antagonie in der bürgerlichen Gesellschaft und verknüpft es
fälschlicherweise mit den Identitätsdenken - und das führt in eine Sackgasse.
Den Grund, warum dies geschehen ist, sieht Pippin in einer einseitigen
Kant-Lektüre Adornos. Eine andere Interpretation hätte den Antagonismus von
Freiheit und Notwendigkeit aufgelöst und hätte zu einem umfassenderen Freiheitsbegriff
geführt. Pippin, so fasste Habermas die Tendenz des Referats treffend zusammen,
„kritisiert Adorno unter der Prämisse, dass Adorno Kant folgt, aber nicht auf
die richtige Weise“.
Christoph
Menke entwickelte in seinem Vortrag,
so Habermas, eine „Methode der destruktiven Philosophie in kritischem Geist“.
Nach Adornos Verständnis untersucht
die kritische Theorie das Scheitern der Theorie und übernimmt daraus Einsichten
in die Gesellschaft. Entsprechend ist Adornos Theorie auch eine Kritik der
Moralphilosophie, und deren Scheitern weist durch ihre Antagonismen auf die Widersprüche
der Gesellschaft hin. Moralische Erkenntnis ist für Adorno Situationserkenntnis,
und dies ist nur durch den Impuls möglich. Andererseits ist moralische Praxis
nur als Tugend möglich, und dies führt zum Widerspruch der modernen
Gesellschaft. Die Moral endet für Adorno letztlich im Skeptizismus: moralische
Reflexion lässt den Reflektierenden handlungslos. Das ist aber nach Menke nicht
Adornos letztes Wort: Als Antwort auf dieses Dilemma entwickelt Adorno eine
selbstreflexive Transformation der moralischen Erkenntnis und zwar in Richtung
Politik, die das moralische Handeln erweitert.
Menke zufolge verabschiedet sich Adorno
in der Ethik von Kant, weil die Gesellschaft zu komplex ist, Menke stellte, so
Habermas, gleichsam „Adorno als Aristoteliker“ dar.
Auch in Freiburg im Breisgau fand ein Adorno-Symposium statt, und auch hier war der Publikumsandrang groß. Man diskutierte allerdings nicht, wie es zu erwarten gewesen wäre, Adornos Verhältnis zu Heidegger, sondern man beschäftigte sich wie anderswo auch mit Adornos Ästhetik: fünf Vorträge beschäftigten sich mit Adornos Musik und Literaturtheorie, drei behandelten allgemeine ästhetische Fragen. Neben Albrecht Wellmer, der praktisch an jedem Adorno-Symposium vertreten waren, hielten von Seiten der Philosophie Günter Figal, Ute Guzzoni, Ludger Heidbrink und Johann Kreuzer Vorträge. Wellmer stellte dar, dass sich für Adorno die Kunst negativ zu einer Gesellschaft verhält, die nur „verdunkelt wie in Träumen“ in sie eingeht. Durch kritische Negativität behauptet Kunst ihre Autonomie und weist über das Bestehende hinaus. Günther Figal las Adorno als Dialektiker (und nicht als Materialist) und zeigte sich Adornos politischen Folgerungen gegenüber ablehnend.
Zürich hat eine besondere Beziehung zu Adorno. So wurde die für das Adorno-Jubiläum konzipierte Adorno-Ausstellung noch vor Frankfurt in Zürich gezeigt, und die Zeitung der Schweizer Intellektuellen, die Neue Zürcher Zeitung, widmete Adorno am 13./14. September gleich fünf Seiten. Und auf eine bislang unbekannte Beziehung der „Frankfurter Schule“ zu Zürich hat Ernst Kux in der Ausgabe der NZZ vom 17. September aufmerksam gemacht: Die Frankfurter hatten ihre Gelder in der Schweiz angelegt. Friedrich Pollock, ein enger Vertrauter Horkheimers und für die finanziellen Belange des Instituts zuständig, hatte an der Zürcher Mühlebachstraße ein eigenes Büro, in dem sich Personen trafen, die nicht nach Deutschland reisen wollten. Von hier aus unterhielt Pollock auch Kontakte zu verschiedenen Schweizer Intellektuellen und Politikern.
Und noch vor dem Frankfurter Adorno-Kongress fand in Zürich unter dem
Titel „Über die Schwierigkeit, Nein zu
sagen“ eine von Georg Kohler organisierte Adorno-Tagung statt, in der die Ästhetik
im Mittelpunkt stand. Die Referenten waren zu einem großen Teil mit den aus der
Philosophie kommenden Hauptreferenten des vorletzten Ästhetik-Kongresses in
Hannover identisch (Seel, Früchtl, Böhme, Wellmer, Menke), so dass man durchaus
sagen kann, dass der gegenwärtige philosophische Ästhetik-Diskurs von
Adorno-Kennern dominiert wird. Den Abschluss der in den Plenumsveranstaltungen
mit über 120 Teilnehmern gut besuchten Tagung bildete der Vortrag Herbert Schnädelbachs
über „Adorno und die Geschichte“.
Christine
Eichel, Professorin an der Technischen
Universität Berlin und zugleich auch Schriftstellerin, stellte fest, seit
Adorno gebe es keinen philosophischen Entwurf mehr, der in der Ästhetik den
Königsweg der Reflexion sehe. Trotz der vielen Artikel zum Adorno-Jubiläum in
den Feuilletons vermisste Eichel eine übergreifende Adorno-Debatte. Für sie ist
die Aktualität von Adornos ästhetischer Reflexion frappierend aktuell. Denn
diese geht von einer Krise oder gar dem Verstummen der Kunst aus, ein Zustand,
der dem heutigen entspricht. Auch hat Adorno die Verfransung der Künste
vorausgesehen. Die Aktualität der Ästhetik Adornos sieht sie weiterhin darin,
dass die Kunstreflexion eine Propädeutik einer differenzierten Betrachtung der
Wirklichkeit bildet. Allerdings, so Eichel, brauche die philosophische Ästhetik
gegenwärtig dringend neue Impulse. Auch Albrecht
Wellmer postulierte in seinem Eröffnungsvortrag „Über Negativität und Autonomie
der Kunst. Zur Aktualität von Adornos Ästhetik“ die ungebrochene Aktualität von
Adornos Ästhetik und verteidigt den Ästheten Adorno gegen den Gesellschaftstheoretiker.
Eine andere Position vertrat hingegen der in Stanford lehrende Hans-U. Gumbrecht. Die Zeit, in der ein
Intellektueller immer kritisch sein müsse, sei vorbei, heute könne ein
Intellektueller durchaus auch affirmativ zu seiner Zeit stehen. Sarkastisch
erwiderte darauf Gernot Böhme, falls
er damit die Politik von Bush loben wolle, vertue er damit seine Zeit und werde
später von der Geschichte eines besseren belehrt.
Als Denker der Aporien stellte der Benjamin-Forscher Irving Wohlfart (Professor für Literaturforschung
an der Universität Bremen) Adorno vor. Alle Versuche, aus diesen Aporien, aus
der Ausweglosigkeit auszubrechen, sind für Adorno ein Zeichen von
Antiintellektualismus. Auch Adornos Ausspruch, nach Auschwitz könnten keine Gedichte
mehr geschrieben werden, ist für Wohlfart als eine solche Aporie zu lösen. Sie
wurde zwar von Celan aufgelöst und kann dennoch nicht aufgelöst werden. Selbst
die Geschichte der Menschheit ist eine eigene, ausweglose Aporie. Für Wohlfart
ist Adornos Ästhetik der bislang letzte Versuch, mit und gegen Hegel Ästhetik
und Geschichtsphilosophie zusammen zu denken.
Martin
Seel stellte sich die Frage, ob der
Kunst unter den heutigen Bedingungen der Status der Avantgarde zugesprochen
werden könne. Seels Antwortet lautet: ja. Adorno, so sein Vorwurf, habe die
avantgardistische Fähigkeit der Kunst unterschätzt, weil er deren utopisches
Potential überschätzt habe. Die ästhetische Avantgarde zeichnet sich nach Seel
dagegen aus, dass sie ein noch nie da gewesenes Ineinander von Formen zuwege
bringt - als Beispiel nannte Seel etwas provokativ Beckenbauers Fußballspiel.
Auf die Kunst angewandt, sind avantgardistische Operationen solche, deren
Erzeugnisse noch nie dargebotene Inhalte sind. Kunstwerke werden von Seel als
Darstellungsweise verstanden, die sich im Medium ihres Erscheinens
präsentieren. Aus dieser Sichtweise ist an Kunstwerken - so Seels Kritik an
Adorno - auch gar nichts Utopisches. Deren Fähigkeit, das Unmögliche möglich zu
machen, kann nicht in der Sprache der Utopie beschrieben werden: Adorno
verkennt die Kunst, wenn er sie zum Vorschein des Künftigen machen will. Kunst
ist für Seel dadurch Kritik, dass sie in der Gegenwart eine andere Gegenwart
schafft und nicht, weil sie utopisch ist. Utopie gehört in die Politik und
nicht in die Kunst.
Seel attackierte auch Wolfahrts
Auschwitz-Zitat-Interpretation und damit dessen Ansatz, Adorno sei ein
Aporien-Denker: Ein Denker, der durch und durch aporetisch ist, kann keine
Imperative aufstellen. Umgekehrt kritisierte Früchtl Seel, die Leistung von
Welterschließung, wie sie die Kunst bietet, zehre doch auch von Utopie.
Josef
Früchtl stellte u. a. die
Spekulationen des Sloterdijk-Schülers Luca di Blasi vor, der das
avantgardistische Künstlertum mit dem 11. September in Verbindung bringt.
Früchtö löste damit eine vehemente Diskussion aus. So etwas sei ein
„gigantischer Quatsch“, bekam Früchtl von Seel zu hören, Kunst habe mit Terrorismus
rein gar nichts zu tun. Auch Wellmer stimmte seinem Schüler Seel bei und
ergänzte, Gewaltphantasien in der künstlerischen Produktion seien von Gewalt in
der Kunst zu unterscheiden. Für Adorno sei Kunst auf jeden Fall das Gegenbild
von Gewalt, und er, Wellmer, sehe nicht, was Früchtl legitimiere, die Gewalt in
das Zentrum der Kunst zu stellen. Eicher hingegen unterstütze Früchtl, eine
Affinität von Künstlern zum Attentat sei historisch belegbar. Früchtl
seinerseits entgegnete, bei Adorno gebe es durchaus eine Linie, die zwar
meistens überlesen werde, die die Gewalt in der Kunst forciere. So sehe Adorno
durchaus den Untergang als Medium der Kunst.
Gernot
Böhme stellte dar, wie Adorno die Massenkultur
von außen sieht und sich als nicht dazu gehörig definiert; dass er der Masse
überhaupt Kultur zuschreibt, ist laut Böhme wohl eine Referenz an den Marxisten
Benjamin. Adorno sieht sich nun in der Situation, dass die ganze Kultur von der
Kulturindustrie beherrscht wird und Geschmack obsolet geworden ist. Damit ist
aber Geschmack als Moment sozialer Distinktion ebenfalls obsolet geworden.
Für Adorno werden die
gesellschaftlichen Gegensätze in der Kunst ausgetragen und versöhnt. Dazu
müsste die Kunst gegen die Kulturindustrie verteidigt werden, was Adorno aber
nicht für möglich hält.
Böhme sieht gegenwärtig die Massenkultur von der ästhetischen Ökonomie abgelöst. Auch hier dient Geschmack nicht mehr der Kultivierung, und untere soziale Gruppen orientieren sich nicht mehr an der jeweils höheren. Geschmack hat aber wieder Bedeutung für die soziale Distinktion gewonnen: Marginale Gruppen werden über Veränderungen im Geschmack zu modischen Trendsettern. Wesentlich für die heutige Gesellschaft ist, dass jedermann durch das Ausbilden von sozialen Präferenzen sich selbst als zugehörig zu einer Gruppe definieren muss.
Zum 100. Geburtstag Adornos schenkten Stadt und Universität Frankfurt der „Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“, der Besitzerin des Adorno-Nachlasses eine Villa am Rande des Stadtteils Bockenheim zur Unterbringung des Nachlasses. Durch einen Film zum 100. Geburtstag Adornos war die mangelhafte Unterbringung des Adorno-Archivs auf einer 180 qm großen Etage weitum bekannt geworden. Die Villa bietet demgegenüber eine Fläche von 400 qm und die Kosten der Sanierung von an die 100'000 Euro wollen sich Stadt und Universität teilen. Laut einer Pressemitteilung der von Jan Philipp Reemtsma geleiteten „Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“ hat die Stiftung die ihr angebotenen Räumlichkeiten abgelehnt, sie will im Laufe des nächstes Jahres in ein anderes „geeignetes anderes Domizil“ ziehen. Wie die Frankfurter Allgemeine meldet, sind es bautechnische Wünsche des Archivs, die die Stadt nicht berücksichtigt, die den Ausschlag zur Ablehnung gegeben haben sollen.