Die philosophischen Cafés in Frankreich

Bestandsaufnahme von Sabine Günther

"Brunch" ist ein Fremdwort für den Franzosen. Erstens, weil es aus dem Englischen kommt, also einer Sprache, die der Franzose - wie übrigens auch jede andere nichtfranzösische Mundart - nur ungern spricht. Zweitens, weil der Franzose zwischen morgendlichem "Café au lait" und mittäglicher "cote d'agneau" scharf zu trennen weiß. Drittens, weil in der Zeit, in der andere Europäer brunchen, in Frankreich philosophiert wird.
Wenn man sich einmal ansieht, was augenblicklich an Sonntagvormittagen in Frankreichs Cafés und Bistros los ist, fragt man sich sofort, wie ein patron oder sein garçon das aushalten können. Denn das Philosophieren im Café geschieht nicht in kleinen, viel Bier, Wein oder Kaffee konsumierenden Herren- und Damenrunden, sondern in Form einer invasionsartigen Massenbesetzung der Örtlichkeit, deren Szenarium dem vor Beginn von Winter- oder Sommer-schlußverkäufen nicht unähnlich ist. Kurz vor 10 Uhr sammeln sich zwischen 80 und 150 Leute vor dem für die philosophische Diskussion ausgesuchten Café. Bei Erscheinen des animateur beginnt sich die Menge zusammenzuballen und stürmt in den darauffolgenden fünf Minuten die freien Stühle im Innenraum des Cafés. Die meisten haben natürlich kein Glück und müssen stehen bleiben. Das macht aber nichts, denn man hat sich ja schließlich nicht zum Kaffeetrinken in diesem Café versammelt.
10.15 Uhr - so, jetzt kann es losgehen. Mikrofone eingeschaltet, schnell noch einige Philo-Café-Interna kundgetan, die Monatsausgabe des Vereinsblatts Philos verteilt und dann die Themenvorschläge für die heutige Diskussion entgegengenommen: Das Imaginäre, Der Mißbrauch der Macht, Der Sinn der Anstrengung, Das Verhältnis der Revolte zur Macht, Ist der Mensch künstlich, Die Identität, Das Engagement... Schnell, schnell, die Zeit drängt. In drei Stunden müssen sämtliche Ur-Fragen des Lebens geklärt sein. Der Diskussionsleiter setzt kurzerhand Identität aufs Programm und bittet die Dame, die den Vorschlag gemacht hat, um eine Einführung in die Fragestellung.
11.00 Uhr - Eine Vorwarnung: Die Diskussion, die nun gleich losbricht, ist nichts für strukturliebende Geister. Das tohuwabohuige Gebräu aus philosophischem Gedankenansatz, Gemeinplatz, flottem Spruch, verbaler Provokation, Situationskomik und himmelschreiender Dummheit entwickelt seine eigene Dynamik, die nicht jeder verkraftet. Kein Wunder, daß im Umkreis der philosophischen Cafés noch nie ein richtiger Philosoph gesehen wurde. Meine Reise durch die philosophischen Cafés führte mich kreuz und quer durch Frankreich. Ich saß meine Sonntage von Nantes bis Grenoble, von Bordeaux bis Strasbourg, von Paris bis Marseille bei Nana und Nenette, im Relais des Arts, im Tivoli, im Bouchon und im Bermuda Clafoutis ab. Wenn ich auch nicht in allen 76 Philo-Cafes gewesen bin, kann ich doch sagen, daß mir das Unternehmen vertraut wurde. Es begann mir sogar zu gefallen und als eine originelle Form des militanten Dilettantismus einzuleuchten. Die Erklärung dafür, warum die philosophischen Cafés in so kurzer Zeit so berühmt werden konnten, lag bald auf der Hand: An keinem anderen öffentlichen Ort kann man heutzutage so ungeniert und intensiv beobachten, was Leute verschiedenster sozialer Schichten und Generationen an Meinungen, Vorurteilen und Ängsten im Kopf haben. Man ist live dabei, wenn sich die Fraktionen in die Wolle kriegen, sich das Mikrofon aus der Hand reißen und philosophisch zu delirieren beginnen.
Wir bekommen es im philosophischen Café mit schöngeistigen Fräulein und schüchternen Philosophie-Studenten ebenso zu tun wie mit endlos dozierenden exzentrischen Selbstdarstellern, komischen Käuzen, geistreichen und geistlosen Lebenskünstlern, Poeten und Clochards. Sie alle kommen hierher, um sich zu amüsieren und um endlich einmal die Gelegenheit zu haben, vor versammeltem Publikum den Mund aufzumachen. Während sich die einen auf Beobachterposten stellen, produzieren sich die anderen vor der Menge. So kommt für viele durch die sonntäglichen Debatten ein wenig Abwechslung und Aufregung in ihr ansonsten kommunikationsarmes Leben.
"Entwickeln Sie Ihre These". Es geht um Identität; und das im Kultcafé La Samaritaine am Vieux Port von Marseille. In der Nachbarstadt Vitrolles gehen die Franzosen an diesem herrlich sonnigen Sonntagvormittag zur Wahl und stimmen für den, dessen Partei ihre Identität in Zukunft vor allem Frankofremden zu schützen verspricht: Le Pen. Der Animateur ist so klug, aus der philosophischen Sitzung keine politische Versammlung zu machen. Aber die Stimmung im überfüllten Bankettraum des Cafés ist aufgeheizt und die Debatte alles andere als sachlich. Beim Reden merken viele, daß ihre eigene Identität wenig eindeutig ist, würden aber andererseits ungern darauf verzichten, eine solche zu besitzen. Zwei Studenten bemerken, daß sie die Identitätsproblematik überhaupt nicht verstünden. Jeder ist mit sich selbst identisch. Punkt.
Nach drei Stunden ist die Diskussion zu Ende. Der Raum leert sich nur langsam, denn viele würden gerne noch weitermachen. Ein Trupp militanter Animateure aus Aix-en-Provence, Martigues und Marseille nähert sich dem erschöpften Diskussionsleiter, um ihn in die Zange zu nehmen und wegen seines bestimmten, ja demagogischen Führungsstils zur Schnecke zu machen. Der Patron der Samaritaine packt unterdessen die Verstärker und Mikrofone ein und lädt gegen 13.30 Uhr den entnervten Diskussionsleiter endlich zum Apéritif im Erdgeschoß des Cafés ein. Als ihn dieser, ein stadtbekannter Journalist, im Angesicht des malerischen Panoramas im Herzen Marseilles, fragt, ob er seinen Saal auch für ein politisches Café zur Verfügung stellen würde, sagt der Patron ganz klar nein: Er mache beim philosophischen Café nur Miese und möchte nicht auch noch zum Sammelbecken konspirativer Steinewerfer werden.
Am darauffolgenden Dienstag finde ich mich um 20 Uhr in La Passerelle, einem auf Comic-Literatur spezialisierten winzigen Buchladen mit Barbetrieb in einer der populärsten Ecken Marseilles, ein. Dem philosophischen Café ist eine Art Anbau, der den Geschäftsbereich von den Toiletten trennt, vorbehalten. Mehr Komfort wäre wünschenswert, aber ein größerer Raum nicht nötig, denn für Anhänger von Wilhelm Reich und Anthroposophen, die sich hier vierzehntäglich versammeln und von denen es in Marseille bestimmt nicht mehr als 20 gibt, reicht er. Der Gründer und Chef des Kreises heißt Helmut Hardy, der in seinem ersten Leben Psychoanalytiker in Bonn gewesen sein soll. Die Gruppe, die sich um ihn geschart hat, findet, daß sie im Gegensatz zur "intellektuellen Mafia" am Vieux Port undogmatisch, ganz normal und ideologisch weit offen sei. Die Abendrunde besteht aus 13 überwiegend weiblichen Teilnehmern, die über zwei Themen abzustimmen haben: 1. Das Engagement. Worin besteht heute der Sinn unserer Handlungen? und 2. Zärtlichkeit und Gewalt im Zustand des Verliebtseins. Die Gruppe entscheidet sich für das zweite Thema, obwohl es ihrer Meinung nach nicht sehr philosophisch ist.
Und dann wird losgelegt: Die 68er bedauern das Ende der sexuellen Ungebundenheit, Alleinstehende geben ihr Plädoyer für die Freiheit im Privaten ab, ein Psychiater exponiert sich mit der These, daß Liebe und Haß zwei Seiten derselben Medaille seien, wogegen eine schöne Seele heftigsten Einspruch erhebt. Am Ende des Abends, an dem endlich auch Helmut Hardy erscheint, bedankt sich der junge Mann, der das Thema aufgeworfen hatte, höflich für die zahlreichen Meinungsäußerungen, aus denen er lernen konnte, wie normal seine Gefühle sind.
1992 erschien in Frankreich ein Buch, das als Einstiegslektüre in die Philo-Cafe-Szene zu empfehlen ist: Un Cafe pour Socrate von Marc Sautet (in deutscher Übersetzung: Ein Café für Sokrates. Philosophie für jedermann. 344 S., DM 49.80, 1997, Artemis) "Im allgemeinen", schreibt er darin, "haben wir es nur bei der Vorbereitung auf das Baccalaureat mit philosophischen Themen zu tun, wir machen uns mit einigen Theorien und Texten vertraut, lernen Zitate auswendig, schreiben Aufsätze und legen schließlich eine Prüfung ab. Philosophische Fragen sind ja von besonderer Natur: 'Was machen wir auf dieser Erde?', 'Woher kommen wir und wohin gehen wir?', 'Gibt es ein anderes Leben?', 'Stirbt die Seele oder überlebt sie im Körper?', 'Hatte das Universum einen Anfang, und wird es ein Ende haben?', 'Soll das Geld die Welt regieren?', 'Ist es besser Opfer oder Henker, vernünftig oder verrückt zu sein?'. Wir treten danach in die Welt der Erwachsenen ein und vergessen diese Fragen. Aber durch einen Todesfall, einen Unfall, durch das Ende einer Beziehung, den Verlust der Arbeitsstelle, durch die Tagesnachrichten mit ihren Horrormeldungen, ihren Skandalen und den Bedrohungen, die auf unserem Planeten lasten - durch all das kommen die alten Fragen, die wir im Alltag so gut verdrängt hatten, langsam wieder hoch. Heimlich fangen wir zu lesen an, um die früheren philosophischen Fragen wiederzufinden. Viele von uns gehen zum Psychiater oder folgen einem Guru. Doch ungewußt suchen wir eigentlich einen Philosophen. Denn die Tatsache, daß man über etwas nachzudenken beginnt, bedeutet doch, daß der den Dingen einmal gegebene Sinn nicht mehr stimmt. Vielleicht muß eine bestimmte Konzeption oder Doktrin neu hinterfragt werden, aber dazu muß man in der Lage sein, ihre Problematik aufzudecken und die richtigen Fragen an sie zu stellen?" (S. 68)
Aus der allgemein verbreiteten mangelnden Fähigkeit zur Erhellung der auf uns lastenden Probleme läßt sich ein florierendes Gewerbe entwickeln, sagte sich Marc Sautet und richtete nach dem Vorbild von Gerd B. Achenbach 1992 in der Rue de Sevigne ein cabinet philosophique ein.
Mit der Philo-Mode wurde eine neue Art von Philosoph geboren, dessen Bücher nicht mehr in der geisteswissenschaftlichen Fachabteilung eines Buchladens vor sich hinschlummern, sondern dem Käufer als Bestseller aus dem Bereich der Unterhaltungsliteratur in die Augen springen. Andre Comte-Sponville ist der bedeutendste französische Vertreter dieser neuen Gattung. Sein erstes, inzwischen in 18 Sprachen übersetztes und auf deutsch unter dem Titel Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben erschienenes Buch verkaufte sich in Frankreich fast 200'000 Mal. Es gilt in Frankreich zur Zeit neben Jostein Gaarders Le monde de Sophie oder Paulo Coelhos L'Alchimiste beim vor allem jungen Durchschnittsleser als die philosophische Referenz. Unter dem Eindruck des Verkaufserfolgs veröffentlichte Comte-Sponville im Herbst 1996 mit Impromptus eine Sammlung von zwölf Zeitschriftenaufsätzen, deren inhaltliche Banalität zwar die Kritiker schockte, aber das Publikum nicht davon abhielt, das Buch massenweise zu kaufen. Aus dem Kapitel "Der Geschmack des Lebens":
"`So wie die Erdbeere nach Erdbeere schmeckt', sagte Alain, 'schmeckt das Leben nach Glück.' Ich kenne wenig Sätze, die bei mir einen solchen Nachgeschmack von Glück, aber gleichzeitig auch von Neid und wegen des Neids von Bitterkeit hinterlassen haben. Man muß den Meister noch etwas ausführlicher zitieren: 'Das Leben ist vor allem andern gut; es ist gut aus sich selbst heraus; auch das Nachdenken ändert daran nichts. Man ist nicht glücklich, weil man verreist, reich ist, Erfolg oder Spaß hat. Man ist glücklich, weil man glücklich ist. Das Glück ist der eigentliche Geschmack des Lebens. Wie die Erdbeere nach Erdbeere schmeckt, schmeckt das Leben nach Glück. Sonne ist gut. Regen ist gut. Geräusche sind Musik. Sehen, hören, spüren, kosten, berühren - all das sind Zustände des Glücks. Selbst die Mühe, der Schmerz und sogar die Müdigkeit haben den Geschmack des Lebens. Es ist gut dazusein; und das ist nicht besser als etwas anderes. Denn existieren ist alles und nicht existieren ist nichts. Wenn das nicht so wäre, würde nichts Lebendiges dauern und nichts Lebendiges geboren werden. Denken Sie einmal, welche Freude wir beim Anschauen einer Farbe empfinden. Handeln ist eine Freude und Wahrnehmen ebenso.
Wir sind ganz und gar nicht dazu verdammt zu leben; wir sind süchtig nach Leben. Wir wollen sehen, berühren, urteilen; wir wollen die Welt erkunden. Jeder Lebende ist wie ein Spaziergänger am Morgen. Wir sehen, weil wir sehen wollen, und leben, weil wir leben wollen. Das ganze Leben ist ein Jubelgesang.'
Dies hier ist nur ein kleiner Artikel, eine seiner, wie Alain sagte, unzähligen 'Gelegenheitsäußerungen', die er im Laufe des Jahres (täglich und unentgeltlich) in einer Provinzzeitung in Rouen veröffentlichte. Der ausgewählte Artikel datiert vom Mai 1909, und ich beneide die Leser, die solche Art von Nachrichten beim Frühstück lasen, also gleichzeitig über das Glück und die Ereignisse in der Welt informiert wurden, über das Leben und seine Köstlichkeit und das Unglück und das wirtschaftliche Auf und Ab. Das Leben ist Tragödie und Komödie in ein und demselben Stück. Es ist gut und schön, oder kann es zumindest sein, wenn wir es zu leben und so zu lieben wissen, wie es ist. Und außerdem haben wir ja gar keine andere Wahl. Man muß das Leben so lieben, wie es ist, oder darauf verzichten, es zu lieben. An diesem Punkt komme ich auf Alain, Montaigne, Lukrez und Spinoza zurück: Lieben = Akzeptieren. Duldsam sein, wenn nötig, fröhlich sein, wenn möglich. Die tragödische Weisheit ist die einzige, die nicht lügt. Im Grunde handelt es sich hierbei um nichts anderes als das, was bei Freud 'Trauerarbeit', heißt und mehr wert ist als Religionen oder Lügen. Lieber die bittere Wahrheit als süße lllusionen."
Soweit Comte-Sponville. Die Medien spielen beim Verschleiß philosophischer Inhalte begeistert mit. Mit großem Einsatz hieven sie das groß in Mode gekommene philosophische Gespräch zu einschaltquotenfreundlichen Tageszeiten auf die Sendeplätze. Verlage ziehen mit Philo-Reihen, in denen sie "Verbrauchertips" geben, "die für das richtige philosophische Fragen unerläßlich sind", nach. Den Gipfel der Verwüstung erreichte kürzlich ein Wörterbuch mit einer Neudefinition des philosophischen Kernbegriffs "Konzept" als der "Definition eines Produkts hinsichtlich seiner Bestimmung". Punkt. Kein Wunder, daß vor kurzem an mehreren Fronten zum Gegenangriff übergegangen wurde. Zeitschriften wie Le Magazine littéraire und Le Monde de l'édu-cation widmeten in den vergangenen Monaten der Philo-Mode Sonderhefte, in denen sie Geschäftemacher vom Typ Marc Sautets aufs schärfte angriffen. Unter dem Titel "Von Kant bis Kanterbräu" schrieb Marc Duputs: "Ehe er die Philosophie-Cafés erfand, hatte der zum Liberalismus bekehrte ehemalige Trotzkist schon die Philosophie erneuert, indem er sie ganz einfach wie eine Fabrik zum Verkauf von Konzepten privatisiert hatte, die man auf Verabredung in seiner Praxis, Rue de Sévigné, erhalten konnte. 'Warum sollen die Philosophen die einzigen sein, die nicht bezahlt werden? Die Psychotherapeuten stellen doch für ihr Wissen auch Rechnungen aus', verteidigt sich Marc Sautet. Gewiß, aber sie machen ihren Patienten nicht weis, daß sie selbst ebenfalls Therapeuten sind. Und, darin besteht ein weiteres Mißverständnis, die Philosophie ist keine Therapie." Aus dem intern-philosophischen akademischen Lager kamen vehemente Einwürfe - merkwürdigerweise unter anderem von einem Philosophen, der momentan zu den mediatisiertesten Vertretern seiner Zunft gehört: Bernard-Henry Lévy. "Ein Konzept bleibt immer, und zwar per Definition, dunkel. Die Arbeit am Konzept ist notwendigerweise schwierig. Und dies begrenzt unvermeidlich jede Versuchung einer Demokratisierung der Philosophie und ist auch der Grund dafür, daß ich wohl an eine Philosophie glaube, die ihren Wirkungskreis erweitert, aber nicht an den Mythos einer Philosophie für alle. Es gibt scheinbar 'philosophische Praxen.' In der Stadt sollen Leute sein, die sich zum 'Philosophen' erklärt haben, wie sich jemand 'Meisterfriseur' nennt, und die 'Beratungen' veranstalten. Vielleicht ist das Unternehmen sympathisch, philosophisch ist es nicht. Die Philosophen können mit den Medien paktieren. Sie können selbstverständlich in Tagesdebatten eingreifen. Sie können, wenn sie eine philosophische Vision haben, zum Beispiel politisch Partei ergreifen. Aber die Philosophie als solche, diese theoretische Decke, die Diskurse und Programme trägt, war und wird niemals allen zugänglich sein: Sie besitzt in ihrem Kern eine unzerstörbare Nacht-Seite, aus der nur derjenige Gewinn schlägt, der Stimmungen demagogisch auszunutzen versucht."
Bernard-Henri Levy, kurz BHL genannt, wurde im Fernsehen durch seine politischen Auftritte während des Kriegs in Ex-Jugoslawien, auf dem Buchmarkt durch seine amourösen Dialoge oder in den Frauenmagazinen durch seine Schönheit, die sich mit der Schönheit einer schauspielernden Blondine vermählte, und nicht zuletzt als dilettierender Filmregisseur weitaus berühmter als mit irgendeinem seiner philosophischen Bücher. Er vertritt die "Neuen Philosophen", deren Anspruch ab Anfang der achtziger Jahre darin bestand, die Philosophie aus den universitären Zirkeln herauszuführen, zu popularisieren und sie mit politischem Handeln zu verbinden. Heute, zwanzig Jahre danach, hält BHL das Projekt der "Neuen Philosophen" für gescheitert: "Das Denken löst keinen Skandal mehr aus." Die Philosophie in ihrer populärsten Form des gelehrten Streitgesprächs ist zu einem integralen Bestandteil unserer Gesellschaft des medialen Spektakels geworden. Von diesem nestbeschmutzenden Phänomen haben sich die Neuen Philosophen abgewandt und ihre Nachfolger, die "Liberalen Philosophen", aufs kräftigste profitiert. Sie sorgten dafür, daß die Vermarktung der Philosophie nicht allein den Medien überlassen wurde, sondem in eigener Sache geschah. Auch um den Preis eines bemerkenswerten NiveauSchwunds in der philosophischen Arbeit. Das erfuhr kürzlich bei Christian Delscampagne, Philosoph und Autor einer Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts, seine vernichtende Bestätigung: "Nichts von all dem, was gegenwärtig die philosophische Debatte in Frankreich bestimmt, ist wirklich neu. Selbst auf die Gefahr hin, pessimistisch zu erscheinen, gehe ich noch einen Schritt weiter und behaupte, daß im Moment das Angebot an Philosophie und die Nachfrage nach ihr weit auseinanderklaffen. Denn die öffentliche Nachfrage ist - darüber muß man sich auch nicht wundern - riesengroß. Die Leute haben einigen Grund, dem technokratischen Abdriften der europäischen Staaten zu mißtrauen. Sie empfinden die Abwesenheit einer sozialen oder politischen Perspektive als Zumutung und haben gleichzeitig nicht alle Lust, wieder die alten Bahnen eines quasireligiösen Denkens einzuschlagen. Sie sind auf der Suche nach Werkzeugen für das Verständnis unserer Epoche. Sie wollen unerprobte Formen des Dialogs und der Be-gegnung erfinden."
Die Zeit der Meisterdenker scheint endgültig *passé+ zu sein. Die meisten Philosophen sind zu Spezialisten eines eng umschriebenen Teilgebiets ihrer Wissenschaft geworden. Einige wenige sind gesellschaftlich und politisch wach geblieben und versuchen, sich öffentlich Gehör zu verschaffen, auch auf die Gefahr hin, von den Medien mitsamt ihrer Botschaft geschluckt zu werden. Eine dritte Gruppe verkauft mit hohen Gewinnen politisch aseptische Weisheiten aus der philosophischen Klippschule. Eine vierte Gruppe, die noch weiter, nämlich bis in die Niederungen philosophischer Cafés herabstiege, gibt es nicht. Warum eigentlich? Weil es hier für einen Philosophen nichts zu holen gibt - weder Geld noch Ruhm. Er würde an den spontanen Improvisationen, den Kreuz- und Querverbindungen ungeordneter Gedanken schier verzweifeln. Und das Publikum würde ausserdem jeden Versuch eines Profis, die Diskussion zu qualifizieren, verhindern. Denn der Franzose kennt die Philosophie als Schulfach vor dem Baccalauréat und hat genug unter Lehrsätzen gelitten, die theoretisch wertvoll, aber praktisch untauglich waren.
Was die Leute heute ins philosophische Café treibt, ist nicht ihr Nachholbedarf an verpaßtem Wissen, sondern das beklemmen-de Gefühl, ihres Denkens nicht mehr mächtig zu sein, vielleicht noch niemals gründlich nachgedacht oder irgendwann im Laufe ihres Lebens den Faden verloren zu haben. Die Leute, die in einem philosophischen Café das Wort ergreifen, stehen mit denen, die ihnen zuhören, am Anfang einer wichtigen Klärung, einer Neuorientierung ihrer Urteile über ihr eigenes Leben und die Gesellschaft. Das Schlimmste, was ihnen dabei passieren kann, ist ein Philosoph, der sich in therapeutischer Absicht des Gedankenchaos' annimmt.

Erstveröffentlichung in der "Basler Zeitung". Von der Redaktion leicht gekürzt.