Die Reihe Husserliana, in der die gesammelten Werke von Edmund Husserl herausgegeben werden, umfasst zum heutigen Zeitpunkt 29 Bände. Neun weitere Bände sind in Vorbereitung. Die Ausgabe wird erarbeitet vom Husserl-Archiv in Leuven unter Mitarbeit der Husserl-Archive in Köln und Freiburg im Breisgau.
Der Franziskanerpater Herman Leo Van Breda hatte 1938/39 kurz nach Husserls Tod dessen schriftlichen Nachlass, seine philosophische Bibliothek und andere Dokumente vor dem Zugriff der Nationalsozialisten nach Leuven gerettet. Zur Aufbewahrung, Erforschung und Edition des Nachlasses errichtete er das Husserl-Archiv am Philosophischen Institut der Katholischen Universität Leuven. Die früheren Assistenten Husserls, Ludwig Landgrebe und Eugen Fink, waren die ersten, wegen der deutschen Invasion in Belgien allerdings nur kurzzeitigen Mitarbeiter am Husserl-Archiv.
Neben einer umfangreichen, im Laufe der Jahre weiter vervollständigten Korrespondenz besteht der Nachlass Husserls aus einer großen Anzahl überwiegend in Gabelsberger Stenographie geschriebener Manuskripte mit einem Gesamtumfang von ungefähr 40.000 Blättern. Dazu kommen noch etwa 10.000 Seiten Typoskript. Hierbei handelt es sich um Abschriften oder Zusammenstellungen von Husserlschen Manuskripten, die seine Assistenten (Edith Stein, Ludwig Landgrebe und Eugen Fink) in Husserls Auftrag und zumeist im Zusammenhang mit Publikationsplänen anfertigten. Diese Typoskripte sind z.T. mit Randbemerkungen sowie Umarbeitungs- und Verbesserungsvorschlägen Husserls versehen.
Bei Husserls Manuskripten handelt es sich vorwiegend um Forschungsmanuskripte, in denen Husserl die philosophischen Probleme, mit denen er jeweils beschäftigt war, bearbeitete. Husserl selbst war davon überzeugt, dass der eigentliche Ertrag seiner Arbeit in diesen Forschungsmanuskripten steckte. Wenige Jahre vor seinem Tod hat Husserl daher im Hinblick auf eine spätere Bearbeitung und Veröffentlichung seine Manuskripte durch Eugen Fink und Ludwig Landgrebe ordnen lassen. Deren Einteilung in Manuskriptgruppen dient bis heute als Ausgangspunkt für die editorische Erschließung des Nachlasses.
Hinsichtlich der Ausgabe konzentrierte man sich zunächst auf die Edition der von Husserl selbst veröffentlichten oder für eine Veröffentlichung vorgesehenen, in abgeschlossenen Manuskripten vorliegenden Werke sowie der Vorlesungen. Husserl hat einen großen Teil seiner Vorlesungen schriftlich ausgearbeitet. Mittlerweile liegen alle Veröffentlichungen Husserls in kritischer Edition vor. Was die Vorlesungen betrifft, so sind noch sechs weitere Bände in Vorbereitung. Dabei handelt es sich um Husserls letzte Vorlesung über Ethik aus den Jahren 1920 und 1924, die Vorlesung "Einleitung in die Philosophie" von 1922/23 sowie die Vorlesung über "Natur und Geist" von 1927. Das Teilstück über die Wahrnehmung aus der Vorlesung "Hauptstücke aus der Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis" von 1904/05 wird im Rahmen einer Ausgabe von Husserls Manuskripten über Wahrnehmung und Aufmerksamkeit und die Vorlesung "Ausgewählte phänomenologische Probleme" von 1915 wird im Rahmen einer Ausgabe von Texten zum transzendentalen Idealismus veröffentlicht werden. Außerdem wird demnächst ein Ergänzungsband zu Husserliana Xl ("Analysen zur passiven Synthesis") erscheinen. In diesem Ergänzungsband wird das in Husserliana Xl nicht aufgenommene Schlussstück über die kategoriale Synthesis aus der Vorlesung "Transzendentale Logik" von 1921 veröffentlicht werden, so dass dann diese wichtige Vorlesung Husserls in ihrer Gesamtheit zugänglich ist. Mit diesen Editionen soll die Ausgabe von Vorlesungsmanuskripten in der Reihe Husserliana abgeschlossen werden.
Alle übrigen, nicht in den Husserliana veröffentlichten Vorlesungsmanuskripte sollen in Form von Transkriptionen in einer Reihe von Materialienbänden veröffentlicht werden. Drei erste Bände mit Husserls Vorlesungen über Logik von 1896 und 1902/3 sowie seiner Vorlesung über Erkenntnistheorie von 1902/03 sind weitgehend fertiggestellt und werden in diesem Jahr in Druck gehen. Das Archiv hat sich auch entschlossen, Husserls späte Manuskripte zur Zeitproblematik, die sogenannten C-Manuskripte, vorerst in der Form eines solchen Materialienbandes zu veröffentlichen. Es besteht seit vielen Jahren eine große Nachfrage nach einer Veröffentlichung dieser Manuskripte, der das Archiv wegen der großen Schwierigkeiten, die sich bei einer kritischen Edition dieser Texte stellen, bisher leider nicht entsprechen konnte. Jetzt sollen diese Texte in Form von Transkriptionen in absehbarer Zeit der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Die dreibändige Edition von Husserls Texten zur Intersubjektivität in Husserliana Band Xl11-XV war die erste Edition, die überwiegend Forschungsmanuskripte enthielt. Auch die Bände XXI ("Studien zur Arithmetik und Geometrie"), XXIII ("Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung") und XXIX ("Ergänzungsband zur 'Krisis"') waren hauptsächlich Editionen von Forschungsmanuskripten. Der Schwerpunkt der zukünftigen Arbeit wird auf der Edition der Forschungsmanuskripte, und zwar vor allem der späteren und späten, liegen. Solche Editionen setzen in der Regel eine längere Forschungsphase voraus, in der Abgrenzungs- und Auswahlprobleme geklärt sowie eine Konzeption für die Edition erarbeitet werden müssen. Vor dem Abschluss steht die Edition der Bernauer Manuskripte zur Zeitkonstitution von 1917/18. Desweiteren wird eine Edition von Husserls späten Forschungsmanuskripten zur Reduktionsproble- matik vorbereitet. Ebenfalls in Vorbereitung ist eine zweibändige Ausgabe von Husserls Entwürfen zur Umarbeiteitung der VI. Logischen Untersuchung aus den Jahren 1913/14.
Geplant sind noch Editionen von späten Forschungsmanuskripten zur Metaphysik, Raumkonstitution, Ethik und Weltapperzeption. Für eine Edition von Forschungsmanuskripten vor allem aus den Jahren 1908-1914 mit Analysen des wertenden und wollenden Bewusstseins sind bereits wichtige Vorarbeiten geleistet.
Die "Husserl-Chronik" von Karl Schuhmann eröffnete im Jahre 1977 die neue Reihe der Husserliana Dokumente. Im zweiten Band dieser Reihe erschien die lange unveröffentlicht gebliebene VI. Cartesianische Meditation von Eugen Fink mit ausführlichen Annotationen von Husserl. Darauf folgte 1993 die monumentale zehnbändige Briefausgabe. 1999 erschien in dieser Reihe die lange erwartete Husserl-Biographie. Erwähnt sei hier auch die ebenfalls vom Husserl-Archiv in Leuven herausgegebene Reihe der Collected Works, in der englischsprachige Übersetzungen von Texten aus den Husserliana erscheinen.
Die gesamte Editionsarbeit untersteht der Leitung des Archivs in Leuven. Sie wird wahrgenommen durch Rudolf Bernet, dem Direktor des Husserl-Archivs, und Ullrich Melle. Was die neue Reihe der Materialienbände betrifft, so steht sie unter der Leitung der Professoren Bernet, Melle und Karl Schuhmann. Editionsprojekte werden durchgeführt in den Archiven in Köln, Freiburg i. Br. und Leuven. Das Archiv in Köln wird von den Professoren (Klaus Düsing und Klaus E. Kaehler, das in Freiburg wird nach dem plötzlichen Tod seines Direktors Bernhard Rang zwischenzeitlich von Hans-Helmuth Gander geleitet. Zwischen den Archiven, ihren Leitungen und Mitarbeitern finden in regelmäßigen Abständen gemeinsame Arbeitsbesprechungen statt über die in Arbeit befindlichen Projekte und die weitere Planung. Mit der Herausgabe der nicht in den Husserliana erscheinenden Vorlesungen in der neuen Reihe der Materialienbände ist Frau Elisabeth Schuhmann in Utrecht betraut.
Das Husserl-Archiv hofft, in den kommenden fünf Jahren eine Reihe von neuen Bänden vorlegen zu können. Noch immer harren für die Husserl-Forschung wichtige Manuskripte und Manuskriptgruppen ihrer editorischen Erschließung. Aber während Husserl die Phänomenologie als eine unendliche Aufgabe begriff, ist die Husserl-Edition ein begrenztes Projekt. Sie dürfte sich im Laufe der kommenden zehn Jahre ihrem Abschluss nähern.