Eine Historisierung der Philosophie im Nationalsozialismus

Gespräch über Christian Tilitzkis Monumentalwerk "Die deutsche Universitätsphilosophie. In der Weimarer Republik und im Dritten Reich."

Tilitzki rühmt sich seiner historischen Methode. Worin unterscheidet sich diese von den Methoden, mit denen man bislang die Geschichte der Philosophie in der Zeit des Nationalsozialismus erforscht hat?

 Gereon Wolters: Tilitzkis Arbeit muss man methodisch im Rahmen der "Historisierung des Nationalsozialismus" sehen. Dieses Schlagwort kam Mitte der achtziger Jahre auf und bedeutet im Kern, dass man die Epoche des Nationalsozialismus als Historiker genau so zu behandeln habe wie irgendeine andere Epoche der Geschichte. Diese Konzeption schließt insbesondere die methodologische Forderung ein, das Handeln der Akteure von deren eigenen Sichtweisen und vom jeweiligen historischen Kontext her zu rekonstruieren und darzustellen. Tilitzkis Lehrer Ernst Nolte wandte diesen Gedanken auf die Judenvernichtung an. Ebenso wie Nolte „Auschwitz“ aus der Sicht Hitlers rekonstruiert, rekonstruiert Tilitzki die Philosophie der Weimarer und der Nazi-Zeit aus der Sicht der damaligen Philosophen. Diese Rekonstruktion steht unter dem von Nolte bei der NS-Weltanschauung generell herausgehobenen Gegensatz von „Partikularität“ und „Universalität“. Die historische Betrachtung werde damit von einem „Germanozentrismus“ befreit, weil sie die (im Kern gerechtfertigte) nationalsozialistische Verteidigung der Partikularität, „des Pluriversums der Kulturen“ im historischen Kontext als „gegen amerikanische und sowjetische Entwürfe der ‚Weltzivilisation’“ versteht.

 Und was wirft Tilitzki der bisherigen Forschung vor?

 Dreierlei. Sie sei erstens germanozentrisch, und da sie den nicht-akademischen Kontext in seiner Bedeutung für die Positionierung der Philosophie vernachlässige, könne sie nicht sehen, dass im Nationalsozialismus  vielfach die gleichen Dinge geschehen und in der nationalsozialistischen Philosophie die gleichen Dinge gesagt worden seien wie anderswo. Bei den Deutschen würde sie verurteilt, bei den anderen jedoch für irgendwie normal gehalten. Zweitens wehrt sich Tilitzki gegen den „volkspädagogischen Gebrauch der Zeitgeschichte“, die mit einer mehr oder weniger starken „Enthistorisierung“ auch der Philosophiegeschichte zugunsten pädagogischer Zwecke der fortdauernden demokratischen „reeducation“ der Deutschen einhergehe. Drittens schließlich bemängelt Tilitzki an der bisherigen Forschung, dass sie die Archivquellen nicht genügend ausgewertet habe.

 Wo liegen die Schwächen dieses Ansatzes?

 Tilitzkis Methodenansatz unterscheidet sich nicht grundsätzlich von Methoden, wie sie auch bisher schon von einigen anderen Forschern verwendet wurden. Im Kern kann man ja auch gegen die Historisierung im Sinne angemessener Beachtung des historischen Kontexts nichts einwenden, im Gegenteil. Auf jeden Fall ist die herausragende Leistung seiner umfassenden Archivstudien hervorzuheben. Er unterscheidet sich von anderen Forschungsansätzen durch die bedingungslose und methodisch wenig umsichtige Radikalität, mit der er die beiden ersten Punkte durchführt. Hier werden dann auch zwei gravierende Schwächen sichtbar, die mit der angeblich vorurteilslosen „Historisierung“ des Nationalsozialismus einhergehen:

  Der zu Recht von ihm kritisierte moralisierende „volkspädagogische Gebrauch der Zeitgeschichte“ auf Kosten historischer Angemessenheit wird  - wie auch schon von Nolte - lediglich durch einen anderen „Gebrauch“ der Geschichte ersetzt: die historische Entlastung des Kollektivsubjekts Deutschland, von der dann offensichtlich auch Individualsubjekte wie er selbst profitieren. So bezweifelt Tilitzki (mit B. Willms) z. B. die Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg (für ihn vielmehr ein gegen das Deutsche Reich geführter „Weltanschauungskrieg“) in dem für ihn in diesen Kontexten typischen Thesen-Potentialis: „Den Anteil Roosevelts oder des US-Rüstungskapitals an der Vorgeschichte des II. Weltkriegs zu erforschen, dies könnte die politische Festschreibung der deutschen Alleinschuld erodieren lassen“ (S. 24, ähnlich S. 10095). In dieser eher verschwörungstheoretischen Sicht wäre freilich noch zu erklären, wieso die USA erst zwei Jahre nach dem deutschen Angriff auf Polen in den Krieg eingetreten sind, was allerdings für Verschwörungstheoretiker prinzipiell kein Problem darstellt. - Eine weitere Entlastung des Kollektivsubjekts Deutschland ergibt sich aus der Polemik gegen die amerikanische „reeducation“ der Deutschen nach dem Krieg, die für Tilitzki (aber auch für andere „Neokonservative“ wie z.B. P. Sloterdijk) „nicht weniger zum Ziel hatte, als die gesamte Tradition auszulöschen, auf der die deutsche Nation errichtet war“ (S. 22). Das schmerzt natürlich, wenn man selbst der Meinung ist, dass das in dieser Tradition von Philosophen entworfene „Schreckbild einer nicht lebenswerten Gegenwelt sinnentleert-transzendenzloser Existenz“ in den Feindstaaten „prima vista nicht unglaubwürdig“ sei (S. 1098) - Eine ähnlich entlastende Verharmlosung erfährt - übrigens entgegen der Tendenz der von ihm angeführten Dokumente - der Antisemitismus deutscher Philosophen (vgl. z.B. 1055ff.).

  Tilitzki schenkt sich im Rahmen seiner Methodenüberlegungen die Diskussion des fundamentalen Problems der Rolle von Moral bzw. Werten in der geschichtlichen Betrachtung. Er tritt vielmehr im Gestus überlegener, quasi wertfreier Sachlichkeit auf, ohne explizit zu machen, dass etwa der „Entlastungskontext“, in dem er sich positioniert, ein wertbeladener, ideologischer Kontext ist, ganz von der Art, die er den „Volkspädagogen“ vorwirft.

 So wertfrei, wie er meint, ist seine Darstellung doch nicht. Denker, die universalistische Positionen vertreten kommen  schlecht weg, werden gar verspottet; völkisch orientierte verteidigt er und sucht in deren Denken einen rationalen Kern nachzuweisen. Wenn man nun die Philosophie des Judentums mit universalistischen Positionen gleichsetzt, kann man dann, wie Thomas Meyer es in der „Zeit“ formuliert hat, Tilitzkis Vorgehensweise „intellektuellen Antisemitismus“ vorwerfen?

 Ob man Tilitzki als Antisemit bezeichnet oder nicht, hängt davon ab, was man unter „Antisemitismus“ versteht. Das Wort hat ja ein Bedeutungsspektrum, das von der schlichten Erwähnung des Jüdischseins bis hin zu staatlich organisiertem Mord reicht. Ich verstehe unter Antisemitismus nicht erst Verfolgung oder rechtliche Diskriminierung von Juden, sondern die kollektive Zuschreibung negativer Eigenschaften an „die Juden“ insgesamt, die dann (per logischem Fehlschluss übrigens!) auf individuelle Juden     übertragen wird – oder auch umgekehrt. Auch in diesem Sinne ist Tilitzki kein Antisemit. Er selbst nimmt ja keine negativen Zuschreibungen an „die Juden“ vor, sondern berichtet nur über solche in der deutschen Philosophie. Sein Bericht jedoch hat, wie schon erwähnt, eine verharmlosende Tendenz, die die Tatsache vernachlässigt, dass sich insbesondere an den Universitäten in der Weimarer Zeit ein gehässiges antisemitisches Klima herausgebildet hatte, was freilich weniger in den Akten aufscheint als vielmehr in Tagebüchern und Korrespondenzen. Richtige Antisemiten scheint es unter deutschen Philosophen kaum gegeben zu haben, jedenfalls konstatiert Tilitzki für die Weimarer Zeit (433ff.) „die Judenfrage“ sei im Wesentlichen ein Randthema gewesen, und bis 1937/38 habe es nur „punktuelle polemische Äußerungen […] vereinzelte auf einen sehr kleinen Kreis beschränkte persönliche Polemiken und Denunziationen“ (1055), „sporadische Ausfälle“ (1056) und dergleichen gegeben. Die dann folgende Radikalisierung sei aus dem „politischen Tageskampf“ (1065) heraus zu erklären, z.B. aus der „heißesten Phase“ eines deutsch-amerikanischen „Pressekriegs“ in der Zeit nach der sog. Reichskristallnacht, „als die deutsche Seite ihren transatlantischen Konkurrenten fast ausschließlich in seiner jüdischen Gestalt wahrnahm.“ Ferner ist für Tilitzki „unverkennbar […] dass sie [d. i. die Naziphilosophen] die Gegensätze nicht einfach konstruierten.“ Bei diesen und ähnlichen Formulierungen verschwimmt bei Tilitzki auf merkwürdige Weise der Unterschied zwischen Erklärung und Rechtfertigung. 

 Tilitzki stellt als eines der Ergebnisse seiner Forschungen heraus,  in der Philosophie sei der Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich ohne inhaltliche Veränderung vonstatten gegangen. Wer den damaligen Professoren ideologische Verblendung vorwerfe, sei ein Opfer der alliierten Umerziehungspolitik nach dem Krieg. Ist diese These der  unterstellten Kontinuität haltbar?

 Es ist natürlich nicht so, dass mit der „Machtergreifung“ bis dahin irgendwie „normale“ Philosophen unter Verleugnung ihrer bisherigen philosophischen Existenz von einem Tag auf den anderen glühende Nazis geworden  wären. Insofern gibt es trivialerweise eine Kontinuität zwischen „Weimar“ und dem „Dritten Reich“. Die Philosophen machten erst mal weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Bei vielen lässt sich dann aber Schritt für Schritt eine Nazifizierung ihres Denkens erkennen. So ist z.B. der Heidegger des Jahres 1935 in diesem Sinne nicht der Heidegger des Jahres 1928. Ähnliches gilt für Naziphilosophen wie Rothacker, Becker und manche andere.

 Davon abgesehen übersieht Tilitzki bei seiner Kontinuitätsthese etwas nicht ganz Unbedeutendes. Nämlich den Kontinuitätsbruch, der durch die Vertreibung bzw. Emigration von Philosophen bestimmter Provenienz eintrat:  nach 1933 gab es in Deutschland (und nach  1938 in Österreich) keinen logischen Empirismus mehr. Die logischen Empiristen hatten nämlich praktisch alle das tausendjährige und Großdeutsche Reich verlassen (müssen). Ähnliches gilt für den Marxismus oder auch für jenen liberalen Neukantianismus, für den der Ernst Name Cassirer steht.

Autor

 Gereon Wolters ist Professor für Philosophie an der Universität Konstanz. Von ihm ist in Heft 2/1999 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie der Aufsatz „Der Führer und sein Denker. Zur Philosophie des ‚Dritten Reiches’“ erschienen. In erweiterter und verbesserter Form als „Philosophie im Nationalsozialismus: der Fall Oskar Becker“ in: A. Gethmann-Siefert/J. Mittelstrass (Hrsg.): Die Philosophie und die Wissenschaften. Zum Werk Oskar Beckers, München (Fink) 2002,  27-64).