95% derjenigen die ein Philosophiestudium in Heidelberg beginnen,
brechen dieses wieder ab. Von den Drittsemestern sind es immer noch 10% die das
Studium abbrechen - dies konnte man im “unispiegel” im Jahr 1997 lesen.
Machen sich die Studierenden falsche Vorstellungen von der Philosophie, oder
muss das Studium neu organisiert werden?
Rüdiger Bubner: Die in der Tat erschreckenden Zahlen der frühen
Studienabbrecher machen uns große Sorgen. Allerdings sind sie seit langem
bekannt, in vergleichbaren Fächern nicht vollkommen unähnlich und an
vergleichbar großen Philosophie-Instituten analog, wenn man denn genau zusieht.
Die Gründe sind - wie immer - vielfältig. Eine Hauptlast bürdet seit
Jahrzehnten den Universitäten die politische Grundentscheidung auf,
Bildungspolitik und Sozialpolitik zu vermischen. Das trifft übrigens auf
staatlich organisiertes Universitätswesen anderer Länder ebenso zu. Die
amerikanische Lage ist wegen der Prominenz privat geführter Universitäten,
deren Reputation erheblich Geld kostet, kein echter Vergleichsmaßstab.
Ein zweiter Faktor liegt in der Schulbildung, die, wie jeder weiß,
mit dem Abitur nicht durchweg Studienfähigkeit garantiert. Auch das verhält
sich von Bundesland zu Bundesland, von Stadt zu Stadt und Schule zu Schule
unterschiedlich. Viele beklagen jedenfalls den Mangel der Sprachbeherrschung,
was im konsequenten Studium anspruchsvoller Werke, in der Fähigkeit zur Analyse
und Argumentation, im Dialog sowie dem Produzieren selbständiger,
gedankenbestimmter Texte sich niederschlägt. Unterhalb dieser mitgebrachten
philosophischen Kompetenzen kann philosophischer Unterricht kaum anfangen.
Gleichwohl überlegen wir regelmäßig Wege verbesserter Propädeutik.
Tutorien, zweisemestrige Interpretationskurse, Lektüreveranstaltungen und demnächst
wohl das Bakkalaureat werden angeboten.
Schließlich hat der Vorgang der Filterung seinen Nutzen. Jeder
besitzt das Recht, seine Interessen auszuprobieren. Aber das läuft der Sache
nach auf die Chance hinaus, das je passende Studium. wirklich zu entdecken und
darin zu arbeiten, oder die Richtung der Berufswahl zu ändern. Verbunden damit
ist der Lebensvorteil, leicht genährte Illusionen aufgrund von Erfahrung zu
verabschieden.
Wir haben die Universität nicht deformiert, so wie sie sich
jetzt darstellt. Wir kämpfen redlich und seit langem mit ungünstigen Umständen.
Wir halten an einem gewissen Ideal der Wissenschaft fest. Mit Organisationsmaßnahmen
ist das kulturpolitische Grundübel nicht zu beheben. Erstaunlich, dass trotz
allem begabte und fleißige Leute - Frauen wie Männer - doch ihren Weg machen,
wenn das philosophische Engagement durchgehalten wird. Beweis sind die stets
hohen Bewerberzahlen bei Ausschreibungen aller Art.
Herr Tetens, reicht eine sanfte Verbesserung der Angebote,
um dem Druck auf effiziente Ausbildung entgegenzukommen, oder müssen wir die
Ausbildung demjenigen in den englischsprachigen Ländern anpassen und mehr
verschulen?
Holm Tetens: Die Probleme der Lehre im Fach Philosophie
scheinen mir tiefer zu liegen, als dass man ihnen durch Anpassung an die
Ausbildung in englischsprachigen Ländern oder durch Verschulung beikommen könnte.
Einmal abgesehen davon, dass die gegenwärtige modische Fixierung auf die
Universitäten der USA und Englands die Beurteilung des deutschen
Bildungssystems allzu sehr verzerrt. Die deutschen Universitäten sind besser,
als sie in der Sicht derjenigen erscheinen, die ständig das Hohe Lied der
amerikanischen Universitäten, in Wahrheit einiger weniger Eliteuniversitäten
singen. Aber das ist ein gesondertes Thema. Wer darüber nachdenkt, was zur Zeit
in der Lehre im Fach Philosophie schief läuft, warum es schief läuft und was
dagegen zu tun ist, sollte in seine Diagnose und Therapie sehr grundlegende
Dinge einbeziehen. Ich will nur zwei von ihnen andeuten: Erstens wandeln sich
die kulturellen Bedingungen, unter denen heute gelernt, gelehrt, geforscht,
nachgedacht wird, unter der wachsenden Dominanz der Medien wie Fernsehen,
Computer, Internet dramatisch. Das allgemeine kulturelle Klima ist den
intellektuellen Tugenden, auf die es in der Philosophie ankommt, wie etwa gründliches
und kompromissloses Nachdenken, das sich Zeit nimmt und nicht mit schnellen und
einfachen Antworten zufrieden gibt, Zweifel und das Aushalten von Situationen
ohne überzeugende Antworten, Bereitschaft zum
nonkonformistischen Querdenken in Wahrheit gar nicht besonders freundlich
gesinnt. Und das bereitet uns auch Probleme in der Lehre. Zweitens müssten wir
eigentlich auch über die Philosophie und darüber, wie sie sich in den letzten
Jahrzehnten entwickelt hat, reden. Denn ein Teil der Probleme in der Lehre
erwachsen direkt aus bestimmten Trends in der akademisch-professionellen
Philosophie. Um es mit Rorty zu sagen, ohne seine Analyse der Philosophie im
Detail zu teilen, sollte die Philosophie noch stärker als bisher in die Hände
der “Philologen” auf der einen Seite, der Denksportaufgaben lösenden
“Techniker” auf der anderen Seite fallen, hat das Auswirkungen auf den
philosophischen Unterricht. Ich will mit diesen Bemerkungen nur andeuten, dass
sich Maßnahmen wie eine stärkere Verschulung als kurzatmige, an den tieferen
Ursachen vorbeigehende Maßnahmen erweisen könnten.
Aber natürlich haben Sie Recht, dass wir angesichts
erschreckender Abbrecherquoten im Fach Philosophie etwas tun müssen. Vor allem
sollte das Studium so organisiert werden, dass der Studierende frühzeitig
gezwungen wird, bestimmte Erfahrungen mit der Philosophie und mit sich selbst in
der Philosophie zu machen. Es geht einerseits um die Erfahrung, was die
Philosophie eigentlich ist, was sie leisten kann, was nicht und ob sie überhaupt
die mehr oder weniger diffusen Erwartungen erfüllt, mit denen der Studierende
ein Studium der Philosophie begonnen hat. Anderseits geht es um die frühzeitige
Erfahrung, ob man den intellektuellen Anforderungen, die das Fach Philosophie
stellt, gewachsen ist. Kurz: Das Studium sollte so organisiert sein, dass der
Studierende möglichst frühzeitig im Studium Antworten auf die Frage bekommt:
Ist das Fach Philosophie wirklich das Fach, das ich studieren will und das ich
von meinem intellektuellen Begabungsprofil her auch studieren kann.
Es gibt sicher unterschiedliche Wege, diesem Grundproblem
Rechnung zu tragen. Deshalb haben wir uns an der FU in Berlin bewusst eine
Experimentierphase in der Lehre auferlegt. Wir probieren neue Lehr- und
Lernformen aus. Auf zwei Dinge achten wir dabei besonders: Einmal haben viele
Studierende ein starkes Bedürfnis nach orientierendem Überblick über grundsätzliche
Probleme und Entwicklungen in der Philosophie und ihrer Geschichte, gerade weil
die akademische Philosophie oft so kleinteilig und spezialistisch geworden ist
und die Tendenz anhält, dies auf die Spitze zu treiben. Dieses Bedürfnis nach
grundsätzlicher thematischer Orientierung versuchen wir durch entsprechend
gestaltete Einführungsveranstaltungen zu den wichtigsten Disziplinen der
Philosophie zu befriedigen. So soll der Studierende frühzeitig Gewissheit darüber
bekommen, ob Philosophie eigentlich das ist, was er sich von ihr verspricht. Zum
anderen, und das wird gegenwärtig noch stärker in der philosophischen Lehre
vernachlässigt, versuchen wir, intellektuelle Kompetenzen und Fähigkeiten
explizit im philosophischen Unterricht zu thematisieren, einzuüben und zu
verbessern. Solche Fähigkeiten sind etwa: ein Argument klar und übersichtlich
zu präsentieren, in einer komplexen und kontroversen Diskussionslage Übersicht
zu behalten und etwa sich jederzeit über die Verteilung von Beweislasten im
Klaren zu sein, einen guten philosophischen Text zu schreiben mit Blick auf die
verschiedenen Hinsichten, in denen ein Text gelingen oder misslingen kann,
einen von der Dramaturgie her spannenden und gut
nachvollziehbaren Vortrag zu halten und ähnliches mehr. Wir probieren deshalb
an der FU in Berlin Lehrveranstaltungen eines neuen Typs aus, in denen natürlich
immer auch ein philosophisches Thema auf der Tagesordnung steht, in denen aber
gleichgewichtig ebenso viel Zeit und Aufmerksamkeit ausdrücklich auf solche
intellektuellen Fähigkeiten verwendet werden. Ich kann das hier nur so
programmatisch abstrakt andeuten. Jedenfalls soll der Studierende auf diese
Weise frühzeitig erfahren, ob er mit seinen Begabungen und Fähigkeiten in der
Philosophie wirklich am richtigen Ort innerhalb der akademischen Welt ist.
Herr Bubner, sehen Sie in Lehrveranstaltungen solcher Art
keine Möglichkeit, diese hohe Abbrecherzahl in Heidelberg (und anderswo) zu
reduzieren oder haben Sie hier grundsätzliche Bedenken?
Bubner: Herr Tetens scheint in der Einschätzung der Lage
dem zuzustimmen, was ich eingangs bemerkt habe. Umgekehrt fällt es mir leicht,
seinen Aufforderungen beizupflichten. Denn sie zählen zu der Grundausstattung
des philosophischen Handwerks. Man mag das auf die eine oder andere Weise
vermitteln. Entscheidend bleibt, dass wir es mit schwierigen, intellektuell
anspruchsvollen Texten von heute, gestern und vorgestern gleichermaßen zu tun
haben. Niemand kann Probleme eigenhändig aufbauen oder in Unabhängigkeit von
der Tradition des Faches in der Gesellschaft, in der Welt, auf der Straße
sozusagen entdecken.
Beschäftigung mit vorbildlich philosophischen Texten bringt eine
hermeneutische Schule des eindringenden Verstandes, der analytischen Fähigkeit
zur Problemerfassung und der synthetischen Kraft begrifflicher Kombination. Wenn
wir ohne konformistische Verwirrung das weiterhin üben, trennt sich alsbald die
Spreu vom Weizen. Im akademischen Unterricht mit Anfängern ist mehr ohnehin
nicht zu erreichen. Mit weniger sollten wir uns aber nicht zufrieden geben.
Herr Martens, wie sieht die Situation aus der Sicht des
Philosophiedidaktikers aus?
Ekkehard Martens: Die, wie der Heidelberger Philosoph Bubner
kommentiert, "erschreckenden Zahlen der frühen Studienabbrecher" beim
Fach Philosophie an der Universität Heidelberg liegen mit 95% deutlich über
dem Durchschnitt der nach einer neueren Studie ermittelten bundesweit 40% Frühabbrecher
generell, die entweder das Fach wechseln (13%) oder das Studium ganz aufgeben
(27%). Falsche Erwartungen und mangelhafte Informationen spielen dabei nach
dieser Studie eine große Rolle. Erst bei einem Vergleich mit den sonstigen frühen
Studienabbrechern an der Universität Heidelberg sowie speziell im Fach
Philosophie an anderen Universitäten aber ließe sich zuverlässig beurteilen,
inwieweit es sich bei den 95% um ein speziell hausgemachtes Problem des
Philosophischen Seminars in Heidelberg, ein generell bildungspolitisches oder
ein fachspezifisches Problem handelt.
An der Universität Karlsruhe jedenfalls sind die Abbrecherzahlen
seit der Einführung eines klar strukturierten Grundstudiums deutlich gesunken.
Wie dieser Vergleich und verschiedene Gespräche belegen, wünschen und brauchen
die Studienanfänger im Fach Philosophie durchaus eine klare Struktur zumindest
des Grundstudiums. Allerdings hat dies seitens der Lehrenden eine unbequeme
Selbstverpflichtung und Beschränkung der "Lehrfreiheit" zur Folge,
was in polemischer Weise oft als "Verschulung" abgewehrt wird.
Eine Ursache der sehr hohen Zahl der frühen Studienabbrecher
sind auch weitre hochschuldidaktische Faktoren wie veraltete, ineffiziente und
demotivierende Unterrichtsformen, die in den Antworten von Herrn Bubner und
Herrn Tetens bereits genannt wurden. Auf Versuche einer Verbesserung haben beide
ebenfalls hingewiesen. Weitere Vorschläge und
Erfahrungen findet man etwa in dem von K.R. Lohmann/Th. Schmidt herausgegebenen
Sammelband "Akademische Philosophie zwischen Anspruch und Erwartung"
(Frankfurt: Suhrkamp 1998). Hochschuldidaktischen Reformbemühungen werden
allerdings oft als lästige Anpassung an die unzulässigen Erwartungen und
mangelhaften Voraussetzungen "der Vielen" angesehen, die man
andererseits zur quantitativen Stellenabsicherung durchaus zu nutzen weiß.
Versteht sich Philosophie lediglich als Philosophiewissenschaft,
ist ihr hochschuldidaktisches Ziel primär Effizienz wissenschaftlicher
Produktion und Nachwuchssicherung. Versteht sich Philosophie dagegen
traditionellerweise nach einer Unterscheidung Gernot Böhmes auch als öffentliche
"Weltweisheit" und persönliche "Lebensform", ist eine eher
subjekt- und problembezogene Form des Philosophiestudiums eine inhaltliche
Konsequenz. In dem Abschlussbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des
Schulversuchs "Praktische Philosophie" in Nordrhein-Westfalen stimmen
Herr Birnbacher und ich überein, dass von den didaktischen Erfahrungen an der
Schule Impulse auch für das Philosophiestudium zu erhoffen sind. Zwar erwartet
kaum ein Schüler oder Studienanfänger von der Philosophie in der Institution
Schule und Universität im Ernst eine unmittelbare Lebenshilfe oder praktisch
Orientierung, er kann aber zu Recht erwarten, dass Philosophie bei aller
notwendigen Wissenschaftlichkeit auch Probleme gesellschaftlicher und persönlicher
Praxis thematisiert, und dies in didaktisch angemessener Form. Sonst verspielt
die Philosophie ihr gegenwärtig erfreulich hohes Ansehen erneut.
Frau Seibt, Herr Tetens hat sich etwas skeptisch dazu geäußert,
ob wir vom amerikanischen Unterrichtsstil in der Philosophie etwas lernen können.
Sie haben Studien- und Lehrerfahrungen in Deutschland und in den USA, wo Sie
Ihren Ph. D. erworben und zehn Jahre lang gelehrt haben. Wie sieht das aus Ihrer
Sicht aus?
Johanna Seibt: Diesen Punkt bewerte ich in der Tat ganz
anders als Herr Bubner und Herr Tetens. Deutsche Hochschullehrer haben in ihrem
Fach pädagogische Alleinverantwortung und sind, was ihre pädagogische
Ausbildung und Weiterentwicklung betrifft, auf ihre eigene Initiative
angewiesen. Dies ist in den USA wesentlich anders. Ganz unabhängig von den
Zahlen der Studienabbrecher ist dieser Unterschied bedenkenswert. Denn wenn es
auch richtig sein mag, dass, wie Herr Bubner sagt, die echten Talente fehlende
Didaktik überleben, so gibt es doch, meinen Erfahrungen nach, im deutschen
Studium vielfach große Ineffizienz und unnötige emotionale Belastungen: man
mutet den deutschen Studenten zeitraubende Umwege und entmutigende Alleingänge
zu.
Ich sehe keine sachlichen Gründe, die gegen eine nähere
Inaugenscheinnahme der amerikanischen Hochschulpädagogik sprechen könnten. Ich
weiß nicht recht, worauf Herr Bubner abzielt, wenn der die „amerikanische
Lage“ als „echten Vergleichsmaßstab“ mit der Bemerkung ablehnt, dass die
„Reputation“ privat geführter Universitäten „erheblich Geld kostet“.
Die Reputation der amerikanischen Institute ergibt sich aus den
Forschungsleistungen der dort Lehrenden; die Reputation eines Ph. D. Studiums an
einem reputationsreichen Institut kostet gar nichts –im Gegenteil, man
arbeitet als Tutor (wodurch das Schulgeld entfällt), gewinnt erste
Lehrerfahrungen und verdient sich dabei den Lebensunterhalt. Herr Tetens meint,
dass sich die positive Einschätzung der amerikanischen Universitäten vielfach
der Fokussierung auf die Forschung an “Eliteuniversitäten” (oder im
Bereich der Philosophie besser: Elite-Institute) verdankt. Warum man sich den
Studienverlauf an amerikanischen Instituten mit herausragenden
Forschungsleistungen nicht zum Vorbild nehmen sollte, ist mir nicht einsichtig.
Vor allem aber muss man zwischen Forschungsleistungen und pädagogischen
Leistungen amerikanischer Hochschullehrer unterscheiden, und hier fällt der
Unterschied zwischen den ‚top ten‘ Instituten der offiziellen Rangliste und
weniger gut plazierten Departments überhaupt nicht ins Gewicht, im Gegenteil.
Die Ph. D. Studenten der besten Institute verdanken diese Plazierung oftmals dem
Geschick und den besonderen Anstrengungen ihrer Lehrer an ‚mittelmäßigen‘
Colleges.
Gastaufenthalte ersetzen keine Berufserfahrung, und es ist immer
schwierig, nationale Verhältnisse von außen zu beurteilen. Ich lebe seit 1986
im Ausland, meine Lehrerfahrungen mit deutschen Studenten sind beschränkt, also
fehlt mir meinerseits die aktuelle ‚Insider-Perspektive‘ auf der anderen
Seite.
Wenn es um den Philosophieunterricht in den ersten Semestern
geht, so betrifft der Vergleich mit dem amerikanischen Ausbildungsgang das
Bachelor Studium mit Hauptfach Philosophie, das, um es noch einmal zu betonen,
in den hier relevanten strukturellen und methodischen Hinsichten landesweit
einheitlich ist. Die von Herrn Tetens erwähnten “neuen Lehr- und
Lernformen” an der FU sind grundlegende Selbstverständlichkeiten der
College-Ausbildung an den meisten amerikanischen Institutionen. Seit Jahrzehnten
vollbringt die amerikanische Hochschulpädagogik im College-Abschnitt die verblüffende
Leistung, 18-jährige High-School Absolventen mit der Studienreife deutscher
Elftklässler in 22-jährige Bachelors mit der Studienreife deutscher
Magistranden zu verwandeln. (Ich spreche hier vornehmlich aus meinen
Erfahrungen an der University of Texas at Austin, einer staatlichen
‚Massen-Universität‘ mit über 50 000 Studenten, an der jährlich etwa 4000
Studenten in Philosophie unterrichtet werden, wobei die Abbrecherquote für
Hauptfachstudenten bei 10% liegt.) Gerade im College-Unterricht wird von
amerikanischen Hochschullehrern höchstes pädagogisches Niveau erwartet und
durch die Analyse der Lehrbewertungen und entsprechende Beratung an universitätseigenen
Zentren für Hochschuldidaktik gefördert. Einige Elemente des
College-Unterrichts gehören freilich aus deutscher Sicht eher in die gymnasiale
Kollegstufe, aber im wesentlichen stellt das College eine Form der
anspruchsvollen, lebendigen, motivationsorientierten Erwachsenenbildung dar, die
als solche in Deutschland nicht bekannt ist. Mit welchem methodischen Geschick
und welchem Engagement hier unterrichtet wird, ist in wenigen Sätzen nicht gut
zu vermitteln; einen ersten Eindruck geben amerikanische Lehrbücher und
kommentierte Anthologien, die Beiträge zur Zeitschrift Teaching Philosophy,
oder Video-Publikationen mit Vorlesungen der besten Hochschullehrer im Fach
Philosophie. Dass man überblicksartige Einführungskurse mit Übungen,
Individualunterricht, oder Einführungen ins philosophische Schreiben etc.
anbietet, steht hier seit langem nicht mehr zur Debatte. Über diese
grundlegenden Dinge ist man seit langem hinaus. Die pädagogische
Aufmerksamkeit gilt weitaus diffizileren Themen: welche Vorzüge und Nachteile
bestimmte Textkombinationen der philosophischen Primärliteratur in Bezug auf
bestimmte Lehrabsichten bringen, welche Kursformate oder Stundenorganisation
sich zur Erfassung bestimmter Texte und Themen bewähren, welche Kursformate das
soziale Lernklima verbessern, wie man Module des Gruppenlernens in
Massenvorlesungen mit 300 Hörern einsetzen kann, um Philosophie doch noch im
sokratischen Dialog zu vermitteln, ob und welche audio-visuelle Medien
gewinnbringend in den Philosophie-Unterricht eingebaut werden können,
etc. etc. Da an vielen Colleges Philosophie einsemestriges Wahlpflichtfach
für Hörer aller Fakultäten ist, geht es in diesen pädagogischen Bemühungen
auch insbesondere immer wieder um das von Herrn Tetens angesprochene Problem,
das geduldige Abenteuer philosophischen Nachdenkens aus den
Kognitionsgewohnheiten der ‚Mediengesellschaft‘ wiederzugewinnen.
Warum also sollte man nicht aus dieser Fülle von konkreten
Elementen einer dokumentiert effizienten Hochschulpädagogik sich zumindest
Anregungen fürs eigene „Experiment“ holen? Sicher gibt es Unterschiede in
der Akzentuierung der Lernziele, aber warum sollte man an diesem Fundus einer
langjährigen, lebhaften, produktiven Beschäftigung mit der Hochschulpädagogik
im Fach Philosophie so einfach vorbeigehen?
Ich habe mich bisher, dem Anlass unserer Diskussion hier folgend,
zum College-Unterricht geäußert. Die Lehre in den Ph. D. Programmen sieht
anders aus, denn hier steht die Produktion originärer Forschungsleistungen
unter intensiver individueller Betreuung im Mittelpunkt (die Arbeit an einer Ph.
D. Dissertation wird von 5 Professoren etwa zwei Jahre lang aufmerksam begleitet
— durch häufige individuelle Diskussionen und ausführliche schriftliche
Kommentare zu einzelnen Kapiteln und der gesamten vorletzten und letzten Version
der Arbeit). Die Kursformate der Doktorandenseminare zielen auf die
kollaborative Einübung professioneller Fertigkeiten (Referat—Kommentar,
Artikel—Begutachtung, mit mehrmaligem Rollentausch). Eine theoretische und
ausführliche praktische pädagogische Ausbildung mit Lehrproben ist ebenfalls
Teil des Ph. D. Programms. Warum sollte man sich nicht gerade jetzt, nach
Abschaffung der Habilitation, den Ausbildungsgang zum (lehrbefähigenden) Ph. D.
einmal genauer ansehen? Der nord-amerikanische Philosophiebetrieb ist mit
etwa 4000 jährlichen Publikationen der größte, vielseitigste, und aktivste in
unserem Fach. Kann es, angesichts der qualitativen Güte der amerikanischen
Forschung (auch im Bereich historischen und ‚kontinentalen‘ Arbeitens!)
wirklich sinnvoll sein, einer detaillierten Auseinandersetzung
mit der professionellen Ausbildung in den USA aus dem Wege zu gehen?
Dies zur Frage, ob der amerikanische Studienbetrieb eine
wichtige Orientierungshilfe darstellen sollte. Ihre Formulierung: ob der
deutsche Hochschulunterricht etwas vom amerikanischen Unterrichtsstil lernen
kann, enthält aber noch eine andere Lesart, und hier beginnen die
Schwierigkeiten. Die immer wieder unter dem Gespenst der “Verschulung”
angesprochenen Verschiedenheiten der Prüfungsordnungen im deutschen und
amerikanischen Modell, selbst die gerade erwähnten Unterschiede in der Studien-
und Kursorganisation, sind wichtig, aber letztlich nicht entscheidend.
Entscheidend ist vielmehr, dass, neben den vielen gemeinsamen pädagogischen
Zielsetzungen, grundlegende Unterschiede in der akademischen Kultur beider Länder
bestehen, die sich im Selbstverständnis aller Beteiligten der pädagogischen
Praxis niederschlagen.
Ich fürchte, dass der Kern des „amerikanischen Unterrichtsstils“,
aus deutscher Sicht, ohne längere Teilnahme an der amerikanischen
Unterrichtspraxis, nicht so einfach in den Blick zu bekommen ist. Um wieder beim
College-Unterricht zu bleiben, amerikanische Hochschullehrer verstehen es nicht
als ihre Aufgabe, die “Anfänger” - wie Herr Bubner sagt - in “Spreu und
Weizen” zu sondern. Aus amerikanischer Sicht ist diese Rhetorik beinahe
schockierend. Teaching bezeichnet etwas ganz anderes. Teaching ist die Kunst,
die Lust am fachlichen Arbeiten konstruktiv zu modellieren. Teaching ist die Überzeugung,
dass Spaß, Spannung, ein Klima des gegenseitigen Respekts, und der grundsätzliche
Optimismus in Bezug auf die Entwicklungsfähigkeit des einzelnen Studenten am
besten geeignet sind, um studentische Leistungen zu steigern. Teaching heißt,
es den Studenten zu ermöglichen, sich selbst zunehmend als potentielle
Teilnehmer an einer professionellen Debatte zu verstehen, und darauf stolz
zu sein, sich selbst zunehmend höhere Leistungsanforderungen zumuten zu können.
Anstelle „Erfahrungen mit der Philosophie“ zu erzeugen, in denen Studenten
klar wird, ob sie “mit ihren Begabungen und Fähigkeiten in der Philosophie
wirklich am richtigen Ort” sind, bemühen sich amerikanische Professoren
philosophische Inhalte so zu vermitteln, dass sich die Erfahrung des tua
res agitur einstellt - und diese Grundmotivation mit intensiver Betreuung in die
rechten Bahnen zu lenken.
Gesprächsteilnehmer
Rüdiger Bubner ist Professor für Philosophie an der Universität Heidelberg, Holm Tetens an der Freien Universität Berlin, Eckehard Martens ist Professor für Philosophiedidaktik an der Universität Hamburg und Johanna Seibt lehrt Philosophie an der Universität Aarhus. Die Fragen stellte die Redaktion.