Das gesellschaftliche Interesse an der Philosophie ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Warum sollen die Philosophen dies nicht nutzen und ihr Wissen und Können direkt dorthin tragen, wo Menschen tätig sind und einen großen Teil ihres Lebens gestalten, in die Unternehmen und Organisationen, in gesellschaftliche Institutionen und politische Gruppierungen? Wäre es nicht sinnvoll, daß Philosophen die Aufgabe übernehmen, die jetzt Organisationsentwickler, Erwachsenenbildner und Unternehmensberater innehaben? Oder vom Philosophiestudenten her gefragt: Ist Organisationsberater ein denkbarer Beruf für ihn?
Meine Antwort lautet: Ein philosophisches Studium ist weder notwendige noch hinreichende Bedingung, wohl aber eine ausgezeichnete Basis für den Beruf des Organisationsberaters. Diese Antwort ist natürlich subjektiv und stützt sich vor allem auf die Erfahrungen, die ich als gelernter Philosoph seit ein paar Jahren im Beruf des Organisationsberaters gesammelt habe. Und natürlich ist sie auch von meinem eigenen philosophischen Standpunkt geprägt, der in der folgenden Begründung durchaus lesbar sein dürfte.
Die Frage ist wirtschaftlicher Art, nämlich eine von Angebot und Nachfrage: Was hat der Philosoph denn eigentlich anzubieten? Kann sein Gegenüber, die Organisation, das Angebotene brauchen? Und - sofern Angebot und Nachfrage zueinander passen - können die beiden Partner auch handelseinig werden: Kann das philosophische Angebot auf eine für beide fruchtbare Weise vermittelt werden? In diesem Dreischritt lege ich zunächst meine grundsätzlichen Überlegungen dar, um anschließend konkreter und praktischer von meinen Erfahrungen zu berichten.
Zuerst gilt es also zu fragen, womit ein Philosophiestudent (die Studentin ist natürlich immer mitgemeint) im Studium eigentlich ausgerüstet wird. Gewiß wird er sich in seiner Ausbildung einen Überblick über die Philosophiegeschichte aneignen, eine Kenntnis der wichtigsten Begriffe, Modelle und Theorien, der grundlegenden Fragestellungen und der exemplarischen Lösungsansätze. Das alles aber, das eigentliche fachphilosophische Wissen, scheint mir in diesem Zusammenhang zweitrangig. Wichtiger dürfte eine allgemeine Kompetenz im philosophischen Reden, Denken und Handeln sein: eine Diskurskompetenz, eine Theoriekompetenz und eine ethische Kompetenz.
Da Philosophie immer sprachlich verfaßt ist, kommt der Philosophiestudent nicht um eine jahrelange disziplinierte Auseinandersetzung mit der Sprache und der sprachlichen Verfaßtheit des Denkens herum. So eignet er sich zwangsläufig eine fundierte Fähigkeit im Umgang mit der Sprache an. Der Philosoph sollte also Gedanken bewußt, präzis und klar formulieren und den Gedanken anderer zu dieser Präzision und Klarheit verhelfen können. Diskurskompetenz sollte der Philosoph also besitzen, das heißt ein bestimmtes Sprachspiel beherrschen, das man "vernunftgeleitet mit andern über sinnvolle Lebensgestaltung reden" nennen könnte.
Da Philosophie der Rationalität verpflichtet ist, lernt der Philosoph die Formen kennen, in denen sich die Vernunft seit zweieinhalbtausend Jahren ausdrückt, vornehmlich also die Formen abendländischer Theoriebildung.
Kaum ein Fachgebiet verlangt dem Lernenden ein derartiges Maß an theoretischer Kompetenz ab wie die Philosophie. Und daraus erwächst dem Philosophen wiederum eine theoretische Aneignungkompetenz auch für nicht genuin philosophische Bereiche.
Da Philosophie nicht nur auf Wissen, sondern auf Weisheit (als Ideal) abzielt, also auch auf eine gute Lebensführung, steckt im Philosophieren immer schon ein ethischer Aspekt. Der Diskurs enthält ja auch ein transzendentales ethisches Moment (Apel), so wie philosophisches Wissen immer verantwortetes Wissen ist, den Menschen als ganzen betrifft.
Keine Frage, Diskurs-, Theorie- und ethische Kompetenz sind für eine Organisation in hohem Grad wertvoll. Es kann ja nur positiv sein, wenn ein Berater den Geist des Diskurses in einer Organisation fördern kann, wenn sich in einem Unternehmen oder einer Institution eine Diskurskultur etabliert, wenn statt befohlen vernunftgeleitet gesprochen wird, wenn nicht Macht und Druck, sondern lediglich "der zwanglose Zwang des besseren Arguments" (Habermas) herrscht.
Theoretische Kompetenz auf der anderen Seite kommt dem Berater und indirekt wieder der Organisation zugute, ganz einfach deshalb, weil ein Organisationsberater sich permanent selbständig in neue Disziplinen einarbeiten muß, weil er immer wieder unternehmensspezifische Fachgebiete kennenlernen muß, weil er überhaupt im Gespräch mit seinen Partnern einen Blick für Strukturen, eine Metakompetenz, die Fähigkeit des "helicopterings" braucht. Daß schließlich ethische Kompetenz in allen Bereichen des Arbeitens und Wirtschaftens not tut, braucht kaum weiter begründet zu werden.
Die Kompetenzen des Philosophen sind also in der Organisationsberatung ausgesprochen wertvoll und - was noch wichtiger ist - auch zunehmend gefragt. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren erkannt, daß ihre Mitarbeiter ihr größtes Kapital darstellen, daß es auch wirtschaftlich sinnvoll ist, sie zu fördern und an Entscheiden zu beteiligen, die Zusammenarbeit und das Gespräch zu kultivieren, kurz: die arbeitenden Menschen auf allen Hierarchiestufen als Partner ernst zu nehmen. Diese Haltung spiegelt sich auch in den Personal- und Organisationsentwicklungs-Programmen der Unternehmen.
Es fragt sich allerdings, ob die Fähigkeiten des studierten Philosophen auch hinreichen zur Tätigkeit eines Organisationsberaters. Um die Frage zu beantworten, muß man zuerst einen Blick auf diese Tätigkeit selbst werfen: Was tut ein Organisationsberater überhaupt? Ganz gewiß ist er nicht der Mann, den die Geschäftsleitung ins Haus ruft, um ihm dort Fragen zu stellen, die er kraft seiner Weisheit zu beantworten vermag. Vielmehr ist der größte Teil seiner Arbeit Schulung. Er bildet Menschen aus und weiter, vermittelt ihnen Wissen und Techniken, begleitet sie in ihrem Lern- und Entwicklungsprozeß. Die Palette der Themen ist breit. Was die sogenannten "weichen" Faktoren betrifft - das menschliche im Gegensatz zum materiellen "Kapital" -, mit denen sich der Philosoph natürlicherweise beschäftigen wird, gehören etwa dazu: Rhetorik und Präsentationstechnik, Kommunikationskompetenz im Mündlichen und Schriftlichen, Projektmanagement, Zeitmanagement, Teamwork und Konfliktmanagement.
In dem Maß, wie der Ausbilder auch an der Planung und Entwicklung von Schulungs- und Bildungsprogrammen von Organisationen beteiligt wird, ist er nicht nur "Trainer", sondern auch eigentlicher Organisationsberater oder Organisationsentwickler. Dann gehört zu seinen Aufgaben: mit den Personalentwicklungs-Verantwortlichen zusammen bedarfsgerechte Schulungskonzepte entwickeln und umsetzen, als "Moderator" die Zusammenarbeit von Arbeitsgruppen und Teams unterstützen, Führungskräfte bei ihrer Führungstätigkeit "coachen".
Der Organisationsberater braucht also Kompetenzen, die ein Philosoph durchaus mitbringen oder erwerben kann, die aber üblicherweise in einem Philosophiestudium nicht erworben werden. Mit anderen Worten, das Philosophiestudium ist keine hinreichende Befähigung für die Organisationsberatung. Vielmehr braucht der Berater über die eigentlich philosophischen Fähigkeiten hinaus eine Reihe von Kompetenzen, ohne die es nicht geht. So gehört zum Beispiel viel psychologisches Geschick dazu, geht es doch darum, in der eigentlichen Beratung die Bedürfnisse der Partner herauszuhören und mit ihnen zusammenzuarbeiten; und in der Schulung muß der "Trainer" die Menschen dort abholen, wo sie stehen, also auch ihre Bedürfnisse und Emotionen, ihre Befürchtungen und Antriebe verstehen. Und selbstredend muß der Berater eine Reihe von Voraussetzungen mitbringen, ohne die er als freier Unternehmer nicht überlebt: Mut zum Risiko, eine Portion unternehmerisches Denken, eine gewisse Marketing-Kompetenz, also die Fähigkeit, "sich selber zu verkaufen", Kreativität und Frustrationstoleranz.
Vor allem aber ist eine hohe didaktische Kompetenz für den Philosophen dringend vonnöten. Philosophie läßt sich dem Nichtphilosophen nur vermitteln, wenn sie aus dem Elfenbeinturm herausgeholt und für seine konkreten Anliegen und Bedürfnisse fruchtbar gemacht wird. Kants Diktum gilt auch hier: Man kann nicht Philosophie, nur Philosophieren lernen. Das heißt zweierlei: Der Organisationsberater muß erstens didaktisch fähig sein, mit seinen Lernpartnern das Philosophieren zu üben. Und er muß zweitens auch imstande sein, die Gedanken der philosophischen Tradition in eine allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen. "Alles was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen." (Wittgenstein, TLP 4.116) Wenn es nicht gelingt, die große Kluft zwischen der Abstraktion akademischer Philosophie und der konkreten Lebenspraxis der Adressaten zu schließen, läßt sich Philosophie weder vermitteln noch verkaufen. Daß das auch möglich ist, machen uns viele englischsprachige Philosophen seit langem vor.
Hinter dem Vorwurf der Simplifizierung steckt nicht selten auch ein übertriebenes Exaktheitsideal, das den Menschen nicht dient, die philosophieren lernen wollen, und wohl auch nicht der Philosophie selber: "Wenn ich einem sage 'Halte dich ungefähr hier auf!' - kann denn diese Erklärung nicht vollkommen funktionieren? Und kann jede andere nicht auch versagen?" (Wittgenstein, PhU 88)
Schließlich gibt es die Philosophie selber nicht ohne Menschen, die sich mit ihr befassen. Philosophie bleibt bedeutungslos, wenn sie nicht zur Angelegenheit derer wird, die sich mit ihr auseinandersetzen oder sie betreiben wollen.
Auf jeden Fall muß der Vorwurf der Simplifizierung am konkreten Versuch selber überprüft werden. Und damit bin ich beim praktischen Teil meines Erfahrungsberichts.
In meinem Buch "Die philosophische Werkzeugkiste" habe ich zu zeigen versucht, wie man Philosophie für Führungskräfte fruchtbar machen könnte. So läßt sich in originär philosophischen Kursen wie solchen zur Logik (klares und diskursorientiertes Argumentieren), zur praktischen Philosophie (diskursorientiertes Gespräch über Fragen der sinnvollen Lebens- und Arbeitsgestaltung) und zur Ethik (verantwortungsgetragener Diskurs über Entscheidungsfragen) philosophieren. Beim Beispiel Ethik etwa geht es darum, einerseits philosophische Begriffe zu vermitteln, die als Entscheidungshilfe in konkreten Situationen dienen können (z.B.: das Begriffspaar deontologische/teleologische Ethik, Universalisierbarkeit, die Differenz Moral - Ethik, den kategorischen Imperativ Kants, das utilitaristischen Prinzip, Rawls' Gerechtigkeitskriterien etc.) Andererseits muß der ethische Diskurs mit den Seminarteilnehmern konkret eingeübt werden. Die philosophischen Konzepte müssen bezogen werden auf die Handlungssituationen und Wertsysteme der Teilnehmer, und zwar so, daß für diese eine Klärung und eine Sicherheit für künftige Entscheidungssituationen zustande kommt.
Neben den originär philosophischen Teildisziplinen bieten aber auch verschiedene andere gängige Themen im Schulungsbetrieb die Möglichkeit philosophischer Vertiefung. Ein Beispiel: "Zeitmanagement". Zu diesem Thema werden in der Branche sehr häufig Seminare angeboten und auf dem Buchmarkt Titel verkauft. In der Regel geht es dabei um Techniken der Zeitminimierung, der Planung und Organisation des eigenen Tagesablaufs, um Prinzipien der Delegation und Kommunikation. Dem Thema kann aber ohne weiteres eine philosophische Dimension verliehen werden, etwa durch die sorgfältige Einführung von Begriffen wie Zeitquantität/Zeitqualität, objektive/subjektive Zeit, Mittel/Zweck, Wert, Sinn, Leben im "Man" (Heidegger). So kann ein Zeitmanagement-Seminar zu einem Diskurs über sinnvolle Zeit- und damit Lebensgestaltung werden.
Philosophieren kann also durchaus auch stattfinden, ohne dass das Wort Philosophie auftaucht. In meiner konkreten Schulungs- und Beratungstätigkeit zum Beispiel nehmen die Seminare mit originär philosophischen Themen einen relativ bescheidenen Raum ein. Daneben gibt es aber zahlreiche Möglichkeiten, Schulung und Beratung auf eine philosophische Ebene zu verlagern und philosophische Einsichten fruchtbar zu machen. Immer aber steht die gemeinsame Arbeit an der Sprache im Zentrum: Es geht um Klärung dessen, was wir mit Wörtern und Sätzen meinen, um Sprachtherapie im Sinne Wittgensteins. Und sie findet möglichst nahe an der Sprachpraxis, am Sprachspiel der Sprecher statt, und mit ihnen zusammen.
Fazit also: Ein philosophisches Studium ist eine gute Voraussetzung für einen Organisationsberater, aber es allein genügt nicht. Der Studienabgänger, der den Beruf ins Auge faßt, muß also vor der trügerischen Hoffnung gewarnt werden, er könne gleich damit beginnen, als philosophischer Unternehmensberater zu arbeiten.
Organisationsberater sind in aller Regel keine Studienabgänger, sondern Quereinsteiger aus anderen Berufen - Lehrer, Psychologen, Führungskräfte -, und meistens beginnen sie damit in mittleren Jahren, also nach längerer Berufserfahrung. "Unternehmensberater" und "Organisationsberater" sind keine gesetzlich geschützten Berufsbezeichungen, es gibt daher auch keine verbindlichen Ausbildungsgänge mit Zertifikaten, die allgemein anerkannt sind, wohl aber zahlreiche Angebote ganz verschiedener Provenienz (von psychologischen, Erwachsenenbildungs- und anderen Instituten). Sehr wertvoll ist natürlich eine didaktische Ausbildung. Für alle diese Zusatzausbildungen aber gilt: Sie mögen dem philosophischen Studienabgänger nützliche Qualifikationen vermitteln, sie bedeuten aber für einen erfolgreichen Einstieg in den Markt recht wenig.
Was er hingegen braucht, ist zunächst einmal Berufspraxis und dann viel Geduld, Kreativität und einen langen Atem. Er ist gut beraten,
während oder nach dem Studium auch noch etwas anderes
zu machen, zum Beispiel Linienerfahrung in einem Unternehmen zu gewinnen oder didaktische
Erfahrung beim Unterrichten, auch "unphilosophische" Jobs anzunehmen, damit er
seinen praktischen Sinn fördern und ein gewisses Quantum an Lebenserfahrung gewinnen
kann,
verschiedene Wege zu gehen, mehrere Netze auszuwerfen
(Kontakte zu Schulungsinstituten aufbauen, Beziehungen mit Ausbildungsverantwortlichen
knüpfen, publizieren etc.),
die Tätigkeit des philosophischen
Organisationsberaters erst nach einigen Berufsjahren und eventuell im Teilpensum zu
beginnen,
mit Schulung anzufangen, da keiner einen Berater
verpflichtet, der noch "keinen Namen hat", und den erwirbt man sich durch
Kompetenz als Ausbilder,
sich nach dem Einstieg ein paar Jahre Zeit für den
Aufbau der Beratungstätigkeit zu geben (3-5 Jahre),
sich nicht auf das Wort "Philosophie" zu
versteifen, sondern die Sache (vielleicht auch unter anderem Namen) im Auge zu haben,
mit einem Wort: Umwege zu gehen und diese auch als
nützlich und wertvoll anzusehen.
Ähnlich verlief auch mein persönlicher Weg zum Organisationsberater. Nach 15 Jahren Lehrtätigkeit an einem Gymnasium wurde mein Bedürfnis immer drängender, auch mit Erwachsenen zu arbeiten, den Schonraum der Schule zu verlassen und Wissen dort zu vermitteln, wo es unmittelbar gebraucht und umgesetzt wird. Die schrittweise Reduktion meines Lehrerpensums erlaubte es mir, allmählich ein zweites berufliches Standbein aufzubauen, ohne als Familienvater ein alzu grosses ökonomisches Risiko einzugehen. Freunde (Nicht-Philosophen), die schon als Organisationsberater arbeiteten, halfen mit Rat und Beziehungen. Erste Schulungsaufträge für Rhetorik, Kommunikation, Führungstechniken und Textproduktion, aber auch die Zusammenarbeit mit Personalent wicklungs-Verantwortlichen, Publikationen und Vorträge liessen mich allmählich in den neuen Beruf hineinwachsen.
Bei vielem, was dem Namen nach nicht philosophische Tätigkeit war, konnte ich doch den philosophisch orientierten Umgang mit Menschen im Arbeits- und Führungsalltag üben. Jedenfalls möchte ich diese Erfahrungen nicht missen. Denn schließlich geht es nicht einfach darum, "die Philosophie" zu verkaufen, sondern Menschen zu unterstützen, die den philosophischen Diskurs lernen wollen, - und damit auch, zugegeben, sein Brot zu verdienen.
Egger, Richard: Die philosophische Werkzeugkiste. Praktische Philosophie für Manager, Orell Füssli, Zürich 1997.
drs., Philosophie für Führungskräfte, in: Der Organisator 5/98, S. 20f (erschienen auch in: Magazin 1'98. Die Zeitschrift der Basler, und in: Bestseller 6/98).
drs., Rezept gegen Rezeptköche: Philosophie für Führungskräfte. Persönlichkeiten gefragt, in: Alpha. Der Kadermarkt der Schweiz, 23./24. Januar 1999, S. 64.