Technology and Human Values

Auf den 1939 von dem Philosophen Charles E. Moore gegründeten East-West Philosophers` Conferences auf Hawaii treffen die Lehren des Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus, Schintoismus und die Karmalehre mit der westlichen Philosophie auf einer Ebene zusammen. Dass diese Lehren nur per analogiam eine sind, zeigte sich auch bei der diesjährigen Eighth East-West Philosophers` Conference, (Honolulu, 09.- 21.01. 2000), die unter dem Titel Technology and Human Values stand.

Diese Ost-West-Konferenzen der Philosophen haben als Treffen weniger, hervorragender Denker, die über Monate zusammen waren, begonnen. Gegenwärtig haben sie eine Dauer von noch vierzehn Tagen, dafür sind sie aber auf 120 Referenten und an die 100 weiteren Tagungsteilnehmer ausgedehnt worden. Träger der Konferenz ist das "De-partment of Philosophy at the University of Hawaii". Neben der Auseinandersetzung um die modernen biomedizinischen Technologien auf dem Hintergrund unterschiedlicher Kulturen stand erstaunlicherweise ein Cluster von Vorträgen unter dem Stichwort home (Heimat, Wohnen etc.) und ferner - weniger erstaunlich - ging es um virtuelle Realität.

Aufgrund der Vorträge über biomedizinische Technologien lässt sich bezweifeln, ob diesen wirklich eine so erfolgreiche Zukunft bevorsteht, wie man bei uns gemeinhin glaubt. Nach der einhelligen Kritik aus ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen formulierte ein Teilnehmer gar optimistisch die Prophezeiung, dass man vom 21. Jahrhundert rückblickend die genannten Technologien als einem finsteren Mittelalter angehörig ansehen werde. Dabei hatten die Veranstalter wohlweislich dafür gesorgt, dass in öffentlichen Abendvorträgen auch die Avantgarde dieser Technologen zu Wort kamen: Earl Bakken, der Erfinder des Herzschrittmachers, und Ryuzo Yanagimachi, der als erster Wissenschaftler Säugetiere, nämlich Mäuse geklont hat. Für letzeren bedeutet Klonen für Menschen mit Kinderwunsch eine begrüßenswerte Innovation. Die Weisheitslehrer, die aus Ost und West zusammengekommen waren, sahen das anders.

Für den europäischen Philosophen, gewohnt, den biomedizinischen Fortschritt vom Hintergrund der Entgegensetzung von Natur und Technik, von natürlich und künstlich zu beurteilen, ist es eindrucksvoll zu sehen, dass dies in den östlichen Kulturen nicht der Fall ist. Natur ist für Technikkritik dort nicht der tragende Topos. So wurde aus chinesisch- japanischem Hintergrund mit dem Chi gegen das Hirntodkonzept polemisiert: das Chi, das sich als Leben in einem Menschen versammelt hat, fließt aus dem Leib - dem ganzen Leib - im Sterben über die Dauer von mehreren Tagen in die Erde zurück. Einen definitiven Zeitpunkt des Todes kann es deshalb nicht geben. Von Seiten des Konfuzianismus argumentierte William Lafleur (Philadel-phia) folgendermaßen gegen Transplanta-tionstechniken: Man ist verpflichtet, seinen Ahnen im Tode seinen Leib unversehrt zurückzugeben. Auf dem Hintergrund der Karmalehre lehnte Dhirendra Sharma, (Neu Delhi) die Gentechnik (jedenfalls als Eingriff in die Keimbahn) ab: Es darf nicht in die Identität von Lebewesen eingegriffen werden. Nach der Forderung von Gewaltlosigkeit im Buddhismus, vor allem im Verhältnis zu allem Lebenden, ist bereits die Forschung, die zu modernen biomedizinischen Technologien führt, abzulehnen. Auch eine Stimme aus dem Judentum, die von Noam Zohar (Ramat Gan) - das klassische Ost-West-Konzept war in dieser Konferenz bewusst ausgeweitet worden - tendierte in eine ähnliche Richtung: auch der menschliche Leichnam ist noch Gottes Ebenbild und darf deshalb nicht ausgeschlachtet werden. Und das Klonen von Personen würde die im Konzept der Ebenbildlichkeit enthaltene Vermannigfaltigung des Bildes Gottes unterminieren.

Häufig kamen allerdings nicht Vertreter der entsprechenden Weisheitslehren, sondern deren wissenschaftliche Erforscher zu Worte, also zum Beispiel nicht ein Buddhist, sondern ein Buddhismusforscher. Dennoch zeigte sich deutlich: Das Thema "Technolo-gy and Human Values" kann heute nicht mehr einfach vom Kanon der Menschenrechte her behandelt werden, sondern stellt sich als Frage nach dem Verarbeitungs- und Kritikpotential, das in den unterschiedlichen Weisheitslehren und an der ihnen jeweils zugehörigen kulturellen Praxis liegt.

Gernot Böhme, Darmstadt