"Kultur" versus
naturwissenschaftlich-technologische Welt
Symposium des Philosophischen Seminars der Universitären Hochschule
Luzern, 14./15. April 2000
Im Rückgriff auf C. P. Snows These von den "Zwei
Kulturen" war die Intention des von Prof. Dr. Karen Gloy (Luzern) anberaumten
Symposiums die Diskussion der nach wie vor aktuellen Frage nach dem Verhältnis der
literarisch-ästhetisch-philosophischen Welt zur naturwissenschaftlich-technologischen
Welt. In ihrem Eingangsreferat konstatierte Gloy einen Hiat, wenn auch keinen
vollständigen Bruch zwischen den beiden Sichtweisen und forderte zu Anstrengungen im
Hinblick auf die Versöhnung und Fruchtbarmachung der beiden Paradigmata auf. Die von ihr
vertretene These der Trennung von "Kultur" und "Technik" sollte sich
im Folgenden als durchaus strittig und umstritten erweisen. So sprach im Anschluss an Gloy
Jürgen Mittelstrass (Konstanz) von einer Einheit nicht nur im Bereich der Bildung. Die
Rolle der Geisteswissenschaften in der modernen Welt sah er nicht losgelöst von
derjenigen der Naturwissenschaften sondern beide zusammen als Objektivationen derselben
von Leonardo begründeten Rationalität. Der Vortrag des Physikers Dirk Graudenz (Zürich)
zeigte ebenfalls viele Querverbindungen und Berührungspunkte zwischen den Disziplinen
auf, monierte darüber hinaus aber eine seltsame Berührungsangst der Geistes- gegenüber
den durchaus aufgeschlossenen Naturwissenschaften. Rudolf Prinz zur Lippe
(Oldenburg/Witten-Herdecke) ging in seinem Beitrag von einer Krise aus und postulierte
demgegenüber die Rehabilitierung der Wahrnehmung als Begegnung und eine Wiedervereinigung
der Gemütsvermögen. Stanislaus von Moos (Zürich) zeigte als Kunsthistoriker in
plastischen Beispielen die Stellung der Kunst zwischen Science Fictions und Science Facts
und leitete damit über zum Round-Table-Gespräch, das unter der Moderation von Karen Gloy
die Aktualität der Kunst zum Thema hatte. Gloy ging in ihrer Einleitungsrunde noch einmal
von der Dichotomie der zwei Welten aus und fragte nach den Möglichkeiten zu deren
Überwindung. Nikolaus Wyss (Luzern) teilte dabei als Rektor der Hochschule für Kunst und
Gestaltung/Luzern ihre Meinung und Sorge ebenso wenig wie David Streiff (Bern), der
Direktor des Schweizer Bundesamtes für Kultur. Das divergierende Kultur- und
Kunstverständnis und die Schwierigkeiten einer Definition der Begriffe stellte sich in
der Runde endlich als das Kernproblem heraus. So stiess auch die von Gloy geäusserte
provokative Meinung, dass die Leistung der Geisteswissenschaften in der Metareflexion
liege, welche die Naturwissenschaften auf Grund ihres eingeschränkten Weltbildes nicht zu
leisten vermöchten auf heftigen Widerstand.
Den zweiten Symposiumstag eröffnete Damir Barbaric (Zagreb) mit einem
Referat über Schönheit und Mass in dem er die Gefahren der zunehmenden Aesthetisierung
der Welt, insbesondere deren Tendenz zur Aufhebung der Wirklichkeit monierte und stimmte
das zahlreiche Publikum so wieder auf das Thema ein. Iso Camartin (Zürich) hielt in
seinem Beitrag ein Plädoyer für die Kunst als ein Mittel - innerhalb des
interdisziplinären Diskurses - das Leben zu ergründen und die Welt zu verstehen. Mit
einem strittigen Paradigma setzte sich anschliessend Ludger Heidbrink (Kiel) auseinander.
Seine Ausführungen widmeten sich den verschiedenen Sichtweisen im Themenkomplex der
Kultur als Kompensation von Modernisierungsfolgen. Zum Abschluss der Tagung warnte
Wolfgang Welsch (Jena) vor einem Verschwinden von Geist; Kultur und Kunst in der modernen
Gesellschaft angesichts einer sich zunehmend zum Spektakel degradierenden
Informationsvermittlung.
Alessandro Lazzari, Martina Pletscher