Alle zwei Jahre führt die "Schweizerische Philosophische Gesellschaft" ein Symposium durch, und bislang waren diese Veranstaltungen im Unterschied etwa zu den Tagungen der analogen deutschen oder österreichischen Gesellschaften immer an ein breiteres Publikum gerichtet. Obwohl die Öffentlichkeit wie wohl kaum je zuvor an populärer Philosophie interessiert ist, hatte die Gesellschaft mit diesem Konzept in den letzten Jahren Schwierigkeiten, Teilnehmer zu finden; vor zwei Jahren mussten in Basel im letzten Moment Studierende aufgetrieben werden, damit die Lücken nicht zu peinlich auffielen.
Deshalb hatte man beschlossen, das Konzept zu verändern und mit diesen Tagungen den Kontakt vor allem unter und mit dem akademischen Nachwuchs zu fördern. "Gedächtnis und Voraussicht" wurde als Thema und international in vier Sprachen ausgeschrieben. 24 davon wurden schließlich angenommen, davon 10 aus dem Ausland. Zudem wurden Iso Kern, Phänomenologe und Spezialist für chinesische Philosophie und die analytische, aus der Stegmüller-Schule kommende, nun in Fribourg lehrende Philosophin Martine Nida-Rümelin als Hauptvortragende gewonnen. Gleichzeitig wurde neu die Sitzung des "Kollegiums der Philosophieprofessorinnen und Professoren an Schweizerischen Universitäten" (ein Schweizer Pendant zum deutschen Engeren Kreis) auf das Symposium traktandiert, allerdings waren es lediglich an die zehn Professorinnen und Professoren, die den Weg nach Mendrisio, ins Tessin, auf sich nahmen.
Eindrucksvoll war die phänomenologische Meditation über die "besondere Wirklichkeit der Vergangenheit" von Iso Kern. Kern hatte seinerzeit mit einem viel beachteten Buch über Husserl akademische Lorbeeren erworben, dann aber auf eine sichere Universitätskarriere verzichtet, um über Jahrzehnte die chinesische Philosophie zu erforschen. In seinem Vortrag zeigte er, dass Erinnerung nicht losgelöst ist von gegenwärtigem Wahrnehmen. Beim Erinnern sind wir uns auch bewusst, das wir uns aktuell an das vergangene Erlebte erinnern, und das unterscheidet das Erinnern vom aktuellen Erleben. Erinnerungen sind keine Abbilder, sondern ein Widerschauen von lückenhaft Vergangenem, wobei wir uns der Differenz der Phantasiebilder zu dem in der Vergangenheit wahrgenommenen bewusst sind.
Gescheitert war hingegen der Versuch von Martine Nida-Rümelin, mit Kern ins Gespräch zu kommen: die beiden verstanden sich schlicht nicht. Der Unterschied zwischen der Art des einsamen, nachdenklichen Philosophierens des Phänomenologen und der auf argumentativen Dialog gedrillten Analytikerin ließ keine Verständigung zu.
Der Vorteil dieser Neuorganisation ist ein lockere, ja freundschaftliche Atmosphäre, in der in kurzer Zeit jeder jeden kennt und die ein günstiges Ambiente für intensive Gespräche bietet. Der Nachteil liegt darin, dass dieses Symposium mit dem bewussten Verzicht auf eingeflogene Stars (dafür konnten den Vortragenden die Hotelkosten bezahlt werden) von der Presse schlicht nicht wahrgenommen wurde. Bei den Teilnehmern zumindest war die Meinung vorherrschend, die Symposien der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft sollten in dieser schlichten Weise fortgesetzt werden.