Die Zeit nach Achenbach

Interview mit Thomas  Gutknecht, Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis

 Herr Gutknecht, gelegentlich hat man gespottet, in der IGPP, der Internationalen Gesellschaft für philosophische Praxis, seien zwar Interessenten der Philosophischen Praxis Mitglieder, aber kaum Praktiker, seien diese doch nicht bereit, sich Herrn Achenbach unterzuordnen. Wie viele Mitglieder hat die IPGG und wie viele davon sind aktive Praktiker?

 Den Spott, so es ihn gibt, kann ich – lassen Sie mich das bitte vorab sagen – nicht nachvollziehen. Gewiss hat Dr. Achenbachs Entschiedenheit polarisiert, und beim kompromisslosen Disput mag er wohl auch Gegnerschaft provoziert haben. Aber ausnahmslos alle in unserem Metier haben viel von ihm, bei ihm, durch ihn und auch gegen ihn gelernt. In der Gründungsphase war ein „strenger Meister“ nötig. Von Unterordnung aber kann doch keine Rede sein. Ich finde es gut, dass die Impulse auch außerhalb der Gesellschaft fruchtbar werden. Des ungeachtet: Gerade weil innerhalb so viele Praktiker wirken, ist jetzt eine Fortführung auf breiter Basis möglich. Die IGPP hat 180 Mitglieder, dazu kommen die ganzen Verbände und Vereinigungen. Die Anzahl der Praktizierenden bestimmt sich nach der engen oder weiten Fassung „Philosophischer Praxis“: mindestens 40, toleranter bestimmt wohl nahezu 100, weltweit. National, das trifft sicher zu, ist der Anteil derer, die an der Sache Philosophischer Praxis einfach nur sehr interessiert sind, vergleichsweise größer. Aber diese Mitglieder sind ein Reichtum, und wir sind schließlich kein Berufsverband.

Was wollen Sie tun, um möglichst viele Praktiker zur Mitgliedschaft zu bewegen?

Gute Arbeit leisten in und mit der IGPP, darauf achten, dass unter den hoffentlich vielen „Neuen“ möglichst gute Praktiker sind oder es werden können. Den Aufbruch öffentlich machen, den Wettstreit um die beste Theorie und Praxis unserer Sache entfachen, den Interessenten offen und respektvoll entgegen gehen.

Wie viele philosophische Praktiker gibt es Ihrer Schätzung nach in Deutschland?

Vorab wäre da näher zu bestimmen, wer „philosophischer Praktiker“ heißen soll. Das Spektrum reicht ja von lupenreinen Praktikern bis zu Grenzgängern mit verwandter Berufung und mit Standbein etwa im Ge­sundheitswesen oder in der Bildungsarbeit. Wenn wir ausschließlich an philosophische Beratung aus philosophischer Ressource denken, sind es herzlich wenig, zu wenig. Wer im Internet nach Adressen sucht, kann aber wohl an die 80 entsprechende Ein­richtungen entdecken.

Wissen Sie, wie viele davon von ihrer Praxis leben können?

Vermutlich kaum ein Drittel. Aber vergessen Sie nicht die vielfältigen Möglichkeiten neben der Beratung. Freiberufler im Bereich der populären Philosophie sind kreativ. Und der eine oder die andere muss vielleicht auch nicht vom Praxisertrag eine Familie er­nähren. Man darf die Sache der Philosophischen Praxis übrigens auch nicht auf den Brotberuf des Praktikers reduzieren. Jeden­falls handelt es sich in meinem Verant­wortungsbereich um mehr als diese wichtige ökonomische Dimension. Philosophische Praxis erbringt ja einen ganz neuen Blick auf die Philosophie insgesamt, da geht es um weit mehr als um Verdienstmöglichkeit.

Die IGPP hat eine merkwürdige Doppelfunktion: Sie ist einerseits die deutsche Gesellschaft der Praktiker, zugleich aber auch die internationale Dachorganisation der nationalen Gesellschaften der Praktiker. Wollen Sie dies so beibehalten?

Die vormalige GPP – aus dieser ist ja durch Umbenennung die IGPP geworden – war von Beginn an eine Gesellschaft, die indifferent war gegen Nationalität oder dergleichen. Das hätte ja wenig Sinn gemacht bei einer solchen Initiative. Gewiss, aufgrund des Anfangs in unserem Land waren und sind die Deutsch sprechenden Mitglieder in der Mehrzahl, aber zunehmend kommen Organisationen hinzu, die das Netz und die Kompetenzen bei uns positiv sehen, und stets sind aus unterschiedlichen Ländern Mitglieder beigetreten. Für die beigetretenen Gesellschaften sieht die Satzung vor, dass deren Präsidenten oder Vorsitzende zum erweiterten Vorstand dazu gehören. Für mich ist eine globale Vernetzung – allerdings unter ausdrücklicher Anerkennung der Verschiedenheiten in den Stilen und der jeweiligen kulturellen Situation – erstrebenswert. Eben so wichtig ist angesichts dieser Pluralität der Respekt vor jeder der vielgestaltigen Bemühungen um praktische Philosophie. Die Zeit der Grenzziehungen und der Polemik ist vorbei. Das darf aber nicht auf Kosten der Klarheit und des Urteils gehen, was das denn ist: Philosophische Praxis. Vor Scharlatanen schützen wir uns am besten durch Professionalisierung – und zwar möglichst weltweit. Da wird noch viel zu debattieren und zu lernen sein.

 Philosophische Praxis bezieht sich auf verschiedene Tätigkeiten. Schwerpunkte sind Einzelberatungen, philosophische Kurse und Firmenberatung. In welche Richtung sehen Sie das größte Potential?

 Wichtig finde ich, dass die Philosophinnen und Philosophen beansprucht werden und sich auf diese Beanspruchung vorbereiten. Da sehe ich eine Riesenaufgabe. Auch etablierte Berufe sollen von dem profitieren, wie wir Philosophie neu verstehen. Da sind auch schöpferische Grenzverletzungen ange­bracht, da sind Mehrfachkompetenzen erwünscht. Das Potential des Philosophischen ist in keiner Weise limitiert. Über die Offensive sollte man, in der Sportlersprache gesagt, die Verteidigung nicht vergessen. Eine Gefahr sehe ich im Zusammenhang mit der ökonomischen Ver­nutzung und Verzweckung der Bildung. Aus Erfahrung in der Nachbarschaft kenne ich die Gefahr, das Kerngeschäft und das Musische zu verraten und das Publikum eines „feuilletonistischen Zeitalters“ durch Anpassung unter Niveau zu banalisieren. Beratung, so meine Einschätzung, wird immer wichtiger. Das ist ein ernsthaftes Geschäft und der existentielle Prüfstein. Da bin ich ganz altmodisch: Der Wert einer Philosophie bemisst sich an ihrem Beitrag zur Befreiung, sei es aus Unvernunft, aus Verstrickung in Leidenschaften oder aus einer verkehrten Selbstliebe. Wie Seneca will ich dem hilfreich sein, der sich der Anstrengung unterzieht, sein eigen zu werden und Menschlichkeit am Ort seines Selbstseindürfens zu verwirklichen.

 Was haben Sie sich als Präsident der IGPP für ein Ziel gesetzt?

 In enger Zusammenarbeit mit tatkräftigen Kolleginnen und Kollegen den Dialog zur Geltung bringen: in der IGPP und für die Sache selber. Auch im Verhältnis zu anderen Vereinigungen. Monologe auf Dialoge hin zu öffnen. Wissen Sie, Philosophen reden und schreiben viel – doch oft geradezu autistisch. Wenn sie sich anheischig machen, Berater zu sein, dann müssen sie das auch untereinander hinbekommen. Ich setze auf Vernunft im praktischen Vollzug, so wie etwa Karl Jaspers Vernunft versteht. Vernünftigkeit und freundschaftliches Ringen und Streiten um den „Logos der Sache“. Sollte mir ein langfristiges Wirken auferlegt oder vergönnt sein – je nach dem - und sollten viele Leute meinen Initiativen folgen, wäre ein schönes Ergebnis eine Professionalisierung im Beratungswesen, die dem, was wir im Bildungsbereich inzwischen haben, nahe kommt. Dann aber müsste die IGPP in der Tat  auch Berufsverbände oder ständische Vereinigungen hervorbringen.

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