Komparative Philosophie

 

Die Bezeichnung comparative philosophy entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Damals ging es vor allem darum, die Philosophien Indiens und Chinas in eine Auseinanderset-zung mit dem europäischem Denken zu bringen. 1923 schrieb der französische Philosoph und Orientalist Paul Masson-Oursel die erste europäische Monographie (La Philosophie Comparée) zu diesem Thema. Sie wurde 1926 ins Englische übersetzt und hatte vor allem in dieser Sprache eine breitere Wirkung. Mit einer radikal historistischen Zugangsweise versuchte Masson-Oursel in globaler Perspektive durch den Vergleich von verschiedenen kulturellen Positionen hindurch zu "Familienähnlichkeiten" der unterschiedlichen Philosophien vorzustoßen. Leitendes Prinzip bei dieser Suche war die "Analogie"; damit sollte eine Vergleichbarkeit zwischen Philosophien aus unterschiedlichen Traditionen hergestellt werden.

Seit dieser Zeit hat sich die inhaltliche und methodische Diskussion stark entfaltet, so dass sich inzwischen bereits verschiedene Traditionen komparativer Philosophie erkennen lassen. 1951 erschien in Honolulu die erste Nummer der Zeitschrift Philosophy East and West, die vier Mal im Jahr herauskommt und in deren Artikeln sich die ganze Breite "komparativer Philosophie" zeigt. Anfang dieses Jahres erschien das erste Heft des nunmehr 50. Bandes. Fragen nach der Methode komparativer Philosophy bilden in East and West seit Beginn der Diskussionen ein wichtiges Zentrum. Im Mittelpunkt steht noch immer die Frage: Soll es darum gehen, durch den Vergleich der Philosophien in Asien und Europa zu einer umfassenden Synthese zu gelangen, oder sollen vielmehr die Unterschiede herausgearbeitet und betont werden? Seit einigen Jahren zeichnet sich die Tendenz ab, die Differenzen stärker zu betonen und die Andersheit höher zu bewerten.

Das Fach "komparative Philosophie" entwickelte sich aber nicht nur in Amerika. In Japan war vor allem Hajime Nakamura (1912-1999) die treibende Kraft für diese Art des Philosophierens. Unter seiner Leitung entstand 1973 die japanische Zeitschrift Hikaku shiso (Komparative Philosophie), in der fruchtbare und im Vergleich zur westlichen Diskussion anders gelagerte Gesichtspunkte entwickelt werden. Allerdings war schon vorher eine Schule entstanden, die, über den komparativen Gesichtspunkt hinaus, durch die Auseinandersetzung zwischen asiatisch und europäisch geprägten Denkansätzen, einen neuen Anfang der Philosophie zu entwickeln versuchte. Vor allem bei der Philosophie Kitaro Nishidas (1870-1945) und seiner Schüler aus der Kyoto-Schule führte das Philosophieren im interkulturellen Kontext zu einem neuen Ansatz und Anfang der Philosophie, der sich auch gegenwärtig noch weiter entfaltet. Seit Dezember 1999 erscheint in Japan unter dem Titel Kyoto-Philosophie (Kyoto-tetsugaku) eine Reihe, die eigenständige Ergebnisse moderner japanischer Philosophie des 20. Jahrhunderts sichtet und neu zugänglich macht. Durch diese Reihe wird deutlich, dass in Japan inzwischen eine fast hundertjährige moderne philosophische Tradition existiert, die sowohl europäische wie auch asiatische Denkwege als selbstverständliche Ausgangspunkte für gegenwartsbezogene Reflexionen nutzt, jenseits aller heilsversprechenden Esoterik, die europäische Philosophen oft mit asiatischem Denken verbinden.

Vor allem in Deutschland ist es immer noch nicht selbstverständlich anzuerkennen, dass es außerhalb Europas überhaupt Philosophie gibt. Kant, Hegel, Husserl und auch Heidegger haben dies klar verneint. Näher betrachtet scheint ein Urteil hierüber jedoch sehr davon abzuhängen, welcher Tradition der europäischen Philosophie man sich selber zugehörig fühlt. Philosophen, die sich vorrangig mit dem Mittelalter beschäftigen, haben vielleicht weniger Probleme "asiatische Philosophie" anzuerkennen, da auch immer wieder bestritten wird, dass es im Mittelalter Philosophie gegeben habe, weil sie mehr oder weniger mit der Religion zusammengeflossen sei. Dieses Argument wird auch gegen die Existenz von Philosophie in Asien ins Feld geführt. Dabei wird jedoch vergessen, dass es in Asien auch eine Tradition der Logik gegeben hat, was bei Bochenski nachzulesen ist (Formale Logik, 1970).

Eine andere Tradition der europäischen Philosophie, die viele Familienähnlichkeiten mit asiatischen Denkwegen aufweist, findet sich im Hellenismus und in der römischen Philosophie, wo Philosophie als Lebensweise zur ethischen Vervollkommnung verstanden wurde, was auch in Asien oft der Fall war. Es kann sich beim Vergleich somit herausstellen, dass in Einzelanalysen die "westliche" Philosophie - gemessen an den Klischeevorstellungen über West und Ost - an manchen Stellen "östlicher" ist als die "östliche" Philosophie und umgekehrt. Die Zeit der denkerischen Großraumvergleiche zwischen "Ost" und "West" ist inzwischen vorbei. Es gilt nun, philosophische Auseinandersetzungen zu führen, die, philologisch ernüchtert, philosophische Grundlagen für eine komparative Philosophie mit dem Ziel einer interkulturellen Öffnung der je eigenen philosophischen Verstehens- und Gestaltungshorizonte erarbeiten. In anderen Disziplinen ist die über den europäischen Rahmen hinausführende vergleichende Perspektive auch in Deutschland längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Vergleichende Sprachwissenschaft, vergleichende Religionswissenschaft, vergleichende Literaturwissenschaft, vergleichende Soziologie, vergleichende Geschichtswissenschaft und andere Wissenschaften haben die Fruchtbarkeit und Notwendigkeit ihres Vorgehens bereits vielfältig unter Beweis gestellt.

Allgemein gesagt, versucht komparative Philosophie Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen philosophischen Wirkungsgeschichten, die sich jeweils ausgehend von unterschiedlichen unreflektierten Voraussetzungen entwickelt haben, zu initiieren und diese Grundüberzeugungen radikal zu hinterfragen. Dies entfaltet ein philosophisches Potential, das zu neuen Frageweisen führt und so einer Dogmatisierung von Philosophie entgegenwirkt. In diesem Sinne versteht sich "komparative Philosophie" als eine Fortsetzung des Kritizismus mit erweiterten Mitteln.

Noch immer scheint es heute für viele westliche Philosophen so zu sein, dass nur wir die nicht-westlichen Philosophien interpretieren. Diese einseitige Perspektive ist aber seit über hundert Jahren bereits durchbrochen durch die vielfältigen Interpretationen zur europäischen bzw. westlichen Philosophie, die vor allem in Indien, China und Japan geleistet wurden. Vielfach fielen die philosophischen Analysen sehr kritisch aus, was in Europa zumeist noch gar nicht wahrgenommen wird. Damit ist das europäische Denken selber zum Gegenstand der Analyse und Bewertung geworden.

Die Hermeneutik komparativer Philosophie ist nirgends die gleiche, sondern immer geprägt durch die jeweilige Sprache, Wirkungsgeschichte und Lebenswelt. Damit ergibt sich eine "polylogische" Situation der gegenseitigen Auslegung in interkultureller Ausrichtung, in der keine einzelne Position von vornherein ein irgendwie "angeborenes" Wahrheitsprivileg besitzt. In der komparativen Philosophie ist es selbstverständlich, dass japanische Denker afrikanische, chinesische europäische, europäische indische, indische japanische Philosophie usw. auslegen und untereinander vergleichen. Die Situation wird inzwischen dadurch noch komplizierter, weil sich z. B. Japaner nicht nur auf "das Japanische" festlegen lassen, sondern die Situation auftreten kann, dass ein Japaner - aus traditioneller Perspektive - eine "europäischere" Position als ein Deutscher und ein Deutscher dagegen eine "japanischere" als der Japaner vertreten kann. So wird man Zeuge einer Auseinandersetzung, die jede Substanzialisierung geographischer und nationaler Kriterien als unzulässige Verallgemeinerung entlarvt.

Ein wesentlicher Ansatzpunkt komparativer Philosophie sind die verschiedenen Sprachen, in denen sich philosophische Traditionen entwickelt haben. Beispielsweise Tibetisch, Chinesisch und Japanisch sind strukturell im Vergleich zu indoeuropäischen Sprachen so verschieden, dass sich mit Humboldt und mit Nietzsche noch immer die Frage stellen lässt: Inwieweit legen bestimmte grammatische Strukturen bestimmte philosophische Gedankengänge nahe? Es ist hier nicht die Rede von "festlegen", sondern von "nahelegen", was dem dynamischen Sprach- und Kulturbegriff Humboldts entspricht. Ein wesentlicher Grund, warum die Selbstbezogenheit der deutschen Philosophie oft nur schwer zu durchbrechen ist, ist die Fixierung der deutschen Philosophenausbildung auf europäische Sprachen (Griechisch, Latein, Französisch, Englisch und Deutsch). Ohne die Wichtigkeit dieser Sprachen und deren Kenntnis für das Philosophieren bestreiten zu wollen, kann aber gerade mit Humboldt darauf verwiesen werden, dass jede Sprache eine Weltansicht in sich trägt und die Grenzen meiner Sprache wesentlich die Grenzen meiner Wirklichkeit mitbestimmen. Eine Neuauflage des Humboldtschen Projektes einer "philosophischen Grammatik" für verschiedene Sprachen ist somit ein methodischer Grundpfeiler komparativer Philosophie. Um auf diese Weise eine Öffnung der Philosophie zu erreichen, könnten im Stu- dienprogramm der Philosophie zumindest Einführungen in nicht-europäische Sprachen obligatorisch werden. An einer amerikanischen Universität wurde es sogar zur Pflicht für jeden Dozenten, eine nicht-europäische Sprache zu erlernen, wodurch z. B. der amerikanische Philosoph Jay Garfield neben seiner philosophischen Arbeit in der west- lichen Philosophie auch zu einem Spezialisten für tibetisch-buddhistische Philosophie geworden ist.

Bisher war das Arbeitsgebiet komparativer Philosophie zumeist beschränkt auf die Auseinandersetzung zwischen asiatischer und europäischer Philosophie. Inzwischen beteiligen sich aber auch die Traditionen Afrikas, Südamerikas und anderer Kulturen an dem interkulturell orientierten Gespräch. Somit wachsen die Versuche komparativer Philosophie über den bisherigen Rahmen hinaus, so dass auch schriftlose Traditionen berücksichtigt werden. Dies lässt die Frage nach den verschiedenen Weisen bzw. Stilen der Philosophie verschärft in den Vordergrund treten. Hier ergeben sich literaturwissenschaftliche Fragestellungen, die einen neuen Blick auf das Philosophieren in verschiedenen Kulturen werfen lassen.

Lange vor der Entstehung des Begriffs kann als erster Vertreter komparativer Philosophie in Europa Leibniz gelten, der aus seiner Auseinandersetzung mit der chinesischen Philosophie viele Anregungen gewann. Seine Offenheit, mit der er dieser anderen Kultur begegnete, ist in der Philosophie immer noch nicht selbstverständlich. Komparative Philosophie knüpft somit ausdrücklich zum einen an Leibniz und zum anderen an Humboldt an, die in ihrem eigenen Denken über die europäischen Grenzen hinausgedacht haben.

 

Weiterführende Literatur:

Komparative Philosophie. Begegnungen zwischen östlichen und westlichen Denkwegen, hrsg. v. R. Elberfeld, J. Kreuzer, J. Minford, G. Wohlfart, München 1998.

Rolf Elberfeld: Überlegungen zur Grundlegung "komparativer Philosophie", in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 2:1999, 128-156.

Rolf Elberfeld: Forschungsbibliographie zur "komparativen Philosophie",

in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 2:1999, 213-222.

 

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Rolf Elberfeld ist Assistent am Institut für Philosophie der Universität Wuppertal.