AGPD mit neuem Namen

 Die „Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutschland“ (AGPD) heißt jetzt  „Deutsche Gesellschaft für Philosophie“. Das hat die Mitgliederversammlung in Bonn beschlossen. Der alte, umständliche Name stammte noch aus dem Kalten Krieg: Er sollte den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland gegenüber den Kollegen in der DDR erheben. Dass die sich vor zehn Jahren abgespaltene „Gesellschaft für Analytische Philosophie“ GAP der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ wieder anschließen werden, erscheint eher unwahrscheinlich: GAP-Präsident Ansgar Beckermann konterte entsprechende Wünsche des scheidenden DGP-Präsidenten Hogrebe (Bonn), Konkurrenz sei gut für das Geschäft, und die Mitgliederzahlen der GAP seien steigend. Neuer Präsident der DGP wurde Günter Abel (TU Berlin), neuer Kassierer Horst-Dieter Brandt (Meiner-Verlag). Pirmin Stekeler-Weithofer (Leipzig) bleibt Geschäftsführer.

Der alle drei Jahre stattfindende Kongress widmete sich diesmal dem Thema „Grenzen und Grenzüberschreitungen“. Mit 1020 Teilnehmern, 220 Referenten und 50 Journalisten war dieser Kongress vermutlich der größte in der Geschichte der deutschen Philosophiekongresse. In einem verlesenen Grußwort führte Schirmherr Bundespräsident Johannes Rau aus: „Gerade in den Fragen an den Grenzen des Lebens können Naturwissenschaftler und Politiker den Dialog nicht ohne Hilfe von Philosophie führen“. Rau hoffte ferner, dass die Philosophen sich in den Streit um menschliche Freiheit und Selbstbestimmung einmischen, um ihnen dann gleich inhaltliche Vorgaben zu machen: Achtung vor dem Leben, vor der Freiheit und vor der Würde des Menschen sollten die Leitbilder sein. 

Wie seit Jahren üblich, fanden jeweils am Morgen Kolloquien mit Vorträgen und Diskussionen von durch den Kolloquiumsleiter ausgewählten und eingeladenen (renommierten) Referenten statt, am Nachmittag Sektionssitzungen mit jeweils 45minütigen Referaten meist jüngerer Teilnehmer. Dabei waren insbesondere die Kolloquiumsvorträge gut vorbereitet und hatten durchgängig ein hohes Niveau, auch versuchten die Referenten vielmals, dem Thema „Grenzen“ gerecht zu werden. Viele Teilnehmer hielten denn auch diesen Kongress für vielseitiger als den letzten, der mit dem Thema „Wissen“ doch manche Bereiche ausschloss. Dennoch umfasste der Kongresse nicht die ganze Breite des Philosophierens in Deutschland; insbesondere von der einflussreichen Frankfurter Schule in der Nachfolge von Habermas war kein Referent auszumachen. Auch die feministische Philosophie war anders als in früheren Jahren schwach vertreten. Und aus dem großen Bereich der nichtakademischen Philosophie, wozu auch die philosophischen Praxen und die philosophischen Cafés gehören, war einzig eine Sektion „Philosophie und Ethik in der Schule“ angesagt.

In einer Erklärung, die sämtlichen Ministerien vorgelegt werden soll, sprach sich die Gesellschaft für eine stärkere Profilierung der Philosophie in der Schule und im interdisziplinären Diskurs aus. Im Hinblick auf die deprimierenden Ergebnisse der PISA-Studie heißt es darin: „Der Unterricht in den Fächern Philosophie und Ethik ist ein ausgezeichneter Ort, an dem Schüler die weitgehend vermissten Kompetenzen erwerben können“. Neben Textkompetenz und Methoden wie Analyse, Interpretation und Kritik vermittle die Philosophie persönliche und soziale Fähigkeiten, die für die spätere Berufs- und Lebenspraxis nützlich sein können. Und durch die Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten und verschiedenen religiösen Weltbildern lehre der Philosophieunterricht Toleranz und Verständnis für fremde Kulturen. Gefordert wird, dass der Philosophie- und Ethikunterricht in allen Bundesländern dem Religionsunterricht gleichgestellt wird.

Zu reden gaben auch die Änderungen, die den Engeren Kreis betreffen. Der so genannte  „Engere Kreis“ der Allgemeinen Gesellschaft für Philosopie wurde 1950 begründet und umfasst die habilitierten Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen im Fach Philosophie, also die Professoren und Privatdozenten. Seither wird in den Jahren, in denen kein Kongress stattfindet, eine Tagung zu  einem allgemein interessierenden Thema vom jeweiligen Geschäftsführer organisiert, der hierfür von der Mitgliederversammlung gewählt wird. Auf einer Geschäftssitzung werden die Belange der Philosophie an den Hochschulen erörtert. Die Tagungen haben sich allmählich zu einem gut besuchten Forum des Austauschs unter den Generationen entwickelt; der Name „Engerer Kreis“ wirkte jedoch zunehmend anstößig. So beauftragte die Mitgliederversammlung während der Würzburger Tagung 2001 eine Kommission, bestehend aus den letzten Geschäftsführern, den Professoren Borsche (Hildesheim), Speer (Würzburg) und Stegmaier (Greifswald), einen neuen Namen zu finden und ein Statut vorzuschlagen. Die von ihnen vorgeschlagene Bezeichnung „Kreis der Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen im Fach Philosophie in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ erschien dem Vorstand zu umständlich. Ansgar Beckermann, der Präsident der GAP (Gesellschaft für Analytische Philosophie) trat gar für eine ersatzlose Abschaffung des Engeren Kreises ein. Die Diskussion ergab, dass Tagungen, wie der Engere Kreis sie bietet, gerade von der jüngeren Generation sehr geschätzt werden, dass sie jedoch einem breiten Publikum geöffnet werden sollen. Dem wurde durch eine von Werner Stegmaier vorgeschlagene Satzungsänderung entsprochen. Die Tagungen werden nun als „Forum für Philosophie“ weitergeführt und öffentlich angekündigt, und in ihrem Verlauf werden Sitzungen des „Kreises der Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen im Fach Philosophie“ stattfinden, die den spezifischen Problemen des Faches Philosophie an den Hochschulen und insbesondere den Problemen des wissenschaftlichen Nachwuchses gewidmet und für die Habilitierten und Juniorprofessoren gedacht sind. Die erste dieser nun offenen Tagungen wird von Werner Stegmaier zu dem Thema „Analyse und Orientierung“ organisiert. Sie findet vom 1.-4. Oktober 2003 im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg der Universität Greifswald und auf der Insel Hiddensee statt.

 Vielleicht könnte der Kongress künftig etwas innovativer werden; zu denken wäre an Informationen über Berufsmöglichkeiten für Philosophen nach dem Studium oder an argumentative Auseinandersetzungen um aktuelle konkrete Themen zwischen Vertretern verschiedener Richtungen.

 Die Zeit der großen Kämpfe zwischen den verschiedenen philosophischen Schule ist (vorerst?) vorbei. Die analytische und die „kontinentale“ Philosophie beeinflussen sich gegenseitig stark, oftmals ist nicht auszumachen, in welche Tradition ein Referent zu stellen ist. Die analytische Philosophie hat im letzten Jahrzehnt die philosophische Szene grundlegend verändert: Eine Kultur des Argumentierens und Analysierens hat Einzug gehalten; das doktrinäre Vertreten von Positionen, wie man es früher noch bei unnahbaren Ordinarien gefunden hat, ist obsolet, Philosophieren ist zu einem Handwerk geworden. Andererseits sind alternative Richtungen an den Rand gedrängt;  Vertreter etwa des Dekonstruktivismus findet man oftmals außerhalb der philosophischen Institute, etwa bei den Literatur- oder den Kulturwissenschaftlern; und die Heideggersche Diktion ist gleichsam verschwunden. Verstärkt wurde diese Tendenz durch den Generationenwechsel, der in den letzten Jahren stattgefunden hat. Im Mittelpunkt, und dies zeigte sich an diesem Kongress deutlich, stehen die aktuellen Themen der Gesellschaft und der Wissenschaft und nicht innerphilosophische Auseinandersetzungen. Wolfgang Kluxen, der 1984 den XIII. Deutschen Kongress für Philosophie (ebenfalls in Bonn) organisierte, hat diese Entwicklung vorausgesehen. „Die Philosophie wird konkreter“ sagte er 1984. Dass sie allerdings so konkret wird, hat er wohl auch nicht vermutet.

Von den zahlreichen vortrefflichen Kolloquiumsreferaten verdienten es viele, hier besonders genannt zu werden. Stellvertretend seien einige vorgestellt. Theo Kobusch zeigte, wie die Mystik von der Patristik bis ins 14. Jahrhundert die Ansprüche der theoretischen Vernunft, die ungezügelte theoretische Neugierde zügelte. Für die Mystik ist letztere ein sinnloses Suchen nach Unbegreifbarem, das im Nichts, im haltlosen Taumel endet. Die Vernunft, so lehrte Basilius, hat sich deshalb selbst Grenzen zu setzen. Die contemplatio der christlichen Philosophie ist seit Augustin eine Betrachtung des inneren Geistes, eine geistige Übung, und sie unterscheidet sich damit von der Theorie. Während in der aristotelisch geprägten Theorie der Andere ein anderer bleibt, werden in der contemplatio Subjekt und Objekt eins. Für Meister Eckhart ist Vernunft keine reine Theorie, sondern eine Übung des Geistes, eine Hinwendung ins Innere. Gernot Böhme zufolge haben wir für das Umweltproblem nicht die adäquate Naturtheorie. Als Naturwesen haben wir ein Interesse an der Natur, das ein anderes ist als das der Ökologie. Eine „Phänomenologie der Natur“ ist es, was wir Böhme zufolge brauchen. Allerdings, so Böhme, sei es nicht klar, ob es sich bei      einem solchen Unternehmen um eine Phänomenologie oder doch eher um eine Ästhetik im Sinne von Aisthesis handle.  Die Kunst des 20. Jahrhunderts, welche das Wirkliche zum Erscheinen bringen lassen will, wird zum Partner der Phänomenologie. Auch die ursprüngliche Form der Ästhetik bei Baumgarten, bei dem die Ästhetik eine affektive Teilnahme am Gegenstand ermöglicht, ist mit der „neuen Phänomenologie“ von Hermann Schmitz verwandt. Das Interesse der Aisthesis richtet sich auf Wahrnehmungstypen. Da wo es sich um die Wahrnehmung der Natur handelt, wird sie zur „neuen Phänomenologie“.

 Mit herkömmlicher Naturforschung hatte hingegen der Vortrag von Martin Carrier zu tun. Nach ihm ist die Grundlagenforschung Voraussetzung einer anhaltend erfolgreichen Praxis der Theorieentwicklung. Ansonsten besteht die Gefahr eines methodologischen Niederganges, wie er sich in der Biotechnologie anzeigt: man verzichtet dort auf eine Einbettung der jeweiligen Verallgemeinerung in das System der Wissenschaften. Durch das Fehlen eines vertieften Verständnisses, so Carrier, werden die technologischen Chancen beeinträchtigt: „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“. Brigitte Falkenburg zeigte, dass die logische Struktur physikalischer Entdeckungen bei weitem nicht so transparent ist, wie die klassischen Wissenschaftsphilosophen geglaubt haben. Physiker gehen nicht deduktiv vor, sondern analytisch: sie zerlegen ein Problem in Teilprobleme und lösen diese nacheinander, genau so wie es den methodischen Regeln von Descartes entspricht. Aber viele Antworten sind nicht lückenlos und reichen nicht so weit, wie es die Theorie behauptet – dies betrifft insbesondere die Quantenphysik – so gibt diese keine Antwort auf die Frage, warum ein Atom zu einer bestimmten Zeit zerfällt. In den vergangenen Jahren haben sich die Erklärungsdefizite der Quantenphysik gegenüber der klassischen Physik sogar verschärft. Insgesamt ist das Theoriengefüge der Physik  lückenhaft, es entspricht in etwa dem Puzzle der Postmoderne.

 In einem temperamentvollen, streckenweise an eine Predigt erinnernden Vortrag ging Klaus-M. Kodalle der Frage nach, wie eine Versöhnung angesichts der Schrecken der Vergangenheit vorstellbar sei. Versöhnung, so Kodalle, ist erst dann möglich, wenn sich das im Innern bewahrte Leiden Ausdruck verschaffen kann und das Unrecht als solches von den Tätern anerkannt wird. Das Böse muss als solches bezeichnet werden, erst dann kann eine reinigende Wirkung auf dem Weg zur Zivilgesellschaft erfolgen. Kodalle machte aber auch darauf aufmerksam, dass die Vorstellung einer ideologiefreien Erinnerung nicht haltbar ist. Dieter Birnbacher plädierte für ein „Wertungskontinuum“, das an die Stelle einer eindeutigen Grenzziehung zwischen moralischem Zulässigem und Unzulässigem treten soll.

 Interessanterweise hatten einige Vorträge die Geschichtsphilosophie zum Thema, ein Gebiet, das manchen als obsolet gilt. Für Tilman Borsche ist dieses Ende der Geschichtsphilosophie kein Verlust, es ermöglicht vielmehr neue Perspektiven. Denn Fragen nach dem Wesen des Menschen oder nach dem Wesen der Geschichte können nicht entschieden werden; der Verzicht auf solche Fragen ist nichts Negatives. An ihre Stelle tritt die Interpretation der Geschichte, die metaphysische Geschichtsphilosophie wird durch Hermeneutik abgelöst.

 Rainer Enskat trat für eine pragmatische Ausweitung des Wissensbegriffes ein. Authentisches und pragmatisches Wissen sind für ihn gleich wichtig. Wird das eine zugunsten des anderen vernachlässigt, hat das für eine Gesellschaft fatale Folgen. Oswald Schwemmer beschrieb die Vernunft als eine komplexe Relation zwischen dem Weltverhältnis und dem Vermögen des Menschen, sich darin zurechtzufinden. Menschsein ist ein Zwischensein in verschiedenen Umwelten. Darin findet der Mensch, indem er sich darin bewährt, zu seinem Sein. Kultur bildet sich aus der Eigendynamik des Weltgeschehens und dem aktiven Partizipieren des Menschen daran. Kultur umfasst alle in einer Gesellschaft etablierten Ausdrucksformen, die wiederum als Muster die Ausdruckshandlungen dieser Kultur prägen. Jürgen Mittelstrass kritisierte den gegenwärtigen Trend, alles „Bildliche groß“ und alles „Begriffliche klein“ zu machen und zeigte auf, wie sich magisches und mystisches Denken ins Begriffliche schieben. Im Unterschied zum Bild, so Mittelstrass, ist der Gedanke eindeutig. Begriffe brauchen keine Bilder, diese können höchsten hilfreich sein, um Zeichen zu explizieren. Zwar gebe es die suggestive Kraft der Bilder, aber: „Schwärmerische Visionen sind der Tod aller Philosophie, Was wir brauchen, ist eine prosaische Philosophie“.

 In einem öffentlichen Abendvortrag sprach der Heidelberger Philosoph und Mediziner Wolfgang Wieland über „Herausforderungen der Bioethik“. Dabei pochte Wieland auf einen universellen Anspruch auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Recht auf Leben: „Der Ethik steht es nicht frei, auf die Unveränderlichkeit von Varianten zu verzichten“. Entsprechend lehnte er den ethischen Relativismus ebenso ab wie die utilitaristische Folgenabschätzung oder den evolutionären Monismus. Wieland ist ebenfalls der Ansicht, dass ein Embryo bereits an Menschenwürde und Menschenrechten teilhat und demnach nicht wie ein Rohstoff von der gentechnischen und Industrie verarbeitet werden darf.

 Die Presse – und auch dies ist der vortrefflichen Kongressplanung zu verdanken – hat mehrfach über den Kongress berichtet. Die Öffnung der Philosophie gegenüber den brennenden Gegenwartsproblemen ist durchaus positiv aufgenommen werden. „Die Arbeit von Denkern wie Ludwig Siep, Volker Gerhardt oder Ludger Honnefelder, allesamt Kenner der Tradition und allesamt auch Experten der Bioethik, vermittelt einen Eindruck von der gesellschaftlichen Relevanz philosophischen Denkens“, schrieb etwa Michael Hesse im Kölner Stadtanzeiger, um dann gleich pathetisch zu werden: „Die Gedanken der Philosophen fließen wieder zurück ins Volk“. Ähnlich formulierte es Walter Ferchhänder im General-Anzeiger: Der Kongress habe mit seiner Praxisnähe jene widerlegt, „die dieser Wissenschaft nur noch eine Randexistenz im Wissenschaftsbetrieb zubilligen“. Der Kongress ist rundum positiv bewertet worden. Die Philosophen, so Johannes Seibel in der Tagespost, hätten „es fertig gebracht, sich nicht als Handlanger von Politik und Naturwissenschaften missbrauchen zu lassen“. Einzig die Frankfurter Allgemeine sprach im Untertitel ihres Berichtes verächtlich von den „Nachscholastikern in Bonn“, um dann auf den eingeflogenen IBM-Mathematiker Gregory J. Chaitin   als „hochphilosophischen“ Kopf zu verweisen, der den Bonner Philosophen das Philosophieren gelehrt habe. Dagegen berichtet die Süddeutsche Zeitung ihren Lesern, ebenderselbe Chaitin sei mit seinen Versuchen, die Philosophen „mit wahllosen historischen Exkursen über Leibniz zu begeistern“, gescheitert; etwas über den Kern seiner eigenen aktuellen Entdeckungen aus der höheren Mathematik zu erzählen, sei Chaitin nicht in den Sinn gekommen.

Autor

Peter Moser, Herausgeber/Redaktion "Information Philosophie"