Wann wird ein Mensch zur Person?

Jürgen Habermas hat in 2001 die Christian-Wolff-Vorlesung in Marburg gehalten und vor etwa tausend Menschen über den "Streit um das ethische Selbstverständnis der Menschen" gesprochen. Der Vortrag musste, da die Aula schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn überfüllt war, auf eine Großleinwand in der nahen Unikirche übertragen werden. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte Habermas die Frage, ob die Freiheit einer gentechnisch manipulierten Person eingeschränkt sei oder nicht. Er mahnte kulturelles Bewusstsein der Gesellschaft an, das die langfristigen Folgen der Gentechnologie berücksichtige; ein genetischer Eingriff sei nicht umkehrbar. Für bedenklich halte er die abwiegelnden Argumente der Experten, die Diskussion dürfe sich nicht "am aktuellen Stand festbeißen", sondern müsse das Thema aus einer Perspektive behandeln, die auch die ferne Zukunft mit einschließe. Bei schweren Schädigungen müsse man, so Habermas in seiner Wolff-Vorlesung in Marburg, die Frage abwägen, ob man diese mit Hilfe der Gentechnologie behandle. "Es ist aber beunruhigend, dass wir über Lebenswertes und Lebensunwertes entscheiden". Habermas warnte weiter davor, dass die öffentliche Wahrnehmung zum Thema Gentechnik abstumpfe und sich zu einer Kosten-Nutzen-Rechnung entwickle. Derzeit verändere der Mensch sein Naturverständnis: Aus Naturbeherrschung werde Naturaneignung, die in ferner Zukunft schwere Folgen für das Individuum haben könnte. Habermas plädierte aber auch dafür, "einer möglichen Unterwerfung von Leib und Leben unter die Biotechnik mit Gelassenheit zu begegnen".

Politische Positionen

die traditionelle, christliche Position vertreten und jegliche Experimente mit menschlichen Lebewesen ab der Zeugung strikt abgelehnt. Nur die Bundestagsfraktion der Grünen teilt diese Meinung einhellig. Die anderen Parteien, auch Raus SPD, sind gespalten oder - wie die CDU - auf der Suche nach ihrer Meinung. Wortführer der Befürworter von Experimenten mit Föten sind im politischen Raum derzeit   und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement, die Hürden für gentechnologische Forschung und Praxis abbauen möchten; dass Schröder dabei sogar moralisch argumentierte - als gebe es ein Recht auf jegliche Arbeitsplätze unabhängig davon, was dort gearbeitet wird- , ist politisch wie philosophisch durchaus bemerkens- und bedenkenswert. "Information Philosophie im Internet" hat einige Beiträge zum Thema zusammengestellt bzw. Links zu Originaldokumenten erstellt

Workshop: "Was haben wir schon zu sagen?"

Um dem steigenden gesellschaftlichen Bedarf an guten Argumenten im ethischen Diskurs Rechnung zu tragen, haben mehrere Organisationen einen "Workshop Ethik" ins Leben gerufen. Die Fachtagungsreihe ist konzipiert als ein jährliches Diskussionsforum für die metaethischen Fragen. Der erste Workshop findet vom 6.-8. März 2002 im Martin Niemöller Haus in Arnoldshain (Taunus) statt. Veranstaöter: Evangelische Akademie Arnoldshain, Katholische Akademie Rabanus-Maurus, Forschungsinstitut für Philosophie Hannover. []

Position: Mehr professionelle Ethik

Unglücklicherweise trägt die ständig wiederholte und oftmals anklagend formulierte Forderung, dass Lebenswissenschaftler moralisch handeln müssen, weder dazu bei, die Frage zu beantworten, was es heißt moralisch zu handeln, noch gibt diese Forderung Hinweise darauf, welche Rolle die Ethik bei der Etablierung von Richtlinien für moralisches Verhalten spielen kann und soll. In dieser aufgeheizten Situation scheint die Einsetzung von Ethik-Komitees das Motto des Tages. In einem Beitrag für die "Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH" vertritt Felix Thiele die These vertreten, dass die professionelle (philosophische) Ethik eine wissenschaftliche Disziplin ist und eine wichtige Rolle in der Wissenschafts- und Technikpolitik spielen sollte. []

DFG-Projekte Bio- und Genethik

Am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen werden in einem "DFG-Drittmittelprojekt" die Organisationsformen der Klinischen Ethik- Komitees sowie ihr moralischer Anspruch in Theorie und Praxis untersucht. Das Projekt läuft vom Januar 2001 bis Dezember 2002 und wird von Matthias Kettner geleitet (Mitarbeiter: Arnd May). Dabei soll der bioethische Diskussionsstand, in welchem sich die breiten amerikanischen Erfahrungen mit verschiedenen Institutionalisierungsformen moralischen Denkens auf Klinikebene spiegeln, theoretisch aufgearbeitet und in ihrer praktischen Bedeutung für deutsche Verhältnisse problematisiert und geklärt werden. Zudem soll die gerade erfolgte Einrichtung eines klinischen Ethik-Komitees an der Medizinischen Hochschule Hannover als ein institutioneller Lernprozess begleitet und mit dem amerikanischen Diskussionsstand in Beziehung gebracht werden.

Das "Institut für Wissenschaft und Ethik" (IWE) in Bonn untersucht im Rahmen der zweiten Phase der Förderinitiative Bioethik der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit Dezember letzten Jahres die ethische Problematik der Wachstumshormonbehandlung bei Kindern. Die DFG bewilligte zudem die Fortsetzung des Projekts "Klonierung des Menschen" (federführend am IWE: Ludger Honnefelder, Ludwig Siep), das das IWE in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ana- tomie des Universitätsklinikums Essen und dem Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht der Universität Tübingen bearbeitet. Weiter bewilligte das DFG die Weiter- führung des Projekts "Selektion aufgrund genetischer Diagnostik?", welches das IWE (Leitung: Ludger Honnefelder) zusammen mit dem Juristischen Seminar, Abteilung Strafrecht, und dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Köln durchführt.

Sloterdijk rät zu Provokation in Gen-Debatte

Peter Sloterdijk forderte auf einer Podiumsdiskussion in Mannheim die Philosophen auf, in der aktuellen Gen-Debatte die Aufgabe der "gezielten Provokation" zu übernehmen. Angesichts des derzeitigen Aufschwungs der Naturwissenschaften seien die Philosophen gefordert, an der Schärfung der Urteilskraft zu arbeiten. In der Diskussion um die Grenzen der Gentechnik sollten die Philosophen Sloterdijk zufolge dieselbe Rolle spielen wie die Liberalen für den Markt. Notwendig sei es aber auch, Fehlhaltungen einzudämmen: "Wir brauchen eine Art moralisches Emissionsschutzgesetz, um den Ausstoß von moralischen Unerträglichkeiten zu regulieren", sagte der Philosoph in der für ihn typischen gedanklichen Klarheit.

Podiumsdiskussion mit Zimmerli, Safranski und Sloterdijk

Über die ethischen Konsequenzen der Genforschung fand im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit eine Podiumsdiskussion mit der Journalistin Ursel Fuchs, dem Schriftsteller Rüdiger Safranski sowie den beiden Philosophen Peter Sloterdijk und Walther Ch. Zimmerli statt. Der Moderator, Michael Emmrich, Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau, meinte in seinem Eingangsvotum, der Philosophie drohe, lediglich noch "als Sättigungsbeilage der Biowissenschaft" zu dienen. Sloterdijk wehrte sich dagegen, vielmehr pendelten sich die Verhältnisse zwischen Natur- und Geisteswissenschaften neu aus, und wir bekämen so etwas wie "einen Biokulturalismus, der eine viel komplexere Denkform erlauben wird als die bisherige". Auch Safranski sah im Rahmen der Gen-Debatte neue Herausforderungen für die Philosophie und meinte, künftige Themen könnten etwa die Missverhältnisse von Prokuktitätskräften und Produktionsverhältnisse sein oder das alte Ideal der "geistigen Menschenbildung", das gegenwärtig im Rausch der Biotechnologie sträflich vernachlässigt werde. Zimmerli ergänzte, die Ethik habe sich stets im Wandel befunden und immer neue Bezüge zur Realität gesucht. Er riet dazu, "den Kantianismus ein bisschen zu vergessen" und mehr der eigenen Urteilskraft zu vertrauen. Denn was nütze es, das gespeicherte Wissen der Welt vor sich zu haben, aber nicht entscheiden zu können, was davon wichtig ist?

Studiengang: European Master in Applied Ethics

An der Universität Münster wird derzeit zusammen mit den Universitäten Padua, Utrecht und Zürich mit Unterstützung der Europäischen Union daran gearbeitet, einen Weiterbildungsstudiengang "European Master in Applied Ethics" (EMAE) aufzubauen. In Zürich ist der Studiengang bereits gestartet, in Münster wartet man noch auf die Genehmigung durch das Wissenschaftsministerium. Der Weiterbildungsstudiengang soll drei Semester dauern und sich an Menschen richten, die in ihrem Berufsleben in besonderm Maß mit ethischen Problemen konfrontiert sind und daher entsprechende Kompetenzen benötigen. Das Programm umfasst neben einer Einführung in die allgemeine Ethik alle Kernbereiche der Angewandten Ethik. Besondere Schwerpunkte sind in Münster die Medizin- und Bioethik sowie die Umweltethik. Darüberhinaus werden auch die Bereiche Wirtschaftsethik und politische Ethik angeboten. Die Federführung hat das Philosophische Seminar übernommen, aber auch das Seminar für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät und das Institut für Theorie und Geschichte der Medizin wollen sich beteiligen. Finanziert werden soll das Zusatzangebot über Studiengebühren.