Viele Jugendliche sind der Ansicht, daß Tiere eine Seele haben oder daß sie eine Würde besitzen, die sie dem Menschen gleichordnet. Zu Beginn der 11. Klasse pflege ich als Einstieg in das neue Fach Philosophie den Schülern Situationen vorzugeben, zu denen sie in Kleingruppen Fra-gen und Gedanken sammeln sollen, die ih-nen kommen, wenn sie sich diese Situation vorstellen. Eine dieser Situationen lautet: "Im Zoo betrachte ich die Menschenaffen". Ich hatte diese Situation ausgewählt, um auf anthropologische Fragestellungen zu kommen, etwa: "Wodurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier?" In den letzten Jahren haben sich die Schüler jedoch immer stärker an dem ethischen Aspekt festgebissen, und sie haben danach gefragt, mit welchem Recht der Mensch Tiere einsperrt, und ob ein Tier nicht das gleiche Recht auf Freiheit und Lebensentfaltung habe wie der Mensch.
Immer wieder werden in solchen Diskussionen mit Schülern Meinungen laut, daß der Mensch sich nicht zu viel einbilden solle, daß ein Hund ebenso viel wert sei wie ein Mensch. Wenn man diesen Meinungen Jugendlicher aber genauer nachgeht, zeigt es sich oft, daß hier in unreflektierter Weise allgemeine schwärmerische Vorstellungen mit Modeströmungen vermischt werden.
Es ist also keineswegs so, daß in der Praxis dem Tier als solchem eine Würde zugestanden wird, sondern nur bestimmten Tieren, die dem einzelnen gerade besonders nahe stehen.
An dieser Stelle kann Albert Schweitzer weiterhelfen. In Kultur und Ethik findet sich seine Theorie der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Hiernach muß jedem Lebewesen, das einen Willen zum Leben besitzt, ein Wert zugesprochen werden. Nicht die Vernunft oder eine sonstige geistige Substanz, sondern das Leben selbst bestimmt die Würde von Mensch und Tier in gleicher Weise, denn jedes Leben ist achtenswert. Es handelt sich dabei um einen biozentrischen (von "bios" = Leben) Begründungsansatz.
Es gibt einen Bericht über die Entstehung dieser Gedanken. Schweitzer befand sich auf einer Flußfahrt auf einem Schleppkahn in der Nähe von Lambarene. Bei Sonnenuntergang fuhren sie durch eine Herde Nilpferde hindurch. Da plötzlich stand das Wort "Ehrfurcht vor dem Leben" vor dem inneren Auge Schweitzers, der schon tagelang vergeblich um den Begriff des Ethischen gerungen hatte. Dieses Erlebnis sei die Keimzelle seiner Ethik gewesen. Ich fand diesen Bericht interessant, weil auch die Schüler durch die Situation der Menschenaffen im Zoo auf ähnliche Gedanken gekommen waren.
Schweitzer formuliert den Grundsatz seiner Ethik folgendermaßen: "Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern, Böse ist, Leben zu zerstören und zu hindern." Schweitzer beschreibt das Verhalten des von dieser Ethik durchdrungenen Menschen an folgendem Beispiel:
"Geht der Mensch nach dem Regen auf die Straße und erblickt den Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, daß er in der Sonne vertrocknen muß, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn von dem todbringenden Steinigen hinunter ins Gras. ... Er fürchtet sich nicht, als sentimental belächelt zu werden. Es ist das Schicksal jeder Wahrheit, vor ihrer Anerkennung ein Gegenstand des Lächelns zu sein. Einst galt es als eine Torheit anzunehmen, daß die farbigen Menschen wahrhaft Menschen seien und menschlich behandelt werden müßten. Heute gilt es als übertrieben, die stete Rücksichtnahme auf alles Lebendige bis zu seinen niedersten Erscheinungen herab als Forderung einer vernunftgemäßen Ethik auszugeben. Es kommt aber die Zeit, wo man stau-nen wird, daß die Menschen so lange brauch-ten, um gedankenlose Schädigung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen."
Schweitzer schrieb diese Sätze im Jahre 1923. Er wäre sicher nicht erstaunt, daß heute, 75 Jahre später, der Umgang mit der Natur eines der wichtigsten Probleme der Menschheit geworden ist.
Aber ist es überhaupt möglich, uns immer so zu verhalten, wie es die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erfordert? Im Beispiel der Begegnung eines Spaziergängers mit einem einzelnen Regenwurm mag es ja noch angehen, aber schon wenn ein Fahrradfahrer auf einer Straße fährt, auf der nach einem Regen Hunderte von Schnecken kriechen, wird die Durchführbarkeit der geforderten Ethik problematisch und erst recht, wenn es sich um eine Autostraße mit fließendem Verkehr handelt.
Schweitzer selbst hat diese Schwierigkeit deutlich erkannt. Der Satz, auf den sich seine Ethik gründet, lautet: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will." Das aber bedeutet, daß der Mensch, insofern er selbst einen Willen zum Leben besitzt, auch sich selbst gegenüber zur Achtung verpflichtet ist. Die Selbsterhaltung und die Erhaltung aller anderen Lebewesen aber schließt sich aus, indem jede Erhaltung aus natürlich-ökologischen Gründen auf Kosten anderer Lebewesen geht. Daraus ergibt sich das, was Schweitzer die "Selbstentzweiung des Willens zum Leben" nennt. Er schreibt dazu:
"Auch ich bin der Selbstentzweiung des Willens zum Leben unterworfen. Auf tausend Ar-ten steht meine Existenz mit anderen in Konflikt. Die Notwendigkeit, Leben zu vernichten und Leben zu schädigen, ist mir auferlegt. Wenn ich auf einsamem Pfade wandle, bringt mein Fuß Vernichtung und Weh über die kleinen Lebewesen, die ihn bevölkern. Um mein Dasein zu erhalten, muß ich mich des Daseins, das es schädigt, erwehren. Ich werde zum Ver-folger des Mäuschens, das in meinem Hause wohnt, zum Mörder des Insekts, das darin nisten will, zum Massenmörder der Bakterien, die mein Leben gefährden können. Meine Nahrung gewinne ich durch Vernichtung von Pflanzen und Tieren. Mein Glück erbaut sich aus der Schädigung der Nebenmenschen."
Trotz dieser ausweglosen Situation aber lehnt es Schweitzer ab, die absolute Forderung seiner Ethik einzuschränken. In vol-ler Schärfe läßt er den Grundsatz stehen: "Böse ist, Leben zu schädigen oder zu ver-nichten". Dadurch soll der Mensch gezwungen werden, sich in jedem Falle selbst zu entscheiden, wieweit er ethisch bleiben kann und in wieweit er durch die Notwendigkeit von Vernichtung und Schädigung von Le-ben Schuld auf sich laden muß. Nur unter dem Antrieb dieses Schuldgefühls, meint Schweitzer, kann der Mensch immer lauter die Stimme des Ethischen vernehmen und immer mehr von der Sehnsucht beherrscht werden, Leben zu erhalten und die Notwendigkeit der Vernichtung von Leben immer mehr einzuschränken.
Die Schüler sind meist sehr betroffen über diese Konsequenz, die Schweitzer aus seiner Ethik zieht. Während die einen hier abschalten, weil sie sich überfordert fühlen, sind andere gerade von dieser Radikalität fasziziniert. Wie weit bei manchen die Betroffenheit geht, erfahre ich oft erst in der Abschlußklausur, bei der ich am Schluß die Frage stelle: "Waren einzelne Aspekte der vergangenen Unterrichtseinheit für Sie per- sönlich wichtig? Begründen Sie Ihre Ant-wort." Da erfahre ich dann zu meiner Verwunderung, daß die Lektüre des Textes von Schweitzer bei einzelnen Schülern erstaunliche Verhaltensänderungen bewirkt hat, daß sie bewußter mit ihrer Umwelt umgehen, daß sie sich entschlossen haben, den Wehrdienst zu verweigern, oder daß sie kein Fleisch mehr essen.
Andere Schüler reagieren mit Abwehr auf die Radikalität der Forderungen Schweitzers, etwa so: Da könnten wir ja unseres Lebens nicht mehr froh werden, wenn wir ständig ein schlechtes Gewissen haben müßten. Man kann sich anstrengen, wie man will, trotzdem kann man die Forderungen nicht erfüllen.
Die Kompromißlosigkeit des Schweitzer- schen Ansatzes macht vielen Schülern zu schaffen. Da die meisten von ihnen nicht mehr wie Schweitzer einen christlichen Hintergrund haben, ist ihnen der Gedanke, daß zwar alle Menschen durch ihre unvollkommene menschliche Existenz Sünder sind, daß sie aber andererseits durch die Erlösungstat Christi von ihren Sünden befreit sind, nicht geläufig. Ohne diese Gewißheit der Sündenvergebung aber ist der Gedanke Schweitzers, daß wir immer notwendig Schuld auf uns nehmen müssen, ja auch wirklich kaum zu ertragen.
Ich versuche darum an dieser Stelle, das Anliegen Schweitzers mit anderen Worten zu verdeutlichen. Schweitzer vertritt ja mit seinem Ansatz eine Ethik, die eine absolute Forderung stellt, ähnlich wie der kategorische Imperativ Kants. Da im Zusammenhang der Kantschen Ethik der Schuldbegriff nicht auftaucht, ist dieser Ansatz für die Schüler leichter zu verstehen. Wenn man nun die Schweitzersche Ethik entsprechend als Ideal, als Richtschnur versteht, wird ihre Absicht auch für Menschen nachvollziehbar und einleuchtend, die dem Christentum fernstehen. Dies erkennt man am deutlichsten, wenn man, wie ich dies manchmal im Unterricht getan habe, den Schweitzerschen Gedanken die utilitaristische Ethik Peter Singers gegenüberstellt, die genau das tut, was Schweitzer ablehnt, nämlich eine Anleitung zum Ausgleichen zwischen dem Ethischen und dem Notwendigen gibt. Singer geht nicht von einer Norm oder einem Ideal aus, sondern von konkreten Einzelfällen, und für ihn ist die Vernunft diejenige Eigenschaft, durch die ein Lebewesen ein Recht auf Würde gewinnt. Gleichzeitig führt er auch Tiere in die Gruppe der intelligenten Lebewesen mit ein, da Forschungen er-geben hätten, daß etwa Delphine intelligentes Verhalten zeigten. Singer untersucht nun konsequent jedes einzelne Lebewesen darauf, ob es vernünftig, d.h. eine Person ist und kommt zu dem Ergebnis, daß nicht alle Menschen Personen sind, da es z.B. Behinderte gibt, die nicht zu intelligentem Verhaltenfähig sind. Bei Hühnern ist er sich nicht sicher, ob sie als Personen angesprochen werden können oder nicht, Regenwürmern spricht er die Personhaftigkeit ab. Die Schüler erkennen anhand dieses Beispiels recht gut, wie problematisch es sein kann, konkrete Regeln für den Einzelfall aufzustellen und wie weise es von Schweitzer war, es der Verantwortung des einzelnen zu über-lassen, welche Schädigung von Leben er für sich persönlich als notwendig ansieht.
Neben der Schwierigkeit des Ausgleichs von normativen und situativen Handlungsanleitungen enthält die Ethik Schweitzers noch ein anderes für jede ökologische Ethik typisches Problem. Trotz der Tatsache, daß der Mensch den Willen zum Leben mit dem Tier gemeinsam hat, gilt die Forderung der Achtung des Lebenswillens nur für den Menschen. Nur der Mensch kann aufgrund seiner Vernunft, Freiheit und Verantwortungsfähigkeit Subjekt der Ethik sein; das Tier und die übrige Natur können nur als Objekt seines Handelns in Betracht gezogen werden. Diese Tatsache wird oft von den Schülern mißverstanden, da ihnen der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt der Ethik nicht deutlich ist. Sie verstehen Schweitzer so, daß Menschen und Tiere völlig gleichwertig seien; in Wirklichkeit aber gilt diese Gleichwertigkeit nur, sofern sie Gegenstände, also Objekte der ethischen Handlung sind; die Verantwortung für die Handlung dagegen kommt nur dem Menschen als Subjekt zu. Die Problematik dieses Mißverständnisses von der undifferenzierten Gleichstellung von Mensch und Tier kann man den Schülern sehr schön an einem Text von Otfried Höffe verdeutlichen, der von den juristischen Schwierigkeiten einer Gleichstellung von Mensch und Tier handelt. Höffe geht von dem Gleichheitsgrundsatz der Rechtsprechung aus, nach dem Gleiches gemäß seiner Gleichheit gleich, Verschiedenes gemäß seiner Verschiedenheit verschieden zu behandeln sei. Nach dem römischen Recht gibt es nur Per-sonen und Sachen, und so werden Tiere, da sie keine Personen sind, als Sachen behandelt. Im Gegensatz dazu gibt es heute Tierschützer, die Tiere als Personen behandelt wissen wollen. Aber, so argumentiert Höffe, Tiere sind keine Personen, denn sie können keine Verantwortung übernehmen. Tiere sind auch nicht Kindern oder geistig Minderbemittelten gleichzusetzen, denn sie sind nicht nur vorläufig oder aufgrund außerordentlicher Schäden, sondern grundsätzlich und artspezifisch nicht zurechnungsfähig. Höffe warnt davor, Menschen und Tiere in diesem globalen Sinne gleichzusetzen, denn daraus würde folgen, daß der Mensch auch keine größere Verantwortung haben kann als das Tier und daß im menschlichen Bereich wie im Tierreich das Recht des Stärkeren gelten muß, das dem Menschen als überlegener Spezies die willkürliche Herrschaft über die Tiere zubilligt.
Gerade daß nur der Mensch Person ist, hat zur Folge, daß er als einziges Lebewesen nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten dem Tier gegenüber hat. Für Schweitzer ist dies selbstverständlich. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wendet sich ausschließlich an den Menschen, weil nur dieser sich frei und verantwortlich entscheiden kann, und gebietet ihm als einzigem Wesen die bewußte Achtung und Gleichbehandlung aller lebenden Individuen. Für den Menschen Schweitzer war Denken und Handeln eins, wie folgende Anekdote zeigt. Als einem Kollegen Schweitzers einmal eine Fliege ins Auge geflogen war, entfernte Schweitzer diese vorsichtig. Als aber der Freund sie zerdrücken wollte, rief Schweitzer: "Halt! Vielleicht lebt sie noch!", und setzte sie vorsichtig ins Gras.
Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, München (Beck) 1960
Höffe, Otfried: Ethische Grenzen der Tierversuche, in: Tierschutz, hrsg. von Ursula M. Händel, Frankfurt/M (Fischer)
Gesine Doernberg ist promovierte Philosophielehrerin am Ganztagesgymnasium Barsinghausen und bildet in Niedersachsen Werte- und Normenlehrer aus.