Wozu Ästhetik?
Welche „Aufgabe“ die Ästhetik hat, hat jüngst eine Tagung des
Seminars für Ästhetik der Humboldt-Universität zu Berlin gefragt. Ob sie
nicht eher vor der Selbstaufgabe steht, möchte man angesichts der unübersehbaren
akademischen Ermattung der Ästhetik, die in den letzten zehn Jahren eingetreten
ist, zurückfragen. Nach dem Schwung der 70er und 80er Jahre scheint die Ästhetik
inzwischen auch hierzulande da angekommen zu sein, wo Richard Rorty sie in den
angelsächsischen Philosophie-Departments schon seit langem sieht. So hat Rorty
in einem Vortrag festgestellt: „In den USA und Großbritannien … ist die Ästhetik
das isolierteste und am wenigsten angesehene Teilgebiet dessen, was man
‚Philosophie’ nennt. Vor fünfzig Jahren, vor der zweiten Phase des
Feminismus, bekamen amerikanische Frauen, die Philosophieprofessorinnen werden
wollten, von ihrem Doktorvater oft zu hören, dass es für sie am besten sei,
ein Problem aus dem Bereich der Ästhetik zu bearbeiten. Dahinter stand der
Gedanke, dass die geringeren analytischen Fähigkeiten der Frauen durch ihr höheres
Schönheitsempfinden ausgeglichen werden würden.“ Entsprechend, so Rorty
weiter, hat „die philosophische Teildisziplin namens ‚Ästhetik’ den Rest
der Philosophie weder beeinflusst, noch [wird sie] von ihm beeinflusst“ –
„zumindest“, so fügt Rorty hinzu, „in Amerika und Großbritannien“.
Man wird diese Einschränkung Rortys Höflichkeit zuschreiben und seine
Einschätzung inzwischen auch für das sogenannte „kontinentale“
philosophische Milieu gelten lassen müssen. Dabei ist der Bedeutungsverlust der
Ästhetik in beiden Kontexten, dem analytischen wie dem kontinentalen, die
paradoxe, aber direkte Folge des Versuchs, der Ästhetik einen gesicherten Ort
zu verschaffen: als diejenige nicht Wissenschafts-, aber philosophische
Disziplin, die sich, wie alle anderen, mit einem wohlabgegrenzten Feld
menschlicher Praxis, dem Umgang mit den Künsten und dem Schönen (oder Hässlichen)
und Erhabenen (oder Banalen) beschäftigen soll. Mit dieser Selbstversicherung
missversteht die Ästhetik, so meine These, zuerst ihre Geschichte und dann auch
ihre gegenwärtige Gestalt.
Am Beginn der Ästhetik, also im ersten Paragraphen des ersten Buches
dieses Titels, definiert Baumgarten sie so: „Die Ästhetik (als Theorie der
freien Künste, als untere Erkenntnislehre, als Kunst des schönen Denkens und
als Kunst des der Vernunft analogen Denkens) ist die Wissenschaft der sinnlichen
Erkenntnis.“ Die Ästhetik wird im Hauptsatz als „Wissenschaft der
sinnlichen Erkenntnis“ bestimmt und durch die eingefügte Klammer in zwei mal
zwei Felder aufgeteilt. Sie ist erstens zugleich theoria und ars, Theorie und
Kunstlehre, das heißt praktische Anleitung. Zweitens ist sie, in beiden
Einstellungen, Theorie und Kunstlehre ebenso des unteren oder sinnlichen wie des
freien oder schönen Erkennens bzw. Vorstellens. Die Ästhetik richtet sich,
kurz und in anderen Ausdrücken gesagt, auf das sinnliche Erfassen und
Darstellen generell und auf seine speziellen kunstvollen, unter anderem schönen
Vollzüge. Sie führt in einem Unternehmen Kunsttheorie (theoria liberalium
artium) und Epistemologie (gnoseologia inferior) zusammen.
Diese Verknüpfung zweier verschiedener Unternehmungen – einer
ersten, die spezifischen, kunstvollen Weisen sinnlichen Erfassens und
Darstellens gilt, und einer zweiten, die sich auf das sinnliche Erfassen und
Darstellen generell, in seiner gewöhnlichen und geläufigen Gestalt richtet –
ist für das Konzept der philosophischen Ästhetik grundlegend. In dieser
Zusammenführung liegt ihr Bewegungsgesetz. Negativ bedeutet das, dass die Ästhetik
nicht auf eine Spezialtheorie der Künste reduziert werden kann – auch dann
nicht, wenn man von den Künsten in dem weiten Sinn nicht nur der schönen,
sondern der freien Künste spricht. Der Sinn und die Berechtigung der Ästhetik
als Disziplin der Philosophie erschöpft sich nicht darin, die Theorie eines
Bereichs menschlicher Praxis zu sein, den es, neben so vielem anderen, auch noch
gibt; die Ästhetik wurde bei Baumgarten nicht begründet und sie wurde auch
nach Baumgarten niemals betrieben, um die Philosophie um eine Theorie dieses
Bereiches zu ‚ergänzen’. Das Interesse, das die Philosophie an den
besonderen, den kunstvollen und künstlerischen Weisen sinnlichen Erfassens
nimmt – das Interesse also, dass die Philosophie zur Ästhetik führt –,
dieses Interesse ist in seinem Ziel selbst ein allgemeines: ein Interesse daran,
durch das Verständnis der besonderen, ‚kunstvollen’ Weisen sinnlichen
Erfassens besser zu verstehen, was sinnliches Erfassen überhaupt und in seiner
gewöhnlichen Form ist. Das ist die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem,
die die Ästhetik definiert; es definiert sie als philosophische Disziplin. Zwar
kann sie mal mehr dem einem oder dem anderen zuneigen, sie kann vor allem
spezielle Theorie kunstvoller Gestalten oder aber allgemeine Theorie des
Sinnlichen sein wollen. Sie kann aber eines von beidem nur sein, indem sie
beides zugleich ist.
Angedeutet findet sich das bereits in dem Text, in dem man häufig den
Keim für die spätere Ausbildung der philosophischen Ästhetik
gesehen hat, Leibniz’ Betrachtungen über die Erkenntnis, die Wahrheit und die
Ideen von 1684. In diesem Text geht es Leibniz unter anderem darum, den
sinnlichen Vorstellungen – von „Farben, Gerüchen, Geschmacksempfindungen“
– den Charakter klarr (wenn auch verworrener: confusa)
Ideen zuzuerkennen, weil man aus ihnen „die dargestellte Sache wiedererkennen
kann“. Damit wird das Feld des Sinnlichen überhaupt erst zu einem
epistemologisch untersuchbaren Gegenstand; Baumgartens Dissertation über das
Gedicht knüpft hier unmittelbar an. Entscheidender für die Ästhetik ist aber
die Art der Evidenz, die Leibniz für diese Neubestimmung des Sinnlichen anführt.
Er schreibt: „Auf ähnliche Weise sehen wir Maler und andere Künstler
angemessen erkennen, was richtig und fehlerhaft gemacht ist, ohne dass sie oft
den Grund ihres Urteils angeben können, und dem Fragenden sagen, sie vermissten
etwas, ich weiß nicht was (nescio quid), in dem Gegenstande, der ihnen missfällt.“
Die Praxis der Künstler beruht auf einem sinnlichen Erfassen und Urteilen, das,
ohne klar und deutlich zu sein, doch „angemessen“ (probus) genannt werden
kann. Es ist also durch eine ästhetische Reflexion in nuce, eine Reflexion auf
die Praxis der Künste und der Künstler, dass Leibniz zu der (gegenüber
Descartes) grundlegend neuen Einsicht (oder doch für diese Einsicht zu einer
schlagenden Evidenz) gelangt, dass sinnliches Erfassen sich nicht nur als ein
kausales Geschehen, sondern als ein Vollzug eigener Normativität analysieren lässt.
Was sich am Beispiel Leibniz’ andeutet, wird in Baumgartens Werk
durchgeführt. Hier wird sichtbar, dass der neue Blick auf die sinnlichen Vollzüge,
zu dem das Ernstnehmen ihrer kunstvollen und künstlerischen Gestalten nötigt,
nicht weniger als eine Umstellung der philosophischen Grundbegriffe erzwingt.
Wie weitreichend diese grundbegrifflichen Konsequenzen sind, zeigt sich etwa bei
Baumgarten daran, dass er nicht nur der Erfinder der Ästhetik, sondern
derjenige gewesen ist, der dem Ausdruck „Subjekt“ seinen modernen Sinn
gegeben hat – und zwar in demselben Kapitel seiner Metaphysik (1739), das auch
sein Programm einer Ästhetik aufstellt. Es ließe sich, im Anschluss an die großen
Darstellungen Cassirers und Foucaults, zeigen, dass damit durch die Ästhetik
die moderne Idee des „Menschen“ und seiner „Kultur“ geboren ist.
Der für Idee wie Gestalt einer philosophischen Ästhetik entscheidende
Punkt an diesem Zusammenhang ist, dass sie seit ihrem Beginn die Untersuchung
eines speziellen Feldes von Erfahrungs- und Darstellungsweisen (des Schönen und
der Künste) mit der Neufassung des philosophischen Verständnisses von Erfahren
und Darstellen im allgemeinen verbindet. Das gilt für die philosophische Ästhetik
seit ihrem Beginn – und das heißt: bis heute; denn es kennzeichnet den Sinn,
den die Reflexion auf die Künste etwa bei Autoren wie Merleau-Ponty, Gadamer
und Goodman hat.
Gegen eine solche Bestimmung des Ortes der Ästhetik in der Philosophie
lässt sich einwenden, dass sie nicht falsch, sondern im Gegenteil: dass sie
trivial ist – trivial, weil sie für jeden Teilbereich der Philosophie gilt.
Dieser Einwand trifft zu: Jede philosophische Reflexion auf eine besondere Form
menschlicher Praxis geschieht im Ausblick und Ausgriff auf die grundlegende
Bestimmung dessen, was überhaupt eine Praxis und ihre Bedingungen sind.
Das macht diese Reflexion zu einer philosophischen und unterscheidet eine
philosophische Betrachtung etwa des Rechts, der Kunst oder der Wissenschaft von
denjenigen Theorien, die aus diesen Bereichen selbst heraus entwickelt werden.
Unter Zweckentfremdung eines Rawls’- schen Ausdrucks kann man für die
Philosophie von einem „Überlegungsgleichgewicht“ (reflective equilibrium)
zwischen ihren je besonderen und ihren allgemeinen Bestimmungen sprechen: Die
philosophische Reflexion besteht demnach in einer diskursiven Bewegung, die
beide, durch wechselseitige Korrektur und Anpassung, in ein „Gleichgewicht“
bringt. Das gilt nicht nur von der Seite des Besonderen her, sondern auch von
der des Allgemeinen: Die allgemeinen Bestimmungen der Philosophie werden immer
an besonderen Phänomenen, Bereichen oder Prozessen gefunden und entwickelt.
Gerade weil die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem für die
Philosophie und ihre Bereiche überhaupt gilt, kann sie die spezifische Stellung
und Bedeutung der philosophischen (Sub-) Disziplin der Ästhetik und ihrer
Reflexion auf die Künste jedoch noch nicht hinlänglich erfassen. Das kündigt
sich bereits bei Baumgarten selbst (wenn auch nur indirekt) an, wenn er die
„zwei Abteilungen“ der Ästhetik, die Theorie der gewöhnlichen und der
kunstvollen Formen der Sinnlichkeit, nicht einfach nur nach der Weite ihres
Bereichs als Allgemeines und Besonderes unterscheidet, sondern in ein
hierarchisches Verhältnis, nach ihrem unterschiedlichen „Grad der
Vollkommenheit“ setzt. Demnach soll sich in den künstlerischen Formen der
Sinnlichkeit verwirklichen, woran als normativer Idee das gesamte Feld der
Sinnlichkeit orientiert ist, was aber in dessen gewöhnlichen Gestalten nur
unzureichend realisiert wird. Eben deshalb, so Baumgarten, kann eine ästhetische
Betrachtung der Künste Einsicht in die gewöhnlichen Vollzüge der Sinnlichkeit
gewinnen: weil das Vollkommenere – die Sinnlichkeit in künstlerischer Gestalt
– das verborgene Gesetz des Unvollkommenen – die gewöhnliche Gestalt des
Sinnlichen – hervortreten lässt. Dass die künstlerischen Formen der
Sinnlichkeit „vollkommener“ sind, bedeutet also, dass sich in ihnen zeigt,
wie die gewöhnlichen Formen der Sinnlichkeit verfasst sind. Durch die Anordnung
auf einer Skala der Vollkommenheit sind die künstlerischen und die gewöhnlichen
Formen der Sinnlichkeit, die beiden Gegenstände der (Baumgartenschen) Ästhetik,
in ein Verhältnis des Zeigens gebracht.
Mit dieser Idee eines Aufweis- oder Zeigezusammenhangs formuliert
Baumgarten einen Gedanken zum Verhältnis von künstlerischen und gewöhnlichen
Formen der Sinnlichkeit, den die auf Baumgarten folgende Ästhetik, seit Kant,
aufgreifen, aber von der (metaphysischen) Idee unterschiedlicher Grade der
Vollkommenheit ablösen wird. Sie versteht die Differenz zwischen künstlerischen
und gewöhnlichen Formen nicht mehr als eine graduelle, sondern als eine
grundlegende, als eine Differenz nicht des Maßes, sondern der Art. Denn diese
Differenz liegt darin, dass sich die künstlerischen Formen der Sinnlichkeit zu
den gewöhnlichen Vollzügen der Sinnlichkeit verhalten, oder: dass sie eine
Reflexion der gewöhnlichen sinnlichen Vollzüge sind. Die neue Bestimmung des
Ästhetischen, zu der die Ästhetik nach Baumgarten, in Radikalisierung eines
bei ihm nur angelegten Gedankens gelangt, versteht die ästhetischen, das heißt
jetzt: die auf die Künste und das Schöne bezogenen sinnlichen Vollzüge selbst
als reflexiv: als die selbstreflexiv gewordenen gewöhnlichen Vollzüge der
Sinnlichkeit. In den künstlerischen Formen der Sinnlichkeit geschieht bereits,
und nichts anderes als, eine Selbstreflexion der gewöhnlichen sinnlichen Vollzüge.
Alle sinnlichen Vollzüge, so lautet Baumgartens Einsicht, haben den
Charakter von Tätigkeiten, die wiederum als Sichentfalten und Wirken von Kräften
zu verstehen sind. Gewöhnlich aber bleiben, so heißt es dann bei Herder, die
Kräfte und ihr Wirken „im Schatten der Vergessenheit“; sichtbar ist „nur
immer der Effekt der Handlung, das Produkt der Tätigkeit“. Diese
Vergessenheit durchbrechen die „ästhetischen“ Formen des Sinnlichen. Darin
besteht ihre Reflexivität: In den spezifisch ästhetischen Vollzügen geschieht
eine Rückwendung auf die verborgenen („vergessenen“) Voraussetzungen der
sichtbaren „Effekte“ und „Produkte“, nämlich auf die Tätigkeiten und
das Wirken der Kräfte in ihnen. Diese selbstreflexive Rückwendung des
Sinnlichen auf seine Voraussetzungen geschieht im Ästhetischen aber nicht in Gestalt
einer Erkenntnis, sondern eines Gefühls, des Gefühls der ästhetischen Lust.
Und zwar entsteht ästhetische Lust, weil (oder wenn) die Kräfte sinnlicher
Vollzüge nicht mehr teleologisch, auf das Herstellen bestimmter Produkte,
bezogen sind, sondern wenn sie von solchem Leisten freigesetzt oder „belebt“
(Kant) sind. Ästhetische Selbstreflexion der sinnlichen Vollzüge als
Hervortreten ihrer Kräfte und ästhetische Freisetzung der Kräfte durch ihre
„Belebung“ sind zwei Seiten ein- und desselben. Entsprechend ist ästhetische
Lust, wenn das Ästhetische reflexiv verstanden wird, nicht mehr ein Gefallen an
der „Vollkommenheit“ eines Gegenstandes, als „Produkt“ oder
„Effekt“, sondern ein Vergnügen an dem belebten und belebenden
Sichentfalten der Kräfte, durch die der Gegenstand als „Produkt“ oder
„Effekt“ überhaupt erst hervorgetrieben wird.
Mit dem Übergang zu einer solchen reflexiven Bestimmung des Ästhetischen,
in Konsequenz von und zugleich im Bruch mit Baumgarten, zeigt sich nun auch,
warum die dialektische Bestimmung der Ästhetik, die sich Baumgartens Definition
entnehmen ließ, ungenügend ist. Eine Ästhetik, die das Ästhetische reflexiv
versteht, sprengt die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem, die alle
Teilbereiche der Philosophie definiert. An die Stelle dieser Dialektik von
Reflexionsebenen tritt vielmehr eine Dialektik von Reflexionsformen oder
-weisen, eben von ästhetischer und philosophischer Reflexion. Diese Dialektik
entfaltet die Ästhetik. Die Ästhetik ist also nicht nur deshalb nicht bloß
ein besonderer, spezialisierter Bereich der Philosophie, weil sie, wie jeder
solcher besondere Bereich, „allgemeine“ Konsequenzen hat. Die Ästhetik ist
vielmehr derjenige ausgezeichnete Ort in der Philosophie, an dem ihre, die
Reflexionsform der Philosophie, sich mit der ganz anders gearteten
Reflexionsform des Ästhetischen auseinandersetzt. Damit steht die Ästhetik
innerhalb und außerhalb der Philosophie zugleich. Sie ist eine philosophische
Reflexion auf die Reflexion im Ästhetischen. Weil aber die ästhetische
Reflexionsweise, auf die die philosophische reflektiert, gegenüber der
philosophischen Reflexionsweise zugleich grundsätzlich anders geartet ist,
findet in der Ästhetik zugleich eine Konfrontation der philosophischen
Reflexion mit der Reflexion im Ästhetischen statt. Wird das Ästhetische selbst
als reflexiv verstanden, dann kann es nicht einfach Gegenstand der
philosophischen Reflexion sein, sondern tritt zu ihr in ein Verhältnis der
Konkurrenz, der Konfrontation, der Auseinandersetzung. Deren Schauplatz ist die
philosophische Ästhetik.
Der Inhalt dieser Auseinandersetzung von philosophischer und ästhetischer
Reflexionsweise ist die Bestimmung oder Erfahrung der Kraft. Die
philosophische Reflexion ist darauf aus, sich das Gelingen von Praktiken, in
ihren verschiedenen Hinsichten und Weisen, verständlich zu machen. Das Gelingen
von Praktiken kann man, in traditioneller Terminologie, auch das Gute nennen.
Die Philosophie beschreibt nun nicht nur dessen vielfältige Gestalten, sondern
fragt danach, was praktisches Gelingen oder eben das Gute möglich macht.
Zu diesen Möglichkeitsbedingungen gehören Kräfte, die in der
philosophischen Reflexion als Vermögen oder Fähigkeiten – die Fähigkeit,
das Gelingen einer Praxis zu ermöglichen – verstanden werden. Gegenüber
diesem Grundverständnis philosophischer Reflexion hat die Ästhetik nach
Baumgarten die Andersartigkeit der ästhetischen Reflexion in zweifacher Weise
beschrieben. Das eine Modell (das von Kant bis Cavell vertreten wurde) versteht
sie so, dass wir im ästhetisch selbstreflexiven Vollzug eine Erfahrung der Gewißheit
machen, die der philosophischen Reflexion grundsätzlich entzogen, ja
unassimilierbar ist. Die philosophische Reflexion auf die ermöglichenden Kräfte
stößt demnach auf die prinzipielle Grenze, dass sie diese Kräfte oder Vermögen
zwar als Voraussetzung gelingender Vollzüge namhaft machen kann, dass sie aber
niemals zeigen kann, dass wir diese Kräfte oder Vermögen auch tatsächlich
haben. Das lässt sich mit Evidenz nur in der ästhetisch-lustvollen Entfaltung
unserer Kräfte erfahren. Das andere Modell (das von Schlegel bis de Man
vertreten wurde) versteht die Andersartigkeit der ästhetischen Reflexionsform
hingegen so, dass wir im ästhetisch selbstreflexiven Vollzug eine Erfahrung der
Kraft machen, die ihrer Bestimmung in der philosophischen Reflexion grundsätzlich
widerspricht. Die philosophische Reflexion nimmt demnach Kräfte bzw. Fähigkeiten
als Ermöglichung des Gelingens einer Praxis in Anspruch. Die Erfahrung der
Kraft in ästhetisch selbstreflexiven Vollzügen hingegen ist eine
unhintergehbar strittige: von Kräften als ermöglichend und auflösend
zugleich. Eben das ist es, was Friedrich Schlegel unter „Ironie“ versteht.
In beiden Modellen ist die philosophische Ästhetik als Austrag einer Dialektik
von Reflexionsformen verstanden, die nicht mehr, wie noch die Dialektik von
Allgemeinem und Besonderem, zu einem Überlegungsgleichgewicht führt, sondern
in einem unauflöslichen Streit besteht. Seitdem die philosophische Ästhetik
das Ästhetische selbst als reflexiv versteht, ist sie mithin die neuzeitliche,
das heißt: die neuartige Austragung des ‚alten Streites zwischen Philosophie
und Dichtkunst’, von dem Platon
spricht. Das heißt, dass die Ästhetik der Ort in der Philosophie ist, an dem
sich der Streit zwischen Philosophie und Dichtkunst, oder allgemeiner: zwischen
Philosophie und Ästhetischem zuträgt. Mit der ‚Erfindung’ der Ästhetik faßt
die Philosophie ihren Streit mit der Dichtkunst neu, als Streit zwischen der
philosophischen und der ästhetischen Reflexionsweise. Damit gibt sie diesem
Streit in der Philosophie selbst einen Raum; die Ästhetik ist die Einräumung
und Ausfechtung des Streits mit dem Ästhetischen durch die und in der
Philosophie. Darin liegt die Bedeutung, die die Ästhetik, über eine Theorie
der ästhetischen Gegenstände und Vollzüge hinaus, für die Philosophie hat.
Umgekehrt heißt das, dass die Ästhetik
ihre Bedeutung verliert, wenn sie den Sinn für diesen Streit verliert. Das
kann auf zwei Weisen geschehen: Entweder indem der Sinn für die
Andersartigkeit des Ästhetischen und seiner Reflexion verloren geht – wenn
das Ästhetische also durch die Philosophie seiner Widerständigkeit beraubt
und zu einem bloßen Gegenstand ihrer, der philosophischen Reflexion,
herabgesetzt wird. Der Sinn für den Streit der Ästhetik, der Streit also, in
dem die Ästhetik besteht, kann aber auch dadurch verloren gehen, dass seine
andere Seite, die philosophische Orientierung am Guten, am Gelingen der Praxis
aufgegeben oder für hintergehbar gehalten wird; wenn also die philosophische
Reflexion auf die Möglichkeitsbedingungen gelingender Praxis durch
„nihilistische“ Anti-Philosophien wie Szientismus oder Konstruktivismus
ersetzt werden. Eben darin mag einer der Gründe für die gegenwärtige
Ermattung der Ästhetik liegen: weil im Zangengriff dieser doppelten Reduktion
– der bloßen Vergegenständlichung der ästhetischen Reflexion auf der
einen Seite, der objektivistischen Ersetzung der philosophischen Reflexion auf
der anderen Seite – der Sinn für die Spannung verloren gegangen ist, aus
der und in der die Ästhetik gelebt hat.
Autor
Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der
Universität Potsdam; z. Zt. Fellow am Max Weber-Kolleg, Erfurt.