Michel Foucault - Zwischenbilanz einer Rezeption

Bei der Konferenz des Frankfurter Instituts für Sozialforschung wurde in wohltuender Weise auf eine einheitliche Botschaft verzichtet. Keine neues Foucault-Bild sollte aus der Taufe gehoben werden, eher ging es um die vielfältigen Einflüsse des früh verstorbenen Theoretikers in der Gegenwartsdiskussion. Ein Freund und Kollege Foucaults am Collège de France, der Altertumswissenschaftler Paul Veyne, erinnerte in seinem Eröffnungsvortrag an Grundzüge des Foucaultschen Denkens, die in den sachbezogenen Analysen als Konstanten sichtbar werden: Foucault reiht sich ein in eine Kritik der Auffassung von Wahrheit als Adäquatheit von Begriff und Gegenstand. Kants formale Kritik am naiven Versuch des Zugriffs der Erkenntnis auf die Dinge "an sich" erfährt dabei eine Erweiterung. Die Dinge erscheinen nicht in ihrer nackten Faktizität, sondern in Diskursen als ihren historisch gewordenen Rahmenbildungen. Vor allem diesen Rahmenbildungen gilt Foucaults Aufmerksamkeit. Seine Untersuchungen sind Genealogien, sie sollen verständlich machen, wie das zustande kommt, was uns als Wissen und Wahrheit erscheint. So muss eine Rede über Sexualität sich darüber Rechenschaft ablegen, dass sie nicht von "der" Sexualität handelt, sondern von dem, was von der antiken aphrodisia über das mittelalterliche Fleisch bis zu den modernen Formen als Diskurs jeweils bestimmend ist.

Ein wichtiger Strang in der gegenwärtigen Diskussion betrifft die Rolle des Subjekts bei Foucault. Seinem erst plakativ verkündeten Ende steht beim späteren Foucault das Interesse an einer Lebenskunst gegenüber, die auf die Subjektinstanz nicht verzichten kann. Foucault gerät in dieselben Schwierigkeiten wie schon Nietzsche, der nach der Dekonstruktion der alten Wertordnung unter Einschluss des Subjekts die Forderung nach einer Neuschöpfung der Werte nur um den Preis des Selbstwiderspruchs erheben kann: Wer sollte die Neuschöpfung praktisch leisten, wenn auf die Subjektinstanz nicht mehr zurückgegriffen werden darf? Vor dem Hintergrund des Problems wiesen Paul Veyne und Axel Honneth auf Möglichkeiten der Distanznahme hin, die auch Foucault vorsehen muss. Ganz ohne Handlungs- und Freiheitsspielraum, ganz ohne Subjekt kommt auch Foucault nicht aus.

Judith Butler, eine der wichtigsten Theoretikerinnen des gegenwärtigen Feminismus, ging in ihrem Beitrag dem zwiespältigen Verhältnis von Körper und Macht bei Foucault nach. Trifft die Macht in ihren vielfältigen Kontroll- und Strafpraxen auf einen vorbestehenden Körper oder schafft sie ihn erst in einer disziplinierenden Formung? Mit der für ihn charakteristischen Verschiebung hin zum Diskurs nähert sich Foucault dem Netz von Ambivalenzen, das die französische Körperphänomenologie in ihren Reflexionen zum Körper in den Mittelpunkt stellt.

Ebenso interessant wie umstritten war Judith Butlers Versuch, eine bei Foucault implizierte Anerkennungstheorie herauszuarbei- ten: Insofern Regel [be?] folgung zur Anerkennung führt und Anerkennung das Verhaftetsein des einzelnen mit sich selbst ermöglicht und trägt, resultiert die regeldurchsetzende Macht aus der Bedrohung des Selbstverhältnisses, aus dem Selbstverlust, der aus Nichtanerkennung folgen kann. Fraglich an den Überlegungen war allerdings, ob Judith Butler hier eine Anerkennungstheorie von Foucault rekonstruiert oder eine Anerkennungstheorie in einem weiter gefassten Anschluss an Foucault formuliert.

Mehr als provokativ war Nancy Fraser mit ihrer These, Foucault sei nicht aktuell. Foucault ist in Frasers Lektüre der Theoretiker der dunklen Unterseite der fordistisch-keynesianisch regulierten Welt. Er liefert die Kritik einer Disziplinierungsmacht, die in den medizinischen, psychologischen und pädagogischen Segnungen des Wohlfahrtsstaates eingeschrieben ist. Die postfordistischen Prozesse der Globalisierung und der neoliberalen Deregulierung der Gesellschaft mit ihrer Flexibilisierung der Arbeitsbezie- hungen, des Zeitregimes, der Selbstverhältnisse und der sozialen Bindungen seien dagegen nur noch sehr eingeschränkt mit dem Modell einer disziplinierbaren Gesellschaft erfassbar. Angemessener sei hier das rhizo- matische Modell eines aus vielfältigen und spontanen Verknüpfungen bestehenden Netzwerkes. Doch Frasers Botschaft lautet nicht einfach "Forget Foucault!". Die Frage danach, wie Macht "in Abwesenheit des Königs" funktioniert, sei nach wie vor aktuell. Dass die Antworten eines Denkers, der immer das historisch Bestimmte seiner Analy- sen betonte, keine zeitlose Gültigkeit beanspruchen können, sollte dagegen nicht überraschen.

Reinhard Olschanski, Darmstadt