Philosophische Kultur in der DDR

Zu heftigen Auseinandersetzungen hat der 1996 in der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie" veröffentlichte Artikel "Situation der Philosophie, Kultur der Philosophen. Über die neudeutsche Universitätsphilosophie" des damals in Leipzig am Institut für Philosophie als Assistent lehrenden Ulrich Johannes Schneider geführt. Noch vor Erscheinen des Textes, so berichtet die Frankfurter Rundschau, sei in Berlin in einer öffentlichen Diskussion über den Text verhandelt worden, wobei man vorsichtshalber den Autor nicht eingeladen habe.

Der Artikel selber ist Teil eines eigens für die UNESCO verfaßten Berichtes über die Philosophie in Deutschland. Schneider konstatiert, die bis zur Abwicklung in der DDR tätigen Philosophen hätten heute nicht nur keine Stimme mehr, auch ihre Geschichte sei schon geschrieben - von westdeutschen Autoren. "Unheimlich" mutet ihn an, daß der Vorgang der Abwicklung der DDR-Philosophen die Philosophie als solche nicht verändert habe: "Die Universitätsphilosophie scheint aus einer Selbstverständlichkeit in eine andere geraten zu sein, ohne daß eine nicht bloß lokale Diskussion darüber stattgefunden hätte." Zudem wirft er, was ihm besonders übel vermerkt wird, den aus dem Westen zugezogenen Philosophen vor, sich für die Verhältnisse in den neuen Bundesländern nicht zu interessieren: für diese seien die Stellen im Osten einfach Beförderungen, nicht mehr und nicht weniger: "Philosophen waren Staatsdiener hüben und drüben und sind es noch heute; ganz wie Soldaten oder Polizisten bequemen sie sich Regeln und Gesetzen; das Befolgen und Gehorchen gelingt ihnen von allein".

Die Philosophieprofessoren sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik seien mit dem jeweiligen Staat eng verbunden (gewesen), die je äußerste Grenze der Lehre und Forschung an den deutschen Universitäten (beider deutscher Staaten) habe "in der ministerialen Personalpolitik und den darauf orientierten Rücksichten gelegen". "Der eklatante Mangel an Reflexion über die Stellung der Philosophie in der Gesellschaft hat ost- wie westdeutsche Philosophen zu Schachfiguren einer Politik werden lassen, die auf das reibungslose Funktionieren von Lehre und Forschung abzielt." Die Abwicklung sei nach politischen und nicht nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgt: "Wissenschaftliche und pädagogische Qualifikation war nie Thema".

Schneider geht aber noch einen Schritt weiter und holt zu einer generellen Kritik an den deutschen Universitätsphilosophen aus: Er konstatiert eine "Unfähigkeit zur Vermittlung von Philosophie außerhalb der Universitäten". Eine Professionalisierung der Philosophie habe zu einer "Konzentration der individuellen Kommunikationskompetenz auf wenig mehr als das für die Karriere notwendige Maß geführt", ein Umstand, der mit dafür verantwortlich gewesen sei, daß die Universitätsphilosophen aus Ost- und Westdeutschland nach 1990 unglaublich große Schwierigkeiten hatten (und haben), einander zu verstehen.

Gunter Herzberg, ein aus dem Osten kommender Philosoph, der verschiedene Beiträge zur Aufarbeitung der DDR-Philosophie veröffentlicht hat, nahm am 11. März 1996 in der Zeitung Die Welt zum Artikel von Ulrich Johannes Schneider Stellung: es seien die DDR-Philosophen, die ihre "eigene Vergangenheit zugedeckelt" hätten und nicht an ihren Anteil an der Indoktri-nierung der Bevölkerung erinnert werden wollten. Die akademische Philosophie in der DDR sei politische Philosophie gewesen, die ihren Weltanschauungscharakter aufdringlich betonte und ständig über ihre Reinheit wachen sowie gegen Abtrünnige zu Felde ziehen mußte: "Wer mag sich da noch gerne an diese Zeit erinnern?".

Am 14. Mai berichtet Rüdiger Zill (der in Dresden tätig ist) in der Frankfurter Rundschau von der Aufregung, die der Schneider-Text insbesondere an der Humboldt-Universität auslöste. Besonders mißfallen habe die Gleichsetzung der DDR- und der Westphilosophen als "Staatsdiener". Dieser "Aufschrei" zeige aber, daß ein wunder Punkt berührt worden sei: "Kaum einer, der die 'Abwicklung' nicht eigentlich fachlich billigte, menschlich-politisch aber dabei ein schlechtes Gewissen" mit sich herumtrüge.

Im Oktober 1996 erneuerte Ulrich Johannes Schneider seine Kritik, nämlich in der Frankfurter Rundschau. Das Bild der Marxistisch-Leninistischen Philosophie als einer weitgehend erstarrten ideologischen Dogmatik mit propagandistischer Funktion sei "oberflächlich und sagt nur, daß die DDR-Philosophie eine beschreibbare Außenseite hatte". Das reiche manchen aber schon (und dabei nennt Schneider explizit Volker Gerhardt), die DDR-Philosophie als bloßes Ornament des SED-Regimes zu karikieren. Der Foucault-Leser Schneider meint, die DDR-Philosophie sei nur von sich heraus zu verstehen: "Man müßte genauer hinsehen, um das, was von außen als geschlossener Betrieb erscheint, von innen zu erklären.... Statt zu sagen, man wisse nicht, was eigentlich stattfand, als in der DDR philosophiert wurde, sagt man, man wisse positiv, daß nichts oder nicht viel stattgefunden habe".

Volker Gerhardt replizierte darauf am 29.10. (wieder in der Frankfurter Rundschau). Schneiders erster Text, so Gerhardt, "strotzt vor Unsachlichkeit. Er verharmlost die Lage in der ehemaligen DDR in grotesker Weise und verbreitet gröbste Fehlinformationen", indem er etwa die Wiederherstellung der Philosophie nach der Wende als "Zerstörung einer philosophischen Kultur durch eine andere" kennzeichne. Am meisten erzürnte Gerhardt jedoch, daß Schneider keinen "nenenswerten Unterschied zwischen den Philosophen in der DDR und im Westen" zu sehen vermag: "Das am Beispiel der Philosophie gezeichnete Bild der DDR ist so idyllisch, daß man sich fragt, ob die Mauer eigentlich nötig gewesen wäre. Die Flucht aus diesem Staat kann jedenfalls nur ein Mißverständnis gewesen sein". Dabei kenne der Autor die Verhältnisse gar nicht aus eigener Erfahrung, er habe als junger Mann die Wendezeit in Kalifornien und Paris verbracht und arbeite erst seit 1992 als "Wessi" in Leipzig. Ähnlich wie Gerhardt argumentierte auch Guntolf Herzberg in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (Heft 1/1996): "Hier redet jemand aus der ungetrübten Überzeugung und der schiefen Haltung des Halbwissenden, der als Gerechter auftritt". Herzberg erinnert daran, daß die marxistisch-leninistische Philosophie, die sich "als den Gipfel des philosophischen Denkens" sah, letztlich ein Gemisch war, "von dem keiner genau sagen konnte, wo Philosophie und Glaubenssätze und politische Wunschvorstellungen und Lippenbekenntnisse ineinander übergingen" und von einer philosophischen Kultur, wie sie Schneider beschwört, keine Rede sein kann.

Mit Klaus-Dieter Eichler meldete sich ein jüngerer Ost-Philosoph in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (Heft 4/1996) zu Wort und berichtete über mündliche Zirkeln, die "im gemeinsamen Studium philosophischer Texte und bei der Suche nach Antworten etwa auf die Frage: Wie ist authentisches Leben möglich?" bestanden hätten. "Diese Suche nach Antworten, die in der offiziellen Philosophie schon lange nicht mehr zu finden waren, zeitigten Solidarisierungseffekte, die eine Kultur des Nachdenkens hervorbrachten, in der es vor allem um ein existentiell bedeutsames Philosophieren ging. In bewußter Abgrenzung vom verlogenen offiziellen Philosophieren etablierte sich eine philosophische Subkultur, die sich eigene inoffizielle Foren der Diskussion schaffte".

Ulrich Johannes Schneider übernahm nun diesen Hinweis auf die Subkultur in seine Argumentation, wieder in einem neuen Forum, dieses Mal in der "Zeit". Die Verurteilung der DDR-Philosophen nach moralischen und politischen Kriterien könne man, so führte er in der Ausgabe vom 31.1. 1997 aus, durch eine Beurteilung nach Kriterien der Philosophiegeschichte ergänzen: "Eine Annäherung an die DDR-Philosophie sollte ... als erste Maxime beherzigen, daß es sich bei ihr um ein in sich stabiles System handelte, das keineswegs scheiterte und darum nicht aus seinem Scheitern erklärt werden kann". Zudem sei es eine gewagte Unterstellung, die Philosophie der DDR als eine theoretische Variante des Marxismus zu nehmen: "Denn der Marxismus war in der DDR ein Etikett, das jeglicher philosophischer Tätigkeit angeheftet wurde." Denn, so Schneiders Argument, man bleibe bei dieser Beurteilung auf der Ebene der Schriften und Verlautbarungen. Diese seien aber, im Unterschied zum Westen, nicht identisch mit der philosophischen Kultur. Vielmehr müßten die vielen "verschlüsselten Diskurse" und die philosophischen Subkulturen, die eigene Zirkel und in Leipzig sogar eine Zeitschrift unterhielten, anerkannt werden: "Innerhalb des Elfenbeinturmes... überbrückte die Frage nach der Philosophie die spannungsgeladenen Pole individueller Zweifel, klassischer Texte und politischer Loyalität. Von diesen Spannungszuständen weiß man noch wenig Genaues". Vordergründig biete sich ein einheitlicher Schulzusammenhang dar, der aber in Wirklichkeit ein Nest von ideologischen Debatten und theoretischen Auseinandersetzungen sei. Wenn man, wie die westdeutschen Philosophen, diese Unterstellung nicht mache, müsse man von "Heerscharen ideologischer Barbaren und wissenschaftlicher Dummköpfe" ausgehen. Ein Klima der Denunziation habe jedoch die an den subkulturellen Diskursen Beteiligten davon abgeschreckt, sich dazu zu äußern.

Mark Siemons erklärte darauf in der Frankfurter Allgmeinen Zeitung vom 10.2.1997, es sei zweifelhaft, ob der Westen an so einer Archäologie, wie sie die Aufarbeitung dieser Subkulturen bilde, interessiert sei und es nicht lieber "bei seinem Bild vom seltsamen Osten beläßt". Entsprechend äußerte sich Volker Gerhardt am 22. Februar 1997 im Tagesspiegel zur These Schneiders, daß "es in der DDR eine eigenständige 'philosophische Kultur' gegeben habe, über die niemand von außen urteilen könne": "Da bleibt dem Geist die Spucke weg. Selbst die Insider der SED-Philosophie können über soviel Einfallsreichtum nur staunen".

Eine interessante Frage stellt sich Andreas Krause in der Berliner Zeitung: Warum findet der Text von Schneider eine so große Beachtung? "Die Universitätslehrer", so urteilt er, "müßten bei immer größeren Finanzproblemen einerseits und prestigeträchtigen Drittmittelunternehmungen wie dem Potsdamer Einstein-Forum andererseits ernstere Sorgen haben als die inzwischen abgeschlossene Arbeit der Evaluierungskommission". Die Antwort auf die Frage bleibt er jedoch schuldig.

Peter Moser